Heute in den Feuilletons: "Nachdem der Weltuntergang ausgefallen war"

In der "Welt" erklärt Marko Martin, warum die Apokalypse ihm keine Angst macht: Schließlich ist sie auch schon 1975 in der DDR ausgefallen. Die "NZZ" interviewt Taiwans erste Kulturministerin Lung Ying-tai. Und die "SZ" zieht eine literarische Jahresbilanz.

Die Zeit, 19.12.2012

Suhrkamp-Autor Peter Handke schwadroniert auf einer dreiviertel Seite über den "bösen Sichbreitmacher" Hans Barlach: "Aber da, da ist, nein handelt ein von Grund auf Böser, ein Abgrundböser. Ein Unhold. Und der steht auf dem Boden des Rechts? Er wühlt darin, lässt darin wühlen die Horde der schwerbezahlten Mit-Unholde." Am Ende schlägt Handkes Bleistift, "von HB zu HB", Hans Barlach vor, ein Stück seines Großvaters Ernst Barlach zu übersetzen, was Grundlage für einen neuen Verlag sein könnte.

Für die, die Handke unerträglich finden, fasst Alexander Cammann den Text in einem begleitenden Artikel konstruktiv zusammen. Hier noch eine Kurzform auf Zeit online.

Außerdem: Jo Lendle ist "ein schneller Denker, ein schlagfertiger Aphoristiker, ein sardonischer Menschendurchschauer" und der geeignete Nachfolger von Michael Krüger an der Spitze des Hanser Verlags, meint Ijoma Mangold. Hanno Rauterberg denkt bei der Besichtigung der neuen Konzernzentrale von Red Bull in Amsterdam über die Leistungsgesellschaft nach: "Der Zwang tritt auf im Gewand der Pluralität und Freiheit." Carolin Pirich besucht den Dirigenten Gustav Kuhn, der im Tiroler Dörfchen Erl nächste Woche ein imposantes Festspielhaus eröffnet. Stefan Hentz und Ulrich Stock unterhalten sich mit dem ungleichen Jazzduo Michael Wollny (34) und Heinz Sauer (wird nächste Woche 80). Thomas Groß porträtiert den 18-jährigen Musiker Jake Bugg, eine Art britischen Retro-Justin-Bieber. Alexander Cammann schreibt einen Nachruf auf den Soziologen Albert O. Hirschman.

Besprochen werden die Filme "Tabu" von Miguel Gomes (der laut einem völlig verzückten Daniel Kehlmann "unvergesslich ist und packend und meisterlich") und "Life of Pi" von Ang Lee (dessen etwas klebrige "Transzendenz-Soße" Ijoma Mangold trotz allem gerne schluckt), Inszenierungen von Moritz Rinkes neuem Stück "Wir lieben und wissen nichts" am Schauspiel Frankfurt (dessen "halb gare Konflikte" Ina Hartwig "auf Dauer weder amüsant noch erschütternd" findet) und Maxim Gorkis "Sommergästen" in Berlin (mit dem "nach fast vierzig Jahren an der Berliner Schaubühne die Erkundung der bürgerlichen Seele abgeschlossen" sein dürfte, wie Thomas Assheuer durchaus beeindruckt feststellt) sowie Bücher, darunter ein Band mit neun Erzählungen von Don DeLillo.

Im Wirtschaftsteil erläutert Alina Fichter die rechtlichen Vorbehalte gegen die GEZ-Reform. In der Zeit im Osten reagiert der Bautzener Volkskundler Martin Walde genervt auf Tuvia Tenenboms in der vorigen Ausgabe abgedruckte Schilderung eines Treffens mit Stanislaw Tillich und beklagt eine generell zum Folkloristischen neigende Darstellung der Sorben in der Zeit.

Die Welt, 19.12.2012

Tilman Krause hat zwar Verständnis, wenn Autoren vor einem von Hans Barlach geführten Suhrkamp Verlag flüchten wollen. Aber muss man mit Aufsteigern wirklich so hochnäsig umgehen, wie es - in guter deutscher Tradition - Suhrkamp tat? "Alte Eliten neigen immer dazu, die neuen beziehungsweise diejenigen, die es werden wollen, gewaltig zu unterschätzen. Sie treiben mit ihrem ausgestellten Darüberstehen diejenigen, die hochkommen wollen, in eine verfestigte Feindseligkeit hinein, die niemandem weiterhilft."

Der Weltuntergang war in der DDR schon mal vorhergesagt worden, für 1975, erinnert sich Marko Martin, der unter Zeugen Jehovas aufwuchs. "Nachdem der Weltuntergang dann wieder einmal ausgefallen war, kam es zum Streit zwischen Vater und Großvater. Wie konnte es nach dem Debakel von 1975 die Führung der Zeugen Jehovas wagen, so einfach zur Tagesordnung überzugehen? 'Ihr seid die falschen Propheten, vor denen in der Bibel gewarnt wird', rief mein Vater voll heiliger Empörung."

Auf der Forumsseite plädiert Björn Lomborg für einen etwas intelligenteren Klimaschutz, als er in Doha verhandelt wird, und für eine Liberalisierung des Welthandels zur Bekämpfung der Armut in der Dritten Welt.

Weiteres: Florian David Fitz spricht im Interview über seinen Film "Jesus liebt mich" und den Katholizismus in Bayern, zu dem er inzwischen ein respektvoll-distanziertes Verhältnis pflegt (daneben steht Hanns-Georg Rodeks Rezension). Alan Posener beschließt, nicht in Würde zu altern. Sascha Lehnartz verabschiedet Henri Loyrette, der mit gekürztem Etat nicht mehr Direktor des Louvre sein möchte. Besprochen wird eine Einspielung der Schubert-Sinfonien auf CD mit Marc Minkowski und den Musiciens du Louvre.

Die Tageszeitung, 19.12.2012

Etwas spät (aber besser als nie) entdecken wir diesen Artikel von Philip Meinhold mit zehn praktischen Tipps für einen israelkritischen Text: Tipp 4 ("Im Zweifel links"): "Lassen Sie durchblicken, dass Sie Linker sind oder zumindest über eine linke Vergangenheit verfügen. Denn wer links ist, ist bekanntlich gegen Nazis und kann also überhaupt gar nicht gegen Juden sein. Es sei denn (und Achtung!, jetzt wird es etwas kompliziert!): Die Juden verhalten sich selber wie Nazis. In diesem Fall können Sie zeigen, wie schlimm Sie den Holocaust finden, indem Sie ihn mit den Verbrechen Israels auf eine Stufe stellen."

Weiteres: In Sachen Suhrkamp macht sich TCB unbegründete Hoffnung auf eine erfolgreiche Vermittlung durch Michael Naumann. Steffen Grimberg zieht eine positive Bilanz von Karola Willes erstem Jahr an der Spitze des MDR. Besprochen werden Miguel Gomes' Arthouse-Film "Tabu" (den Cristina Nord "einen schwarzweißen Schatz" nennt), eine Aufführung von Moritz Rinkes neuem Stück "Wir lieben und wissen nichts" in Frankfurt, die Hamburger Ausstellung "Endstation Meer?" und Bücher, darunter Stephan Wuthes Studie "Swingtime in Deutschland".

Und Tom.

Weitere Medien, 19.12.2012

In der FR unterhält sich Michael Hesse mit der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer über den Verfassungsentwurf der Muslimbrüder für Ägypten. Formal werden alle demokratischen Regularien befolgt, sagt sie: Zu beobachten sei aber "eine Art Zweiteilung zwischen der politischen Ordnung, die nicht islamisch gezeichnet ist, und der sozialen und kulturellen Ordnung des Landes, die unter religiösem Vorzeichen stehen soll."

Neue Zürcher Zeitung, 19.12.2012

Die Schriftstellerin Lung Ying-tai ist Taiwans erste Kulturministerin. Im Interview mit Patrick Zoll beschreibt sie Taiwan als strahlendes Vorbild für China, warnt aber auch vor Überheblichkeit: "Ich erinnere mich, dass zu meiner Jugendzeit alle am Bahnhof oder beim Einsteigen in den Bus drängelten. Und die Taiwaner spuckten auch alle. Und als wir in den achtziger Jahren erstmals ins Ausland reisen durften, waren unsere Reisegruppen so laut wie die Chinesen heute. Wir sollten nicht über andere lachen, sondern ihnen Zeit geben."

Wenn es stimmt, dass Hans Barlach als Suhrkamp-Chef nur noch die lukrative Backlist bewirtschaften und keine neuen Bücher mehr herausbringen will, dann würde ihn die angedrohte Abwanderung von Autoren nicht ernstlich treffen, stellt Joachim Güntner fest: "Denn wenn Autoren wegen eines neuen Verlagseigners abwandern, gehen ihre alten Bücher (und die Rechte daran) nicht automatisch mit."

Weiteres: Sabina Meier Zur berichtet von der Eröffnung des Jüdischen Museums und Zentrums für Toleranz in Moskau. Besprochen werden Sibylle Bergs neues Stück "Die Damen warten" in Bonn und Bücher, darunter Vladimir Sorokins Roman "Der Schneesturm".

Süddeutsche Zeitung, 19.12.2012

Literarische Jahresbilanz bei der Süddeutschen: Auf drei Seiten empfehlen ausgesuchte Personen des Kulturlebens kurz ihre literarischen Entdeckungen des Jahres. Eine kleine Auswahl: Peter Sloterdijk weiß vor lauter Befangenheit gar nicht, wen er eigentlich empfehlen soll, ohne dass ein enger Freund oder zumindest ein Verlagskollege auf der Spitzenposition landet (eine Entscheidung, der sich Roger Willemsen im übrigen anschließt). Ganz gebannt ist Alice Schwarzer bei der Lektüre von Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend", den Fritz J. Raddatz vor Glück in die Arme schließen möchte. In Christoph Ransmayrs "Atlas eines ängstlichen Mannes" lernt Navid Kermani die Größe der Welt kennen. Thomas Macho erfährt in Thomas Hauschilds Studie über den "Weihnachtsmann" viel über die "europäischen, amerikanischen oder mongolischen Traditionen", aus denen sich das Weihnachtsfest speist. Nach der Lektüre von Francis Spuffords Sachbuch-Roman "Rote Zukunft" wäre Kathrin Passig vor Neid gerne selbst dessen Autorin. Götz Aly hält Karl Heinz Bohrers Erzählung "Granatsplitter" für ein "kühles, dezent sprudelndes Labsal". Und Punk-Rocker Rocko Schamoni fühlt sich von David Benioffs Roman "Stadt der Diebe" über die kämpferischen Auseinandersetzungen in Leningrad 1942 glänzend unterhalten.

Kaum in Aktion getreten, schon zu den Akten gelegt: Im Suhrkamp-Streit wird das jedenfalls nichts mit Michael Naumann als Mediator, berichtet Lothar Müller, schließlich habe Naumann Hans Barlach im Deutschlandradio beschimpft. Auch bei Cicero empfahl sich Naumann zuletzt kaum als unparteiischer Vermittler: "Hans Barlach, in einem Wort, will Kohle machen. Er hält sich auch für einen besseren Verleger, nicht ahnend, dass zwischen satten Deckungsbeiträgen kraft Massenware und literarischer Qualität ein himmelhochweiter Unterschied existiert."

Besprochen werden der Indie-Fantasyfilm "Beasts of the Southern Wild" (Tobias Kniebe gebietet seinem Verstand, diese "kindliche, wilde, schöne und gefährliche Märchenwelt" nicht in Frage zu stellen) und Sibylle Bergs neues Theaterstück "Die Damen warten" am Theater Bonn (Marion Ammicht beobachtet "unzählige Klischee-Einlagen auf der Yoga-Matte und im Ultra-Relax-Stuhl").

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2012

Statt zu moralisieren, berichtet Sandra Kegel einfach mal über den neuesten Stand bei Suhrkamp: So habe der Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach den von Suhrkamp vorgeschlagenen Vermittler Michael Naumann wegen drastischer Barlach-Beschimpfung in Cicero (hier) und Deutschlandradio ("Wenn man den Suhrkamp Verlag mit einer Bachschen Fuge vergleicht, dann ist Herr Barlach der Mann mit der Fahrradklingel", hier) verständlicher Weise abgelehnt - außerdem zitiert sie aus den Urteilen, in denen der Suhrkamp-Geschäftsführung ernste Vorhaltungen gemacht werden. Barlach habe als Mitgesellschafter ein Recht gehabt, über Entscheidungen des Verlags informiert zu werden: "Das pflichtwidrige Verhalten liege in einem 'kollusiven Zusammenwirken mit weiteren Geschäftsführern', also gemeinsamem geheimen Handeln, um einen Dritten zu schädigen. Ein solcher Vorwurf ist nicht unerheblich..."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus kommentiert kritisch Peter Handkes Barlach-Beschimpfung in der heutigen Zeit. Schriftsteller Eugen Ruge macht in der Europa-Reihe der FAZ die üblichen Einwände gegen den Kapitalismus ("Marx hat die Arbeiter aller Länder aufgefordert, sich zu vereinen. Vereint hat sich das Kapital.") und das Internet ("Das Internet ist eine große Kloake"). Auf der Medienseite bekennt Jan Wiele seine Abscheu vor den Pathologie-Szenen in deutschen Fernsehkrimis.

Besprochen werden die große Caillebotte-Ausstellung in Frankfurt, Salvatore Sciarrinos Musik-Spektakel "Superflumina" in Aachen und Bücher, darunter Michael Rutschkys "Das Merkbuch - Eine Vatergeschichte".

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