Heute in den Feuilletons: "Mögliche Vorteilsnahme bei der Nobelpreis-Jury"

Wie die "NZZ" meldet, hat der Nobelpreis-Juror Göran Malmqvist mehrere Werke des Preisträgers Mo Yan übersetzt - und damit in Schweden eine Debabtte über Filz im Literaturbetrieb ausgelöst. In der "taz" verabschiedet Jörg Sundermeier die "Emmanuelle"-Darstellerin Sylvia Kristel.

Aus den Blogs, 19.10.2012

Vor zwei Wochen hat Netzpolitik.org ein geheim gehaltenes Gutachten zur Abgeordnetenkorruption veröffentlicht. Jetzt, berichtet Markus Beckedahl, wurde er vom Bundestag aufgefordert, das Gutachten wieder aus dem Netz zu nehmen. Die Begründung ist erstklassig: "Der Deutsche Bundestag bittet um die Rückgängigmachung der Veröffentlichung einer der Öffentlichkeit aus urheberrechtlichen Gründen nicht zugänglichen Sache."

Twitter hat den Account der kürzlich verbotenen Neonazi-Gruppe "Besseres Hannover" gesperrt - allerdings nur in Deutschland. Aus anderen Ländern kann man ihn erreichen, berichtet Martin Weigert auf Netzwertig. Die Polizeidirektion Hannover hatte um Löschung des Accouts gebeten: "Angenommen, Twitter wäre dem Gesuch der deutschen Polizei zur Löschung des Kontos nachgekommen, wäre es - vermutlich von der Öffentlichkeit unbemerkt - einfach verschwunden. Indem das Unternehmen den Vorfall aber öffentlich macht und die mehr als löchrige Blockade des Twitter-Kontos nur für Deutschland einer Komplettlöschung vorzieht, erzwingt es eine öffentliche Debatte - die vielen zwar unangenehm sein wird, der wir uns aber früher oder später ohnehin stellen müssen."

Deutschland ist übrigens das erste Land, das bei Twitter die Löschung eines Accounts beantragte. Leser "deemer" bringt das Dilemma in einem Kommentar bei Jezebel auf den Punkt: "Oh NOES! THE SLIPPERY SLOPE IS HAPPENING YOU GUYS!First they came for Michael Brutsch, and I didn't speak out because I wasn't a racist, anti-Semitic, rapey creepbag. Then they came for Besseres Hannover, but I didn't speak out because I wasn't a racist, anti-Semitic jerk. Then they came for me..."

Newsweek stellt nach achtzig Jahren seine Printausgabe ein und erscheint künftig nur noch digital. Mehr bei Neunetz.

Buzzfeed (genauer eigentlich der New Statesman, für den Ai Weiwei eine Ausgabe betreute) stellt die elf Katzen des Dissidenten Ai Weiwei vor.

Die Welt, 19.10.2012

Jacques Schuster kritisiert die Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan. Und trotz der jüngst erst von Springer gesteuerten symbolischen Hinrichtung von Christian Wulff ist es ihm doch wichtig festzuhalten: "Seit dem Fall des Lügenbarons Guttenberg hat sich - vor allem durch das Internet - eine Stimmung breitgemacht, die man als inquisitorisch bezeichnen kann."

Außerdem schreibt Ulrich Clauss den Nachruf auf den großen Fernsehmann Wolfgang Menge. Johannes Wetzel schildert die komplexen Auseinandersetzungen der Franzosen mit dem Algerienkrieg und seinen Opfern auf allen Seiten. Philipp Haibach besucht den Horlemann-Verlag, der Nobelpreisträger Mo Yan im Programm hat. Wolf Lepenies resümiert einen Artikel in der London Review of Books über die Abhängigkeit der Briten von der französischen Stromindustrie.

Die Tageszeitung, 19.10.2012

Jürgen Gottschlich berichtet über den Prozess gegen den türkischen Starpianisten Fazil Say, der per Twitter über heuchlerische Imame und andere Frömmler gelästert hatte und damit "religiöse Werte" herabgewürdigt haben soll. In einem weiteren Artikel zeigt er, dass dieses Verfahren kein Einzelfall ist, sondern sich einreiht "in den Versuch religiöser, konservativer Kreise innerhalb und außerhalb der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), in der Türkei eine ,geistig-moralische' Wende durchzusetzen". In seinem Kommentar zu dem Fall bezeichnet Daniel Bax das Verfahren als "schlichtweg lächerlich. Zu hoffen ist, dass die peinliche Anklage, die den Starpianisten nun in den Rang eines Helden der Meinungsfreiheit katapultiert hat, so bald wie möglich vom Tisch kommt."

Weitere Artikel: Silke Burmester nennt den verstorbenen Fernsehautor Wolfgang Menge einen mutigen "gesellschaftlichen Seismografen", der allerdings "heute, wo in den Öffentlich-Rechtlichen die Angst das Programm macht, kaum eine Chance" hätte. Christina Nord würdigt den bei einem Verkehrsunfall umgekommenen japanischen Filmemacher Koji Wakamatsu. Und Jörg Sundermeier schreibt einen Nachruf auf die Schauspielerin Sylvia Kristel. Hier gibt sie noch Privatstunden.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Geburtsstunde der Fotografie" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, das Album "Beams" des Techno-Produzenten Matthew Dear sowie neue Alben von Ty Segall, Dum Dum Girls und Thee Oh Sees.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2012

"Der Blick aus dem Fenster in Le Gras" von Joseph Nicéphore Niepce aus dem Jahr 1826 gilt heute als erste Fotografie der Welt und ist als solche "der klare Sieger unter den 250 fotografischen Kostbarkeiten" der Ausstellung zur "Geburtsstunde der Fotografie" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, meint Gabriele Hoffmann - auch wenn "nicht garantiert ist, dass der Besucher in dem leicht verbeulten spiegelnden Metall sieht, was er sich von einer Fotografie erwartet."

In Schweden wird über mögliche Vorteilsnahme bei der Literaturnobelpreis-Jury gestritten, berichtet Aldo Keel. Laut Svenska Dagbladet hat Juror Göran Malmqvist mehrere Werke Mo Yans übersetzt und für eine Verleihung an den Chinesen gestimmt. "Verteidigt wird Malmqvist sehr energisch vom Ständigen Sekretär der Akademie, Peter Englund, der in seinem Blog schreibt, es sei noch nicht entschieden, ob Malmqvists Übersetzungen überhaupt gedruckt würden. Ausserdem werde Malmqvist auf alle Übersetzerhonorare verzichten."

Besprochen werden außerdem Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" an der Brüsseler Oper (die Peter Hagmann "extravagant, vielfarbig und temporeich" findet), neue Alben des Mexican Institute of Sound und des Berner Singer-Songwriters Stephan Eicher (laut Pascal Münger ein "zorniges Werk") sowie eine Ausstellung des Spätwerks des Schweizer Avantgardisten Ferdinand Hodler in der Neuen Galerie in New York.

Süddeutsche Zeitung, 19.10.2012

Till Briegleb stößt bei der Lektüre von Christoph Schlingensiefs frisch veröffentlichter Autobiografie auf das künstlerische Erweckungserlebnis des Künstlers: Ein "verkorkster Filmabend" im Jahr 1968 im Kreis der Familie, bei der sich die Super8-Urlaubsfilme als unfreiwillige, da versehentlich doppelbelichtete Experimentalfilme erwiesen: "In diesem Moment im Wohnzimmer wirkten drei Dinge zusammen, die das spätere ausufernde Schaffen von Christoph Schlingensief geprägt haben: der Zufall (als Einbruch des Lebens in die Inszenierung), die Verstörung (als Chance, das Denken zu ändern) und das Prinzip der Mehrfachbelichtung (als Ästhetik des Zweifelns). Schlingensiefs lebenslanger Arbeitsstil der spontanen, assoziativen Mutprobe wurzelt in diesen Komponenten ... Er war immer auf der Suche nach der Schönheit der Fehler." Sehr schön zu beobachten gewesen etwa in Schlingensiefs Fernsehreihe "U 3000", von der wir auf Youtube einige Ausschnitte finden.

Weiteres: Der Politologe Ivan Krastev erklärt Andrian Kreye im Gespräch, dass Transparenz an sich zwar "ein wichtiges politisches Instrument" sein könnte, faktisch aber "nur ein Motor der Depolitisierung (ist) und ein Instrument, um Vertrauen zu managen, statt Vertrauen zu schaffen." Alexander Menden kann Damien Hirst nach der Präsentation seiner neuen Statue "Verity" (hier einige große Fotografien) in Ilfracombe als Künstler nicht mehr ernst nehmen: "Wie Gammastrahlung verströmt Hirsts Arbeit pompösen, monströsen Kitsch." Harald Eggebrecht freut sich auf ein Konzert der Geigerin Isabelle Faust, deren Ton "hell und schlank klingt (...), dabei biegsam, geschmeidig, und immer sprühend vor Klangfarbenwachheit und sehnsüchtig nach Klarheit." Alexander Gorkow erblickt nach dem Münchner Clubkonzert von Richard Hawley um sich herum "aufgelöste Gesichter, vereinzelt tränenverschmierten Kajal." In der neuen Ausgabe des Bayerischen Jahrbuchs für Volkskunde liest Rudolf Neumaier Walter Pötzls Studie über die Taufe totgeborener Kinder. Cornelia Fiedler gratuliert der Theaterwissenschaft in Gießen zum 30jährigen Bestehen.

Besprochen werden der Actionthriller "Premium Rush" (bei dem Martina Knoben einen "rasanten Radel-Rowdy-Spaß" erlebt), ein Konzert von Jos van Immerseel in München und Bücher, darunter eine Sammlung von philosophischen Gesprächen, die Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld mit Kindern geführt haben.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2012

Das Grausen kriegt David Gelernter angesichts mancher szientistischer Ich-Vorstellungen, die zugunsten des messbaren Ichs zusehends das subjektive Ich aus den Augen verlieren. In der Religion sieht er indessen auch kein Heil, er wünscht sich als dritten Weg "ein neues Banner auf dem intellektuellen Feld, die Fahne der atheistischen Gläubigen, die mit ihrer Skepsis und ihrem spirituellen Ernst von großer Bedeutung für die Zukunft der westlichen Gesellschaften sind. ... Wenn atheistische Gläubige sich ihrer Existenz bewusst werden, muss das zu einem Wandel in der westlichen Welt führen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb plädiert in der Auseinandersetzung um ein Berliner Museum für die klassische Moderne "für einen Museumsbau an der Neuen Potsdamer Straße, in der Lücke zwischen Kammermusiksaal und Neuer Nationalgalerie." Josef Oehrlein meldet, dass Katharina Wagner als vorgesehene Regisseurin einer "Ring"-Inszenierung noch am Tag ihrer Ankunft das argentinische Teatro Colón wieder gen Deutschland verlassen hat. Rose-Marie Gropp freut sich, dass das Städel Museum in Frankfurt ein Gemälde von Vilhelm Hammershoi angeschafft hat (mehr dazu im Blog des Museums).

Auf der Medienseite schreibt Michael Hanfeld den Nachruf auf Wolfgang Menge: "Er war seiner Zeit voraus. Um Lichtjahre. Seine Fernsehstücke waren brandaktuell und sind zeitlos." (Online leider nur ein aufbereiteter dpa-Nachruf) Wir erinnern uns gern an seinen Fernsehklassiker "Millionenspiel", hier das Interview mit der Köhler-Bande, darunter ein asiger Dieter Hallervorden vor "Nonstop Nonsense"-Zeiten.

Besprochen werden der Film "Miss Bala" (dessen "Spannung zwischen subjektivem Wissen und schockierend umfassender Intrige" Bert Rebhandl an die "italienischen Polizeithriller der siebziger Jahre" erinnert) und Bücher, darunter Tilmann Rammstedts Roman "Die Abenteuer des ehemaligen Bankberaters".

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