Heute in den Feuilletons: "Keine lebenserhaltenden Maßnahmen"

Die "Welt" plädiert für ein zumindest im Humanitären großzügiges Engagement des Westens für Syrien. Die "taz" nimmt Abschied von der Welt im Besonderen und der Zeitung im Allgemeinen. Und im "Freitag" vermisst Harry Rowohlt sein Kinngrübchen und dann auch wieder nicht.

Die Tageszeitung, 20.11.2012

Der neue taz-Medienredakteur Jürn Kruse gibt der gedruckten Zeitung keine Zukunft mehr und findet es ganz richtig, dass Springer nur noch seine journalistische Marke retten will, nicht aber seine Zeitungen: "Jetzt wurde entschieden: Sollte die gedruckte Welt sterben, werden keine lebenserhaltenden Maßnahmen eingeleitet. Denn die neue Strategie fußt ausschließlich auf den zwei Antworten auf eine simple Frage: Wo lässt sich jetzt oder in naher Zukunft mit der Welt noch Geld verdienen? Im Internet. Und: am Sonntag."

Ralf Leonhard preist die von Elisabeth Leopold initiierte Schau "Nackte Männer" im Leopold Museum, die wieder einmal ordentlich die Wiener Wohlanständigkeit irritierte: "'Poesie des Körpers' schwebte der ehemaligen Ärztin damals als Motto vor. Und sie hatte nicht vor, sich dem Thema 'mit Zurückhaltung oder Feingefühl oder sonst in einer delikaten Form' zu nähern. Die Wandelbarkeit der menschlichen Existenz sei 'durch den nackten Mann besser darstellbar als durch nackte Frauen', gibt sich die Stifterwitwe überzeugt."

Weiteres: Isolde Charim ist der neue Narzissmus etwas unheimlich, der das Kind nicht nur zu seinem Ideal erkoren hat, sondern sozusagen auch zum Erziehungsberechtigten seiner Eltern. Dominik Kamalzadeh berichtet vom Filmfestival in Rom, dem Marco Müller ein so buntes Programm gegeben hat wie zuvor Venedig. Besprochen werden die New Yorker Foto-Ausstellung "Rise and Fall of Apartheid", das neue Club-Album des Londoner Dubstep-Veterans Mala und Sabine Bergks Theatersatire "Gilsbrod".

Und Tom.

Der Freitag, 20.11.2012

Ein schönes, bärig-brummiges Interview hat Harry Rowohlt Jakob Augstein für den Freitag gegeben. Ob er wohl immer, als Kind schon, einen Bart gehabt habe? "Ich habe mit vier angefangen, mir einen zu wünschen. Und sobald das ging, wäre ich ja schön blöd gewesen, wenn ich den abgemacht hätte. Ich musste mich einmal rasieren, weil ich eine Operation hatte. Dafür habe ich eine halbe Stunde gebraucht. Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass mein Kinngrübchen - ich hatte früher so eins wie Kirk Douglas - verschwunden war. Weil es nie jemand sehen konnte, ist es wohl verkümmert."

Die Welt, 20.11.2012

Auf der Forumsseite plädiert Richard Herzinger für ein deutliches Engagement des Westens in Syrien - zumindest für großzügige humanitäre Hilfe: "Die syrische Krise ist ein Lehrbeispiel für die Regel: Hält sich der Westen aus einem solchen Konflikt heraus, bedeutet dies, dass Mächte, die anderes im Sinn haben als Demokratie und Menschenrechte, das entstandene Vakuum füllen." Außerdem schimpft Marko Martin ganz allgemein auf Frankreich.

Im Feuilleton kritisiert Cornelius Tittel den für die Biennale Venedig 2013 geplanten deutsch-französischen Pavillon-Tausch. Torsten Krauel stört die Weihnachtsbeleuchtungn am Totensonntag. Dankwart Guratzsch bewundert wiederbelebte Kirchen in den Neuen Ländern. Waldemar Kesler unterhält sich mit Abel Lanzac über seinen die französische Politik ironisierenden Comic "Quai d'Orsay".

Besprochen werden die Inszenierung von Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" im Berliner Maxim-Gorki-Theater und ein Buch, in dem der mittelprominente Dirigent John Axelrod mit seiner Branche abrechnet.

Aus den Blogs, 20.11.2012

Heute hat die hinreißende Maja Plissetskaja 87. Geburtstag. Hier tanzt sie um 1959 in "Don Quichotte" (sie war auch 1967 als Carmen toll) als gäbe es kein Morgen. Und wurde dafür von einem Publikum belohnt, das noch eine Granate von einem Blindgänger zu unterscheiden wusste.

Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2012

Claas Gefroi freut sich, dass das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in seinen Period Rooms jetzt nicht nur Verner Pantons SPIEGEL-Kantine, sondern auch Dieter Rams' Arbeitszimmer zeigt: "Dieser Raum ist eine wunderbare Verdichtung dessen, wofür der Name Rams steht - ein Tempel der Klarheit, Materialgerechtigkeit und Funktionalität."

Weitere Artikel: Dirk Pilz ist noch nicht überzeugt von der neuen Intendantin des Berliner HAU, Annemie Vanackere: "Diskurskunstgewerbe" nennt er die Eröffnungsinszenierung der Gruppe Wunderbaum. Brigitte Kramer erinnert an das Erblühen der lateinamerikanischen Literatur vor fünfzig Jahren.

Auf der Medienseite berichtet Rainer Stadler von einer Zürcher Tagung zur Intransparenz sozialer Netzwerke. Tobias Feld meldet einen neuen Trend zum Stadtwiki.

Besprochen werden Kiran Nagarkars Hommage auf Bollywood "Die Statisten", Jonathan Lethems Memoiren "Bekenntnisse eines Tiefstaplers" sowie der Debattenband "Demokratie?" mit Texten von Badiou bis Zizek.

Weitere Medien, 20.11.2012

Tina Brown in einem epischen Interview mit dem New York Magazine auf die Frage, ob wir in zehn Jahren noch Tageszeitungen auf Papier haben werden: "Nein, ist die kurze Antwort, höchstens ausgedruckt zu Hause via Internet."

Süddeutsche Zeitung, 20.11.2012

Kai Strittmatter porträtiert den chinesischen Maler Yue Minjung, dessen Kaligrafien und Bilder von lachenden Gesichtern ihm im Detail einiges über China mitteilen: "Auf den ersten Blick denkt man, man habe sie kapiert, erst allmählich schleicht sich das Gefühl ein: Hier stimmt was nicht. China, das ist heute ein Land, das sich Kapitalismus und Profitlust in die Arme geworfen hat und doch behauptet, ein kommunistisches zu sein. ... Der neue Kapitalismus [hat] alle im Griff, ein von den Parteibonzen gesteuerter Kapitalismus, der um einiges mafiöser und roher wirkt als bei uns. Der Deal der Partei mit dem Volk ist: Macht Geld und haltet den Mund!" (Hier ein längeres Porträt Yue Minjungs von Ruth Kirchner im Handelsblatt)

Weitere Artikel: Das Kino entdeckt die Rentner für sich - und das auf und vor der Leinwand, beobachtet Susan Vahabzadeh. Gottfried Knapp ärgert sich "über die dreistige Wurstigkeit", mit der ruhige Rahmenbedingungen benötigende Videoarbeiten im Gewusel "wichtiger Ausstellungen" versenkt werden. Jens-Christian Rabe und Jan Biener begeistern sich beim Popfestival "Rolling Stone Weekender" vor allem für die polnische Band Poliça. Erfreulich wenig Kulturpessimismus erlebte Klaus Walter bei einer Franfurter Tagung über Pornografie im Internet. In Rom besucht Henning Klüver die neu eröffnete Bibliotheca Hertziana des Max-Planck-Instituts für Kunstgeschichte. Michael Stallknecht hörte beim mit unter anderem mit Peter Sloterdijk besetzten Symposium des Münchner Literaturfests eine "phrasendreschende Selbstkopie des 'Philosophischen Quartetts'". Egbert Tholl erlebt beim ersten in Dresden dirigierten Konzertabend von Christian Thielemann, anders als erwartet, leider keine Offenbarung.

Besprochen werden Pete Travis' Slo-Mo-Actionreißer "Dredd" und Bücher, darunter in einer großen Sammelbesprechung viele neue Veröffentlichungen zur Arabellion.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2012

Nils Minkmar interviewt Bernard-Henri Lévy zur Eurokrise. Die Entlassung Griechenlands und Italiens aus dem Euro erschiene ihm aus symbolischen Gründen (unsere griechischen und römischen Wurzeln!) katastrophal, zugleich konzediert er: "Der Euro ist zum Untergang verdammt, wenn das politische Europa sich nicht zusammennimmt. In dieser Frage hat Merkel gegen Hollande recht. Entweder Europa erfindet die politischen Institutionen, die eine gemeinsame Währung möglich machen, oder die gemeinsame Währung wird sterben."

Weitere Artikel: Niklas Maak kritisiert den für die Biennale Venedig 2013 geplanten Tausch der französischen und deutschen Pavillons. Christian Geyer nennt den Arbeitgeber-Vorschlag für ein Kürzung der Elternzeit kurzsichtig. Jan Ludwig erzählt auf der Medienseite, wie das jüngste Propagandabild eines angeblich von Israelis (in Wirklichkeit wohl von einer Hamas-Granate) getöteten Kindes zustande kam.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Raffael-Zeichnungen in Frankfurt, "Bahnwärter Thiel" im Gorki-Theater, Verdi und Wagner in der Oper Venedig, ein Konzert des Band Ariel Pink in Köln und Bücher, darunter César Airas Roman "Der Literaturkongress".

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