Heute in den Feuilletons "1967 hat die Sonne quasi durchgeschienen"

In der "Berliner Zeitung" erklärt der Konzertagent Berthold Seliger, wer an den hohen Ticketpreisen verdient. Die "Welt" bringt geschichtstheoretische Erörterungen von Lemmy Kilmister. In der "FAZ" erledigt Frank Rieger die Debatte um die Leistungschutzrechte und Dennis Meadows die Menschheit.


Aus den Blogs, 04.12.2012

Die erste iPad-Zeitung der Welt, Rupert Murdochs The Daily, wird nach knapp zwei Jahren eingestellt, meldet Hamilton Nolan bei Gawker. Murdoch lobte in einer Presseerklärung sein Projekt als mutiges Experiment, das "leider nicht genug Leser anzog, um es auf absehbare Zeit profitabel zu machen". Auch Jeff Jarvis kommentiert im Guardian das Ende von The Daily: "Though it looked quite nice and its content was competent, that content was all-in-all just news and news is a commodity available for free in many other places." Eine ausführliche Analyse außerdem in Gigaom.

Währenddessen kündigte, ebenfalls laut Nolan in Gawker, die Chefredakteurin der New York Times, Jill Abramson, an, sie könne 30 Mitarbeitern der NYT eine Abfindung anbieten, wenn sie freiwillig gehen. Anderenfalls müsste sie Kündigungen aussprechen.

Ashton Kutcher wird Steve Jobs spielen. Auch Walter Isaacsons Jobs-Biografie wird verfilmt, melden Techcrunch (hier) und Mashable (hier).

Die Tageszeitung, 04.12.2012

Deniz Yücel erinnert die verschreckten Journalistenkollegen daran, wie kühl sie blieben, als zum Beispiel 11.000 Angestellte von Schlecker entlassen wurden. So schrieb damals die Welt: "Es ist aus der Sicht jeder einzelnen Frau verständlich, dass sie sich so viel Abfederung und finanzielle Hilfe wie möglich wünscht. Doch als hilfsbedürftig und unselbstständig dargestellt zu werden, hilft ihnen nicht."

In seiner Kolumne erklärt Micha Brumlik, warum Israel so wütend ist über die Anerkennung Palästina als Beobachter-Staat der UN: "Mit der Aufnahme wird zudem das Mantra der Regierung Israels, dass ein Staat Palästina ausschließlich aus Verhandlungen mit Israel hervorgehen dürfe, Lügen gestraft."

Besprochen werden das neue Album "Landing on a Hundred" von Cody ChesnuTT (das Fatma Aydemir ein bisschen zu gefällig geraten ist), eine Ausstellung über den Architekten als Berufsstand an der TU München, Iris Hanikas Roman "Tanzen auf Beton" und Lucía Puenzos Spurensuche "Wakolda".

Und Tom.

Berliner Zeitung, 04.12.2012

Nicht die Musiker treiben die Preise für Konzertkarten in ungeahnte Höhen, schreibt der Konzertveranstalter Berthold Seliger in der Berliner Zeitung, sondern die Ticketverkäufer, die den Markt immer mehr dominieren: "Monopolstrukturen und überteuerte Preise gibt es nicht nur in den USA, wo das weltgrößte Ticketing-Unternehmen Ticketmaster mit dem weltgrößten Konzertveranstalter Live Nation fusionierte, und zwar nicht unbedingt zum Vorteil der Verbraucher. In Deutschland ist der börsennotierte Konzern CTS Eventim AG der Marktführer in der Rolle eines Quasi-Monopolisten."

Die Welt, 04.12.2012

Felix Mescoli plaudert mit Lemmy Kilmister von Motörhead über die guten alten Zeiten, als man noch im Park mit den Bäumen sprechen konnte: "Wir nahmen LSD und gingen in den Richmond Park. Das war großartig, wunderschön. Wissen Sie, 1967 hat die Sonne quasi durchgeschienen. Es war eines dieser Jahre. Es war … wissen Sie, das ist das Problem mit Geschichte. Du musst dabei gewesen sein, um sie zu verstehen. Sonst hast du keine Ahnung. Es war wie auf einem anderen Planeten. Es gab mehr Optimismus. Heute herrschen Pessimismus und Verzweiflung."

Weiteres: Nach einer ganzen Reihe von Bibliotheksneubauten wird nächste Woche der neue Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden eröffnet, Frank Maier-Solgk setzt angesichts dieser Renaissance neue Hoffnung in das gedruckte Wort. Sandra Blass erinnert daran, wie die Nazis alle jüdischen Anklänge aus den Weihnachtsliedern zu tilgen versuchten. Wolf Lepenies erklärt, dass die politische Linke traditionell wenig Einfluss in den USA hat, nicht aber die kulturelle Linke. Matthias Heine blickt auf die Versteigung ehrwürdiger Wörterbücher bei Bonhams voraus. Matthias Kamann preist die Bibel der Bildzeitung an.

Neue Zürcher Zeitung, 04.12.2012

Großes Lob von Jürgen Tietz für die von Barkow Leibinger gebaute "Tour Total", den neuen Berliner Sitz des Energiekonzerns Total: "Es ist ein elegantes Spiel aus Norm und Abweichung, das das amerikanisch-schwäbische Architektenpaar mit Sitz in Berlin hier entfacht. ... Die Architekten haben ein System aus weißen, scharfkantigen Betonfertigteilen entwickelt, das sie auf das Raster der tragenden Betonfassade legen. Expressive Betonelemente mit einer K-förmig gefältelten Oberfläche wechseln sich so mit stehenden Fensterformaten ab, die bis zum Boden der Geschosse hinabreichen. Das Ergebnis ist eine skulpturale Hochhauskomposition, die die Sonne zum ambitionierten Spiel mit Licht und Schatten einlädt".

Weitere Artikel: Uwe Justus Wenzel räumt Loblieder aufs Unglücklichsein vom Schreibtisch. Nach 15 Monaten tritt der Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses Staffan Valdemar Holm wegen schwerer Depression und Burnout zurück, meldet Hans-Christoph Zimmermann, den das angesichts der Düsseldorfer Politiker nicht wundert. Peter Hagmann war beim Festkonzert 200 Jahre Wiener Musikverein.

Besprochen werden eine Corot-Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe und Bücher, darunter die Carlos Ruiz Zafóns Roman "Der Gefangene des Himmels" und Helmut Böttigers Studie zur Gruppe 47.

Auf der Medienseite stellt Stephan Russ-Mohl zwei Bücher vor, die sich mit der fehlenden Transparenz und Selbstkritik von Medienorganisationen auseinandersetzen. Andreas Mink stellt den neuen Mann an der Spitze von CNN vor, Jeff Zucker. Und Rainer Stadler meint angesichts der Kampfberichterstattung zum Leistungsschutzrecht: "Der Journalismus würde intelligentere Interessenvertreter verdienen."

Süddeutsche Zeitung, 04.12.2012

Mit einigem Erstaunen begutachtet Laura Weissmüller die in Lens eröffnete Dependance des Louvre, die sich dem Pomp des Mutterhauses so gar nicht fügen möchte: Das Nationalmuseum tritt dort architektonisch "bescheiden auf. Das Haus (...) vermeidet jeden Ehrfurcht einflößenden Gestus. Die Räume für die Wechselausstellung oder das Auditorium sind sogar so zweckmäßig geraten, dass sie streckenweise den Charme einer Mehrzweckhalle besitzen. Und doch, etwas Spektakuläres hat der Louvre-Lens zu bieten: die Galerie der Zeit. Hier findet keine Wechselausstellung statt. Stattdessen: ein Extrakt des Louvre - ein grandioses Wagnis!" Flankierend dazu unterhält sich Joseph Hanimann mit Louvre-Direktor Henri Loyrette.

Weitere Artikel: Cathrin Kahlweit erlebt bei einer Diskussion ungarischer Schriftsteller über das Thema "Heimat" in Budapest "eine seltsame Mischung aus Trauer, Sarkasmus und Härte gegen sich selbst". Tobias Bauckhage empfiehlt der Filmindustrie, die immer mehr vom Erfolg des ersten Startwochenendes ihrer Filme abhängig ist, sich das eine oder andere bei Obamas Marketingkampagnen abzuschauen. Volker Breidecker berichtet von der ersten Veranstaltung der Reihe "Literaturen rund ums Mittelmeer" (mehr) in Triest.

Besprochen werden Scott Walkers neues Album "Bish Bosch" (auf dem sich der Musiker "diese absolute Freiheit der Assoziation" nimmt, jubelt Joachim Hentschel), diverse in Wien aufgeführte Stücke von Jura Soyfer (Helmut Schödel findet sich im Akademietheater "im Würgegriff des Nichts" wieder) und Bücher, darunter Friederich Schorlemmers "Klar sehen und doch hoffen".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2012

Frank Rieger vom Chaos Computer Club (der im FAZ-Feuilleton sonst die dunklen Seiten des Netzes ausleuchtet) rückt die auch von der FAZ bisher höchst tendenziös geführte Debatte um Leistungsschutzrechte zurecht: "Den üblen Geruch von 'Wes Brot ich ess, des Lied ich sing' werden etliche Journalisten, aber auch einige selbsternannte Internetvordenker erst einmal schwer wieder loswerden. Natürlich spricht nichts gegen ein engagiertes Eintreten für die eigenen Interessen, jedoch wurde hier die Grenze zur intellektuellen Unredlichkeit und stilistisch fragwürdigem ad hominem an etlichen Stellen überschritten." Ohnehin müsse man alles auf den Grundwiderspruch zurückführen, nämlich "das Verhältnis von Marktideologie und Gesellschaft".

Ob es noch so weit kommt, erscheint allerdings fraglich, wenn man Joachim Müller-Jungs Interview mit Dennis Meadows liest, der für den Club of Rome die Formel von den "Grenzen des Wachstums" erfunden hat und der Menschheit nach wie vor eine schlechte Prognose ausstellt: "Selbst wenn wir jetzt einen Knopf zum Ausschalten drücken könnten, wäre es zu spät, weil so viel Treibhausgase schon in der Pipeline stecken. Was zu tun wäre? Praktisch glaube ich nicht, dass wir das als Menschheit in den Griff bekommen."

Besprochen werden zwei neue Stücke von David Mamet (eins davon mit Al Pacino) am Broadway, Händels "Giulio Cesare" in Frankfurt, eine Antoon van Dyck-Ausstellung im Prado in Madrid und ein Auftritt von Florence and the Machine in Frankfurt, außerdem Bücher, darunter eine Studie von Fridolin Schley über W.G. Sebald.

Online lesen kann man jetzt Niklas Maaks sehr schönen FAS-Artikel über die neue Wohnkultur in Berlin (hier und hier), die Kultur durch Culture ersetzt: "Die neuen Bauprojekte verdrängen nicht einfach nach guter alter Gentrifizierungsart das Einfache und Provisorische durch ein wohlhabendes bürgerliches Leben. Sie zombifizieren die Stadt: Sie lassen das, was sie verdrängten - die Ateliers, die kleinen Kunsträume, das Improvisierte, Provisorische - als wertsteigerndes, belebendes Bild wiederauferstehen. Die neue Stadt baut als Fiktion nach, was sie soeben verdrängte".

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