Heute in den Feuilletons: Auf dem Klo kommt der Autor zu sich selbst

Die Zeitungen freuen sich über die neue Trägerin des Deutschen Buchpreises Ursula Krechel. Die "NZZ" erliegt dem Charme des vor sich hinrostenden West-Berlins. Und die "SZ" wundert sich über das profane Thema von Peter Handkes neuem Werk.

Weitere Medien, 09.10.2012

Judith von Sternburg freut sich in der FR über die Buchpreisentscheidung für Ursula Krechel: "Am Ende hat der triftigste, auch strengste, auch am klarsten zielgerichtete Titel einer Shortlist gewonnen, die die Spannung ungewöhnlich hoch halten konnte: so schwer zu vergleichen die Konkurrenten, so deutlich der über ein halbes Jahrhundert reichende Altersunterschied bei den letzten sechs (von Ernst Augustin, Jahrgang 1927, bis Clemens J. Setz, Jahrgang 1982), so vieldiskutiert die überproportionale (fünfzigprozentige) Präsenz des Suhrkamp Verlags."

Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2012

Jürgen Tietz trauert um die einst so ambitionierten, heute ungeliebten Großbauten aus dem West-Berlin der siebziger Jahre, wobei er nicht nur dem Klinikum Benjamin Franklin und dem Umlaufkanal der TU huldigt, sondern auch - etwas überraschend - dem "wunderbar futuristisch anmutenden" ICC: "Ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung bewegte sich die Fassadenreinigungsanlage ein letztes Mal über die Aluminiumfassade des ICC. Nun schmuddelt die Hülle des futuristischen Hauses vor sich hin. Eine Ikone auf dem Abstellgleis.

Weiteres: Georg Renöckl berichtet von angeblich großer Empörung in Österreich über Régis Jauffrets Fritzl-Roman "Claustria", ohne jedoch auch nur einmal Ross und Reiter zu nennen. Besprochen werden Stephan Thomes Roman "Fliehkräfte" und Schleiermachers Reden "an die gebildeten Verächter der Religion".

Die Welt, 09.10.2012

So richtig begeistern lässt sich Elmar J. Krekeler von Ursula Krechels Vergangenheitsbewältigungsroman "Landgericht", der nun also den Deutschen Buchpreis erhalten hat, nicht: "Enorm verdienstvoll. Sogar gelungen. Bis Krechel vom eigenen Stoff überwältigt wird, das Buch in die Knie geht vor Material und Moral. Das ist mitreißend, das ist ehrenwert..." Na, und so weiter.

Richard Kämmerlings hatte einen möglichen Buchpreis für den Roman schon in einem Überblicksartikel in der Welt am Sonntag kommentiert: "Wichtiges Thema, großes Fleißkärtchen, gut, dass es das gibt. Aber wenn das die Literatur der Stunde sein soll, dann hätte der Buchpreis seinen Hauptzweck endgültig darin gefunden, junge Autoren zu entnerven und zu entmutigen."

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Andrea Backhaus kritisiert der junge israelische Autor Nir Baram die Regierung Netanjahu ("Es gibt eine existenzielle Bedrohung aus dem Iran. Aber unsere Regierung nutzt sie, um von den fundamentalen Problemen im eigenen Land abzulenken"). Ulf Poschardt hat Günther Jauchs Sendung mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gesehen und prophezeit: "Dieser Wahlkampf wird lustig." In seiner Feuilletonkolumne wundert sich Marc Reichwein über die lauen Geburtstagsartikel für Methusalem James Bond und schwärmt für den unbekanntesten aller Bond-Filme "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" mit dem "Dressman und Schauspieler" George Lazenby und unvergesslichen Bergszenen. Und Uwe Schultz kritisiert die Fixierung der Franzosen auf ihr "Patrimoine".

Besprochen werden eine Ausstellung mit neuen Fotografien von Andreas Gursky (die Hans-Joachim Müller nicht begeistern) in Düsseldorf, Debussys "Pelléas et Mélisande" in Essen und eine Ausstellung über die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg im Historischen Museum in Frankfurt.

Weitere Medien, 09.10.2012

Tracy McNicoll besucht für Newsweek eine Ausstellung im Hotel de Ville in Paris über die Liebe Hollywoods zu Paris. "Vom ersten Blick an projizierten Hollywoods Filmemacher und Kinobesucher ihre wildesten Phantasien auf die französische Hauptstadt. 'We'll always have Paris' ist mehr als ein berühmter Spruch. Es ist seit über einem Jahrhundert Hollywoods Praxis. Fast 800 amerikanische Filme spielen in Paris, Dutzende wurden Klassiker."

Der britische Restaurantkritiker A.A. Gill spuckt in Vanity Fair Gift und Galle angesichts des Einflusses, den der Guide Michelin immer noch auf die Chefköche dieser Welt hat: "Nur wenige werden den Guide öffentlich kritisieren. Privat gibt es viele, die über seinen begrenzten Horizont, seine Arroganz, seine kalorienreichen Favoriten verzweifeln. Vertraulich erzählte mir ein Sternekoch, es graue ihm vor jeder Neuerscheinung - nicht weil er um seinen Stern fürchte, sondern weil im Monat darauf nur Kunden mit Sackgesichtern buchen würden, die sich über alles beschwerten. Er sagte, die Zimmertemperatur im Speisesaal würde unter den Gefrierpunkt sinken." Kurz: britische Kunden fallen ein.

Aus den Blogs, 09.10.2012

Endlich! Der Merkur eröffnet ein Blog oder - in der vornehmeren Diktion von Printautoren - "einen" Blog. Die Herausgeber annoncieren: "Der Merkur tritt in den Dialog, öffnet sich für Kommentare und Kritik, sucht das Gespräch mit alten und neuen Leserinnen und Lesern. Daran werden sich, je nach Anlass, immer wieder auch unsere Autoren und Autorinnen beteiligen. Der Blog soll und kann das gedruckte Heft wohlgemerkt nicht ersetzen. Sofern es uns gelingt, damit einen Ort der gemeinsamen Reflexion zu schaffen, verhält er sich idealerweise komplementär dazu."

Unter anderem interviewt Ekkehard Knörer Teju Cole. Und Robin Detje schreibt im Merkur-Blog ein Buchmesse-Tagebuch: "Liebes Tagebuch! Im Oktober ist wieder Buchmesse in Frankfurt. Aber ich fahre nicht hin. Stattdessen habe ich mir einen E-Reader bestellt. Das Anti-Buch. Das Gottseibeiuns-Teil."

(Via Matthias Rascher) Lovethesepics.com zeigt spanisches Moos an Bäumen in den Südstaaten der USA. (Und nochmal via Matthias Rascher) Auch eine Art, die Straße zu überqueren.

Ausnahmsweise mal, nur weil die Musik so schön ist, ein Filmtrailer. Gawker annonciert ihn als den "ersten Trailer zu 'The Canyons'" mit Lindsay Lohan und dem Pornostar James Deen (tja, so heißt er). Bret Easton Ellis hat das Drehbuch geschrieben. Paul Schrader führt Regie. Zweierlei fehlt dem Film, findet Gawker, ein Startdatum und Dialog.

Die Tageszeitung, 09.10.2012

David Denk kommt der Buchmessen-Schwerpunkt Neuseeland gerade recht, er wird den nächsten Berliner Winter dort unten verbringten: "Ich suche das Weite, Janet Frame entflieht der Enge, die auch heute noch viele Neuseeländer in die Welt hinaustreibt. 'Jeder kennt jeden und weiß mehr über einen als man selbst', hat die Regisseurin Jane Campion, selbst Neuseeländerin, aber wohnhaft in Sydney, das soziale Klima ihrer Heimat mal beschrieben. Für ein halbes Jahr kann ich mir kaum etwas Schöneres vorstellen als diese überschaubare, gemächliche, idyllische Welt. Wie Frame jedenfalls wird mich wohl keine neuseeländische Stadt einschüchtern - erst recht nicht Dunedin mit seinen etwa 120.000 Einwohnern: 'Ich dachte an die dunklen satanischen Mühlen, an Menschen eingesperrt wie Eichhörnchen; an Feuersbrünste und Pestepidemien und Zwangsrekrutierungen.'"

Weiteres: Sarah Zimmermann meldet, dass der Buchpreis an den Roman "Landgericht" von Ursula Krechel geht, ohne zu verraten, was sie von der Entscheidung hält.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografin Lotte Jacobi im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln, Schorsch Kameruns medienkritischer Abend "Sender freies Düsseldorf" im dortigen Schauspielhaus und Boualem Sansals Roman "Rue Darwin" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2012

Auf der Seite 1 der FAZ beklagt Andreas Platthaus pünktlich zur Eröffnung der Buchmesse den drohenden Niedergang der Buchkultur und schlägt zur Rettung der Literatur vor: "Macht unsere Bücher schöner!" Dann geht dieses Ebook-Zeugs vielleicht weg. Im Wirtschaftsteil bittet Georg Giersberg die Kulturpessimisten, doch endlich mit dem Gejammer aufzuhören: "Ändern werden die Pessimisten nichts. Die Buchbranche - man müsste angesichts der Änderungen heute eher von einer Literatur- oder Medienbranche sprechen - muss sich der Herausforderung durch die Elektronik stellen. Nicht weil amerikanische Internetversender und Elektronikkonzerne nichts anderes zulassen. Sondern weil es die Leser, die Kunden der Branche, wollen."

Im Feuilleton beschreibt Kerstin Holm, wie man sich in Russland bemüht, das Beleidigtsein auch formaljuristisch in eine Waffe zu verwandeln: "Im Kampf um juristischen Schutz für ihr Charisma gewinnt die Russische Orthodoxe Kirche immer mehr an Boden. In der Duma wird derzeit an einem neuen Gesetz gefeilt, das die Beleidigung religiöser Gefühle - nicht etwa von Personen, wie Juristen kopfschüttelnd anmerken - mit Gefängnisstrafe von drei bis fünf Jahren bedroht."

Nur online würdigt Andreas Platthaus den Buchpreis für Ursula Krechel, deren Roman "Landgericht" er schon im Aufmacher der am Samstag erschienenen Literaturbeilage loben durfte.

Weitere Artikel: Joachim Müller-Jung stellt die zwei Bioingenieure vor, die in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis erhalten: der Engländer John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka. Antje Stahl kritisiert die Zusammenarbeit des Dresdner Kupferstichkabinetts mit den "profitorientierten" Galeristen Bruno Brunnet und Nicole Hackert. Arnold Bartetzky freut sich über die "gelungene denkmalgerechte Umnutzung der Zechenbauten in Chorzów".

Besprochen werden die Aufführung von David Greigs Stück "Monster" im Staatsschauspiel Hannover, Debussys "Pelléas et Mélisande" am Aalto-Theater in Essen und eine Ausstellung von Else Lasker-Schülers Zeichnungen im Franz-Marc-Museum in Kochel.

Süddeutsche Zeitung, 09.10.2012

Im Aufmacher der SZ-Literaturbeilage (die wir in den kommenden Tagen auswerten) beobachtet Thomas Steinfeld in Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" sowie Ingo Schulzes und Robert Menasses aktuellen "politischen Traktaten" (hier und hier) die Renaissance des politischen Schriftstellers auf dem literarischen Parkett: "Wie lange ist es her, dass im deutschen Sprachraum gleich ein paar Schriftsteller mit dem Anspruch auftreten, ihren Lesern die universale Lage zu erklären? Und über wie viele Jahre, nein, Jahrzehnte galt im deutschen Sprachraum, von Günter Grass und ein paar Alten abgesehen, der politisierende Schriftsteller als verschollen?" Ganz warm geworden scheint er mit dem Phänomen indes noch nicht: "Es scheint, als seien vorerst beim Neuentwurf des politischen Autors die literarischen Mittel seinen politischen Ambitionen nicht gewachsen."

In Venedig wandert Laura Weissmüller beeindruckt durch eine Ausstellung (mehr hier) der Gläser, die Carlo Scarpa von 1932 bis 47 für Venini entwarf. Die Glasbläser mussten auf die Sekunde arbeiten, um einen von Scarpa gewünschten Effekt herzustellen: "Und Carlo Scarpa bestand auf den bestimmten Effekt. Die Ausstellung zeigt ihn auf einem alten Foto im feinen Anzug mitten in einer Werkstatt auf Murano. Der Glasbläser mit seiner langen Zange neben ihm musste präzise arbeiten, damit Scarpa zufrieden war und auf der Venedig-Biennale oder der Triennale in Mailand seine Entwürfe ausstellen konnte: die Schalen und Vasen, in die er etwa Luftblasen fixieren ließ, was aussieht wie gefrorenes Eis ('A bollicine', 1932-1933). Die, die in zwei Schichten mit Goldstaub versetzt wurden, was an ferne Gestirnsmuster erinnert ('Sommersi', 1934-1936). Oder die, die wie gewebt erscheinen mit ihrem filigranen Gespinst aus dünnen Linien ('Mezza filigrana', 1934-1936)."

Weitere Artikel: "Sagen wir: Hier dominiert die Geschichte", meint die SZ zur Verleihung des Buchpreises an Ursula Krechel. Der Historiker Dominik Geppert warnt aufs Schärfste vor den wirtschafts- und fiskalpolitischen Entwicklungen in der krisengeschüttelten EU, die Kompetenzen und Befugnisse an demokratisch nicht legitimierte Organe abgibt. Alexander Menden hat in Erfahrung gebracht, dass es sich bei der Beschmierung eines Rothko-Bilds in der Tate Modern um eine Yellowismus-Aktion gehandelt hat. Jürgen Berger berichtet vom geglückten Saisonauftakt in Baden-Würtembergischen Theatern. Kristina Maidt-Zinke gratuliert der Akademie für Alte Musik in Berlin zum 30jährigen Bestehen. Michael Stallknecht berichtet von Peter Sloterdijks Auftritt im literarischen Salon der Neubeurer Woche. Karl Lippegaus schreibt den Nachruf auf den Jazzsaxofonist John Tchicai.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Carlo Scarpa im neuen Glasmuseum in Venedig und Bücher, darunter ein Essay von Peter Handke über das Klo, auf dem, wie Christopher Schmidt berichtet, der Autor "zu sich selber kommt".

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