Heute in den Feuilletons: "Wo leben wir eigentlich?"

Die "SZ" verabschiedet sich schon einmal von Präsident Barack Obama. Die "FAZ" berichtet von den Unterdrückungsmethoden gegen die weißrussische Presse. Vor einem allzu klaren Täter-Opfer-Bild warnt die "Welt" angesichts einer Ausstellung zur "Flucht und Vertreibung der Palästinenser".

Die Tageszeitung, 27.10.2012

Als Kind saß Gaby Coldewey in der "Landshut", als diese im Oktober 1977 nach Mogadischu entführt wurde. Für die taz erinnert sie sich nicht nur ausführlich an diese traumatische Erfahrung, sondern auch an den späteren unbeholfenen Umgang seitens der offiziellen Stellen und vieler Mitmenschen: Als Kind bekam sie von Helmut Schmidt ein Fahrrad. "Meine Eltern hingegen gar nichts. Keinen Brief, keine netten Worte und natürlich auch kein Geld. Geld floss schon, nur in andere Richtungen. So erhielt das arme Somalia 'von der Bundesrepublik Deutschland 1977/78 technische Güter und 'Warenhilfe' im Gesamtwert von 76 Millionen Mark.' Bei der Warenhilfe handelte es sich um Bargeld, insgesamt 25 Millionen Mark, von dem die Regierung Somalias Waffen kaufen konnte. Die 'Landshut'-Geiseln gingen leer aus."

Weitere Artikel: An Hundertwasser, dem die Kunsthalle Bremen eine große Ausstellung widmet, schätzt Georg Seeßlen "diese sonderbare Mischung aus fortschrittlichen, antiautoritären, humanistischen und aus konservativen, postromantischen, wenn nicht gar reaktionären Elementen." Das Hamburger Abendblatt wird mit Welt und Berliner Morgenpost zusammengelegt, berichtet Jürn Kruse. Außerdem wird der Medienteil Berliner Zeitung ins Feuilleton eingegliedert, weiß Steffen Grimberg. Jan Scheper spricht mit Niki Stein und Leonard Koppelmann, die das Leben Erwin Rommels als Fernsehfilm und Radio-Hörspiel aufbereitet haben. Charlotte Knobloch spricht sich im Interview gegen einen Nachdruck von Hitlers "Mein Kampf" aus. Martin Krauß beantwortet Fragen zur israelischen Küche. Julian Weber würdigt den Komponisten Conlon Nancarrow, der heute 100 Jahre alt geworden wäre.

Außerdem gibt es einen Schwerpunkt zum Thema "Intersexualität".

Besprochen werden Bücher, darunter Martin Walsers Roman "Das dreizehnte Kapitel".

Und Tom.

Aus den Blogs, 27.10.2012

Das ist einfach köstlich: Sony wird verklagt, weil der Schauspieler Owen Wilson in Woody Allens Film "Midnight in Paris" zwei Sätze von William Faulkner zitiert, meldet Gawkers Caity Weaver. "The suit, filed by Faulkner Literary Rights LLC, argues that people will be confused by the use of Faulkner's quote and name (also known as 'paraphrasing with attribution'), and might believe that there exists some sort of connection between William Faulkner and Sony." Ganz genau, Faulkner starb zwar 1962, aber man kann ja nie wissen!

Neue Zürcher Zeitung, 27.10.2012

Steffen Richter würdigt die Schriftstellerin Felicitas Hoppe, deren große Krisenerfahrung die Erfahrungslosigkeit ihrer Generation sei und die sich deshalb sehr gut mache in der Reihe der erfahrungsgesättigten Büchnerpreisträger. Trotzdem schön, dass hier eine Ästhetik des Spiels ausgezeichnet wird, findet Richter : "Immer lautet der Hoppesche Imperativ: 'Steh auf, nimm den Koffer und geh!' Alle ihre Romane, nicht erst 'Hoppe', zeugen von einer spielerischen, versuchsweisen Neukonturierung dieses Lebens. Und sie erteilen jedem Abbild-Realismus eine Absage."

Weiteres: Sam Mendes hat dem alternden James Bond nicht nur neues Leben, sondern auch Zukunft eingehaucht, schwärmt Susanne Ostwald von seinem "Skyfall". Christiane von Poelnitz ist eine tolle "Elektra", aber Hofmannthals Stück erscheint Martin Lhotzky auch in Michael Thalheimers Inszenierung einfach zu laut und peinlich pathetisch.

In Literatur und Kunst beschreibt der Germanist Peter Utz die Kultivierung der Katastrophe in der Schweizer Literatur. Der Altphilologe Heinz Hofmann rekonstruiert Konstantins Schlacht an der Milvischen Brücke. Ludger Lütkehaus erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Essayisten Jean Amery. Felix Meyer würdigt den amerikanischen Komponisten und großen Einzelgänger Conlon Nancarrow, der vor hundert Jahren geboren wurde und besonders gern für mechanische Klaviere komponierte.

Die Welt, 27.10.2012

"Wo leben wir eigentlich?", fragt sich Alan Posner entgeistert in einem Kommentar zur Debatte um die Ausstellung "Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser", die seit 2008 durch deutsche Kirchen und Gemeindehäuser tourt. Der Kritik, die Ausstellung reduziere den Komplex auf ein schlichtes Täter-Opfer-Schema, hatte die Neue Rheinische Zeitung entgegnet, es käme doch auch niemand auf die Idee, beim Holocaust die "einseitigen Schuldzuweisungen an Hitler" zu kritisieren. Darauf Posener: "Allerdings! Und niemand, der nicht zutiefst antisemitisch denkt und fühlt, würde Israelis und Nationalsozialisten gleichsetzen, wie die NRZ es tut. Genau diese Sichtweise will auch die von Christen gesponserte 'Nakba'-Propagandaschau fördern."

Weiteres: Andrea Backhaus berichtet von ihrem Treffen mit jungen palästinensischen Künstlern in Ramallah. Hannes Stein meldet die Eröffnung des Four Freedoms Park zu Ehren des Präsidenten Franklin D. Roosevelt in New York. Jan Küveler geht mit dem Theaterregisseur Sebastian Nübling in Zürich einen Kaffee trinken. Besprochen werden Michael Thalheimers (Ulrich Weinzierl findet: "großartige") Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals "Elektra" am Wiener Burgtheater und eine Retrospektive des Bildhauers Martin Honert am Hamburger Bahnhof Berlin (in der Hans-Joachim Müller beruhigt feststellt, "dass vielleicht doch nicht alle Befähigung zur Verwunderung verschwunden ist").

In der Literarischen Welt erinnert Fritz J. Raddatz an den großen Essayisten und Erzähler Jean Améry, der am 31. Oktober 100 geworden wäre. Henryk Broder polemisiert gegen den Vorschlag von Jerzy Montag, die Beschneidungsdebatte durch eine Volksabstimmung zu lösen. "Was zum Henker ist eigentlich Pulp?", fragt sich Thomas Klingenmaier. Besprochen werden unter anderem Christoph Ransmayers "Atlas eines ängstlichen Mannes", "Die Paradoxe des Mr. Pond und andere Überspanntheiten" von Gilbert K. Chesterton, "Kapital" von John Lanchester, "Glanz und Elend deutscher Selbstdarstellung" von Peter Reichel und "Die Physik der Zukunft" von Michio Kaku.

Süddeutsche Zeitung, 27.10.2012

Nicht das Christentum prägt Europas Identität, sondern die Überzeugungen der Moderne und des säkularen Staatswesens, ruft Orhan Pamuk Europa in einer wehmütigen Rückschau auf den eingeschlafenen Enthusiasmus, mit dem sich das Bürgertum der Türkei einst nach Europa sehnte, zu. Diesen Kern sieht er durch die sukzessive Abschottung Europas allmählich bedroht: "Heute, da Europa mit der Euro-Krise kämpft und die Erweiterung der EU sich verlangsamt hat, machen sich nur noch wenige von uns die Mühe, über diese Themen nachzudenken und zu sprechen. ... während der Leitspruch von Liberté, Egalité, Fraternité allmählich in Vergessenheit gerät, wird Europa sich leider in einen zunehmend konservativen Ort verwandeln, der von religiösen und ethnischen Identitäten beherrscht wird."

Weitere Artikel: Malte Herwig sichtet für einen ausführlichen Artikel auf Seite 1 des Feuilletons erste Forschungsergebnisse zur Geschichte des Bundesnachrichtendiensts, der diesen zufolge bis weit in die 60er Jahre Gestapo- und SS-Leute beschäftigte: "Es ist ein Lehrstück über die bewusste Selbsttäuschung eines Geheimdienstapparats, über bürokratische Hilflosigkeit und den fatalen Mangel an politischer Kontrolle." Niklas Hofmann spricht mit Ben Rattray von der Petitionsplattform Change.org

Besprochen werden eine Ausstellung mit Spätwerken von Richard Hamilton in der National Gallery in London, Christian Stückls Inszenierung von "Dantons Tod" am Münchner Volkstheater (Büchners "Überlegungen (...) verkommen auf der Bühne zu Phrasen aus dem Revolutionshandbuch, vorgetragen in Posen aus dem Handbuch für Historienspiel", stöhnt Cornelia Fiedler) und eine katholische Erzählung von Matthias Matussek.

Abseits des Feuilletons meint es die SZ heute gar nicht gut mit Barack Obama: Fast schon einen politischen Nachruf hat Stefan Kornelius für die SZ am Wochenende verfasst: "Obama ist der Präsident der Versprechungen, eingelöst hat er sie nicht; er ist ein Mann der Stimmung, nicht der Tat. Seine außenpolitische Präsidentschaft ist im besten Fall unvollendet. Im schlechtesten Fall ist sie misslungen." Auf Seite Drei fühlt sich Peter Richter bei der Einreise in die USA am JFK International von Farbgebung und Auftritt der Autoritäten her an DDR und Ostblock erinnert. Ein Bild, das sich fortsetzt: "Die Strecke von JFK International bis nach Manhattan (dürfte) mehr Schlaglöcher bereithalten als ganz Rumänien 1988."

Weiteres aus der Wochenendbeilage: Jörg Häntzschel besucht den Architekturfotografen Iwan Baan. Miriam Stein plaudert mit der Popmusikerin Taylor Swift. Außerdem werden Auszüge aus dem demnächst bei Suhrkamp veröffentlichten Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel abgedruckt (siehe auch diese Leseprobe).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2012

"Ein Triumph": Gerhard Stadelmaier donnert regelrecht seine Hymne auf Michael Thalheimers Inszenierung von Hofmannsthals "Elektra" an der Wiener Burg heraus: "Was bei Hofmannsthal Erregung, Hysterie, Ekstase, Raserei ist, auf Goldgrund gemalt, das wird hier zum Abenteuer einer Welt- und Schreckenssuche, in der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Und es zeigt sich, dass Worte wie 'Vater' oder 'Mutter' oder 'Liebe' oder 'Hass' zu groß für diese geschundenen, mit großen, traurigen Augen in die leere Welt hinausschauenden Köpfe sind. Thalheimer trifft hier das schwüle Stück in sein kühl gefrorenes Herz."

James Bonds Ära geht zu Ende, stellt Verena Lueken fest, und weil Sam Mendes das wohl weiß, sei ihm mit "Skyfall" einer der besten Filme der Serie gelungen: "'Ich kann im Pyjama an meinem Laptop noch vor der ersten Tasse Tee mehr Unheil anrichten, als Sie je verhindert haben', sagt Q., der Quartiermeister des Dienstes (gespielt von Ben Wishaw, der hier aussieht, als wäre er höchstens zwanzig)."

Weiteres: Ingo Petz berichtet vor den Wahlen aus Weißrussland, mit welch schikanösen Methoden Lukaschenkos Regime gegen Kritiker und Intellektuelle vorgeht, etwa gegen die Zeitschrift Arche, "die zu dem Besten gehören dürften, was in dem osteuropäischen Land gedacht und geschrieben wird". Gina Thomas berichtet von britischen Symposien zu Friedrich II.. Matthias Grünzig besichtigt die Preußensiedlung in Berlin-Altglienicke. Jürgen Dollase fragt in seiner Geschmackssachen-Kolumne, warum das Improvisieren eigentlich als Feind der guten Küche gilt. Asien-Korrespondent Christoph Hein erzählt die Geschichte des achtzigjährigen Myat Kywe, der Burmas wechselvolle Geschichte hautnah miterlebt hat. Jonathan Fischer stellt Larry Grahams neues Album "Raise Up" . Dass der Mann nicht nur Funk, sondern auch Jodeln kann, hat er schon lange bewiesen.

Besprochen werden Allan Millers und Paul Smacznys John-Cage-Film Shahrnush Parispurs Roman "Frauen ohne Männer", das Handbuch "Stefan George und sein Kreis"

In Bilder und Zeiten widmet Kathatrina Teutsch der große Reporterin Marie-Luise Scherer ein langes Porträt: "Marie-Luise Scherer ist keine Legende, sie ist eine Lunge, die lebenslang so viel Menschendunst aufgeatmet hat, vermischt mit dem Zigarettenqualm ihrer nächtlichen Schreibfessel, dass sie jetzt fürchtet, das strapazierte Organ zahle es ihr heim." Magdalena Ebertz besucht die Bibliothek von Alexandria. Wolfgang Sandner interviewt den Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Und in der Frankfurter Anthologie stellt Marie Luise Knott Rolf Bosserts "Lied" vor:

"Wohin mich mein Weg heute führt:
Ich weiß es am Morgen noch nicht.
Am Abend dann, peinlich berührt:
Auf der Milchstraße wieder kein Licht!...

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