Heute in den Feuilletons: Erinnerung an das Fieber

Die "taz" feiert vierzig Minuten Musik, die vor hundert Jahren die Welt veränderten. Die "New York Times" staunt über die französischen und deutschen Debatten zu Google. Und in der "FAZ" will der Politikberater Robert Kagan nicht an einen Niedergang Amerikas glauben.

Die Tageszeitung, 06.11.2012

Uwe Mattheiss feiert den "Pierrot Lunaire", mit dem Schönberg vor hundert Jahren das Tor zur Moderne aufstieß und an den in Wien eine Ausstellung im Schönberg Center und mehrere Konzerte erinnern: "In einer damals ungewöhnlichen, eher kammermusikalischen Besetzung formt Schönberg daraus gerade einmal 40 Minuten Musik, die die Welt verändern sollten. Schönberg selbst bildet dabei den expressiven Pol, der die einzelnen Farben der Komposition herausarbeitet und noch einmal den Nachklang und die Erinnerung aufkommen lässt an das Fieber, das die bürgerliche Gesellschaft von der Jahrhundertwende bis in den Ersten Weltkrieg hinein ergriffen hatte."

Weiteres: Detlef Kuhlbrodt berichtet mit der gewohnten Emphase vom Leipziger Dokfilmfestival. Micha Brumlik empört sich über die Bundeszentrale für politische Bildung, die seinem Bericht zufolge eine Revisorin nach Tutzing geschickt hat, um die Seminararbeit der Akademie zu überrpüfen. Sonja Vogel schickt Eindrücke von einer Eisenbahnfahrt in die montenegrinische Industrie- und Hafenstadt Bar. Benno Schirrmeister würdigt die Landesbühne Nordwest in Wilhelmshaven, die ihr sechzigjähriges Bestehen feiern darf. Carolin Weidner hört Michael Mayers Album "Mantasy".

Und Tom.

Die Welt, 06.11.2012

Wenn Mitt Romney die Wahlen gewinnt, könnte etwas sehr Hässliches in Amerika ausbrechen, fürchtet der amerikanische Reporter John J. Sullivan ("Pulphead") im Interview: "Neulich saß ich im Flugzeug neben einer Frau aus Texas, die mich auf ihre Ranch einlud - spontan, nett, amerikanisch. Irgendwann gestand sie mir, sie hätte so eine Angst davor, wo uns der Präsident hinführt, in den Sozialismus. Sie sagte das mit aufgerissenen Augen. Es ging nicht um tatsächlichen Sozialismus. Das Wort war durchtränkt mit Paranoia."

In der Leitglosse amüsiert sich Kolja Reichert über die Schauveranstaltung "Fly to Baku" im Berliner "me Collectors Room", mit der sich das aserbaidschanische Regime in gutem Licht zeigen will. Marc Reichwein hörte Orhan Pamuks Schiller-Rede in Marbach. Josef Engels resümiert das erste Berliner Jazzfest unter dem neuen Leiter Bert Noglik.

Besprochen werden Frank Castorfs Dramatisierung von Dostojewskis Erzählung "Die Wirtin" an der Berliner Volksbühne und eine Choreografie von Marie-Agnès Gillot für das Pariser Ballet de l'Opéra.

Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2012

Joseph Croitoru sieht auch unter den Muslimbrüder bisher keinen Grund zur Beunruhigung für Ägyptens Kultur. Im Gegenteil: "Kulturminister Arab hat offensichtlich freie Hand und handelt auch entsprechend. Er baut nicht nur konsequent persönliche Beziehungen zu Kulturpolitikern aus arabischen Ländern, der Türkei und Europa auf. Auch treibt er etliche, bereits unter Mubarak begonnene Kulturprojekte voran, von denen die säkularen Gegner der Muslimbrüder befürchtet hatten, sie würden, da nicht primär auf die islamische Tradition bezogen, schon bald blockiert werden."

Weiteres: Brigitte Kramer berichtet, wie Mexikos Künstler versuchen, das Land von seinem Image als Drogenstaat zu befreien. Auf der Medienseite unterhält sich Rolf Hürzeler mit der Jounalistin Annalena McAfee, die ihre Satire auf die britischen Medien "Zeilenkrieg" eigentlich als "Abschieds-Liebesbrief" vesteht.

Besprochen werden Christoph Marthalers Händel-Pasticcio "Sale" im Opernhaus Zürich, der Debütroman "Die Wand der Zeit" des Südafrikaners Alastair Bruce, der Briefwechsel zwischen Eugen Bleuler und Sigmund Freud, Derek Walcotts Gedichtzyklus "Weiße Reiher".

Frankfurter Rundschau, 06.11.2012

Die FR hat heute auf ihrer Online-Kulturseite drei Artikel über "Wetten, dass..?" und einen über Günther Jauch.

Weitere Medien, 06.11.2012

(Via Wolfgang Blau) David Carr von der New York Times fasst sich angesichts der Debatten über Leistungsschutzrechte für Pressekonzerne in Brasilien, Deutschland und Frankreich an den Kopf: "If all the publishers in the United States banded together to block Google, as in Brazil, they would be in court faster than you could say the Sherman Act. And while Washington faced a Web-enabled protest when it tried to assist the entertainment industry with antipiracy legislation, German and French publishers have a much closer - some would say symbiotic - relationship with the government."

Aus den Blogs, 06.11.2012

Google macht sein Geld keineswegs hauptsächlich mit Anzeigen im Umfeld von Presseinhalten hält Frédéric Filloux von der franzöischen Wirtschaftszeitung Les Echos in seinem englischsprachigen Blog zur französischen Debatte um Leistungsschutzrechte fest: "Coming back to the Press issues, let's consider both quantitative and qualitative approaches. In the Google universe - currently about 40 billion indexed pages -, contents coming from media amount to a small fraction. It is said to be a low single-digit percentage. To put things in perspective, on average, an online newspaper adds between 20,000 and 100,000 new URLs per year. Collectively, the scale roughly looks like millions of news articles versus a web growing by billions of pages each year."

Süddeutsche Zeitung, 06.11.2012

Peter Richter setzt seine Berichterstattung über das Sandy-geplagte New York fort und packt selbst mit an. In Birma muss Viola Schenz sich erst in Garagenräume hinter Wäscheleinen begeben, um eine Show der subversiven "Moustache Brothers" zu sehen, die seit dreißig Jahren das Regime im Land aufs Korn nehmen. In der Kontroverse um das im Frankfurter Städelmuseum ausgestellte Raffael-Bild von Papst Julius II. erläutert Kunsthistoriker Michael Rohlmann die Praxis der Bildkopie in der Renaissance. Jonathan Fischer spricht mit Drehbuchautor David Simon ("The Wire") über die Folgen von "Katrina" für New Orleans, die er in seiner Serie "Treme" verarbeitet. Eva-Elisabeth Fischer resümiert das Dance Festival in München.

Auf der Medienseite gehen die SZ-Autoren ächzend, schimpfend und (seltener) auch lobend der Frage nach, ob die peinliche "Wetten, dass..."-Sendung vom vergangenen Samstag mit Tom Hanks im Bremer-Stadtmusikanten-Kostüm nun große Unterhaltung war oder nicht. Michael Moorstedt freut sich unterdessen rechts daneben lieber, dass Kabel 1 "endlich" die Biker-Serie "Sons of Anarchy" ins Programm nimmt.

Besprochen werden Jeanine Meerapfels Film "Der deutsche Freund", Christoph Marthalers vom Publikum vehement ausgebuhter Händel-Abend "Sale" im Opernhaus Zürich (den Reinhar J. Brembeck immerhin vorsichtig verteidigt) und Bücher, darunter Michael Rutschkys "Das Merkbuch".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2012

Der Politikberater und Autor Robert Kagan will im Gespräch mit Olivier Guez nicht an den (gerade wieder vom Spiegel verkündeten) Niedergang Amerikas glauben: "Es ist nicht das erste Mal, dass Amerika sich in einer ernsthaften Krise befindet. In den 1930er Jahren, in den 1970er Jahren ... Immer wieder wird unsere Dekadenz überschätzt. "

Weitere Artikel: Jan Wiele lauschte einem Vortrag Orhan Pamuks in Marbach, in dem der Romancier an Schillers Versuch über naive und sentimentalische Dichtung anknüpfte.

Besprochen werden die große Schinkel-Ausstellung in Berlin, Debussys "Pelléas und Mélisande" in Frankfurt, Cornelia Funkes Stück "Die Geisterritter" am Thalia Theater Hamburg und Bücher, darunter Timur Vermes' Überraschungsbestseller "Er ist wieder da".

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