Heute in den Feuilletons: "Autoritäres Verständnis von Meinungskampf"

Die Debatte um den Adorno-Preis für Judith Butler geht weiter: In der "Welt" fragt Henryk Broder, was Butler mit dem Vorwurf der Denunziation meine. In der "FR" findet Stephan J. Kramer die Argumente Butlers scheinheilig. Die "SZ" rät der Documenta, ihre Maßstäbe zu überdenken.

Die Tageszeitung, 07.09.2012

Auf den vorderen Seiten liefern sich der - selbst konfessionslose - religionspolitische Sprecher der Linkspartei Raju Sharma und der in Astrachan geborene jüdische Einwanderer und Grünenpolitiker Sergey Lagodinsky eine lebhafte Debatte über die Beschneidung. Sharma ist dagegen: "Wie soll ich begründen, warum ich kleine Kinder vor Körperverletzungen schütze - und die Kinder von Juden und Muslimen nicht? Ich kann doch nicht sagen, bei euch guck ich nicht hin." Darauf Lagodinsky: "Der Staat hat doch jahrelang weggeguckt und keiner hat sich beschwert."

Im Kulturteil unterhält sich Thomas Winkler mit Amanda Palmer, die über das Internet von ihren Fans einen Millionen-Vorschuss für ihre neue Platte bekam und glaubt, dass Plattenfirmen verschwinden werden. "Man muss die Social-Media-Werkzeuge nicht benutzen, um Erfolg zu haben, aber wenn man sie benutzt, können sie extrem effektiv sein. Dabei ist wichtig, dass der Künstler nicht nur selbst mit seinem Publikum kommuniziert, sondern dass er sein Publikum dazu bringt, untereinander zu kommunizieren. Wenn man das nicht kann, dann ist man darauf angewiesen, dass Plattenfirmen und klassische Medien die Arbeit für einen machen."

Weitere Artikel: Man braucht schon "Kreuze auf den Augen", schreibt Christina Nord aus Venedig, um in Marco Bellocchios Wettbewerbsbeitrag "Bella Addormentata" ("Schöne Schlafende") ein Pamphlet zugunsten von Sterbehilfe zu sehen, auch gegen Ulrich Seidls Wettbewerbsfilm "Paradies: Glaube" kam es zu Protesten katholischer Eiferer, die in einer Anzeige gegen den Regisseur, die Hauptdarstellerin, die Produzenten und den Leiter der Mostra gipfelten. Fatma Aydemir berichtet über die zum dritten Mal stattfindende Berlin Music Week, auf der neben dem "bekannten Branchengejammer" wegen sinkender Umsatzzahlen durchaus "erfrischende Gegenpositionen" zu hören sind: etwa vom britischen Soziologen Jeremy Gilbert, der öffentliche Mittel zur Musikförderung einklagt.

Besprochen werden das zweite Album "Coexist" der Londoner Band The xx und Hans-Christian Schmids Familiendrama "Was bleibt".

Und Tom.

Aus den Blogs, 07.09.2012

In Faust-Kultur lässt Adorno-Biograf Detlev Claussen zwar keine Sympathie für die Butler-kritischen "Watchdogs" erkennen, aber das heißt nicht, dass er welche für sie selbst übrig hat: "Sie gehört zu den Spitzenstars der akademischen Verpackungskünstler, die keine Beziehung zu irgendeiner Sache haben, sondern nur zu ihrer eigenen Schaustellerei. Man hätte genauso gut Zizek, Agamben oder Sloterdijk den Adornopreis verleihen können. Sie alle sind in der Selbstdarstellung geschickt, haben zu allem und jedem etwas zu sagen, was kaum einer versteht, der nicht in ihren Spezialsprachen geschult ist."

Die Welt, 07.09.2012

Henryk Broder wundert sich auf den Forumsseiten doch sehr über Judith Butlers auf Deutsch in der Zeit vorgetragene Selbstrechtfertigung, in der sie sich beschwerte, von ihren Gegnern denunziert worden zu sein: "Denunziation bedeutet im Allgemeinen das Anschwärzen einer Person hinter ihrem Rücken und zu ihrem Schaden bei staatlichen Instanzen. Eine offen vorgetragene Kritik an politischen Positionen als 'Denunziation' zu bezeichnen zeugt von einem radikal-autoritären Verständnis vom Meinungskampf. Frau Butler darf die Hamas und die Hisbollah als 'progressiv' bezeichnen, ihr zu sagen, dass sie damit Terroristen adelt, ist dagegen 'denunziatorisch'."

Für Cora Stephan ist Beschneidung auch ein Symbol für etwas, das jedes Kind einmal lernen müsse: "dass man Streit, Schmerz, Konflikt, Verletzung überleben kann. Denn das Leben ist selten ohne dies zu haben. Stattdessen suggeriert das Schreckenswort 'Trauma', dass aus jeder Zumutung ein Folgeschaden erwachsen könnte. Überbehütete und risikoscheue Wesen aber machen keine Erfahrungen."

Fürs Feuilleton liest Wieland Freund D.T. Max' gerade auf Englisch erschienene Biografie über David Foster Wallace (Auszüge hier und hier). Thomas Schmid verfolgte eine Lesung Martin Walsers aus seinem neuen Roman "Das dreizehnte Kapitel" im Berliner Ensemble. Matthias Heine kommentiert die jährliche Kritikerumfrage von Theaterheute, nach der eigentlich nur drei Theater in Deutschland der Rede wert sind: das HAU in Berlin, die Berliner Volksbühne und das Hamburger Thalia Theater. Peter Zander macht als seinen Wettbewerbsliebling in Venedig Terrence Malicks religiösen Film "To the Wonder" aus. Besprochen wird ein Auftritt der stets noch rüstigen Pet Shop Boys in Berlin.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 07.09.2012

Scheinheilig findet Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Judith Butlers Behauptung, ihre Einordnung von Hamas und Hisbollah in die "globale Linke" bedeute nicht, dass sie diese Gruppen unterstützen würde: "Das ist, mit Verlaub, unglaubwürdig. Es dürfte jedem Beobachter klar sein, dass die Begriffe 'Teil der globalen Linken', 'soziale Bewegungen' und 'progressiv' aus dem Munde eines Menschen wie Judith Butler positiv wertend gemeint sind oder jedenfalls positiv rezipiert werden. Die Erklärung, damit gehe keine Sympathie einher, ist scheinheilig. In jedem Fall stellen solche Erklärungen eine Legitimierung der beiden 'progressiven', 'sozialen' und 'linken' Organisationen dar. Diese Legitimierung ist einer Wissenschaftlerin, die sich nach eigener Aussage als jemand versteht, der eine jüdische ethische Tradition verteidigt, nicht würdig."

Einen großartigen Wettbewerb hat Anke Westphal beim Filmfest in Venedig erlebt, zuletzt mit Robert Redfords "The Company you keep", in dem Redford ein ehemaliges Mitglied der linksextremen Weathermen spielt.

Aus den Blogs, 07.09.2012

Richard Allan Landes rät Judith Butler in einem mit vielen Quellen verlinkten Blogposting auf der Times of Israel dringend dazu, ihre Annahme des Adornopreises zu überdenken: "Die Argumente Ihrer Kritiker sind stark. Obwohl Sie sich von Hamas und Hisbollah distanziert haben, haben Sie betont, wie extrem wichtig Sie es finden, sie als 'als soziale Bewegungen zu begreifen, die fortschrittlich und links sind, die zur globalen Linken zählen'. Heißt das, dass Sie keine sonderlich ausgeprägten Einwände gegen deren tiefgreifende Frauenfeindlichkeit, deren offensichtliche Homophobie, deren Todeskult und ihren Genozid-Rhetorik haben? Sie sind die Antithese zu dem, für das wir auf Seiten der globalen Linken stehen: Die Würde freiwilliger menschlicher Interaktion. Sie zeigen die prominentesten und negativsten Spuren jener totalitären Impulse, die den Verstand beschränken und im letzten Jahrhundert Abermillionen ermordeten."

(Via Wolfgang Michal) Für redaktionelle Kunstleistungen wie "Bayern versagt - Schweinsteiger verschießt Elfmeter" möchten Zeitungsverlage künftig Leistungsschutzgebühren einziehen. Springer-Lobbyist Christoph Keese eklärt in seinem Blog, wie er da verfahren will und ärgert sich doch sehr über wenig kooperative Partner: "Die Verlage haben öffentlich immer wieder erklärt, dass sie vernünftige Preise anbieten werden, die keinen Anbieter aus dem Markt drängen oder ihn auch nur in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen würden. Verlage streben eine faire, vernünftige, erschwingliche wirtschaftliche Einigung mit allen Suchmaschinen und Aggregatoren an. Doch hat Google jemals versucht herauszufinden, welche Beträge den Verlagen überhaupt vorschweben? Nein."

Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2012

Vor dreißig Jahren rief François Mitterrands Kulturminister Jack Lang regionale Fonds für zeitgenössische Kunst ins Leben. Bis 2015 werden sechs dieser 23 sogenannten "Fracs" in ambitionierte Neubauten umgezogen sein, berichtet Marc Zitzmann und empfiehlt die Ausstellung "Nouvelles architectures - Fonds régionaux d'art contemporain" im Pariser Centre Pompidou, in der sich dieser Prozess mitverfolgen lässt.

Weiteres: Alfred Schlienger zieht eine erste, überwiegend positive Bilanz des Theaterfestivals Basel. Besprochen werden außerdem Dinesh D'Souzas kritischer Dokumentarfilm "Obama's America", das Konzert des Birmingham Symphony Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons beim Lucerne Festival sowie eine CD mit Werken von Dmitri Schostakowitsch, dirigiert von Esa-Pekka Salonen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2012

Beim Filmfest in Venedig staunt Dietmar Dath Bauklötze über Harmony Korines neuen Film "Spring Breakers": Ein "starkes Statement eines echten Irren (...), ohne jeden Sinn fürs sozial Nützliche oder Manierliche, dafür voller Überraschungen, Bikinis, Beats, Primär- und Neonfarben, Möpse (wobei das nicht die Hunde meint) und anderer gesundheitsschädlicher Süßigkeiten für Erwachsene." Hier findet man einen Pressespiegel zum Film.

Weitere Artikel: Jürgen Nordmann berichtet vom Treffen der neoliberalen Mont Pelerin Society in Prag. Andreas Rossmann ist empört, dass Thalia die gegenüber der Universität Bonn gelegene Traditionsbuchhandlung Bouvier schließt. Je mehr die Genforschung erforscht, umso weniger versteht sie, resümiert Joachim Müller-Jung jüngste Entdeckungen auf dem Gebiet (mehr hier). Edo Reents nimmt Abschied von dem Rockmusiker Joe South. Wiebke Hüster erlebt bei Leonard Cohen in Berlin einen "grandiosen Abend."

Besprochen werden das neue Album von Bob Dylan (das den Theologieprofessor Knut Wenzel lehrt, "dass wir nicht mehr wissen, was eine rein religiöse und was eine bloß profane Äußerung ist"), Mariss Jansons Aufführung von Edgar Varèses "Amériques" beim Musikfest Berlin und Bücher, darunter Rainald Goetz' neuer Roman "Johann Holtrop" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 07.09.2012

Die Documenta hat, so Gottfried Knapp in einem Resümee, "nach den expansiven Vorgängerausstellungen den Horizont der Weltkunstschau thematisch wie geographisch noch einmal deutlich geweitet. Doch das additive Prinzip hat hier auch schon seine Schwächen gezeigt und einige peinlich dünne Strecken im Parcours verursacht. Eine Weiterentwicklung in dieser Richtung könnte die Kasseler Schau zu einer Expo für Kunst-Schwellenländer degradieren." Daher nächstes Mal vielleicht wieder was mit Maßstäben, regt Knapp an.

Kurt Kister reagiert ziemlich entsetzt auf Robert Menasses in der gestrigen SZ dokumentierte Europa-Rede: "Das Projekt, die Nationalstaaten aus Europa zu entfernen, weil so ihr Egoismus verschwände, ihre Souveränität nach Brüssel waberte und 2000 Jahre Geschichte im Atlantik und Mittelmeer ersöffen, wäre eher für ein Buch der Brüder Strugatzki und deren im 22. Jahrhundert angesiedeltes Mittags-Universum geeignet".

Weitere Artikel: Der Theologe Martin Ohst wirft den Unterzeichnern des "Ökumene Jetzt!"-Aufrufs vor, "durch und durch vom römisch-katholischen Ökumenismus bestimmt" zu sein. Das neue Album der Band Bonaparte ist zwar "nicht so bemerkenswert", meint Jan Kedves, doch verpasse es Berlin mit dem Stück "Mañana Forever" eine "neue, frische, rundum den temporalen Merkwürdigkeiten der Stadt angepasste globale Hymne" (hier kann man es sich anhören). Hilmar Klute will beim Berliner Konzert von Leonard Cohen diesen "dauernd zitieren, mehr noch, als man ihn nachsingen möchte". Thomas Steinfeld gratuliert dem Mediävist Peter Wapnewski zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden die Aufführung von Franz Liszts "Via Crucis" beim Festival Pèlerinages in Weimar, der Film "Doppelleben", eine Karl Friedrich Schinkel gewidmete Ausstellung im Kupferstichkabinett in Weimar und Bücher, darunter die Autobiografie von Monty-Python-Mitglied Graham Chapman (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr), der im folgenden Video das Fliegen lehrt:


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