Heute in den Feuilletons: "Doowoppen wie in alten Zeiten"

Die "Welt" findet: Die Documenta ist buchstäblich zergangen, und das ist gut so. Die "SZ "erlebte die Wiederauferstehung der Beach Boys. Im "Tagesspiegel" gibt Noam Chomsky dem internationalen Propagandasystem Auskunft über Hugo Chavez. Die "FR" staunt mit Liao Yiwu über Christen in China.

Die Welt, 06.08.2012

"Versteht man noch recht, wovon man spricht, wenn man von Kunst spricht?", fragt Hans-Joachim Müller vor einem Zeltlager westsaharischer Frauen in der Kasseler Karlsaue. Eigentlich nicht, meint er, und das sei gut so. "Nie zuvor ist eine Documenta in der unüberschaubaren Fülle ihrer Werke und Worte, ihrer Gesten und Visionen, ihrer Wege und Wahrheiten buchstäblich zergangen. Das ist eine ungemein anregende Erfahrung, die noch kaum gewürdigt, in ihren Konsequenzen noch längst nicht recht verstanden ist. Handelt es sich doch genau besehen weniger um Scheitern als um strategische Abrüstung, um die Entwertung des klassischen Ausstellungsinstituts als Werte schaffender Instanz."

Weitere Artikel: Für die Leitglosse geht Manuel Brug - Pflicht ist Pflicht - im Salzburger "Triangel" Festspiel-Society gucken: "Wer hier sitzt, legt es auch darauf an, beim Verzehr von Schnitzel 'Jonas Kaufmann' und 'Ben Becker'-Salat gesehen zu werden. Auch Forelle 'Cecilia Bartoli' ist im Angebot." Torsten Krauel stellt ein ARD-Dokudrama über Adenauer vor. Hannes Stein berichtet vom Streit über die Renovierung der New York Public Library. Raimund Stecker gratuliert dem englischen Landschaftsmaler Howard Hodgkin zum Achtzigsten.

Besprochen werden das Berliner Konzert der siebzigjährigen Beach Boys, die Aufführung von Peter von Winters "Zauberflöte"-Fortsetzung "Das Labyrinth" in Salzburg und Dieter Wedels Inszenierung von "Das Vermögen des Herrn Süß" bei den Nibelungenfestspielen in Worms ("Das Stück ist auf eine fast bestürzende Weise bieder", findet Eckhard Fuhr).

Der Tagesspiegel, 06.08.2012

Im ausführlichen Gespräch mit Sebastian Meyer sieht Noam Chomsky überhaupt keinen Grund, sich für seinen Besuch beim venezolanischen Caudillo Hugo Chavez zu rechtfertigen: "Es gibt Dinge, die macht seine Regierung sehr gut, es gibt anderes, was sie nicht so gut macht. Ich sage das ständig. Das Treffen mit Chávez wurde sofort vom internationalen Propagandasystem aufgegriffen, dem wahrscheinlich auch die Zeitung angehört, für die Sie schreiben."

Die Tageszeitung, 06.08.2012

Waldemar Kesler stellt den Comic "Für das Imperium" von Bastien Vives und Merwan Chabane vor, die eine Elitekampftruppe des römischen Reichs durch Europa reisen lassen. Silke Burmester legt die Axt an das Grundübel des Journalismus. Und Friedrich Küppersbusch kommentiert die Woche.

Besprochen werden ein Kölner Konzert der Sängerin Nite Jewel und Daniel Woodrells Ballade "Der Tod von Sweet Mister" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

Aus den Blogs, 06.08.2012

Lukas Foerster berichtet für Cargo aus Locarno, wo er auch einen Auftritt Kylie Minogues und Leos Carax' mit ihrem Film "Holy Motors" beobachtete: "Kylie Minogue spricht einige wenige Sätze ('... a beautiful film, it changed my life...'), Carax noch weniger (fast komplett zitiert: 'a simple film, children should be able to get it. If you have questions after the film, we won't be here to answer them.') Nervöses Lachen im Publikum, beide treten unter Applaus ab."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 06.08.2012

Arno Widmann liest Liao Yiwus neuestes, bisher nur auf Englisch zu lesendes Buch "God Is Red - The Secret Story of How Christianity Survived and Flourished in Communist China", in dem sich der designierte Friedenspreisträger auf die Spuren christlicher Resistenz im kommunistischen China begibt: Er bewundert die Christen dabei für ihre Entschiedenheit, so Widmann, "aber Liao ist auch Skeptiker. Ihn freut, was Menschen stark macht gegen die Gewalt. Aber er weiß auch, dass etwas nicht schon allein darum richtig ist, weil es uns stärkt."

Nicht unbedingt freundlich fällt Ulrike Simons Porträt der taz-Chefredakteurin Ines Pohl aus, auch über Ärger in der taz-Redaktion berichtet sie. Pohl hatte das Outing des CDU-Politikers Peter Altmaier (mehr bei Stefan Niggemeier) durch taz-Reakteur Jan Feddersen öffentlich kritisiert - die taz-Redakteure fanden ihre Reaktion überzogen.

Und Harald Jähner empfiehlt ein falsches Werbevideo für Bücher, deren Seiten verblassen, falls man sie nicht rechtzeitig liest:




Neue Zürcher Zeitung, 06.08.2012

Gabriele Detterer erinnert an die Ledigenheime, mit denen Bauhaus-Architekten wie Bruno Taut Singles zur Avantgarde machten: "Die althergebrachte räumliche Stigmatisierung von Unverheirateten tritt angesichts der ultramodernen Bauform in den Hintergrund. Es scheint, als ob berufstätige Alleinlebende von nun an mit zur Speerspitze der Modernisierung von Lebensumwelt und Lebensstil gehörten und ihr neues Domizil diesen Wandel kommunizierte."

Bettina Spoerri freut sich über einen starken Auftritt des Schweizer Films in Locarno. Martino Stierli bespricht die große Land-Art-Ausstellung im Museum of Contemporary Art in Los Angeles.

Süddeutsche Zeitung, 06.08.2012

Drei Stunden im Paradies erlebt Willi Winkler beim Berliner Konzert der Beach Boys: "Sie führen ihre ganze, kaum verblühte Kunst vor, als sie doowoppen wie in alten Zeiten, aber ergreifend wird es, wenn sie sich um den alten Meister scharen und gemeinsam mit Brian von Gott singen und von dem Zimmer, in das er sich so gern zurückziehen möchte. Da geschieht das Wunder: Der in sich zurückgezogene Brian Wilson erwacht aus seiner Traurigkeit, singt nicht bloß mit bei 'California Dreamin'', er ergreift Besitz von seinen Liedern, schreit 'Sloop John B' heraus, seins, jubelt mit bei 'Wouldn't It Be Nice', seins-seinsseins, und führt jauchzend die ekstatische Halle an, als es endlich seine 'Good Vibrations' gibt. Niemand wird mehr daran zweifeln, dass Musik heilt.

Weitere Artikel: Wolfgang Janisch blickt in die Geschichte des Bundesverfassungsgericht und kommt zu dem Schluss, dass es diesem nicht darum gehe, Entscheidungen - wie derzeit etwa den beschlossenen Euro-Rettungsschirm - rückgängig zu machen, sondern darum, "den Fuß in der Tür zu haben". Bei den Salzburger Festspielen stöhnt Egbert Tholl über Peter von Winters Fortsetzung der "Zauberflöte": "Das Stück taugt nichts." Nach der Lektüre von Samuel L. Jacksons enthusiastischen Olympia-Tweets - "BUTTAFUQQINFLY WORLD RECORD!!!! Dayummmm! Go USA!" - nimmt Niklas Hofmann den Schauspieler nun ein wenig anders wahr. Willibald Sauerländer durchblättert genervt den Werbeprospekt, der den umstrittenen Umzug der Alten Meister in Berlin schmackhaft machen soll, und ächzt: Ein "Stilblütenparadies".

Besprochen werden eine Ausstellung über "Jung sein in Deutschland" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, die Ausstellung der Sammlung Haubrich im Museum Ludwig in Köln und Bücher, darunter Wolfgang Welschs "Homo Mundanus", von dem Michael Stallknecht zufolge eine "philosophische Revolution" ausgehen könnte (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2012

Anhalten!, ruft Melanie Mühl angesichts immer neuer Multimediaexzesse bei der Präsentation von Museumsexponaten, in der überdies Service-Firmen wie Antenna International (Website) eine zuweilen fragwürdige Dramaturgie entwickeln: "Man würde sich nicht wundern, bald bebrillt vor einem Bruegel zu stehen, aus dem nach und nach einzelne Figuren heraustreten und von den Mühsalen des bäuerlichen Lebens berichten."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier stellt die "Zukunftsallianz Buchkultur" vor, die vor dem Hintergrund der Nöte von Buchhandelsketten wie Thalia und Hugendubel den Sortimentsbuchhandel an sich retten will. Christian Wildhagen berichtet von einem Auftritt des West-Eastern Divan Orchestras unter Daniel Barenboim in Salzburg. Patrick Bahners beobachtete einen gemeinsamen Auftritt des Apple-Kritikers Mike Daisey mit dem Erfinder des Ur-Apples Steve Wozniak. Thomas Meißner schreibt zum Tod des Germanisten Gerhard Kaiser.

Beprochen werden die Oper "Das Labyrinth" des Mozart-Zeitgenossen Peter von Winter in Salzburg und Bücher, darunter Tim Wus Studie "Der Master Switch" über Aufstieg und Niedergang der Medienimperien in den USA.

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