Heute in den Feuilletons: "Als hätten sie permanent gekokst"

Die "Zeit" sucht nach Rettung für den Qualitätsjournalismus und befragt fast zwanzig Medienchefs. Die "taz" erinnert an die legendäre Filmkritik der "FR" in den Siebzigern. In der "FAZ" äußert sich Oskar Lafontaine zur Europa-Politik.

Weitere Medien, 22.11.2012

Noch lebt sie! Der Aufsichtsrat von Gruner und Jahr hat sich gestern abend nicht entschließen können, die Financial Times Deutschland einzustellen: "Es laufen aktuell letzte Gespräche zu einem potenziellen Verkauf der FTD", verkündete Sprecher Claus-Peter Schrack nach der Sitzung. Laut den stets gut informierten Wirtschafstsseiten der FAZ (hier) soll die FTD möglicherweise aber nur noch bis 7. Dezember erscheinen.

David Harnasch sammelt für die Jüdische Allgemeine israelkritische Stilblüten zum neuesten Gaza-Konflikt. Besonders unterhaltsam ist, wie Michael Lüders, ein Berater von Unternehmen, die in arabischen Ländern investieren wollen, seine tiefsinnigen Einsichten zum Konflikt bei der ZDF-Moderatorin Dunja Hayali platzierte: "'Man kann natürlich Hunderte Palästinenser töten, (…) aber das Problem ist politisch und bleibt bestehen. Der Gazastreifen ist einer der größten Elendsstreifen der Welt.' Hayali sekundierte und sprach vom 'Ghetto mit Meerblick', bevor Lüders den israelischen Militäreinsatz als Wahlkampftrick 'entlarvte'. Zwar lag Netanjahu in allen Umfragen bereits vor dem Einsatz weit vorne. Und wie unpopulär Bodeneinsätze samt der unvermeidlichen toten Soldaten beim israelischen Wahlvolk sind, hätte Lüders bei Netanjahus Vorgängern Peres und Olmert erfahren können..."

Die Tageszeitung, 22.11.2012

"Als das Sehen noch lehrbar war" überschreibt Christina Nord ihre Erinnerung an die "legendäre" Zeit der Filmkritik in der Frankfurter Rundschau in den siebziger und achtziger Jahren. "Was Schütte, Koch und Witte in der Rundschau betrieben, war insofern besonders, als es ein Labor war: Kritische Theorie und Kino landeten im Rundkolben und schlugen Funken. Siegfried Kracauer bildete einen wesentlichen Bezugspunkt; Witte etwa gab dessen Schriften heraus, und auch Adorno spielte eine zentrale Rolle, ohne dass sich die Autoren von dessen Strenge die Lust am Kino hätten nehmen lassen."

Weiteres: Isabella Reichler unterhält sich mit dem Filmemacher Pierre Schoeller über seinen Politthriller "Der Aufsteiger" um einen fiktiven französischen Verkehrsminister. "Sexualität hat keine Lobby", erklärt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in einem Gespräch mit Jan Feddersen und Martin Reichert über die amerikanische Angst vor Sex und die "Strafaffekte gegenüber Sexualität außerhalb einer Paardynamik".

Besprochen werden die "nonchalante" Familienkomödie "3/Tres" des urugayischen Regisseurs Pablo Stoll Ward, der Animationsfilm "Das Geheimnis von Kells" von Tomm Moore und Nora Twomey ("visuell ein einziges Fest"), der Roman "Die Erfindung der Kindheit" des chilenischen Autors Alejandro Zambra über eine Kindheit in der Pinochet-Diktatur und zwei Bücher über China: "Madame Zhou und der Fahrradfriseur. Auf den Spuren des chinesischen Wunders" des Journalisten Landolf Scherzer und die "Geschichte Chinas" des Hamburger Chinaforschers Kai Vogelsang.

Und Tom.

Aus den Blogs, 22.11.2012

Nicht das Internet, sondern eine verfehlte Politik bei Gruner + Jahr ist schuld am Ende der Financial Times Deutschland, meint Jens Schröder in Meedia: "Die FTD ist ein Produkt, das zu keinem Zeitpunkt profitabel war - auch nicht in Zeiten, in denen es den Papiermedien noch deutlich besser ging. Offenbar diente es in all den Jahren als Prestigeprodukt, mit dem sich Gruner + Jahr schmücken wollte. Irgendwann muss sich eine Verlagsführung aber unweigerlich die Frage stellen, wie viel Geld einem dieses Prestige wert ist."

Ebenfalls in Meedia schlägt Hans-Peter Siebenhaar, Redakteur beim Handelsblatt, eine Zusammenlegung von ARD und ZDF vor, um zwei Milliarden Euro jährlich einzusparen: "Das System der Nimmersatten leidet nicht daran, dass es zu wenige Milliarden vom Bürger bekommt, um einen Neuanfang zu wagen. Es leidet vielmehr daran, dass es zu viele Milliarden erhält." Siebenhaar hat gerade ein Buch zum Thema Öffentlich-rechtliche Anstalten geschrieben.

Sehr interessant schreibt Geoffrey O'Brien im Blog der New York Review of Books über den "Lincoln"-Film von Steven Spielberg und Drehbuchautor Tony Kushner: "If the film is moving it is because it is also, by virtue of Tony Kushner's intricately constructed screenplay, so dry and precise about the political practicalities that are its real subject matter. Lincoln avoids any suggestion of epic; the Civil War is reduced to a close and ugly hand-to-hand skirmish and a battlefield strewn with corpses. Restricting themselves almost entirely to the first five weeks of 1865, Spielberg and Kushner show us for once a Lincoln too busy working to spend much time cutting a sublime figure."

Die Welt, 22.11.2012

Alan Posener glaubt nicht recht, was die Bischöfe unterschiedlicher Couleur in einem ökumenischen Papier zum neuen Nahostkonflikt schreiben, in dem sie die Palästinenser und Israel warnen, sie würden die arabische Welt in eine Radikalisierung treiben: "Hallo? Wenn man von einer Eskalation der Gewalt reden will, die das Zeug hat, die Region zu destabilisieren und zu radikalisieren, so wäre doch wohl zuallererst der Massenmord des alawitischen Regimes in Syrien an der eigenen sunnitischen Bevölkerung zu nennen."

Auf der Kinoseite werden die neuste "Twilight"-Episode und Pierre Schoellers Film "Der Aufsteiger" besprochen.

Der Freitag, 22.11.2012

Nee, aus der Zeitungskrise gibt es keinen Ausweg, meint Klaus Raab: "Die neuen Leser. Viele von ihnen dürften in Zeitungsleserhaushalten aufgewachsen sein, aber gefüllt bis obenhin mit Bindungsunlust fragen sie sich: Warum sollte ich immer im selben Restaurant essen? Ist die Welt nicht vielfältiger, als eine einzige Zeitung wissen kann? Und so probelesen sie hier mal und da mal und stellen dann fest, dass es auch reicht, ab und zu im Café die schönsten Kolumnen zu lesen; dass es Sudoku auch auf dem Smartphone gibt..."

Neue Zürcher Zeitung, 22.11.2012

Sari Nusseibeh, Direktor der Al-Kuds-Universität Jerusalem und Autor des Buches "Ein Staat für Palästina. Plädoyer für eine Zivilgesellschaft in Nahost", spricht im Interview mit Carsten Hueck über die verfahrene Lage im Konflikt zwischen Israel und Palästina. Von seiner Vision einer Einstaatenlösung sieht Nusseibeh die Parteien sich im Augenblick immer weiter entfernen: "Umfragen und Trends in Israel zeigen, dass die Gesellschaft extrem nach rechts rückt. Und auf der palästinensischen Seite ist es dasselbe. Wir spiegeln uns im anderen. Wenn die Israeli durchdrehen, tun wir das auch. Wenn eine Seite vernünftig wird, wird es auch die andere. Man kann die beiden nicht voneinander trennen und sollte nicht der Illusion verfallen, dass in dieser Situation sich eine Seite irrational, die andere aber rational verhalten kann."

Weiteres: Markus Bauer informiert, dass die rumänischen Städte Iasi und Piatra-Neamt ihre Theatergebäude renoviert haben. Besprochen werden der Film "Breaking Dawn - Part 2" (laut Alexandra Stäheli "ein (nicht besonders komplexes) Märchen über Transgressionen"), eine Blu-Ray-Box mit 14 Hitchcock-Filmen ("filmhistorisch massgeblich", findet Susanne Ostwald) und Bücher, darunter Richard Yates' Roman "Eine gute Schule".

Die Zeit, 22.11.2012

Thema der Woche ist die Krise der Printmedien. In einem aufgeregten Leitartikel macht Chefredakteur Giovanni di Lorenzo die Branche selbst dafür verantwortlich. So manisch, "als hätten sie permanent gekokst", hätten die Zeitungsschaffenden das Internet als Medium der Zukunft gefeiert: "Entsprechend lieblos wurde plötzlich manche verdiente Regionalzeitung behandelt und mit Sparrunden entkernt; es entstand ein Berufsbild, in dem der Journalist kaum mehr ist als ein multimedialer Dienstleister, der den Input seiner Kunden moderiert."

"Wenn aber die FAZ unterginge", fragt bang Götz Hamann. Er informiert über Hintergründe und Ausmaß der Krise, beklagt den Untergang von FR und FTD, als seien sie der Gipfel des Qualitätsjournalismus gewesen, und informiert uns, dass "große Einsparungen" in der SZ bevorstehen. Und der FAZ geht es auch nicht so doll: Dort tue sich "dieses Jahr ein Millionenverlust auf". Zugleich gebe es einige gedruckte Zeitungen, die ihre Auflage erhöhen konnten (Zeit, FAS). Also liegt es vielleicht doch nicht nur am Internet?

Auf insgesamt vier Seiten zum Thema beantworten u.a. 19 Zeitungs- und Zeitschriften-Chefs von der Bild bis zur Landlust Fragen nach Fehlern und Versäumnissen. Die meisten geben zu, sich viel zu spät mit dem Internet auseinandergesetzt zu haben. FAZ-Chefredakteur Frank Schirrmacher dagegen fragt zurück: "Wie kann man von Fehlern reden, wenn eine ganze Branche sich einigt, dass geistige Arbeit keinen materiellen Wert hat?" Wolfgang Blau, der jetzt von Zeit online zum Guardian geht, meint: "Ich habe unterschätzt, wie schwierig es für Zeitungsredakteure ist, ihre einmal erlernte berufliche Identität zu hinterfragen und sich auf das Netz wirklich einzulassen."

Im Feuilleton äußert sich der Konstanzer Literaturprofessor Bernd Stiegler zur Tugendterror-Debatte: Die moralische Empörung, die sich über einzelne Personen der Öffentlichkeit ergießt, richtet sich eigentlich gegen das nicht fassbare, moralbefreite Marktsystem. Andrea Hünniger besucht den Schriftsteller Ernst Augustin in seinem "völlig surrealen Münchner Haus". Susanne Mayer nimmt Abschied von Hillary Clinton, die angekündigt hat, sich von ihrem Amt als US-Außenministerin zurückzuziehen. Als "eine der besten Schauspielerinnen der Gegenwart" beschreibt Martin Eich in einem Porträt Valery Tscheplanowa.

Besprochen werden Alexei Fedortschenkos Film "Stille Seelen" (ein "mit allen Wassern gewaschenes Kinokunstwerk", meint Maximilian Probst), die Künstler-Casting-Show "Alles für die Kunst!" auf arte (bei der "niemand verbohlt und nichts geklumt" wird, wie Hanno Rauterberg versichert: "entblößt wird allenfalls der Kunstbetrieb in seiner ausgeprägten Selbstgefälligkeit"), die Ausstellung "Acts of Voicing" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart und Bücher, darunter Andreas Huckeles unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers veröffentlichten Odenwaldschule-Erinnerungen "Wie laut soll ich denn noch schreien?".

Süddeutsche Zeitung, 22.11.2012

Sehr detailliert betrachtet Andreas Zielcke die rechtliche (und, anders als viele Kommentatoren glauben machen wollen, sehr differenzierte und abwägende) Grundlagendiskussion in Israel zur gezielten Tötung, in der Zielcke einen zentralen Aspekt heutiger und kommender kriegerischer Auseinandersetzungen sieht. Viel Spaß hatte Christopher Schmidt beim Auftritt des Grazer Schriftstellers Clemens J. Setz beim Münchner Literaturfest ("Am Ende ... hatte er die gescheite und nicht unwitzige Schriftstellerkollegin Felicitas Hoppe aus dem Feld geschlagen und musste gleich zwei verzagte Professoren der LMU wieder aufrichten.") David Steinitz nimmt den Jungfilmern beim Filmhochschulfestival in München wegen deren immer besseren technischen und infrastrukturellen Möglichkeiten keine Ausreden mehr ab.

Besprochen werden neue Kinofilme, darunter ausführlicher Pierre Schoellers Opportunistensatire "Der Aufsteiger", eine Ausstellung über Ida Gerhardi im Prinzenpalais in Oldenburg, die Ausstellung "Verführung Freiheit" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (einer eher unterwältigter Stephan Speicher liest in deren Begleittetxten manche "plumpe Art der Allegorese"), Hesse- und Shakespeare-Inszenierungen am Schauspielhaus Zürich und Bücher, darunter Gabriel Josipovicis Roman "Unendlichkeit".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2012

Oskar Lafontaine lässt nichts anbrennen: Schon nach vier Monaten antwortet er auf Bofingers, Habermas' und Nida-Rümelins "Einspruch gegen die Fassadendemokratie" und Plädoyer für mehr Europa. Die Autoren zeiht er allerdings der Verblasenheit: "Eine abstrakte Demokratie- und Europaliebe läuft immer Gefahr, sich in Unverbindlichkeit zu verlieren, weil man sich den konkreten Problemen vor der eigenen Haustür nicht stellen will. ... Das demokratische Europa beginnt zu Hause und verlangt zuallererst in Deutschland eine Politik, die den Interessen der Mehrheit entspricht. Gelingt das nicht bei uns, dann wird es erst recht nicht auf europäischer Ebene gelingen."

Gil Yaron stellt das israelische Tel-Haschomer-Spital in Tel Aviv vor, das palästinensischen Opfern der jüngsten Auseinandersetzungen im Nahen Osten medizinischen Beistand bietet. Eine Utopie im Kleinen, die die Hamas dazu bringe, "auch die letzten humanitären Verbindungen zwischen Israelis und Palästinensern zu kappen. Am Dienstag lehnte der Rote Halbmond in Gaza und im Westjordanland ein Angebot der israelischen Rettungsdienste ab, Hilfe und Beistand zu leisten. Am Nachmittag beschossen palästinensische Terroristen den Grenzübergang Kerem Schalom, an dem Israel dem Gazastreifen Waren liefert."

Weitere Artikel: Jan Ludwig spricht mit Dirigent Vladimir Jurowski, der beim Raketenangriff auf Tel Aviv für fünf Sekunden die Musik aussetzen ließ. Dietmar Dath beobachtet die Dialektik zwischen digitalen Spezialeffekten und altem Effekte-Handwerk. Günter Kowa genießt das Rätseln vor dem "Heiligen Grab" in Gernrode, das nach zehn Jahren wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Jan Knobloch resümiert das Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Ulrich Olshausen hört beim Irish Folk Festival unter anderem Coverversionen von Nenas "99 Luftballons".

Auf der Medienseite schwärmt Sandra Kegel von "Borgen", der "besten Fernsehserie der Welt", die, oh Wunder, nicht aus den USA, sondern aus Dänemark stammt und "intelligent und auf witzige Weise böse" hinter die Kulissen der Politik blicke. Die zweite Staffel beginnt heute auf arte.

Besprochen werden der neue und letzte Twilight-Film, eine Ausstellung aus der Sammlung Gunter Sachs im Museum Villa Stuck in München, eine Schönberg-Aufnahme der Salzburger Festspiele und Bücher, darunter Fariba Vafis Roman "Kellervogel".

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