Heute in den Feuilletons: "Autokraten verlieren den Realitätssinn"

Heute soll das Urteil im Fall Pussy Riot fallen - die "SZ" bringt dazu ein Briefinterview mit Michail Chodorkowski, "Peaches" ein Solidaritätsvideo. In der "FAZ" erzählt Liao Yiwu, wie er in chinesischen Gefängnissen schrieb und für Autor Steinfeld ist "Der Sturm" noch immer nicht überstanden.

Aus den Blogs, 17.08.2012

(via) Für heute wird das Urteil gegen Pussy Riot erwartet. Pünktlich dazu ist das letzte Woche in Berlin spontan und improvisiert inszenierte Protest-Musikvideo von Peaches fertig geworden, die klar auf Freispruch plädiert:



(via) "Freude heißt dieser Tag, Zeitballung dieses Objekt": Auf der "Sonderwebsite" zu "Johann Holtrop", dem neuen Roman von Rainald Goetz, sind Videos von dessen letztwöchiger Buchpräsentation aufgetaucht, bei der den Feuilletonabgesandten feierlich erste Leseexemplare des Romans überreicht wurden. Hier Goetz' Auftritt auf der Vertreterkonferenz (1. Inhalt - 2. Machart - 3. Aussage), im folgenden seine feierliche Ansprache, in der es unter anderem auch um Für und Wider derzeitiger Literaturkritik geht:



(via) Außerdem fläzen sich in einer tollen Strecke mit Bildern von Benoît Peverelli bei everyday_i_show zahlreiche Stars und Sternchen in ausgestellter Glamour-Tristesse.

Die Tageszeitung, 17.08.2012

Lässt sich Pussy Riot eigentlich wirklich ohne weiteres der Punkkultur zuordnen, fragt sich der Slawist Matthias Meindl. Zwar spreche deren spontaner Dilettantismus durchaus dafür, spannender findet Meindl aber die auch persönlichen Verbindungen zur jüngeren und provokativen russischen Aktionskunst: So gehörten zwei der Bandmitglieder "dem Moskauer Zweig der Gruppe Woina an. 2008 beteiligte sich Tolokonnikowa an einer Aktion im Staatlichen Biologischen Museum: An der Seite von anderen Paaren hatte sie vor der Kamera Sex mit ihrem Mann Pjotr Wersilow. Die dabei verwendete Losung 'Ficke für den Nachfolger des Bärchens' nahm den Putin-Stellvertreter Dmitri Medwedjew ('Medwed' ist das russische Wort für Bär) und die staatlichen Fruchtbarkeitskampagnen Russlands aufs Korn." (Wobei diese Aktion aber auch schon wieder ziemlich Punk ist.)

"Letztlich also alles eine Farce, die in ein vor Banalität und Selbstbezüglichkeit nur so strotzendes Spektakel hineinwuchert?" Aber nein, jetzt ist die Literaturkritik gefordert, meint Jan Scheper über Thomas Steinfelds unter Pseudonym zusammen mit einem Münchner Arzt veröffentlichten Krimi "Der Sturm": "Eigentlich wäre es Zeit für eine ernsthafte literaturwissenschaftliche Debatte darüber, was Literatur darf und was eher nicht. Wo liegen die vertretbaren Grenzen der Fiktion? Diese Chance vergab die Szene schon bei Christian Krachts Roman 'Imperium'."

Dirk Knipphals zuckt im Kommentar ratlos mit den Achseln: "Die verdruckste Art, wie der Feuilletonchef der SZ sein neues Buch lancierte, erweist sich als Rohrkrepierer." Mehr als alle erwartbaren feuilletonistischen Reflexe wünscht er sich im übrigen einen "mit tatsächlich offenem Visier [geschriebenen] Schlüsselroman übers Feuilleton".

Weiteres: Stefan Reinecke unterhält sich mit Irina Scherbakowa über aufblühende Stalin-Nostalgie in Russland. Daniel Bax spricht mit dem Politologen Kien Nghi Ha über die Erfahrungen asiatischer Deutscher in den 20 Jahren seit den Pogromen in Rostock-Lichterhagen. Besprochen wird Guido Möbius' Album "Spirituals", dass dieses "ein beiläufiger Genuss (...) wahrlich nicht" ist.

Und Tom.

Aus den Blogs, 17.08.2012

(Via Gawker) Um seinen Bürgersinn zu unterstreichen, hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney neulich ganz stolz betont, dass er noch nie weniger als 13 Prozent Einkommenssteuer bezahlt habe. Darüber regt sich David Simon, der Schöpfer der Serie "The Wire" auf seinem Blog gewaltig auf: "Can we stand back and pause a short minute to take in the spectacle of a man who wants to be President of The United States, who wants us to seriously regard him as a paragon of the American civic ideal, declaiming proudly and in public that he has paid his taxes at a third of the rate normally associated with gentlemen of his economic benefit. Stunning. Am I supposed to congratulate this man?"

Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2012

Kerstin Stremmel ruft dazu auf, nach Darmstadt zu pilgern, wo die Mathildenhöhe John Cage eine große Hommage widmet: "Gezeigt wird auch die Partitur von Duchamps 1913 geschriebenem 'Erratum Musical', einem Stück das aus 24 Noten und einem Liedtext besteht, wobei die Reihenfolge der Noten dadurch bestimmt wird, dass sie aus einem Hut gezogen werden, ein Readymade zum Hören also, oder Saties 'Memoiren eines Gedächtnislosen', der fiktive Tagesablauf des Musikers, ein Text, der große Bereiche der Konzeptkunst vorwegzunehmen scheint, wenn beschrieben wird: 'Ich nehme nur weiße Nahrung zu mir: Eier, Zucker, Knochenmehl; Fett von toten Tieren; Kalbfleisch, Salz, Kokosnüsse, in Mehlwasser gegartes Huhn, Schimmelpilz an Früchten, Reis, weiße Rüben...'"

Joseph Croitoru beobachtet einen Kurswechsel israelischer Archäologen, die nicht mehr allein die jüdische, sondern auch die arabische Geschichte in den Blick nehmen wollen, wie etwa Katia Cytryn-Silverman, die Untersuchungen in Tiberias am See Genezareth durchführt. "Mit ihrem für Islamisches geschärften Blick konnte sie nachweisen, dass die Überreste eines dort freigelegten basilikaähnlichen Baus, den man lange auf die spätrömische Zeit datierte und zuletzt gar für den Sitz des hohen jüdischen Rats (Sanhedrin) hielt, in Wirklichkeit zu einer monumentalen Moschee gehörten."

Weiteres: Markus Ganz berichtet, dass selbst Schweizer Musiker die Krise der Branche zu spüren bekommen. Sven Ahnert unterhält sich mit dem Übersetzer Werner Schmitz über die Schwierigkeit, Hemingway im Deutschen erwachsen klingen zu lassen.

Die Welt, 17.08.2012

In der Leitglosse mokiert sich Cornelius Tittel über das "nicht normale Ich" Thomas Steinfelds, das den Krimi über einen ermordeten Konkurrenten geschrieben hat, wie Steinfeld im Deutschlandradio bekannte. Marc Reichwein widmet seine Feuilletonkolumne dem Blurb, zum Beispiel Orhan Pamuks für Thomas Steinfelds Krimi "Der Sturm": "Wenn unverhältnismäßig große Namen für den Krimi eines unbekannten Autors bürgen, der im Genre zudem Massenware ist, ist man im Zentrum des Zitate-Fundraisings angekommen." Ulrich Weinzierl verteilt beim späten Mittagessen in Salzburg seine Aufmerksamkeit gleichmäßig auf Dackel Poldy, Christoph Ransmayr und sein Dessert. Michael Börgerding erzählt im Interview, wie er als neuer Chef den einst guten Ruf des Theaters Bremen wiederbeleben will. Eckhard Fuhr besucht Memleben, wo 973 Otto der Große starb. Berthold Seewald erinnert an die Schlacht der Gallier gegen die Römer in in Alise-Sainte-Reine (Alesia) 52 v. Chr., der jetzt ein dringend benötigtes Museum gewidmet werden soll.
Besprochen werden Leonard Prinsloos Inszenierung von Franz Lehars Operette "Zigeunerliebe" in Bad Ischl und eine virtuelle Rekonstruktion der Wandgemälde, mit denen der später von den Nazis ermordete Künstler Bruno Schulz die Villa des SS-Hauptscharführer Felix Landau ausstattete, in der Sammlung Falckenberg in Hamburg.

Weitere Medien, 17.08.2012

Die Paris Review stellt ein riesiges altes Gespräch mit Jorge Luis Borges (geführt von Ronald Christ) online. Borges erklärt, wann er im Kino weint: "For example, there are many people who go to the cinema and cry. That has always happened: It has happened to me also. But I have never cried over sob stuff, or the pathetic episodes. But, for example, when I saw the first gangster films of Joseph von Sternberg, I remember that when there was anything epic about them - I mean Chicago gangsters dying bravely - well, I felt that my eyes were full of tears."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 17.08.2012

Arno Widmann würdigt den indisch-britischen Schriftsteller V. S. Naipaul, der heute seinen 80. Geburtstag feiert. In Naipauls Büchern beobachtet Widmann "eine tief melancholische Note, eine düstere Schönheit, gegen die man sich mit Händen und Füßen wehrt, weil sie einen hinab zieht in Regionen, die man nicht näher kennenlernen möchte, der man aber auch wie einer selbstmörderischen Droge erliegen kann."

Besprochen werden der fiktive und dokumentarische Szenen mischende DDR-Skaterfilm "This ain't California" (dem ein "kleines Wunderwerk der assoziativen Montage" gelingt, findet Knut Elstermann) und Bücher, darunter Lisa Kränzlers Roman "Export A".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2012

Die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk denkt über Gräuelbilder aus Syrien nach, die mittlerweile auf beiden Seiten des Bürgerkriegs entstehen, und fragt sich, ob diese zur Illustration medialer Berichterstattung ethisch vertretbar sind. Ihre Antwort fällt eindeutig aus: "So wie man keine Gräber schänden darf (...), so sollte man jenen Bildern die Aufmerksamkeit verweigern, die gewaltsame Tötungen zeigen. Die Aufzeichnungen sind hier zumeist kein bedauerliches Nebenprodukt eines sowieso stattfindenden Gewaltaktes. Im Gegenteil, die Ermordung setzt oftmals die Kamera voraus und wird für sie in Szene gesetzt."

Weitere Artikel: Liao Yiwu erinnert sich, wie er als in China weggesperrter "reaktionärer Literat" im Gefängnis heimlich an seinem Roman "Überleben" zu schreiben begann (das dabei entstandene, eng beschriebene Manuskript ist ab Ende September in Marbach zu sehen). Constanze Kurz ärgert sich über Googles Zugeständnis, Websites, gegen die besonders häufig Takedown-Hinweise wegen Urheberrechtsverletzungen eingehen, automatisch in den Suchergebnisanzeigen abzustufen, und sieht darin ein einfaches Tool, "um missliebige Inhalte zu zensieren." Oliver Tolmein schreibt über juristische und Verwaltungsprobleme bei Ehen von Trans- und Intersexuellen. Gina Thomas berichtet vom Edinburgh International Festival (Website), bei dem ihr teils "die ganze Welt als Irrenhaus" entgegen tritt.

Besprochen werden Rineke Dijkstras im Guggenheim Museum in New York ausgestellte Fotografien, die in Patrick Bahners "wehmütige Gedanken an ein ungelebtes Leben" wecken, Steven Soderberghs Striptease-Film "Magic Mike" und Bücher, darunter Franz Hohlers "Spaziergänge".

Süddeutsche Zeitung, 17.08.2012

Moskau-Koreespondent Frank Nienhuysen hat ein Briefinterview mit Michail Chodorkowski zum Fall Pussy Riot geführt. Chodorkowski gibt auch im Gefängnis seinen Optimismus nicht auf: "Ich denke, Putin nimmt tatsächlich an, dass der große Teil der russischen Bevölkerung ihn unterstützt. Aber das ist nicht mehr so. Dass ein Teil der Bürger bisher keine Alternative zu ihm sieht, ist keine Unterstützung, sondern Apathie, die vorübergeht. Das Problem von Autokraten ist der Verlust des Realitätssinns."

Im Feuilleton bilanziert Jens Bisky das Friedrich-Jahr, dessen Ausstellungen in Berlin und Potsdam erfolgreich waren, ohne für ein klares neues Bild des Königs zu sorgen. Henning Klüver berichtet,dass die Biblioteca dei Girolamini in Neapel geplündert wurde - und zwar womöglich von ihrem Chef höchstselbst, der in Untersuchungshaft sitzt. Wolfgang Schreiber unterhält sich mit dem neuen Chef des Konzerthausorchester in Berlin, Ivan Fischer. Der Soziologe Stefan Kühl beklagt, dass "die Bologna-Reform das Studium im Ausland systematisch erschwert hat". Kristina Maidt-Zinke gratuliert Sempé zum Achtzigsten, Burkhard Müller würdigt den ebenso alten V.S. Naipaul.

Besprochen werden eine Ausstellung mit syrischer Revolutionskunst in Berlin und Bücher, aber nichts von Per Johansson.

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