Heute in den Feuilletons: Mit geballter Faust in die Tasten gehauen

Die "taz" legt die Wurzeln des Luchterhand Verlags frei, dessen Erfolg auch auf einer Arisierung beruhe. Die "Welt" fragt, warum Literatur in ARD und ZDF nur noch mit kleinster intellektueller Münze berechnet wird, und die "FR" spürt noch immer Sam Fullers lyrische Faustschläge.

Die Tageszeitung, 11.08.2012

Philipp Gessler präsentiert seine Recherchen zu den Wurzeln von Luchterhand, dem in der alten Bundesrepublik neben Suhrkamp tonangebenden linksliberalen Verlag: Er sieht in der Überlistung des Druckers Otto Heinrich Scholz die wirtschaftliche Grundlage für den Aufstieg des Hauses. Scholz wurde von den Nazis wegen seiner Ehe mit einer Jüdin so gegeängelt, dass er vor der Flucht ins Ausland sein Unternehmen zum Dumpingpreis abtreten musste: "Der Deal erscheint so als eine Art Arisierung ohne Juden. Das Geld Luchterhands für Scholz wird 1939 auf ein Konto überwiesen - aber Scholz kommt nicht mehr ran. Er flieht Ende Juni 1939 nach England. Obwohl Scholz einen Bevollmächtigen für sich einsetzt, wird keinerlei Gewinn aus dem Unternehmen mehr an ihn weitergeleitet."

Weitere Artikel: Regine Müller porträtiert Heiner Goebbels, in dem sie den "Furor der Kompromisslosigkeit" zu spüren meint. Dirk Knipphals freut sich schon jetzt auf den kommenden Literaturherbst mit vielversprechenden Neuerscheinungen unter anderem von Rainald Goetz und Nora Bossong. Beim Treffen im Kreuzberger Café schaut David Denk dem Schriftsteller Tobias Premper in die Notizbücher. Andreas Fanizadeh dämmert es nach einem Klick auf die Website des frisch nach Bayreuth berufenen Jonathan Meese, "mit welch Pop- und klassischen Avantgardetechniken der Verfremdung der Erzmeese den Erzwagner sich untertan macht, Bayreuth in SEIN Zeichensystem einverleibt, und nicht umgekehrt." Bei einer gesellschaftskritischen "Hafenkonzertrundfahrt" macht sich Schorsch Kamerun den Hafen zur "Kulisse für die Kamerun-Show", beobachtet Klaus Irler enttäuscht. Anja Maier spricht mit der DDR-Schauspielerin Vera Oelschlegel. Der in Berlin lebende, irakische Schriftsteller Najem Wali erklärt im Auftakt seiner neuen monatlichen taz-Kolumne, warum diese den Titel "Südpost" trägt.

Besprochen werden Bücher, darunter eine Essaysammlung von Hal Foster (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 11.08.2012

Am Sonntag wäre Hollywood-Maverick Sam Fuller 100 Jahre alt geworden. Bei der Neusichtung von dessen Filmen wird Gerhard Midding geradezu schwindelig vor Glück: Er sieht "Szenarien der Raserei, die nicht mit den Fingern, sondern mit der geballten Faust in die Tasten der Schreibmaschine gehauen schienen. Sam Fullers ruppig-lyrischer Stil schlug Widerhaken in die Konventionen der Hollywood-Genres. Er schuf ein Kino der großen Geste, der exzentrischen Regieeinfälle und der bizarren Drehbücher um psychotische, nonkonformistische Helden." Für Godard hielten Fuller und Jean-Paul Belmondo einen legendären Plausch:



Weiteres: Arno Widmann feiert den Wilhelm-Fink-Verlag (Website) anlässlich dessen (tagesgenau schlechterdings kaum benennbaren) fünfzigjährigen Bestehens und freut sich darüber, dass der geisteswissenschaftliche Traditionsverlag nicht nur den aufgeräumten Uni-Karrieristen, sondern auch den akademischen "Verrückten" eine Heimat bietet. Sylvia Staude gratuliert Mavis Gallant zum 90., Nikolaus Bernau dem Architekten Peter Eisenmann zum 80. Geburtstag. Außerdem wird Sara Grans Krimi "Die Stadt der Toten" besprochen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Die Welt, 11.08.2012

In der Literarischen Welt reitet Tilman Krause eine schöne Attacke gegen die Öffentlich-Rechtlichen, die Literatur nur noch mit kleinster intellektueller Münze berechnen: "Dieter Mohr steht ja im deutschen Fernsehen beileibe nicht allein. Schon 2003 trat beim WDR der Comedian Jürgen von der Lippe auf den Plan. Was sagen Sie? Von dem würden Sie sich allenfalls beim Kauf von Hawaihemden beraten lassen? Aber da haben Sie nicht begriffen, was der erweiterte Literaturbegriff ist. Jürgen von der Lippe moderierte sieben
Jahre lang die Sendung 'Was liest du' - getreu der Losung 'Lesen soll Spaß machen'. Ähnlich funktioniert die Sendung seiner Kollegin Susanne Fröhlich beim MDR. Wie soll sie schon heißen, 'Fröhlich lesen' natürlich. Und Madame hatte sich für die Übernahme durch ihr Buch 'Moppel-Ich' qualifiziert."

In der Kultur: Wortreich verteidigt Peter-Klaus Schuster, früherer Direktor der Berliner Gemäldegalerie, die Berliner Museumsrochade. Das Kulturforum mache überhaupt nur als "Museumsinsel der Moderne" Sinn, und das Bodemuseum sei keine zweitrangige Immobilie: "Man fasst es kaum, wie von den selbsternannten Hütern der Alten Meister das Wunder der Berliner Museumsinsel, mit ihren fünf Museen -- in einhundertjähriger Bauzeit angelegt als Parcours durch die westliche und vorderasiatische Kunstgeschichte - zu einer Schaubudennummer herabgewürdigt wird, in welcher nun auch noch - horribile dictu - die Alten Meister hineingepfercht werden sollen. Als wären die Gemälde der Alten Meister im Weltkulturerbe Museumsinsel nicht an ihrem wahren, angestammten und angemessenen Platz."

Gerhard Midding unterhält sich mit Christa Lang Fuller über ihren vor hundert Jahren geborenen Mann Sam Fuller. Lucas Wiegelmann geht mit dem erwähnten Jürgen von der Lippe essen, der "die Kombination aus Gelehrsamkeit und Obszönität" für sein Geheimnis erklärt.

Neue Zürcher Zeitung, 11.08.2012

Brigitte Kramer berichtet von der Kontroverse um den Bau eines 180 Meter hohen Wolkenkratzers in Sevilla (Architekt: César Pelli), den die Unesco stoppen will. Martin Roth, als Direktor des Victoria and Albert Museum in London der erste nichtbritische Direktor eines englischen Nationalmuseums, spricht im Interview über das Potenzial seines Hauses. Die Grenze zwischen Kunst und Design will die Ausstellung "Camouflage" im Kiasma Museum of Contemporary Art in Helsinki ausloten - "ein ziemlich alter Hut", findet Samuel Herzog. Alfred Zimmerlin macht beim 27. Davos Festival "Young Artists in Concert" einen "Wertewandel im Komponieren und Interpretieren" aus.

Christine Wolter besucht Racconigi, eine Sommerresidenz der Savoyer im Piemont, und bilanziert: "eine Touristenattraktion zweiter Klasse". Der Wiener Fotohistoriker, Publizist und Kurator Dr. Anton Holzer präsentiert die Ergebnisse von Michel Frizot und Annie-Laure Wanaverbecq, die den Nachlass des Fotografen André Kertész (1894-1985) ausgewertet haben. Der Komponist Edu Haubensak porträtiert den russischen Komponisten Ivan Wyschnegradsky, der "durch seine Arbeit mit Mikrotönen das Denken über Musik erheblich verändert" hat.

Besprochen werden Bücher, darunter Abdellah Taïas Roman "Der Tag des Königs" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 11.08.2012

Burkhard Müller geht dem gerade im Berliner Museumsstreit wieder merklich gewordenen Umstand, dass die skulpturale Kunst gegenüber der Malerei häufig das Nachsehen in der Publikumsgunst hat, auf den Grund und schließt: "Wahrscheinlich, dass wir selbst und gerade vor den höchsten Werken der Kunst mit Wonne romantische Banausen sind!" Im beistehenden Artikel weiß Catrin Lorch einen Schuldigen für diese Entwicklung zu benennen: Diese sei "das Resultat der Arbeit von Marcel Duchamp in der vierten Dimension. Sie zielte zwar auf die Malerei, hat aber vor allem die Skulptur zur Strecke gebracht."

Weitere Artikel: Christopher Schmidt schaut sich um, wie es Literatur und Kunst mit den Tieren halten, die auch im kommenden Bücherherbst in einigen deutschen Buchveröffentlichungen prominent auftreten werden. Laura Weissmüller gratuliert dem Architekten Peter Eisenman zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden die "Tamerlano"-Aufführung bei den Salzburger Festspielen, der Film "Entre les Bras", das von Claudio Abbado dirigierte Eröffnungskonzert des Lucerne Festival, Boris Charmatz' Tanztheaterstück, mit dem das Hamburger Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet, und Bücher, darunter ein Bildband über den langen Reiseweg, den Mohn in Afghanistan zurücklegt, bis er als Heroin in westlichen Metropolen landet (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Die SZ am Wochende widmet sich in vielen Beiträgen, wie heutige Kleinkinder mit digitalen Gadgets und dem Internet aufwachsen (sollen).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2012

"In der ersten Krise dieses Jahrzehnts wackelten Unternehmen. In dieser Krise wackeln Unternehmen und Banken. Und in der nächsten, die jetzt vorbereitet wird, werden Unternehmen, Banken und Staaten wackeln. Dann kann nur noch der liebe Gott Rettungsschirme aufspannen." Also sprach der Wiener Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel im Juni 2009 im Interview mit der FAZ. Drei Jahre später nimmt er das Gespräch wieder auf, erneuert seine Erwartung einer "finalen Krise" und zeigt sich doch verhalten optimistisch: "Die Politik tut noch immer so, als gälte es eine Krise zu bewältigen, und beschwört damit die nächste Krise herauf. Doch was wir gegenwärtig erleben, ist eben nicht nur eine weitere Krise, sondern eine dauerhaft veränderte Wirklichkeit. Ich hoffe, das klingt nicht sarkastisch und erst recht nicht zynisch, aber ich sehe die derzeitigen Umbrüche mit einer gewissen Erleichterung. Eine lange historische Periode klingt jetzt aus, und das Neue können wir mitgestalten. Das eröffnet Chancen, wie es sie lange nicht mehr gab."

Weiteres: Jürgen Dollase erlebt bei den Gebrüdern Roca in Girona eine "herzhafte Deklination von Fruchtigkeit". Niklas Maak geht der Philosophie der Muschel nach. Frankreich ist erschüttert über die hohe Selbstmordrate unter Senioren, informiert Jürg Altwegg. Fabian Granzeuer klettert im Attac-Sommercamp auf Bäume und lernt "Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip". Besprochen werden Allessandro De Marchis Wiederaufführung von Francesco Provençales Oper "La Stellidaura Vendicante" bei den Innsbrucker Tagen für Alte Musik und Bücher, darunter Guy de Maupassants Tagebuch "Auf See" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Heribert Tenschert, Antiquar mit Schwerpunkt mittelalterliche Handschriften, spricht auf Bilder und Zeiten über die Vergangenheit und Zukunft des Buches. Vom E-Book verspricht er sich, dass es dazu beiträgt, "den Blick auf das Buch als Kunstwerk zu schärfen. Vielleicht nicht im Buchhandel, aber zweifellos im gehobenen Antiquariat. Und da bin ich mit der Rolle des E-Books durchaus einverstanden. Man muss das E-Book zur Kenntnis nehmen und auch respektieren. Es wird wohl so schnell nicht wieder verschwinden. Doch das gedruckte Buch wird es in den nächsten hundert oder zweihundert Jahren nicht verdrängen. Und um alles, was danach geschieht, müssen wir uns einstweilen ja nicht bekümmern."

Weiteres: "Wer sich in die Ferne googelt, bringt seine Reiselust zur Strecke", stellt Melanie Mühl im Selbstversuch fest. Der Schriftsteller Gert Loschütz porträtiert Edlef Köppen, dessen "Heeresbericht" das pazifistische Gegenstück zu Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" darstellt, und der wie Loschütz aus Genthin im Jerichower Land stammt. Der Philosoph Henrik Jäger referiert, wie der Kontakt mit dem Konfuzianismus in Europa die Aufklärung beeinflusste. Jordan Mejias berichtet aus dem neuenglischen Tanglewood, wo allsommerlich Amerikas größtes Klassik-Festival stattfindet. Besprochen wird neue Musik, darunter "Stifters Dinge" von Heiner Goebbels, ein, wie Barbara Zuber findet, "grandioses Abenteuer für jeden, der ein offenes Ohr hat".

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