Heute in den Feuilletons Verwildertes Freund-Feind-Denken

In der "taz" beschwört Daniel Cohn-Bendit die Perspektive eines Europas mit viel weniger Deutschland. In der "NZZ" fragt sich der Historiker Christoph Jahr, warum Eric Hobsbawm sein Leben lang dem Glauben an den Kommunismus treu blieb.


Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2012

Der Historiker Christoph Jahr schreibt den Nachruf auf seinen großen britischen Kollegen Eric Hobsbawm, dessen Lebensweg alle "großen Hoffnungen und grausamen Irrwege" des 20. Jahrhundert widerspiegelt: "Trotzdem ist es irritierend, dass Hobsbawm auch nach 1956 in der Kommunistischen Partei blieb, als mit Chruschtschews Enthüllungen und der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes auch die letzten Illusionen über die Regime im Ostblock zerstoben. Hobsbawm suchte danach intellektuelle Zuflucht bei der weniger dogmatischen KP Italiens, doch seine Glaubenssätze zu widerrufen, kam ihm nicht in den Sinn. Vielleicht hätte sonst seinem Leben als ständiger Außenseiter, der er laut eigener Aussage als Jude, Waise und 'Internationalist' stets war, jegliche Orientierung gefehlt." (Einige schöne Nachrufe, darunter von Mark Mazower und Timothy Snyder findet man über Art & Letters Daily)

Weiteres: Franz Hass berichtet entsetzt, dass der italienische Krimi-Autor (und Staatsanwalt) Gianrico Carofiglio einen Kritiker verklagt hat, nachdem dieser ihn als "stümperhaften Schreiberling" bezeichnet hatte. Nicht wirklich uninteressant findet Andrea Köhler DT Max' Biografie zu David Foster Wallace "Every Love Story is a Ghost Story", auch wenn sie nicht so genau hätte wissen müssen, wie eng Wallaces Beziehung zu seinem Hund und seinem Fernseher war. Außerdem verteidigt Köhler Naomi Wolfs Vagina-Biografie gegen den Spott ihrer Kritikerinnen, allerdings auch nur als "gut gemeint". Joachim Güntner berichtet skeptisch von der Literatur-Konferenz Litflow.

Besprochen werden die Uraufführung von Olga Neuwirths "American Lulu" an der Komischen Oper in Berlin und Clemens J. Setz' Roman "Indigo".

Aus den Blogs, 02.10.2012

Nach Panama (mehr hier) hat jetzt auch Japan sein Copyright-Gesetz noch einmal verschärft, meldet Cory Doctorow auf BoingBoing. "Japan has extended its shockingly bad copyright law, passed in June, which provides for 10-year prison sentences for people who upload copyrighted works without permission; under the new law, downloading a copyrighted work without permission also carries up to two years in prison. The Japanese copyright lobby has also renewed its demand for mandatory network surveillance, through which black boxes with secret lists of copyrighted works will monitor all network traffic and silently kill any file-transfer believed to infringe copyright. The ISPs would have to pay a monthly licensing fee for the privilege of having these black boxes on their networks."

(via) Neues von der Abmahnfront: Diesmal hat es das Blog We like that erwischt, deren Betreiber summa summarum mal eben 3000 Euro berappen sollen - weil sie ein Foto verwendet haben, das den LEGO-Künstler Nathan Sawaya neben einem seiner Werke zeigt, der im übrigen eine andere Auffassung von Internetkultur zu pflegen scheint als die Agenturen, die seinen Bildern hinterhergoogeln: So ist man "darauf gestoßen, dass der Künstler eigentlich eher zu der Gattung gehört, welche sich über Publicity freuen und irgendwelchen Blogs, die seine Arbeit verbreiten, auch gerne mal via Twitter oder anderen Social Networks ein 'Dankeschön' zukommen lässt."

Huch, kein Vamp, keine Rockerbraut, kein Cyborg und keine Nomadin? Kein Retro?? Es ist lange her, dass man auf Bilder von Modenschauen sah und sich im Hier und Jetzt fühlte. Aber plötzlich sind wir im 21. Jahrhundert!

Celines Phoebe Philo zeigt es mit Witz (die Schuhe), Haider Ackermann lässig, Balenciagas Nicolas Ghesquiere kühl, Diors Raf Simons entschlackt (hier das Video von der wirklich sehenswerten Schau). Nur die heiß erwartete Schau Hedi Slimanes für YSL, pardon SLP (Saint Laurent Paris) sah aus, als wäre sie für Stevie Nicks in ihrer Elfenphase entworfen.

Schließlich noch Neuigkeiten aus der Wissenschaft: Diese Katzen sollten Sie sich nur im Büro ansehen, denn das erhöht Ihre Arbeitskraft, versichert Gawkers Neetzan Zimmerman nach Lektüre einer Studie der Hiroshima Universität.

Die Tageszeitung, 02.10.2012

Im Interview mit Ruth Reichstein stellt Daniel Cohn-Bendit sein Manifest "Für Europa" vor und erklärt, warum Deutschland mehr als alle anderen Ländern Europa - und auch die Griechen! - braucht: "Deutschland wird 2060 nur noch 60 Millionen Menschen haben. Was wird Deutschland sein? Auch wenn man sich Deutschland mit einer Einwanderung denkt, wird es ohne Verbund in Europa keine wirtschaftliche oder politische Bedeutung mehr haben. Das ist unsere These. Ihr könntet mir erzählen: Dann kommen eben Einwanderer. Das möchte ich aber sehen, wie die Bundesregierung den Deutschen sagt, dass wir 10 Millionen Einwanderer in den nächsten 30 Jahren bräuchten. Das föderale Europa wäre hingegen auch für Konservative eine Lösung."

Weiteres: Micha Brumlik weist darauf hin, dass Giordano Bruno, dessen Stiftung sich gerade im Streit gegen die Beschneidung hervortut, nicht als Kronzeuge eines humanistischen Atheismus taugt: Er war ein eingefleischter Antisemit übelster Sorte. Sophie Jung hat sich zum Abschluss der diesjährigen Ruhrtriennale die Komposition "utp" angehört, die auf dem Grundriss des kurfürstlichen Mannheims basiert. Mario Scalla schreibt den Nachruf auf den großen Eric Hobsbawm.

Und Tom.

Perlentaucher, 02.10.2012

Im letzten der 19 Europe-now-Texte (alle hier) skizziert die dänische Autorin Janne Teller die fünf wesentlichen Voraussetzungen für ein Europa der Bürger. Zuerst jedoch müssen wir Europäer sein wollen. Und eine europäische Identität entwickeln, "auf die sich alle beziehen können, ungeachtet ihrer Hautfarbe oder Kultur, Religion, ihrer Traditionen, Ess- oder anderer Gewohnheiten". Besonderes Kennzeichen dieser Identität ist für Teller: diskrete Qualität.

Die Zeit, 02.10.2012

Im zeit.de-Interview mit Till Schwarze wendet sich der Jurist Reinhard Merkel, der Mitglied im Ethikrat des Detuschen Bundestages ist, gegen den "kläglichen" Gesetzentwurf zur Beschneidung. Unter anderem kritisiert er, dass nicht mal eine Betäubung vorgeschrieben ist. Außerdem möchte er ein "natürliches Vetorecht des Kindes" anerkannt wissen: "Das meint natürlich nicht eine autonome Entscheidung bei einem acht Tage alten Kind. Es bezeichnet vielmehr eine erkennbare, reflexhafte, sozusagen kreatürliche Abwehrreaktion. Wenn etwa der sechsjährige muslimische Junge vor dem Eingriff plötzlich begreift, was passiert, und anfängt zu schreien und um sich zu schlagen, dann müsste man nach dem Gesetzentwurf eine Kindeswohlgefährdung annehmen, dürfte also die weitere Prozedur nicht erzwingen."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 02.10.2012

Zum Glück hat die FR Götz Aly! Heute schlägt er vor, dass wir uns morgen einfach mal über das glimpfliche Ende des Kalten Krieges freuen, der den Deutschen im übrigen recht gut getan hatte: "Viel spricht dafür, dass die daran schuldigen Deutschen die anschließende Eiszeit als ein langanhaltendes künstliches Koma brauchten, um wieder zur Besinnung zu gelangen. Die Teilung des Landes und der Stadt Berlin ermöglichte es ihnen, ihre massiven, vom Krieg notwendigerweise übriggebliebenen Aggressionen, ihren aufgestauten Hass, ihr verwildertes Freund-Feind-Denken an sich selbst, an ihren inneren Mauern und Stacheldrahtverhauen abzuarbeiten. Das geschah zu ihrem Vorteil und dem der europäischen Nachbarn."

Im Kulturteil hält Cornelia Geissler den Atem an, als Salman Rushdie bei der Vorstellung seiner Autobiografie in Berlin ganz "locker" behauptet, über Mormonen und den Papst dürfe man ungestraft Witze reißen. Nikolaus Bernau freut sich über "unsere nationale Pflichtexemplar-Bibliothek", die morgen 100 wird. Guido Fischer zieht eine recht positive Bilanz der Ruhrtriennale. Michael Hesse schreibt den Nachruf auf den britischen Historiker Eric Hobsbawm.

Besprochen werden eine Aufführung von Engelbert Humperdincks Oper "Königskinder" in Frankfurt, eine CD des amerikanischen Gitarristen Steve Vai und der Trickfilm "Madagaskar 3".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2012

Katharina Teutsch trägt kulturkonservative Einwände gegen die Berliner Litflow vor, die ein optimistisches Bild von der Zukunft der Literatur im Zeitalter des Internets geben wollte: "Von der Aura eines hinter seinem Buch verschwindenden Autors vom Typ Thomas Pynchon scheint sich die Branche nichts mehr kaufen zu können. Und wenn das schon so ist, dann soll die Selbstvermarktung eben bitte schön Teil der ursprünglichen Kunst werden."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus feiert die ARD-Verfilmung von Uwe Tellkamps "Turm" als großes Fernsehereignis (das allerdings am Mittwoch mit der Champions-League-Übertragung im ZDF konkurrieren muss). Nils Minkmar würdigt den großen marxistischen Historiker Eric Hobsbawm. Edo Reents reibt sich am Satz des Innenministers Friedrich, der sagte, Deutschland könne sich schon aus wirtschaftlichen Gründen keine Ausländerfeindlichkeit leisten. Dieter Bartetzko beklagt die Zerstörung des Basars von Aleppo.

Auf der Medienseite erzählt Josef Oehrlein vom Erfolg der kolumbianischen Fernsehserie "Escobar - El patron del Mal", die in 45-Minuten-Episoden aus der Zeit des Drogenbarons Pablo Escobar erzählt. Und Nina Rehfeld wirft einen Blick auf die neuen TV-Serien in den USA, bei denen erstmals auch Internetdienste wie Netflix mitmischen.

Besprochen werden Anna Jablonskajas Stück "Helden" in Mannheim und Bücher, darunter die bislang nur auf Englisch erschienene Studie "The Young Turks' Crime Against Humanity -The Armenian Genocide and Ethnic Cleansing in the Ottoman Empire" (Auszüge), mit der der türkische Historiker Taner Akçam die These vom Genozid unterstützt.

Süddeutsche Zeitung, 02.10.2012

Franziska Augstein würdigt den verstorbenen marxistischen Historikers Eric Hobsbawm: "Anders als viele jüngere Historiker hat Hobsbawm die europäische Alltagskultur nicht idealisiert. Was Räuber und Banditen in unterentwickelten Gegenden anging, war das freilich anders: Mochten die Banditen in Süditalien und Südamerika auch naiv oder gar reaktionär sein, so schienen sie ihm doch auf der Höhe der Geschichte: Wo der Staat zu schwach war, durften Einzelne das Recht in ihre Hand nehmen."

Weitere Artikel: Felix Stephan lauscht bei der Berliner Veranstaltung Lit.Flow einem (hier nachhörbaren) Vortrag von Larry Birnbaum über die Automatisierung von Textproduktion. Tim Neshitov berichtet von einer Grazer Werbertagung, bei der es um die Imagepolitur des Islams ging (hervorragende Entscheidung: im Anschluss daran spielte die islamische US-Punkband The Kominas den Song "Sharia Law in the USA"). Peter Eich stellt Mordechai Vanunu vor, dem Günter Grass in seinem aktuellen Gedichtband zum Ärgernis der israelischen Regierung ein Textchen gewidmet hat. Evelyn Roll freut sich, dass die New York Times mit ihrer Abkehr von der Interviewautorisierung wieder Schwung in die Debatte um diese leidige journalistische Praxis gebracht hat, die auch in Deutschland usus ist. Zu Beginn von Martin Kusejs heute startender zweiter Spielzeit am Münchner Residenztheater schimpft Christine Dössel nochmal ordentlich über dessen erste, die "ausgesprochen fade, konturlos, mau", also kurz: "eine Riesenenttäuschung" war. Lothar Müller gratuliert der Deutschen Nationalbibliothek zum hundertjährigen Bestehen. Kurze Geburtstagsgrüße zum 70. gehen außerdem an den Schauspieler Manfred Zapatka, der als Whiskeyexperte in Romuald Karmakars "Frankfurter Kreuz" ganz von der Rolle ist.

Auf der Medienseite ist Jens Bisky von der zweiteiligen Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm", die Das Erste am 03. und 04. Oktober ausstrahlt, schwer begeistert.

Besprochen werden Walter Salles' gleichnamige Verfilmung von Jack Kerouacs Kult-Klassiker "On the Road" ("ein zirkulärer Film, um das Buch herum, seinen Wurzeln nachspürend", beobachtet Fritz Göttler), Olga von Neuwirths "American Lulu" an der Komischen Oper Berlin und Bücher, darunter das von Jens-Christian Rabe sehr belächelte Buch "Klick mich" der Piratin Julia Schramm.

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