Heute in den Feuilletons: Die Fans rollen mit dem Bauchspeck

Die "NZZ" rät ab von Knoblauch und Zwiebeln: Sie könnten Leidenschaften anregen. Die Rolling Stones sind gar nicht so gealtert, findet die "Welt". Google mobilisiert gegen Leistungsschutzrechte. Die "taz" verortet die Grünen zwischen Ekel vor der Unterschicht und neuer Bürgerlichkeit.

Neue Zürcher Zeitung, 27.11.2012

Hoo Nam Seelmann berichtet, dass die traditionelle Klosterküche in Korea wieder hoch im Kurs steht. Die ist nicht nur gesund, sondern macht auch schön, streng verboten sind aber alle Knoblauch- und Zwiebelsorten: "Die fünf Pflanzen werden aber als hinderlich bei Meditation und Studien angesehen, da damit gewürzte Speisen die Sinne aufreizen und die Ruhe im Innern stören könnten. In der Lehre von Yin und Yang gehören die fünf Lebensmittel zu den yanghaltigen, die nicht dämpfend, sondern verstärkend auf die Leidenschaft wirken, was das zölibatäre Leben gewiss erschweren dürfte."

Weiteres: Marko Martin trifft in Bangkok die Regisseurin Ink K, deren Film "Shakespeare must die" gerade verboten wurde, da Thailands Herrschercliquen offenbar zu viele Anspielungsmöglichkeiten auf ihren Machtkampf fürchteten. Joachim Güntner war auf einer Tagung zur Zukunft der Museen, bei der unter anderem Aleida Assmann, Harald Welzer und Kathrin Passig sprachen. Frank Schäfer erinnert an Jimi Hendrix, der heute siebzig Jahre alt geworden wäre.

Da Zeitungen systemrelevant sind, haben sie noch eine große Zukunft vor sich, wenn auch nicht unbedingt auf Papier, glaubt auf der Medienseite Hans Gasser, Chef der österreichischen Zeitungsverleger: "Es gibt kaum eine Branche, die sich so konsequent krankjammert, wie die unsere, und das auf höchstem Niveau."

Besprochen werden Michael J. Sandels Schrift "Was man für Geld nicht kaufen kann", Hans Ulrich Gumbrechts Band "Nach 1945" und Christoph Schlingensiefs von seiner Frau Aino Laberenz abgeschlossene Autobiografie "Ich weiß, ich war's" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 27.11.2012

Recht unheilschwanger klingt die Frage, die Google in seiner Kampagne gegen Leistungsschutzrechte seinen Nutzern stellt: "Willst Du auch in Zukunft finden, was Du suchst?" Und fordert: "Verteidige dein Netz!" Oder dein Google?


Die Welt, 27.11.2012

Die Stones feiern ihren Fünfzigsten mit einer Tournee. Obwohl sie inzwischen aussehen, als hätten sie die 50 Jahre in der Erde gelegen, lässt Jan Küveler nichts auf die Band kommen. Da gibts viel schlimmeres, meint er: "Die Stones mögen bewundernswert jung geblieben sein - Mick Jagger tanzt, als gäbe es kein morgen -, doch ihre Fans sind gealtert. Sie lassen ihren Bauchspeck rhythmisch kreisen und winken mit den Tickets, die sie mit Glück für 400 Pfund am Ticketschalter, mit Pech für mehr als 1000 im Internet gekauft haben. Phänotypisch ähneln die Älteren durchaus den Besuchern eines Volksmusikkonzerts, mit dem Unterschied, dass Letztere die krasseren Klamotten tragen."

Weitere Artikel: In der Glosse amüsiert sich Tim Ackermann über die Pyramide aus 410.000 leeren Ölfässern, die Christo in der Wüste von Abu Dhabi errichten will. Hans Jürgen Syberberg, der vor mehr als zehn Jahren in seinen Geburtsort Nossendorf zurückgekehrt ist, hat den dortigen Kirchturm gerettet, erzählt Ingo Langner. (Die Kirche kann man in Syberbergs Blog bewundern)

Besprochen werden Shakespeare- und Schillerinszenierungen in Berlin (Matthias Heine giftet über die inflationär gebrauchten Reclamhefte als Inszenierungsmittel), Norbert Schoerners Fotoband "Third Life" (über den Ulf Poschardt schreibt: "Schoerner destilliert aus den Zukunftsvisionen der Popkultur einen posthumanen Kosmos, der seltsam friedlich daherkommt.") und zwei Mozart-Premieren: Hans Neuenfels' "Finta giardiniera" und Barrie Koskys "Zauberflöte".

Im Forum rät die norwegische Journalistin Ingrid Brekke vom Betreuungsgeld eher ab. In Norwegen, wo es das seit 1998 gibt, sind die Erfahrungen eher negativ, erzählt sie.

Aus den Blogs, 27.11.2012

(Via Matthias Rascher) Ein Fotoessay auf boston.com: Winter, Frühling, Sommer, Herbst am Jenissei.

Ein schwedischer Werbespot für Seife aus den frühen Fünfzigern - gedreht von einem gewissen Ingmar Bergman. "Ingmar Bergman's Soap Commercials Wash Away the Existential Despair", kommentiert Open Culture.


Die Tageszeitung, 27.11.2012

Auf der Meinungsseite fragen Stefan Reinecke und Christian Semler, ob sich die neue Bürgerlichkeit der Grünen aus dem Interesse fürs Gemeinwohl speist oder aus dem "Ekel vor der Unterschicht": "Die grüne Bürgerlichkeit meint Werte und Gemeinwohl. Doch dabei schwingt etwas anderes mit: der Wunsch, Distanz zum sozialen Unten zu markieren. Die Frage ist, ob die Grünen in der Lage sind, über ihre eigenen Schichteninteressen hinaus für die Interessen der 'Unterklasse' einzutreten. Kann die Partei ihre eigene Interessenlage transzendieren? 'Ideen', schrieb Karl Marx, 'blamieren sich stets vor Interessen'."

Niklaus Hablützl feiert die beiden Mozart-Inszenierungen in Berlin: Die "Zauberflöte", an der Komischen von der Regiegruppe 1927 als Stummfilm-Bühnenshow inszeniert, findet er "schlicht atemraubend", Hans Neuenfels' "La Finta Giardiniera" findet er nicht minder fesselnd: "Man hört gebannt zu, erkennt sich wieder und beginnt zu verstehen. Nicht so sehr, wie es um den Sex und die Liebe bestellt ist, wohl aber, worin Mozarts Größe bestand."

Weiteres: Jens Uthoff war auf einem Konzert der Südtiroler Chauvinisten-Band Frei.Wild. Mario Scalla berichtet von einem Symposium zum Filmemacher Jack Smith. Ingo Arend hat auf der Contemporary Istanbul erlebt, wie die Kunstspekulation in eine neue Phase überging. Außerdem weiß Julia Große, dass Zuschreibungen oft in die Irre führen und afrikanische Gewänder eigentlich keine Identität unterstreichen: "Die Stoffe imitieren indonesische Batikmuster und wurden in Holland eigens für den dortigen Markt entworfen."

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2012

Dietmar Dath entlarvt die von einigen Technopropheten propagierte Idee, das Bargeld abzuschaffen, als durchschaubare Strategie interessierter Marktakteure auf dem Weg zu noch effizienterer Akkumulation des Kapitals. Jan Wiele versucht sich auszumalen, was Jimi Hendrix, der heute siebzig Jahre geworden wäre, wohl bei einer "Unplugged"-Sitzung gespielt hätte. Emanuel Derman untersucht Kleinanzeigen weiblicher Singles auf die Frage, ob sie sich nach "Shades of Grey" geändert haben. Auf der Medienseite liest Joseph Croitoru eine Studie über Islamismus im Internet .

Besprochen werden Tschaikowskys "Mazeppa" in Heidelbergs neuem Theater, "Was ihr Wollt" in der Regie Katharina Thalbachs am Berliner Ensemble, eine Ausstellung über die Werkbundsiedlung Wien ebendort und Bücher, darunter Michail Schischkins neuen Roman "Briefsteller" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 27.11.2012

Beim Verlinken einer in der FAZ besprochenen Ausstellung über die Werkbundsiedlung ist uns folgende Aktion des Wienmuseums aufgefallen: "Im November wird Wien so richtig schiach. Via Facebook suchen wir nun nach den hässlichsten Orten und Ecken der Stadt." Unsere Idee: Auf die gleiche Art könnte man doch mal in Berlin nach schönen Orten suchen lassen!

Süddeutsche Zeitung, 27.11.2012

Die SZ hat ihren Onlineauftritt renoviert. Sieht gut aus. Die Schrift ist größer und man will jetzt auch nach draußen verlinken. Stefan Plöchinger erklärt die Neuerungen.

Andrian Kreye besucht die Aufnahmen zum neuen Album des Jazzmusikers Till Brönner (hier dessen aktuelles Video). Ira Mazzoni schildert die Ergebnisse der Provenienzforschung in der Kunstsammlung NRW. Das Londoner Jubiläumskonzert der Rolling Stones weckt Alexander Mendens Interesse immer vor allem dann, wenn sich Gastmusiker auf der Bühne dazugesellen. Sebastian Hartmanns "mein faust" am Centraltheater in Leipzig sieht eher aus "wie eine Molière-Zerrüttung" und frustriert jeden an Goethe interessierten Philologen, meint Till Briegleb. Rudolf Neumaier informiert über den Stand der Ermittlungen gegen das rechtsextreme Katholikenblog kreuz.net.

Auf der Medienseite erklärt Johannes Boie, wie die Zeit Programmierern ihr gesamtes Archiv über eine API zur Nutzung offenlegt (damit etwa Regionalblätter für die Region relevante Artikel zusammenstellen können) und damit eine Vorreiterrolle einnimmt: "Sorge, Inhalte gratis zu verschenken, hat man in Hamburg nicht. Im Gegenteil. Eine gut funktionierende Schnittstelle und die technischen Weichen, die man im Vorfeld habe stellen müssen, seien die Grundlage für künftige Geschäftsmodelle, sagt Chefredakteur Wolfgang Blau."

Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, ein Auftritt der Pianistin Martha Argerich in München und Bücher, darunter Michio Kakus "Die Physik der Zukunft" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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