Heute in den Feuilletons: "Die Zeit zur Abrüstung wird knapp"

Suhrkamp ist Thema Nummer eins: Das Landgericht Berlin erklärt Ulla Unseld-Berkéwicz für abgesetzt. Für die "FAZ" ist das Urteil eine Katastrophe, weil die Geschäftsführung nun nur noch auf Abruf bestellt sei. Die "SZ" sieht das Ende der Ära Berkéwicz dämmern. Die "Welt" sucht den Kompromiss.

Die Welt, 11.12.2012

Nach einem Urteil des Landgerichts Berlin ist Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags abberufen worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Richard Kämmerlings beschreibt detailliert, worum es in den verschiedenen Rechtsstreits zwischen dem Gesellschafter Hans Barlach und Ulla Unseld-Berkéwicz eigentlich geht. Am Ende zeigt sich, dass Barlach schlicht einen anderen Verlag will, der mehr Geld bringt. Statt zu fragen, warum er dann nicht selbst einen gründet, plädiert Kämmerlings für Appeasement: Wenn Barlach "die Geschäftsführung (mit-)bestimmen dürfte, bliebe der Verlag immerhin bestehen. Gerade bewegen sich aber beide Parteien auf den - gemeinsamen - Untergang zu. Es wird Zeit, dass sich gewichtige Vermittler einschalten, dass zur Vernunft gerufen wird, zur Abrüstung. Es wird knapp."

Der Schauspieler Javier Bardem erklärt im Interview, warum er sich mit seinem Dokumentarfilm "Hijos de las nubes, la última colonia" (Söhne der Wolken, die letzte Kolonie) für die Unabhängigkeit der West-Sahara von Marokko einsetzt: Es kümmert sich sonst niemand drum. "Die Situation in der Region wird von den Regierungen als relativ kleines Problem betrachtet, eigentlich ganz einfach zu lösen. Seit 1991 gibt es einen UN-Beschluss, dass ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara abgehalten werden soll. Das wurde bislang von Marokko verhindert. Ebenso wenig überwacht die UN die Einhaltung der Menschenrechte in den von Marokko kontrollierten Gebieten - obwohl die Vereinten Nationen mit einer Beobachtermission präsent sind."

Weiteres: Manuel Brug meldet "Kreischalarm in Salzburg", weil Dirigent Franz Welser-Möst abgesagt hat. Mitten in Paris wird demnächst eine große russisch-orthodoxe Kirche gebaut, berichtet Uwe Schultz. Besprochen wird Robert Carsens Inszenierung der Prokofiew-Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" an der Deutschen Oper Berlin.

Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters erklärt das neue Bezahlmodell der Welt, das ab morgen gelten soll: "Von nun an kann jeder Nutzer pro Kalendermonat 20 Artikel auf unserer Internetseite kostenfrei lesen. Ab dem 21. Artikel - und das ist neu - bieten wir Ihnen zu fairen Preisen unsere digitalen Abo-Modelle an." Das Abo gibt's für 50.000 aktivsten Leser der Welt Online erstmal umsonst, für die anderen kostet die billigste Variante 0,99 Cent im Monat - ein Preis, der dann offiziell auf 6,99 Euro pro Monat steigen soll. Wer über externe Links kommt, muss nichts bezahlen.

Die Tageszeitung, 11.12.2012

Katharina Granzin unterhält sich mit dem südafrikanischen Krimiautor Deon Meyer, der gewissermaßen auf Südafrikanisch schreibt: "Es ist eine Sprache, die aus den Townships kommt, die ja sehr multikulturell sind. Über die letzten fünfzig, sechzig Jahre hat sich eine Townshipsprache entwickelt, die praktisch alle Sprachen enthält, die dort gesprochen werden, einschließlich Afrikaans und Englisch. Und manche Ausdrücke dieser Sprache sind Teil einer südafrikanischen Umgangssprache geworden. Wenn ich also Zulu oder Xhosa in Dialoge einfließen lasse, benutze ich Wörter, die aus dieser Umgangssprache allgemein bekannt sind."

Auf den vorderen Seiten tragen Tim Caspar Boehme und Andreas Fanizadeh Hintergründe zum Kampf um Suhrkamp zusammen, der mit dem Einstieg des Immobilen- und Medienmaklers Ernst Barlach beim verlag 2006 begonnen hat. Aram Lintzel entsetzt sich über eine neue eiserne Marktrhetorik: "Das ist ein Antikommunismus ohne Kommunisten." Jan Zier begrüßt Samir Akika als neuen Leiter des Bremer Tanztheaters.

Besprochen werden das Festival "Krass" auf Kampnagel in Hamburg und Owen Hatherleys Essay "These Glory Days" über die Band Pulp und ihre Heimatstadt Sheffield

Und Tom.

Weitere Medien, 11.12.2012

Peter Raue, Anwalt von Ulla Unseld-Berkéwicz, erklärte vor kurzem im Interview mit der Berliner Morgenpost, was seiner Ansicht nach Hans Barlach antreibt: "Der Grundstreit zwischen Familienstiftung und Herrn Barlach liegt darin, dass Herr Barlach nur an den Gewinnen von Suhrkamp interessiert ist, und eine möglichst hohe Ausschüttung erreichen will. Er hat in einer Sitzung gesagt, als über das Budget gesprochen wurde: 'Es ist doch viel günstiger, wenn wir gar keine neuen Bücher mehr produzieren, sondern nur noch die Backlist bedienen.'"

Eine höchst interessante Dokumentation hat der "Grand Reporter" Paul Moreira gedreht, "Sexe, salafistes et printemps arabe". Der Film lief gestern Abend auf Canal Plus - hoffentlich erreicht er demnächst auch ein deutsches Publikum. Der Autor hat undercover recherchiert und mit vielen Frauen und Männern über Sexualität und die Situation der Frauen in Tunesien und Ägypten nach der Revolution gesprochen. Unter anderem schildert Moreira im Interview mit Télérama, wie die Salafisten in Tunesien Angst säen - über das Internet: "Sie gehen gewaltsam gegen Prostituierte oder Vernissagen angeblich blasphemischer Ausstellungen vor und streuen ihre Bilder über das Netz. Sucht man sie vor Ort, hat man Schwierigkeiten, sie aufzustöbern. Ich habe sie angerufen, aber sie zeigen sich nicht. Aber im Internet schaffen es 400 zu allem entschlossene Männer, ein ganzes Land zu terrorisieren. Ihre Bilder werden vom Fernsehen übernommen und schaffen ihnen einen enorm vergrößerten Einfluss."

Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2012

Im Aufmacher besingt Friedhelm Rathjen Joseph O'Connors von antikatholischem Furor getragenen Roman "Irrlicht" und dessen Heldin Molly Allgood. Hoo Nam Seelmann erklärt, wie fremd den asiatischen Ländern die Krisenrhetorik oder dramatische Zuspitzung ist, die in Europa gepflegt wird. Andreas Breitenstein kommentiert recht böse Mo Yans Nobelpreisrede, die sich konfus und "bauernschlau" um ein kritisches Bekenntnis wand.

Besprochen werden Andreas Homokis glanzvolle Inszenierung des "Fliegenden Holländers" am Zürcher Opernhaus, eine Ausstellung zum Tessiner Maler Giovanni Serodine und seinem Umfeld im Museum Züst in Rancate, Ling Xis Roman "Die dritte Hälfte" sowie Jörg Magenaus Doppelbiografie zu Friedrich Georg und Ernst Jünger "Brüder unterm Sternenzelt".

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 11.12.2012

Wird Hans Barlach, der Erbe des Bildhauers, den Suhrkamp Verlag am Ende übernehmen können? Das Urteil des Berliner Landgerichts (das noch von zwei Instanzen bestätigt werden muss) hat für Peter Michalzik in der FR auf jeden Fall "etwas Epochales": "Bisher wurde bei Suhrkamp die Tradition sozusagen persönlich weitergereicht, zunächst von Peter Suhrkamp an Siegfried Unseld, dann von Unseld an Ulla Unseld-Berkéwicz. Das war immer mit Streit, Eifersucht und Missgunst verbunden, nie führte es zum Bruch. Jetzt erscheint es erstmals möglich, dass der Verlag von außen übernommen wird oder zerbricht."

Außerdem besucht Nikolaus Bernau den neuen Lesesaal der Staatsbibliothek unter den Linden.

In seiner Kolumne (nur noch in der Berliner Zeitung, von der FR gekippt) stellt Götz Aly ein paar dringende Fragen zu Ungerechtigkeiten im deutschen Rentensystem: "Warum gibt es für die gesetzlichen Sozialversicherungen die Beitragsbemessungsgrenze, mit der erreicht wird, dass derjenige, der rund 60.000 Euro brutto im Jahr verdient, genauso viel an die Sozialkassen entrichtet wie derjenige, der 95.000 Euro bekommt? Warum wird in der Debatte über zunehmende Altersarmut nicht vorgeschlagen, höhere Renten zugunsten von Kleinrentnern zu kappen?"

Süddeutsche Zeitung, 11.12.2012

Mit Ulla Unseld-Berkéwicz' überraschender gerichtlicher Abberufung vom geschäftsführenden Posten bei Suhrkamp wird sich die verkeilte Situation im krisengeschüttelten Verlag nicht bessern, meint Lothar Müller: "Die Konfliktparteien werden aneinandergekettet bleiben. Die Verteilung der Gesellschafteranteile kann kein Gericht aufheben. Was sich nun abzeichnet, ist der Austausch der Geschäftsführung des Verlages bei gleichbleibender Eignerstruktur, das Ende der von Ulla Unseld-Berkéwicz geprägten Ära nach dem Tod Siegfried Unselds. Hans Barlach wird die neue Geschäftsführung nicht einsetzen können."

Weitere Artikel: Wie Mann's macht, macht Mann's verkehrt: Im aktuellen Merkur schreiben nur Frauen, bemerkt Burkhard Müller, der zwar keinen Kommentar dazu im Heft findet, wohl aber im Merkur-Blog. Übel stößt Müller dort das Wort "auch" auf, in dem er Frauen allen besten Absichten der Redaktion zum Trotz auf die "Reservebank" geschoben sieht: "Denkt man darüber nach, so kann der Merkur aus diesem Dilemma gar nicht herauskommen. Auf die Normalität weiblichen Daseins und Schreibens vermag er nur hinzuweisen, indem er sie als Spezialfall darbietet; das Krumme der numerischen Verhältnisse lässt sich nur gerade richten, in dem man es biegt; das Ende einer Bevorzugung soll durch einmalige Bevorzugung eingeleitet werden; das intendierte 'und' verzerrt sich, ohne dass es gewollt wäre, zu besagtem und beklagtem 'auch'."

Weitere Artikel: "Je rascher die digitale Revolution voranschreitet, desto schöner werden die Bibliotheken", staunt Jens Bisky beim Besuch der zwei neuen Lesesäle der Berliner Staatsbibliothek (hier einige Eindrücke). Bernd Graff informiert sich bei einer Stuttgarter Tagung über die "schleichende Ökonomisierung" aller ethischen Werte. Mit Argwohn beobachtet Peter Richter, dass das Museum in Boston zur Aufstockung des Haushalts seine berühmtesten Werke dauervermietet: "Da ist es bis zum Bruch des letzten Tabus, dem Verkauf, theoretisch nur noch ein einziger Schritt." Michael Stallknecht entdeckt bei einer Marbacher Tagung den Schriftsteller Rudolf Alexander Schröder wieder.

Besprochen werden neue Klassik-Veröffentlichungen, Daniel Barenboims und Claus Guths "Lohengrin" an der Scala in Mailand (bei arte finden wir einen Mitschnitt) und Bücher, darunter Jochen Hellbecks "Die Stalingrad-Protokolle".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2012

Ob Ulla Unseld-Berkéwicz und ihre Mit-Geschäftsführer Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe nun nach Berufung und Revision des gestrigen Urteils abgesetzt werden oder nicht - nach der Entscheidung des Berliner Landgerichts, dass die Suhrkamp-Chefs zu Unrecht im Amt seien, sieht Andreas Kilb das Haus bereits jetzt gefährdet: "Wer wollte Autoren- und andere Verträge mit einer Geschäftsführung abschließen, die nur noch auf Abruf bis zum nächsten Prozesstermin amtiert? Und wer vertraute einem Unternehmen, dessen Gesellschafter einander bekriegen?"

Weitere Artikel: Marcus Jauer begleitete die Honoratioren der EU zur Friedensnobelpreisverleihung in Oslo. Gina Thomas schreibt zum Tod des Astronomen Patrick Moore, der über Jahrzehnte eine populäre Sendung in der BBC moderierte.

Dieter Bartetzko begutachtet das unter der Regie von David Chipperfield restaurierte Gesellschaftshaus im Frankfurter Palmengarten. Andreas Kilb ist nicht zufrieden mit der "karottigen Anmutung" der Furniere im neuen Lesesaal der Staatsbibliothek unter den Linden, eines der ausufernden Bauprojekte der Hauptstadt (420 Millionen Euro Kosten).

Auf der Medienseite erzählt der ehemalige al-Dschasira-Deutschland-Korrespondent Aktham Suliman, warum er den Sender verlassen hat: Er beschuldigt den Sender der einseitigen Stellungnahme für die syrische Opposition. Und Michael Hanfeld fragt, warum ausgerechnet die Talkshow von Anne Will mit ihrem deutlich politischen Programm womöglich abgesetzt werden soll.

Besprochen werden Nicola Porporas Oper "Poliferno" in Schwetzingen, Lutz Hübners Stück "Richtfest" in Bochum, Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen", die Ausstellung "Kaiser Maximilian und die Kunst der Dürerzeit" in Wien und Bücher, darunter Rainer Merkels Reiseessay "Das Unglück der anderen".

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