Heute in den Feuilletons: "So umgänglich und pflegeleicht wie ihre Bücher"

Die "FAZ" kritisiert den domestizierten Teil des deutschsprachigen Literaturbetriebs.  In der "FR" sprechen die Pet Shop Boys über das Altern. Die "Welt" schreibt anlässlich des hundertsten Geburtstags von John Cage über das partizipative Kunstwerk in Zeiten des Internet.

Weitere Medien, 05.09.2012

Die Pet Shop Boys plaudern im Interview mit der FR/Berliner Zeitung über ihr neues Album "Elysium" und speziell den Song "Invisible", dessen Hintergrund Neil Tennant beschreibt: "Das Lied ist inspiriert von der Autorin einer Zeitung, die meinte: Wenn du eine Frau von 45 Jahren bist, und du kommst bei einer Party durch die Tür, könntest du genauso gut unsichtbar sein! Und ich dachte: Es ist dasselbe, wenn du ein Mann bist! Aber natürlich haben Sie recht: Es ist auch ein Statement über unsere Position in der britischen Popkultur. Einige Radiostationen spielen unsere Platten nicht, selbst wenn sie finden, dass die Lieder fantastisch sind. Aus dem einfachen Grund, weil wir alt sind. Ich bin überrascht, dass noch keine Anti-Aging-Gesetze erlassen wurden. Es ist diskriminierend."

Neue Zürcher Zeitung, 05.09.2012

Selten nahm die Religion im Kino einen so großen Platz ein wie jetzt in Venedig. Susanne Ostwald ist ganz begeistert, besonders beeindruckt hat sie der Film der ultraorthodoxen Israelin Rama Burshtein "Fill the Void": "Der hier dargestellte Heiratsmarkt mag auf aufgeklärte Zuschauer rückständig und auch frauenverachtend wirken, und so waren nicht wenige im Premierenpublikum, die den Film reflexartig ausgebuht haben. Aber es gab auch Applaus, und der ist verdient, denn 'Fill the Void' ist bis jetzt der außergewöhnlichste Film im Wettbewerb. Er zeigt eine geschlossene Welt von innen, die man so noch nicht gekannt hat, und wer das aus einem Affekt der Ablehnung heraus nicht würdigen will, betreibt lediglich ideologische Selbstvergewisserung."

Weitere Artikel: Thomas Schacher stellt den französischen Komponisten Philippe Manoury vor, der (neben Sofia Gubaidulina) "Composer in Residence" beim Lucerne Festival ist. Michael Wenk gratuliert dem Kino-Abenteurer Werner Herzog zum Siebzigsten.

Die Tageszeitung, 05.09.2012

Sonja Vogel sind Judith Butlers Kritiker zwar nicht geheuer, aber verteidigen kann sie die Queer-Denkerin auch nicht wirklich: "Irritierend bleibt, warum für Butler die politischen Ziele von Hamas und Hisbollah keiner Erörterung wert sind. Das liegt wohl in ihrer moralisierenden Staatskritik begründet, aus der sich per se die Solidarität mit den Schwachen als Opfer staatlicher Gewalt ergibt. Das treibt groteske Blüten, wenn Butler etwa die homofreundliche Gesetzgebung Israels als Unterdrückungsinstrument gegen die PalästinenserInnen bezeichnet."

Weitere Artikel: Cristina Nord hat in Venedig "Après mai" gesehen, Olivier Assayas' Film über die ernsten siebziger Jahre: "Das Über-Ich, sagt Assayas, hatte damals eine gute Zeit. " Dorothea Marcus bespricht das Stück zur Sicherungsverwahrung "Wegschließen und zwar für immer" des Freien Werkstatt Theaters in Köln. Stefan Reineicke staunt, wie konfliktfrei es zuging, als der irische Historiker Ray M. Douglas seine Studie zur Vertreibung der Deutschen vorstellte.

In ihrer Medienkolumne würdigt Silke Burmester das neue Heft von Geo Saison "Freiheit genießen in Burma" als weiteres Highlight der Ära Buchholz, zu dessen großen Leistungen als G+J-Chef auch die Magazine Beef und Business Punk gehören.

Und Tom.

Weitere Medien, 05.09.2012

Der New Yorker bringt einen Vorabdruck aus D.T. Max' Biografie über David Foster Wallace: "The four weeks Wallace spent at McLean in November 1989 changed his life. This was not his first or most serious crisis, but he felt now as if he had hit a new bottom or a different kind of bottom."

Die Welt, 05.09.2012

Hans-Joachim Müller schreibt zum Hundertsten von John Cage, dessen Idee vom Zuhörer als gewissermaßen Mit-Komponist er nicht unkritisch gegenübersteht: "Man wird einwenden dürfen, dass sich das partizipative Kunstwerk nie wirklich durchgesetzt hat. Selbst heute, wo keine Kommentarmaske im Internet unausgefüllt bleibt, scheut man die Werkgemeinschaft mit dem Künstler. Was man nicht gleich als konsumistische Bequemlichkeit denunzieren sollte. Die Zuschauerrolle fällt nicht zuletzt mit dem Erkenntnisabstand zusammen, den man zum Kunstwerk hält. Das alles besser würde, wenn man selber an den Rädern drehen und auf die Pauke hauen darf, war schon immer ein verwegener Gedanke. Duchamp hat das gewusst, hat nicht zugelassen, dass nun jeder selber seine Readymades baut."

Weitere Artikel: Hannes Stein lernt auf der Suche nach einer Entbindungsstation in New York das deutsche Gesundheitssystem schätzen. Thomas Kielinger denkt angesichts der Paralympics über unseren Umgang mit Behinderten nach. Israels Tageszeitung Ma'ariv steht vor dem Bankrott, meldet Michael Borgstede. Alan Posener erklärt, warum Judith Butler den Adorno-Preis nicht verdient, obwohl sie sehr gut Adornos These illustriere, wie aus "fortschrittlichem unversehens reaktionäres Denken" werden könne. Thomas Schmid gratuliert Werner Herzog zum Siebzigsten. Holger Kreitling schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Michael Duncan.

Besprochen wird Andreas Dresens Dokumentarfilm über den Kommunalpolitiker "Herr Wichmann aus der dritten Reihe", daneben gibt es ein Interview mit dem Regisseur.

Aus den Blogs, 05.09.2012

Es gibt sehr wohl bedeutende sunnitische Rechtsschulen, die Beschneidung von Mädchen fordern, schreibt Thomas von Osten-Sacken in seinem Blog, aber "offenbar muss, aus welchen Gründen auch immer, diese Tatsache weiter abgewehrt oder verleugnet werden und so erscheinen immer wieder Artikel und Stellungnahmen mit der gleichen falschen Mantra, die dann, wie jüngst erst wieder im Tagesspiegel, so enden: 'Mit Religion hat Beschneidung von Frauen aus meiner Sicht gar nichts zu tun'."

Viele Bilder und Berichte von der Architekturbiennale in Venedig bringt das immer wieder empfehlenswerte Designblog Dezeeen.

(Via Wolfgang Blau) Mairi Clark hat für The Drum den Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger interviewt, der auch über die Idee eine Paywall für Zeitungswebsites nachdenkt: "I think you have to think editorially first. If you just say, 'let's build a gigantic wall in front of our content because that seems a more sensible business model', without thinking how newspapers fit into this new information system. I think you're putting the cart before the horse. I think it's better if you embed yourself in this new world of information and work out what it is what we can do that they can't do and vice versa."

Süddeutsche Zeitung, 05.09.2012

Felix Stephan erleidet beim Besuch der Bibliothek des chinesischen Kulturzentrums in Berlin einen Kulturschock, obwohl ihn die chinesische Filmemacherin Xiaolu Guo begleitet. Nicht mal die Witze in den Comics versteht er, bis ihm erklärt wird: "Dass die Polizei bei der Verhaftung des falschen Verdächtigen einen Stau verursacht, das ist der Witz. Xiaolu Guo sieht etwas verzweifelt aus, als sie die Geschichte übersetzt. 'Im Westen fragen mich die Leute, warum meine Filme so surreal sind', sagt sie später, 'dabei müssten sie einfach nur nach China schauen. Die Regierung färbt am Nationalfeiertag den Rasen auf dem Platz des himmlischen Friedens grün, damit er grüner ist als jeder Rasen im Westen. Meine Filme sind gar nicht surreal'."

Wolfgang Schreiber schreibt über John Cage, der heute 100 Jahre alt geworden wäre: "Im Kommunikationstohuwabohu unserer Gegenwart bedeutet die Figur Cage ein Fanal der Entlastung - vom egomanen Ich wie vom globalen Zweckrationalismus".

Weitere Artikel: Tobias Kniebe spricht im Aufmacher ganzseitig mit Katja Eichinger, die gerade ein Buch über ihren Mann, den verstorbenen Filmproduzenten Bernd Eichinger, veröffentlicht hat. Roswitha Budeus-Budde denkt über schwedische Jugendliteratur jenseits von Astrid Lindgren nach und warum diese so schwer in Deutschland vermittelbar ist. Fritz Göttler würdigt Werner Herzog zum 70. Geburtstag als einen der "letzten Professionals". Sven Creutzmann schreibt den Nachruf auf den Journalisten Henky Hentschel.

Besprochen werden neue Techno-Platten, eine Ausstellung im Salzburger Museum der Moderne über John Cages Einfluss auf die bildenden Künste und Dietrich Fischer-Dieskaus Buch "Das deutsche Klavierlied" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2012

Eine recht melancholische Kritik am Literaturbetrieb! Es ist die Saison des Deutschen Buchpreises - und seit es ihn gibt, produzieren deutsche Literaten nur mehr Romane, die wie zugeschnitten wirken auf den in diesem Preis kulminierenden Betrieb, schreibt Jochen Schimmang (der selbst Romane schreibt). Und das fängt an mit den Absolventen der Creative-Writing-Kurse an deutschen Universitäten: "Sie wissen auch, mit welchen Jurymitgliedern sie sich vernetzen müssen, zu welchen Veranstaltungen und Symposien eingeladen zu sein wichtig ist (Klagenfurt ist wichtig, LCB auch) und wann es eventuell angebracht ist, einen kleinen Skandal zu inszenieren, obwohl die meisten Autoren im Regelfall so umgänglich und pflegeleicht sind wie ihre Bücher. Insgesamt lernen sie, einen Künstler darzustellen."

Weitere Artikel: Stefan Schulz fragt sich in der Leitglosse, ob die Piraten nicht in dem Moment in Vergessenheit geraten, wo sie vernünftige Vorschläge zum Urheberrecht machen (hier als pdf-Dokument). Dietmar Dath berichtet aus Venedig über neue Filme von Takeshi Kitano und Olivier Assayas. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des portugiesischen Komponisten Emmanuel Nunes. Katharina Laszlo verfolgte in Frankfurt eine Diskussion über Zwangsheirat.

Besprochen werden eine von Robert Wilson geleitete Aufführung von Liszts spätem Oratorium "Via Crucis" beim Weimarer Kunstfest, eine Ausstellung, in der sich Künstler mit den Menschenrechten auseinandersetzen im belgischen Städtchen Mechelen, eine Ausstellung mit hundert Jahren Modefotografie in Berlin und Hans-Christian Schmids Film "Was bleibt" (mehr hier) sowie Bücher, darunter die internetkritische Polemik "Digitale Demenz" des Hirnforschers Manfred Spitzer (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

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