Heute in den Feuilletons Free Speech gegen Kondome

Die "Welt" feiert die von Ai Weiwei verantwortete Ausgabe des New Statesman. Die "NZZ" rehabilitiert die DDR-Kunst. Die "taz" staunt über die amerikanische Pornoindustrie, die im Namen der freien Rede das Recht erstreiten will, auf Kondome zu verzichten.


Die Welt, 22.10.2012

Interessante Ausgabe, meint Johnny Erling über das diese Woche erschienene, von Ai Weiwei gestaltete britische Magazin New Statesman : "Ai entpuppt sich als erfolgreicher Magazinmacher. Die kritisch-streitende hochpolitische Zeitschrift geht auch als Sammlerausgabe durch mit Karikaturen, Fotoreportagen, Liedtexten, Gedichten und Dokumenten von Widerstandskunst. Ai, dessen Vater Ai Qing einst Chinas berühmtester Dichter war, bevor er zwei Jahrzehnte lang in Ungnade bei Mao fiel und verfolgt wurde, demonstriert, dass er auch dessen Schreibtalent geerbt hat. Er hat aufregende Essays, Aufsätze, Twitter-Umfragen verfasst, was das Volk über die Zukunft denkt, führte Interviews mit einem Internetzensor, der pro gelöschten Eintrag von der Regierung eine Belohnung von 'Wu Mao' (sechs Cent) erhielt, und befragte über Skype den in die USA ausgeflogenen, blinden Bauernaktivisten Chen Guangcheng."

Ingo Petz stellt die kleine mutige Theatertruppe Belarus Free Theatre vor, die ihre Inszenierungen inzwischen international zeigt, in Weißrussland aber höchstens in Wohnungen von Bekannten spielen darf: "Wer einmal in einem der brüchigen Vorstadtgebäude war, wird das nie wieder vergessen. Weiße, kalte Wände, aus Autoreifen oder Planken improvisierte Sitzgelegenheiten. Tickets kann man nicht kaufen, man spendet nach der Vorstellung. Es gibt auch keine Bühnenvorhänge. Denn der Zuschauer soll bei den Inszenierungen immer das Gefühl haben, Teil des Dramas zu sein. Und das kann mitunter fatale Folgen haben. Wie im Jahr 2007, als Sicherheitskräfte eine Aufführung stürmten und Schauspieler, Zuschauer und Regisseur Wladimir Scherban verhafteten."

Weitere Artikel: Marc Reichwein bleibt an einigen intensiven Lesestücken im neuen Magazin The Germans hängen. Vom amerikanischen Streit um Frauenrechte könnten wir hier noch was lernen, meint Mara Delius: "Eine Frau zu sein, das haben die Kandidaten schon jetzt erreicht, ist nichts rehhaft Exklusives mehr, Unterstützung keine Frage des Wohlwollens, sondern der ökonomischen Notwendigkeit." Alan Posener nimmt den von katholischen und evangelischen Gruppen ausgerufenen Boykott israelischer Waren (mehr hier) aufs Korn. Angesichts der neuesten Plagiatsvorwürfe, schlägt Karl-Heinz Göttert vor, könnte man sich doch noch mal mit der Frage beschäftigen, was genau ein Plagiat ist. Und im Aufmacher erzählt Thomas Schmid eine kurze Geschichte der politischen Troika von Stalin, Kamenew und Sinowjew bis Steinbrück, Gabriel und Steinmeier.

Besprochen wird eine Ausstellung des Fotografen Lewis Baltz in der Kestnergesellschaft Hannover.

Weitere Medien, 22.10.2012

In Weimar hat Milo Rau im Rahmen einer Tagung über Kunst und Politik eine Lesung von Anders Breiviks Manifest in Szene gesetzt, die allerdings nicht am Theater der Stadt aufgeführt werden durfte, das sich im letzten Moment distanzierte. Dirk Pilz sieht es in der FR als Skandal und wittert "Angst vor der Kraft, die Breiviks Text auf einer Bühne gewinnen und die Debatte, die das Theater auslösen kann. Nicht von Breivik distanziert man sich damit, sondern von der Kunst." (Mehr dazu in der Welt) Außerdem berichtet Anke Westphal in der FR über ein Treffen von Filmbranche und Filmkritikern nach einem Aufruf der Kritiker gegen die Vergabepraxis beim Deutschen Filmpreis - das Unverständnis, so Westphal, ist beiderseits. Und auf der Medienseite berichtet Adrian Lobe über Internetzensur im Iran.

Neue Zürcher Zeitung, 22.10.2012

Joachim Güntner bricht eine Lanze für die DDR-Kunst, der in Weimar die große Schau "Abschied von Ikarus" gewidmet ist und die er ganz wie die Westkunst als Ergebnis des Kalten Krieges wertet: "Die Konkurrenz zweier Gesellschaftssysteme trieb die Künste in Ost und West an, ihre Doktrinen antagonistisch zuzuspitzen: So stand zeitweilig, als existiere kein Drittes, der provinzielle Sozrealismus gegen die Weltsprache der Abstraktion. Über solchem Schwarz-Weiß sollte man die Grautöne nicht vergessen, die es in der DDR reichlich gab." (Bild: "Mann im Gerüst (Aufbruch)". Hermann Bachmann, 1948. Privatbesitz. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Weiteres: "Wann war die Welt moderner als im Montreal der sechziger Jahre?, fragt Roman Hollenstein in seiner Hommage auf die Architektur der Quebecer Metropole. Eindringlich und intelligent komponiert nennt Michelle Ziegler Andrea Lorenzo Scartazzinis in Basel uraufgeführte Oper "Der Sandmann".

Die Tageszeitung, 22.10.2012

Aus dem San Fernando Valley berichtet Johannes Gernert von Verwerfungen in der kalifornsichen Pornobranche, die von einer Syphilis-Epidemie heimgesucht wird und deshalb einer Kondompflicht unterworfen werden soll: "Die Verbände der Pornobranche haben eine Gegenkampagne gestartet. Die Organisation, die die Pornofirmen vertritt, heißt Free Speech Coalition."

Im Kulturteil zuckt Andreas Fanizadeh die Schultern nach Fabian Hinrichs offenbar etwas wehleidigem Theaterabend "Die Zeit schlägt dich tot" über die kalte Großstadt: "Punk ist das nicht." Sonja Vogel berichtet von einem Vortrag des Historikers Dan Diner über die von deutscher Seite höchst widerwillig geführten Restitutionsverhandlungen mit Israel. Wolf-Dieter Vogel hat Boliviens Außenminister David Choquehuanca über das erfüllte Leben sprechen hören, das unter Evo Morales "gewissermaßen zur Staatsdoktrin erhoben" worde sei. Andreas Busche hat an gleich zwei Abenden Auftritte von Werner Herzog genossen. Ronald Berg hat sich die Schau "Verführung Freiheit" im Deutschen Historischen Museum Berlin angesehen.

Im Interview mit Rüdiger Rossig spricht der ungarische Musiker Ferenc Snetbeger über die Bedeutung der Musik für Sinti oder Roman: "Sie hilft, die Traurigkeit über die Armut zu vergessen."

Und Tom.

Aus den Blogs, 22.10.2012

Martin Niewendick wundert sich bei den Ruhrbaronen, dass der im Fernsehen als Nahostexperte geltende Peter Scholl-Latour offenbar bei einer Konferenz des recht dubiosen Nationalbolschewisten Jürgen Elsässer zugesagt hat: "Elsässer macht keinen Hehl aus seinen rassenbiologischen Ansichten. Hinzu kommt eine starke Affinität zu Verschwörungstheorien, die vor allem durch sein Magazin Compact verbreitet werden. So ist Elsässer davon überzeugt, dass 9/11 ein 'inside job'und Osama Bin Laden CIA-Agent war. Eben dieses Magazin lädt nun also zur Konferenz - und Peter Scholl-Latour folgt dem Ruf."

Marcel Weiß findet es in Neunetz seltsam, dass FAZ-Autor Jürg Altwegg es einen "Boykott" nennt, wenn Google es ablehnt Steuern für die Setzung von Links auf französische Medienangebote zu bezahlen: "Wieso ist es Boykott, auf die Erbringung einer Leistung zu verzichten, für die man an jemand anderes bezahlen soll? Wenn es Presseverlagen frei stehen soll, für das Aufgeführtwerden ihrer Inhalte in Google bezahlt zu werden, dann muss es im Umkehrschluss auch Google und jeder anderen Suchmaschine frei stehen, auf diese zahlungspflichtige Integration der Inhalte dankend zu verzichten."

Stefan Krempl resümiert auf heise.de einen Vortrag des Creative Commons-Erfinders Lawrence Lessig, der bei einem netzpolitischen Kongress der Grünen ein neues Urheberrecht forderte: "Der Buchautor nannte als Grundbedingung für ein Urheberrecht fürs Internetzeitalter, dass dieses einfach sein müsse: 'Auch 15-Jährige müssen es verstehen können.' Derzeit sei es aber so komplex, dass selbst er als Rechtsforscher es nicht wirklich begreifen könne."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2012

Kulturkorrepondent Patrick Bahners berichtet vor Ort von Amerikas Fernsehwahlkampf und kann keinen Hehl aus seiner Ablehnung des Kandidaten Mitt Romney machen, dessen Ideen er aus dem Mormonentum herleitet. Zwei Artikel setzen sich mit den Erkenntnissen von Internetkritikern auseinander: Stefan Schulz bespricht Geert Lovinks Buch "Das halbwegs Soziale", in dem sich herausstellt, dass das Web 2.0 eine von Amerika zu verantwortende einzige Enttäuschung ist. Thomas Thiel hörte einem Vortrag David Gelernters beim DAI Heidelberg zu, der vor der Erosion der Privatsphäre warnte. In Frankreich versucht man schon, wie Jürg Altwegg meldet, ohne Google leben zu lernen.

Besprochen werden Puccinis "Fanciulla del West" in Mannheim, eine große Ausstellung des Malers R.B. Kitaj im Jüdischen Museum Berlin, eine Dramatisierung von Max Frischs "Biografie" in Basel und ein Büchner-Projekt von Falk Richter in Düsseldorf.

Süddeutsche Zeitung, 22.10.2012

Der Architekturkritiker Andrew Blum erzählt Andrian Kreye in dessen SZ-Blog von der Schönheit der physischen Internetstruktur, beispielsweise in einer Glasfaserkammer in Virginia: Da öffne man "eine Tür und es ist heiß, große Röhren mit Kabelsträngen kommen direkt aus dem Boden, und wenn man sich da hineinbeugt, kann man die Tonerde von Virginia riechen. Und dort ist das unfassbare Durcheinander des Netzes mit der Erdkruste verbunden."

Reichlich genervt kommt Christine Dössel aus der Aufführung von Patrick Steinwidders im Vorfeld als skandalöse Sex-und-Exzess-Inszenierung angekündigte Schnitzler-Interpretation "Der Reigen" im Marstall in München. Gänzlich unprovoziert zur Kenntnis genommen hat sie "ein Würgen und Stoßen, ein Hauen und Stechen, dass es dafür sogar eine 'Kampfchoreografie' (Bret Yount) brauchte. Mehr Kopf- und Herzarbeit und, ganz wichtig: Schauspielerführung wären zielführender gewesen. Man verlässt das Theater gepeitscht und fühlt sich: platt gemacht."

Weitere Artikel: Die Breivik-Rezitation am Rande des "Power and Dissent"-Kongresses in Weimarer scheiterte Burkhard Müller zufolge "gerade im Kaugummi", den Rezitatorin Sascha Soydan als Requisit kaute. Beim Atlantic liest Niklas Hofmann Alexis Madrigals Ausführungen zum "Dark Social", dem sozialen Netz der Instant-Messenger und E-Mails, das deutlich mehr Traffic erzeugt als Facebook und Twitter. Michael Stallknecht lässt sich von dem Pianist Zvi Meniker die Vorteile historischer Instrumente erklären. Jonathan Fischer stellt die tansanische Band Jagwa Music vor, die demnächst mit ihrer Mchiriku-Musik (ein auf alten Casio-Keyboards basierender Sound, "der sich losgelöst von allen westlichen Popmoden im Unterholz afrikanischer Großstädte entwickelt hat") auf Tour kommt. Und das klingt dann so:



Besprochen werden neue DVDs, ein Konzert von Igor Levit in München, die Ausstellung "Pracht auf Pergament" in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (hier gibt es daraus viele Digitalisate zu bestaunen) und Bücher, darunter Peter Sprengels Biografie über Gerhart Hauptmann.



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