Heute in den Feuilletons: Wie der Rocker auf den Hund gekommen ist

Die "taz" bringt einen Nachruf auf den Rocker als sozialromantisches Idol. Die "SZ" verrenkt sich mit der Performance-Gruppe Social Impact, um Überwachungskameras in Stuttgart auszutricksen. Eric Schmidt meint in "Techcrunch": Schade, dass sich selbstfahrende Autos ans Tempolimit halten.

Die Tageszeitung, 16.07.2012

Frankreichs neue Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem will die Prostitution nach schwedischem Vorbild bekämpfen und die Bezahlung sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellen. "Eros-Centers à l'allemande" sind im einst "für seine Bordelle berühmten Paris schon seit langem undenkbar", seufzt Christof Forderer: "Das gesellschaftspolitische Engagement der neuen Frauenministerin ist sicherlich ernsthaft. Gleichwohl fragt man sich, warum die vielbeschäftigte neue Regierung ausgerechnet gegen Prostitution ins Feld zu ziehen sich anschickt. Man hat ein wenig den Eindruck, dass der französische Staat, dem auf den liberalisierten Märkten längst die stolze Jakobinermütze vom Kopf gezogen ist, sie nun zumindest im Bois de Boulogne wieder tragen möchte."

Andreas Hartmann zeichnet nach, wie der Rocker auf den Hund gekommen ist: "Allein schon optisch ist es ein weiter Weg von Marlon Brando, der 1953 im Film 'The Wild One' den Rockerbandenanführer Johnny Strabler verkörperte und diese unverschämt coole Lederjacke und die lässige Kappe trug, hin zum bierbäuchigen Kuttenträger von heute."

Besprochen werden die Retrospektive des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar in Berlin, eine Schau zum Film noir im Frankfurter Filmmuseum und Richard Hawleys Album "Standing at the Sky's Edge" (auf dem sich laut Sylvia Prahl "bereichernder Dreck" festgesetzt hat).

Auf der Meinungsseite sieht der Schriftsteller William Totok die Absetzung des rumänischen Präsidenten weniger als Putsch denn als Fortsetzung eines langen Parteigerangels: "Machtspiele, in denen mit harten Bandagen um Einfluss, um Pfründe und nicht zuletzt um internationale Anerkennung gekämpft wird. Rechtsstaatliche Prinzipien und demokratische Regeln spielen in diesem politischen Kampf eine untergeordnete Rolle."

Und noch Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 16.07.2012

Roman Bucheli besucht das sanierte und erweiterter Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Urs Hafner besucht den jüdischen Friedhof von Davos. Laurent Stalder stellt das Schulhaus des Schweizer Architekten Raphael Zuber in Grono vor.

Aus den Blogs, 16.07.2012

Thomas Osten-Sacken kritisiert in einem Blog der Jungle World die Gegner des Beschneidungsurteils. Statt nach einer pragmatischen Lösung zu suchen, so Osten-Sacken, "öffnet man Pandoras Büchse und stärkt ein vermeintliches Recht auf religiöse Selbstbestimmung, das, sollte es gesetzlich in solchen Fällen positiv verankert werden, zu einem völlig neuen Rechtsverständnis führen wird, in dem fortan Mullahs, Ayatollahs, Rabbis und Priester am Gesetzgebungsprozess mitwirken werden oder können".

Wer es noch nicht gesehen hat: Edmund de Waal zeigt auf seiner Website eine Galerie der Netsuke, um die es in seinem Buch "Der Hase mit den Bernsteinaugen" geht.

Slate stellt einige Links zum Thema selbstfahrende Autos zusammen, die laut Autor Will Oremus schon in einigen Bundesstaaten der USA zugelassen seien, ohne dass sie schon existierten. Als Horizont wird das Jahr 2018 angegeben. Unter anderem zitiert Oremus den Psychologen Adam Waytz, der ebenfalls in Slate warnt: "We may think we want convenience, but that feeling may change to frustration when this convenience comes at the expense of individual expression and choice." Ähnliche Ahnungen scheinen Eric Schmidt von Google zu beschleichen, der in "Techcrunch" zwar voraussagt, dass das selbstfahrende Auto in nicht allzu ferner Zeit zum Hauptmittel der Fortbewegung werde, aber zugleich anmerkt: "The current biggest problem is that it runs at the speed limit and nobody drives at the speed limit." Auf die Frage, ob stolze Autofahrer die Entmündigung akzeptieren werden, antwortet er: "Depends on how drunk they are."

Ian Johnson interviewt im NYRB Blog den chinesischen Autor Yu Jie, der eine Biografie über Liu Xiaobo schreibt und unter anderem erklären will, warum Liu den Irak-Krieg unterstützte: "You can't just put him in the European environment and say that everyone who supported that war was a bad person... He wasn't alone. Havel also supported it, and Michnik too. So there are very confusing issues and they can't be simplified. But I want to make him a living person, not a god. Liu Xiaobo had a lot of problems. He had a lot of girlfriends - that's in the book too."

Die Schauspielerin Celeste Holm ist am Wochenende im Alter von 95 Jahren gestorben, meldet Gawkers Louis Peitzman. Holm war ein gefeierter Broadwaystar und konnte auch neben jedem Hollywoodstar bestehen, neben Gregory Peck in "Gentleman's Agreement" ebenso wie neben Bette Davis in "All about Eve" oder Frank Sinatra in "High Society".

Süddeutsche Zeitung, 16.07.2012

Viel absurdes Theater, allenthalben Korruption und nicht zuletzt etwas, was man "einen verschleierten Putsch nennen könnte", sieht Richard Swartz beim Blick nach Rumänien, wo die Regierung unter Victor Ponta gerade den Präsident suspendiert und einige seiner Aufgaben verfassungwidrig übernommen hat. Swartz sieht Ponta vom (wegen Bestechlichkeit verurteilten) Ex-Premierminister Nastase damit beauftragt, "die Macht der Regierung zu nutzen, das Rechtswesen unter seine Kontrolle zu bringen und die Geschäfte der politischen Mafia ein- für allemal zu sichern. ... Im Unterschied zu Ungarn muss sich dieses Land in einem solchen Machtkampf nicht auf so noble Requisiten wie Nation, Geschichte oder Vaterland berufen. In einer Art byzantinischem Postmodernismus ist dieser Konflikt so radikal, wie es einst Eugène Ionescos Stücke in Pariser Kellern waren."

Weiteres: Nach dem Rückritt des Aufsichtsrats (mehr) des Musem of Contemporary Art in Los Angeles sieht Jörg Häntzschel die kalifornische Kunstinstitution bereits in die "Zerfallsphase" eintreten. Niklas Hofmann sammelt Stimmen (hier und hier) zur Verramschung des einstigen Social-Media-Musterknaben Digg für schlappe 500.000 Dollar. Gehörig ins Schwitzen kommt Adrienne Braun bei einer urbanen Kunstaktion der Gruppe Social Impact in Stuttgart, deren Teilnehmer sich mit allerlei Verrenkungen und Tricks den Blicken der Überwachungskameras entziehen müssen. Joseph Hanimann würdigt den Architekten und Designer Jean Prouvé, der derzeit in Nancy mit einem vielfältigen Programm gefeiert wird. Die stehenden Ovationen nach Julia Fischers Tschaikowsky-Konzert in München waren völlig berechtigt, findet ein rundum beglückter Harald Eggebrecht. Tobias Kniebe verabschiedet sich von dem Filmproduzenten Richard D. Zanuck.

Besprochen werden neue DVDs, das Debütalbum (Stream) von Frank Ocean, das Jan Kedves als "frühes Meisterwerk" feiert, ein Konzert des Tenors Pavol Breslik in Kreuth, Christian Stückls "Antonius und Cleopatra"-Inszenierung am Passionstheater in Oberammergau, bei der sich Egbert Tholl sehr über Cleopatras Migräneklagen wundern muss, und Bücher, darunter eine neue Tucholsky-Biografie von Rolf Hosfeld.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2012

Andreas Rossmann erzählt, wie sich Duisburger Bürger über Facebook organisierten, um in einem "Wishmob" die öffentlich ausgestellten Skulpturen des Lehmbruck-Museums von Spuren des Vandalismus zu reinigen. Andreas Platthaus berichtet, dass der berühmte Comic "Watchmen" gegen den Willen der Autoren Alan Moore und Dave Gibbons fortgesetzt werden soll. Auch Berlusconi droht mit Fortsetzung und stößt allenfalls in der Leitglosse Dirk Schümers auf Widerstand. Melanie Mühl und Stefan Schulz stellen ein launiges Alphabet der Internetdebatten zusammen: von "Crowdfunding" bis "Urheberrecht".

Besprochen werden ein "Antonius und Cleopatra"-Spektakel in Oberammergau und Bücher, darunter eine von Antonio Skarmeta zusammengestellte Neruda-Anthologie.

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