Heute in den Feuilletons: "Abrutschen in den Hass"

Putins Vize Surkow habe unter Pseudonym einen Schlüsselroman über das heutige Russland geschrieben, berichtet die "FAZ". In der "Welt" meint Werner Schulz, dass Pussy Riot den Martin-Luther-Preis durchaus verdient gehabt hätten. Die "SZ" arbeitet den Antisemitismus der Linken auf.

Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2012

Am 25. November wird in einer Volksabstimmung über die geplante Erweiterung des Zürcher Kunsthauses entschieden. Auf zwei Seiten bezieht die NZZ Stellung für das Projekt: Samuel Herzog wägt Für und Wider ab - Geld scheint in der Debatte übrigens keine Rolle zu spielen - und kommt zum Ergebnis: "Das wichtigste Argument für die Erweiterung des Kunsthauses ist ganz einfach - es lautet: Platz", immerhin schlummerten momentan 90 Prozent der Sammlung im Depot. Urs Steiner verweist darauf, dass durch die Verdopplung der Ausstellungsfläche endlich auch die Möglichkeit gegeben sei, aktuelle und lokale Entwicklungen zu zeigen. Und Roman Hollenstein versichert, David Chipperfields Entwurf werde mit "fein proportionierten und sorgfältig detaillierten Räumen" überraschen.

Weiteres: Als "Nadelöhr zum Literaturbetrieb" beschreibt Astrid Kaminski den Berliner Open-Mike-Wettbewerb, der an diesem Wochenende zum zwanzigsten Mal ausgetragen wird. Die amerikanische Band Green Day wird von ihrer Plattenfirma als "erfolgreichste Punkband der Welt" vermarktet - "Auch der Punk wurde halt vom Pop gefressen", stellt Roman Elsener dazu ernüchtert fest.

Besprochen werden eine Inszenierung der Oper "Samson et Dalila" von Camille Saint-Saëns im Grand Théâtre de Genève (die für Peter Hagmann "in allen Ehren gescheitert" ist) und Bücher, darunter Markus Heidingsfelders "System Pop".

Weitere Medien, 09.11.2012

(via longform) Roads & Kingdoms hat ein schönes Special über die amerikanischen Wahlen, gesehen aus der Sicht von 25 Reportern aus 23 Ländern. Chris Broekhoff etwa erlebte die Wahlen in der Big Bamboo Bar in Charlotte Amalie, Virgin Islands: "With my plate of locally-caught Mahi fish tacos, dub playing loudly in the background and election results streaming in on the flat screen TVs encircling the Big Bamboo's tiki bar, the ice-cold pilsner from the DR seemed an appropriate choice. Two Rastas joined me at the bar and as the silent screens showed Florida on a razor's edge one began a ragga-style mumble ad lib from which I could make out the words 'he's a big brown man,' 'elections,' and 'Florida.' I'm willing to call that as a vote for Obama."

Die Welt, 09.11.2012

Der Grünen-Politiker Werner Schulz wendet sich gegen Richard Schröder, der sich als Juror des Martin-Luther-Preises gegen die russische Frauenband Pussy Riot als Preisträger ausgesprochen hatte. Anders als Schröder sieht Schulz mehr als Gotteslästerung oder groben Unfug in ihrem Auftritt: "Der Auftritt war keine pubertäre Geschmacklosigkeit, sondern die Kunst, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wenn solche Aktionskunst dazu führt, dass lupenreine Demokraten ihr wahres Gesicht zeigen, hat sie ihren Zweck erfüllt. Der Fall hat mehr internationale Aufmerksamkeit gefunden als all die Menschenrechtsverletzungen und Morde an Journalisten."

Fürs Feuilleton besucht Julia Smirnova das neue Jüdische Museum (Website) in Moskau und schildert das verbliebene jüdische Leben unter Wladimir Putin. Wolf Lepenies erinnert an den visionären Aufsatz "Trans-National America", in dem der Autor Randolph Bourne schon 1917 ein Amerika voraussagte, wie es heute für Obama stimmte. Abgedruckt ist die Laudatio von Ingeborg Harms auf den mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis ausgezeichneten Germanisten Heinz Schlaffer.

Besprochen werden die große Vermeer-Ausstellung in Rom, der Dokumentarfilm "Camp 14" (mehr hier) über das nordkoreanische Gulagsystem und Lars Beckers Fernsehfilm "Geisterfahrer".

Aus den Blogs, 09.11.2012

(Via Dirk von Gehlen) Das Blog Designtaxi übernimmt von der Creative-Content-Website worth1000 die Siegerfotos eines Photoshop-Wettbewerbs: Die berühmtesten Männer der Welt als Frauen.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 09.11.2012

Birgit Walter stellt ein Gutachten zu den neuen Gema-Tarifen vor, das in letzter Sekunde neu berechnet werden musste, weil sich die Spielregeln mal wieder verändert haben: "Denn die Gema darf das. Sie darf im April neue Tarife für alle verkünden, im Juli mit Schützen und Karnevalisten eine Verschiebung und veränderte Zuschläge aushandeln, und im November mit dem Chef dreier winziger Vereine einen Einführungstarif beschließen. So etwas kann nur ein Monopolist: sich erst einen Haufen Geld für die Aufstellung solcher Tarife genehmigen - und danach in Häppchentaktik wieder zurückrudern."

Christian Thomas entnimmt der Rede Dieter Graumanns, Präsident des Zentralrats der Juden, in der Frankfurter Paulskirche ein "Existenzrecht der differenzierten Israelkritik". Autor Ken Follett spricht im Interview über die Verfilmung seines Mittelalterromans "Tore der Welt". Der amerikanische Literaturwissenschaftler Hans R. Vaget empfiehlt im Interview Barack Obama, er solle "öfter Reden an das amerikanische Volk halten, wie es Roosevelt gemacht hat zu seiner Zeit, und erklären, warum er dieses macht und jenes nicht".

Die Tageszeitung, 09.11.2012

Es sind vor allem die Bilder alter Körper, die Andrea Roedig in der Wiener Ausstellung "Körper als Protest" beeindruckt haben. Etwa die Fotos, die John Coplan von seinem Körper machte - immer ohne Kopf. "An einen Faun erinnert der stark behaarte Leib, der trotz des nackten Genitals oft weiblich wirkt in seinem Posieren. Die Geschlechter- und vielleicht auch Gattungsgrenzen verwischen. In dem wohl bekanntesten Bild 'Back with Arms above' (1984, Bild links) sieht man Coplans Rücken als einen viereckig, leicht abgerundeten Fleischklotz, über dem, von hinten emporgehoben, zwei Fäuste schweben wie die Fühler einer Schnecke. Die groß aufgenommenen verschränkten Finger ('Interlocking Fingers No. 17', 2000), könnten auch archaische Gewächse am Meeresgrund sein. Man muss den Körper nicht verfremden, man muss ihn nur etwas biegen nur nah genug herangehen, um zu sehen, wie fremd er ist, weil er lebt."

Weitere Artikel: Carla Baum spricht mit dem Hamburger Künstlerkollektiv HGich.T über Musik, Sex, Drogen und Arbeit. Als "Exempel für eine Spar-Debatte in einer armen Stadt" schildert Barbara Opitz die vielschichtigen Hintergründe der geplanten Schließung des Theaters Wuppertal. Daniel Bax informiert über ein Manifest, in dem Deutschgriechen gegen den wachsenden Rassismus in Griechenland protestieren. Auf der Wahrheitseite reißt Kriki alte Satzzeichen aus dem "Schatten des Vergessens" und weist nach, dass die zeitgenössischen Emoticons nichts als kalter Kaffee sind.

Besprochen werden die "leise" Ausstellung "Körper als Protest" in der Wiener Albertina, die sich "als Kontrapunkt zum in Österreich immer noch allgegenwärtigen Wiener Aktionismus" Hermann Nitschs Blutorgien versteht, Marc Wieses Dokumentarfilm "Camp 14 - Total Control Zone" über Shin Dong-yuk, der in einem nordkoreanischen Arbeitslager geboren wurde und aufwuchs (Rezensent Lukas Foerster stören allerdings die "digital verkitschten Erinnerungsbilder" und das "Anheimelnd-weich-Vertraute" von August Diehls Stimme), und das Album "Former Lives" des amerikanischen Indie-Rockmusikers Benjamin Gibbard.

Und Tom.

Aus den Blogs, 09.11.2012

Das Architektur-Blog Dezeen präsentiert eine Reihe ungewöhnlicher Polizeiwachen, unter anderem dieses Beispiel aus dem belgischen Charleroi, entworfen von Jean Nouvel.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2012

Ganz Russland rätselt, ob Vizepräsident Surkow hinter dem Pseudonym Natan Dubowizki steckt, der gerade mit seinem zweiten Roman, "Maschinka und Welik", das Land aus offenbar bestens informierter Perspektive seziert, schreibt der Schriftsteller Viktor Jerofejew, der zugleich den Verdacht von sich weist, er selbst könne der Autor sein. Beiden Romanen Dubowizkis bescheinigt er "aber eine hohe literarische Qualität", die ihn ziemlich in den Bann schlägt: "Die Motive zu durchschauen, die den nachlässig getarnten Autor zur Vivisektion Russlands animiert haben, ist nicht einfach, es sei denn, man zählte ihn zur Kategorie politisch Schizophrener oder Selbstmörder. Ich jedoch betrachte diese Romane als Notruf eines Autors, der die Geduld verloren, aber ein Gewissen bekommen hat - als SOS: Rettet unsere Seelen! Die Sache ist die, dass das heutige Russland immer tiefer im Hass versinkt. Und bei jedem noch tieferen Abrutschen in den Hass wird Russland immer kleiner, immer absurder und hilfloser."

Weitere Artikel: Sebastian Dörfler stellt das Statistik-As Nate Silver (hier sein Blog bei der NY Times) vor, das die Wahlergebnisse aller 50 US-Bundesstaaten korrekt prognostiziert hat. Constanze Kurz mutmaßt, dass bei den Geheimdiensten auch im Umgang mit der "Antiterrordatei" "wie gewohnt geschludert und getrickst" wird. Ulrich Olshausen genießt beim Jazzfest Berlin "eine Fülle neuer Ideen und unerwartete Grenzgänge". Edo Reents spaziert durch die neusortierte Dauerausstellung im Grass-Haus in Lübeck.

Auf der Medienseite stößt sich Sarah Khan am geleckten Look der Nazis in deutschen Filmen, die immer so aussehen, "wie sie es wohl im Ideal intendierten, was ihnen aber im Krieg und in Ermangelung von 48-Stunden-Deos und laufend Warmwasser wohl nie ganz gelang". Außerdem erinnert Tim Tolsdorff an den investigativen Journalist Eckart Heinze, der unter dem Pseudonym Michael Mansfeld dem Stern schon 1952 eine Spiegel-Affäre bescherte (mehr dazu in diesem historischen Zeit-Artikel).

Besprochen werden Ben Afflecks neuer Film "Argo", der Dokumentarfilm "Camp 14" und Bücher, darunter Mourad Kusserows "Schicksal Agadir".

Süddeutsche Zeitung, 09.11.2012

Kia Vahland hat sich das Röntgenbild des Julius-Bilds in Frankfurt angesehen, mit dem das Städelmuseum beweisen möchte, dass es tatsächlich von "Raffael und Werkstatt" stammt. Ganz und gar nicht überzeugend findet sie den nur auf diese Weise sichtbaren, als "Segenshand" interpretierten Weißschimmer - und das schon aus anatomischen Gründen. Und überhaupt: "Beschränkt sich der Anteil Raffaels auf untere Malschichten, die das Auge nicht sieht? Dann sollte man die Röntgenaufnahme in die Sichtachse hängen anstatt des Ölbildes."

Weitere Artikel: Vor allem in Deutschland ist der einstmals subversive "Poetry Slam" zu einer Ulkveranstaltung für konsenswilliges Ausgehpublikum verkommen, schimpft Boris Preckwitz in einer angenehm bösen Abrechnung. Ein mächtig schlecht gelaunter Lou Reed droht Klaus Walter im Gespräch Prügel an. Daniel Brössler entnimmt der Antwort (hier als PDF) des Bundestags auf die Anfrage der "Linken", wieviele Politiker der jungen Bundesrepublik zuvor NSDAP-Mitglieder gewesen sind, unter anderem, dass in den späten 50ern mehr als die Hälfte aller Beamten in leitender Funktion des Bundeskriminalamts in der SS waren. Peter Münch stellt Christina Friedrichs Projekt "Keep me in Mind" vor, das Erinnerungen von Shoah-Überlebenden sammelt (weitere Informationen hier als PDF).

Zum 9. November arbeitet Willi Winkler auf Seite Drei die Geschichte des Antisemitismus der militanten Linken seit den 60ern auf. Bereitwillig Auskunft erhält er von Protagonisten und Sympathisanten nicht gerade: "Kunzelmann schweigt. Ströbele meldet sich nicht. Renate Künast schweigt auch - und hofft, am Samstag aus der Ur-Wahl für die Spitzenkandidatur der Grünen als Siegerin hervorzugehen. Joschka Fischer will nicht an seinen Besuch bei Arafats PLO erinnert werden."

Auf der Medienseite freut sich Bernd Graff ein Loch in den Ast, dass der Economist seine Inhalte hinter einer Paywall versteckt, erwähnt aber mit keiner Silbe, dass nicht-registrierte Nutzer immerhin fünf, kostenfrei registrierte Nutzer schon zehn Artikel pro Ausgabe gratis lesen können - und dass der Zähler IP-gebunden ist.

Besprochen werden eine neue Aufnahme von Arvo Pärts "Adam's Lament", der Dokumentarfilm "Camp 14" über ein Gefangenenlager in Nordkorea und Julian Barnes' Erzählungsband "Unbefugtes Betreten".

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