Heute in den Feuilletons: "Inkarnation des Bösen"

Wird Mo Yan in seiner Nobelpreisrede Liu Xiaobo erwähnen?, fragt die "Welt". Das ganze chinesische Volk würde ihm jedenfalls zuhören. In der "taz" lotet Najem Wali die Schizophrenien arabischer Politik aus. Und der Suhrkamp-Prozess wird mal als Farce, mal als Tragödie gedeutet.

Die Tageszeitung, 07.12.2012

Einen Vorstoß Richtung Polizeistaat sieht der irakische Schriftsteller Najem Wali in der aktuellen Mobilmachung der Golfstaaten gegen die Muslimbrüder. "Es ist eine Pointe der Weltgeschichte, dass die Golfländer die Gefahr der Muslimbrüder fürchten, die ohne deren logistische und finanzielle Unterstützung niemals zu dieser Stärke gekommen wären. In diese Logik der Unlogik passt, dass ausgerechnet die Golfländer die syrische Opposition nun mit Waffen und Geld versorgen und sie auch als die einzige legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkannt haben. Und das, obwohl bei dem Gang der Entwicklung dort ein Teil dieser Opposition von den Muslimbrüdern gestellt wird. Was für eine Heuchelei!"

Weiteres: Oscar Niemeyer sei der "einzige der unter den Bedingungen des Bauhauses und der unmittelbaren Nachkriegsmoderne sozialisierten Architekten", schreibt Clemens Niedenthal in seinem Nachruf, der "noch eine von sämtlichen Fragen des Sozialen entledigte globale Superstararchitektur kennen gelernt" hatte. Cristina Nord schildert einen Besuch in Niemeyers Museum für zeitgenössische Kunst in Niteroi, das ihr den Atem verschlagen hat. Tim Caspar Boehme würdigt den verstorbenen Jazzpianisten Dave Brubeck. Und die Auslandskorrespondenten der taz deklinieren durch, wie staatliche Subventionsmodelle für Zeitungen in anderen europäischen Ländern funktionieren und ob sie auch für Deutschland taugen. Auf der Meinungsseite plädiert Steffen Grimberg für öffentlich-rechtliche Stiftungen.

Besprochen werden ein Berliner Konzert des Musikers, Arrangeurs und Lyrikers Hans Unstern und der Rückblick "Sequence. A Retrospective of Axis Records" von Label-Gründer und Techno-Produzent Jeff Mills, der als Bildband und USB-Stick oder 2 CDs erhältlich ist.

Und Tom.

Weitere Medien, 07.12.2012

Die Financial Times Deutschland verabschiedet sich ohne bittere Note mit einem Rückblick auf die besten Scoops der Zeitung.

Außerdem kursiert aus der Rubrik das Letzte ein Gedicht Georg Dahms - "Auf rosa Socken". Daraus ein Auszug:

"Es ist dir zu viel Geld zerronnen,
du traust dem Strumpf nicht mehr.
Denn all die Ehr', die wir gewonnen,
nährt nicht den Aktionär. (...)"

Die Welt, 07.12.2012

In China ist wegen des Nobelpreises ein Riesenrummel um Mo Yan entstanden, berichtet Johnny Erling. Die Reise nach Stockholm, für die er fünf Anzüge gekauft hat (darunter einen Mao-Anzug) wird für ihn nicht einfach werden. 134 Nobelpreisträger fordern das Regime auf, Liu Xiaobo und seine in Sippenhaft in Hausarrest gehaltene Frau Liu Xia freizulassen. Mo Yan hatte sich nach dem Nobelpreis zwar schon pro Liu geäußert, aber in China hatte die Zensur sein Statement unterdrückt: "Die meisten Chinesen lasen und hörten so nicht mal was davon. Diesmal aber würden sie es erfahren, wenn Mo Yan sich in Stockholm als 135. Nobelpreisträger in die Liste der Namen einreiht, die für die Freiheit seines Landsmanns öffentlich eine Lanze brechen." Diesmal, so Erling, wird Mo Yans Rede in China live übertragen. Mehr zum Thema in der South China Morning Post.

Weitere Artikel: Tilman Krause fragt, was um Himmels willen den Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach reitet, den Verlag juristisch zu demontieren. Boris von Brauchitsch schreibt zum Tod von Oscar Niemeyer. Und Josef Engels würdigt Dave Brubeck. Und porträtiert den Theaterautor Lutz Hübner.

Besprochen werden die große Ausstellung zum Fund der Nofretete-Büste vor hundert Jahren in Berlin und der Film "Shut Up and Play the Hits" über die Band LCD Soundsystem (mehr hier).

Aus den Blogs, 07.12.2012

Das immer wieder zu empfehlende Architekturblog Dezeen präsentiert "Key projects by Oscar Niemeyer in Brazil photographed by Pedro Kok".

Die taz gehört neben der Bild und dem Münchner Merkur zu den Zeitungen, die der Deutsche Presserat 2012 rügte, meldet Meedia. Tatsächlich sieht in diesem Fall die Bild-Zeitung richtig gut aus neben der taz. Glückwunsch.

(Via Meedia) Nachdem Springer-Lobbyist Christoph Keese im Streit um Leistungsschutzrechte Google mit den Taliban verglich (wofür er sich inzwischen entschuldigte) und Mathias Döpfner gar von "Hehlerbande" sprach, fragt sich Wolfgang Michal auf Carta, wie weit die Empörung bei den Vertretern der Qualitätsmedien noch gehen wird: "Die Karikaturen, die von der Neuen Welt gezeichnet werden - verbal oder als Bild - sind nicht mehr allzu weit entfernt von ähnlichen Mustern in der Vergangenheit. Nur schade, dass sich Steve Jobs und Mark Zuckerberg nicht als Zigarren schmauchende, fette und krummnasige Kapitalisten darstellen lassen, die mit großem Appetit die Weltkugel verspeisen."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 07.12.2012

Christian Thomas im Nachruf auf den Architekten Oskar Niemeyer: "Dächer ließ er schwingen. Wände beschrieben einen aufregenden Faltenwurf. Die Charta von Athen war ihm ein Katechismus wie wohl auch das Kommunistische Manifest."

Birgit Walter freut sich, dass sich die Gema freut, dass ihre geplante Tariferhöhung bis zum Urteil des Schiedsgerichts verschoben wurde. Peter Michalzik berichtet über einen Streit um das Mannheimer Theater. Markus Schneider schreibt den Nachruf auf Dave Brubeck.

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung der "Traviata" an der La Monnaie Oper in Brüssel und Ezra Pounds "Cantos".

Neue Zürcher Zeitung, 07.12.2012

Joachim Güntner ist unschlüssig, ob es sich beim juristischen Schlagabtausch zwischen den Suhrkamp-Gesellschaftern Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach um eine Tragödie oder eine Farce handelt, und zitiert den vorsitzenden Richter mit den Worten: "Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen."

Besprochen werden eine Inszenierung von Georges Bizets "Carmen" an der Nationaloper Paris (die Peter Hagmann einen "Abend von bleierner Langeweile" bescherte), drei filmische Annäherungen an John Cage sowie zwei voluminöse CD-Boxen von und ein Buch über Dietrich Fischer-Dieskau.

Ansonsten trägt die NZZ heute Trauer: um den brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer, den amerikanischen Jazzpianisten Dave Brubeck und den französischen Philologen Jean Bollack.

Aus den Blogs, 07.12.2012

(via Bookslut) Noreen Malone blättert für The New Republic ungläubig durch die Erinnerungen der Vogue-Redakteurin Grace Coddington: "You've been all those places and met all those people and you have nothing interesting to say about it?" Da war Diana Vreeland doch ein anderes Kaliber, meint sie nach Lektüre der Vreeland-Biografie von Amanda Mackenzie Stuart. Vreeland nahm als Chefredakteurin von Vogue und Harper's Bazaar dezidiert unhübsche Mädchen wie Barbra Streisand, Anjelica Houston oder Penelope Tree aufs Cover. "Ja, Vreeland diktierte, was Mode war. Das war ihr Job. Aber sie ermutigte auch Idiosynkrasie, mit der Wahl ihrer Modelle und mit ihren Ratschlägen. Ein aufrechtes Rückgrat, innere wie äußere Haltung, waren notwendig. Das Modell Veruschka erfuhr, dass sie aus der Vogue verbannt worden war, weil sie 'wie ein Opfer statt wie eine Heldin' aussah. Vreeland wollte so viele Heldinnen wie möglich erschaffen." In Amerika läuft gerade ein Dokumentarfilm über sie (Trailer).

Weitere Medien, 07.12.2012

In mehreren Städten Frankreichs haben einige Zehntausend gegen ein geplantes Gesetz zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe protestiert. In Paris wurden Teilnehmerinnen einer Gegendemo angegriffen, dabei wurde auch die Journalistin Caroline Fourest verletzt, die das Geschehen filmte. Das Gesetz, davon ist sie im Interview mit der Jungle World überzeugt, werden sie damit nicht aufhalten können: "Ja, aber die Debatte darüber wird noch lang und hart. Schon beim Pax ist es so gewesen. Heute haben wir fast dieselbe Ausgangslage. Erzkonservative Katholiken schaffen es, durch Demonstrationen und homophobe Kampagnen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihnen schließen sich gewaltbereite Rechtsextreme an, denen es nur darum geht, Homosexuelle physisch und verbal anzugreifen. Letztlich aber wird das Parlament im Sinn der Mehrheit aller Franzosen entscheiden und das Gesetz verabschieden."

Süddeutsche Zeitung, 07.12.2012

Die ganze erste Feuilletonseite ist dem Architekten Oscar Niemeyer gewidmet. Peter Burghardt erklärt Niemeyers Status als "brasilianischer Weltstar wie sonst nur die Fußballspieler von Pelé bis Kaká, die Sänger wie Chico Buarque und Caetano Veloso, den Massenautor Paulo Coelho." Jörg Häntzschel schreibt unterdessen einen ausführlichen Nachruf: "Während Le Corbusier von einer architektonischen Mechanik träumte, bei der die Form wie bei Schiff, Auto oder Flugzeug der Funktion folgte, waren Niemeyers architektonische Vorbilder die 'weißen Strände, riesigen Berge, alten Barockkirchen und die schönen, sonnengebräunten Frauen'. Wie niemand vor ihm nützte Niemeyer die neuen Möglichkeiten aus, die der Stahlbeton bot. Es gab keinen Grund mehr, sich auf rechte Winkel zu beschränken."

Online finden wir bei der SZ außerdem eine Bilderstrecke, ein Interview von 2011 und einen Essay von Kia Vahland. Bei Flickr stöbern wir unterdessen in einem förmlich aus allen Nähten platzenden, Niemeyer gewidmeten Fotopool.

Weitere Artikel: Bestätigt fühlt sich Franziska Augstein vom Fazit einer Berliner Podiumsdikussion, wonach fast alle Gründer des Bunds der Vertriebenen zuvor Unterstützer des NS-Systems waren. Lothar Müller erklärt einige Hintergründe im Suhrkamp-Prozess. Alexander Menden spricht mit dem Regisseur Martin McDonagh über dessen neuen (von Fritz Göttler besprochenen) Film "7 Psychos". "Der schiere Wahnsinn", bejubelt Karl Bruckmaier das neue, schlanke 58 Lieder umfassende Weihnachtsalbum des US-Indie-Musikers Sufjan Stevens.
Besprochen werden Bücher, darunter Ulrike Sterblichs "Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2012

Der Soziologe M. Rainer Lepsius widerspricht Bofingers, Habermas' und Nida-Rümelins Plädoyer für ein souveräneres Europa gegenüber den Mitgliedsstaaten. Weitere Eingriffe in die nationale Souveränität hält er nicht für das geeignete Mittel, um die Staatsschuldenkrise (die er in der konsequenten Missachtung des Maastricht-Vertrags zur Schuldenbegrenzung mitverursacht sieht) zu überwinden: "Die Vorstellung, Schulden in der abgelaufenen Größe könnten jemals zurückgezahlt werden, ist eine Illusion... Ein Schuldenschnitt erscheint unvermeidlich, auf jeden Fall ein Moratorium für die Zinszahlungen. Das ist der Preis für die Sicherung des Euro und des europäischen Projekts."

Weitere Artikel: Niklas Maak erinnert sich an seine persönlichen Begegnungen mit Oscar Niemeyer, der dabei stets so wirkte, "als bestehe der Mann ganz aus Koffein, so lebendig, wie er herumgestikulierte". Constanze Kurz schreibt über Vorbehalte der USA gegenüber chinesischer Netzwerktechnologie, in der sie bewusst eingebaute Spionagetools vermuten. Beim Frankfurter Konzert von Rufus Wainwright würde Wiebke Hüster "fast lieber der CD" zuhören. Wolfgang Sandner verabschiedet sich von Dave Brubeck.

Besprochen werden eine Ausstellung im Neuen Museum Berlin zum hundertsten Jubiläum des Nofretete-Funds, eine Ausstellung der Kunstsammlung des Hauses Alba im Centro Cibeles de la Cultura y Ciudadanía in Madrid und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Allen Ginsberg und Jack Kerouac.

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