Heute in den Feuilletons: "Wachs in den Händen einer Frau"

Die "taz" erklärt, warum konservative Kreise in der Türkei gegen eine Fernsehserie kämpfen. Bei "TorrentFreak" wird verraten, welche Filme von Hollywoodstudios schwarz heruntergeladen werden. Und der Suhrkamp-Streit zwischen "FAZ" und "Welt" geht weiter mit einer Replik auf eine Replik.

Die Tageszeitung, 27.12.2012

Jürgen Gottschlich erklärt, weshalb konservative und religiöse Kreise Sturm gegen die bislang erfolgreichste türkische Soap Opera über das so genannte "Wunderbare Jahrhundert" laufen: Die Geschichte des 16. Jahrhunderts wird darin nämlich nicht aus der Perspektive des erfolgreichen Feldherrn Süleyman des Prächtigen, sondern aus der Sicht des Harems beziehungsweise seiner Hauptfrau Hürrem Sultan erzählt. Jetzt hat sich auch Premier Erdogan eingemischt: "Die Serie, schimpfte Erdogan, sei eine unerträgliche Verunglimpfung der großartigen osmanischen Geschichte. Die Macher sollten wegen Volksverhetzung angeklagt werden, er hoffe, dass sich die Staatsanwaltschaft bald damit beschäftigen würde. ... Erdogan, der sich mittlerweile offenbar schon mehr in der Rolle eines Sultans als der eines auf Zeit gewählten Politikers sieht, will nicht länger hinnehmen, dass sein erfolgreichstes Vorbild Sultan Süleyman 'historisch völlig inkorrekt', wie er meint, als Wachs in den Händen einer Frau gezeigt wird".

Außerdem: Nancy Waldmann unterhält sich mit der Autorin Tanja Abou und Ben Böttger vom Nono Verlag darüber, wie man Gender Studies kindgerecht übersetzt in "nicht normative" Kinderbücher, in denen Jungs Kleider tragen und Mädchen Lkw fahren. "Mit einem Fünfjährigen kann ich nur schwer Judith Butler lesen." Daniel Schreiber erklärt, weshalb Abstinenz eine gute Sache sein kann.

Besprochen werden der neue Film der Brüder Taviani "Cäsar muss sterben", der inhaftierte Mafia-Mitglieder zeigt, die im Knast eine Shakespeare-Aufführung einstudieren, Frieder Schlaichs Film "Weil ich schöner bin" (mehr hier) über einen Teenie, dessen Familie von der Abschiebung bedroht ist, Malik Bendjellouls Musikdokumentation "Searching for Sugar Man" (mehr hier) über den mexikanisch-amerikanischen Musiker Sixto Rodriguez und die grafische Reportage "Kriegszeiten" über die Bundeswehr in Afghanistan von David Schraven und Vincent Burmeister.

Und Tom.

Die Welt, 27.12.2012

Ganz begeistert berichtet Michael Pilz vom Erfolg des Albums "Song Reader", das Beck als Notenheft, aber nicht auf CD herausgegeben hat. Auf der von ihm gegründeten Internetseite songreader.net spielen Fans und Musiker seine Songs ein und erfüllen seine Musik mit Leben: "Ältere versuchen, Beck an Kauzigkeit zu überbieten, mit Ukulele, Kinderklavier oder Spielkonsole. Man sieht Laien ernsthaft musizieren, neben randständigen Musikern wie Illy Mob. Die Redaktion des Magazins New Yorker hat sich im Büro versammelt und singt 'Old Shanghai' von Beck mit der gelebten Würde eines Shantychors."

Yann Martel, der auch mal ein erfolgloser Autor war, bevor er "Schiffbruch mit Tiger" veröffentlichte, erzählt, was für ein tolles Gefühl es war, von Ang Lee verfilmt zu werden: "Hollywood, wie alle Hochburgen mit Geld und Träumen, ist ein Ort mit sehr soliden Türen und extremem Wetter. Wenn Du draußen stehst, ist es kalt und die Tür ist verriegelt und öffnet sich nie und nimmer für dich, egal wie sehr du dich bemühst. Und es tötet dir Herz und Geist. Aber wenn du drinnen bist, dann streichelt das Wetter deine Haut, und die Türen öffnen und schließen sich nach deinem Wunsch, weil du den Zauberschlüssel hast."

Außerdem bespricht Hanns-Georg Rodek Ang Lees Verfilmung. Michael Pilz erklärt noch mal, warum Suhrkamp Pop ist. Und Kai Luehrs-Kaiser besucht das neue Konzerthaus der Wiener Sängerknaben.

Neue Zürcher Zeitung, 27.12.2012

Alena Wagnerová reist durch Nordmähren und Schlesien, wo man langsam wieder an die Deutschen der Region erinnert. Dabei kommt sie auch durch den Grenzort Opava/Troppau: "Nein, die jungen Troppauer würden ihre Stadt nicht gegen Prag tauschen. Denn in Grenznähe kann man die Welt aus einer anderen Perspektive sehen. Provinziell war Troppau nie, an der Peripherie lag es immer. Die Rückkehr nach Europa hat die mährisch-schlesische Grenzregion vollzogen; sie ist vorbereitet, in ihrem kulturellen Reichtum, der unspektakulären Schönheit ihrer Natur entdeckt zu werden. Ihr Dilemma steht geschrieben auf dem alten Kilometerstein vor dem Troppauer Ostbahnhof: 290 Kilometer von Wien, 290 Kilometer nach Wien. In dem 'von' liegt die Chance der Peripherie, in dem 'nach' ihre Ohnmacht."

Weiteres: Urs Widmer gratuliert dem Schriftsteller Klaus Hoffer zum Siebzigsten. Manfred Koch schreibt zum Tod von Peter Wapnewski.

Besprochen werden Ang Lees Film "Life of Pi", Christopher McQuarries Actionthriller "Jack Reacher" mit Tom Cruise, Weihnachtsmusiken in Zürich, Alejandro Zambras Roman "Die Erfindung der Kindheit" und Andreas Stichmanns Romanerstling "Das große Leuchten".

Aus den Blogs, 27.12.2012

(via) Dass sich die großen Hollywoodstudios gerne in BitTorrent-Tauschbörsen herumtreiben, um dort IP-Nummern für Rechtsverfahren zu fischen, ist nichts Neues. Dass sich die Mitarbeiter bei der Gelegenheit aber auch gerne mal mit den aktuellen Filmen der Konkurrenz und Pornos eindecken, ist zumindest erheiternd. Bei TorrentFreak erfahren wir: "Auch bei Warner Bros. nutzen viele Angestellte BitTorrent. Es scheint, als gebe es hier ein ausgewiesenes Interesse an Erwachsenenunterhaltung. 'The Expendables 2' befindet sich ebenfalls unter den Titeln, die über eine Warner zugeteilte IP-Adresse heruntergeladen wurden. Das ist durchaus riskant, da die Produzenten des Films dafür bekannt sind, BitTorrent-Nutzer zu verklagen."

Die Musikvideo-Community des alteingesessenen Blog-Hosters Antville hat die besten Clips des Jahres gekürt und steht dabei den Oscars an Kategorienfülle in fast nichts nach. Hier die penibel verlinkten Gewinner (von denen allerdings viele - dank Gema-Sperre - nicht abrufbar sind). Vielfach ausgezeichnet wurde "Bad Girls" von M.I.A. (darunter auch als beste Regieleistung), Björk trägt unterdessen die Auszeichnung für die besten Spezialeffekte nach Hause.



Die Zeit, 27.12.2012

Marlene Streeruwitz fühlt sich in Ulrich Seidls Film "Paradies: Liebe", der einer übergewichtigen Sextouristin nach Kenia folgt, sofort an Viscontis Verfilmung des "Tods in Venedig" erinnert: "Dieses Begehren, der Sehnsucht eine Realität zu verschaffen. Dieses Begehren, das sich nur aus sich selbst speist und nichts anderes ist als christliche Hoffnung, die auf Sexualität verweltlicht wurde. Das kommt auch hier aus dem 19. Jahrhundert. Die Geschlechterpolitik der vergangenen zwei Jahrhunderte erlaubt den Frauen das Nachziehen in diesen Sünden spätromantischer Säkularisierung erst heute. 100 Jahre nach dem 'Tod in Venedig' und mit gerade sechzig Prozent eines männlichen Mindesteinkommens. Da kann das Begehren dieser Frau nicht mehr so viel elegische Eleganz aufbringen. Es ist der 'Tod in Venedig' in der Massentierhaltung."

Außerdem: Im Aufmacher überlegen 18 Zeit-Redakteure, wie sich die Gesellschaft verbessern ließe, nur Jens Jessen rebelliert: "Je gerechter und vernünftiger sie wird, desto weniger hat der Einzelne das Recht, ihr zu trotzen." Volker Hagedorn hört Arvo Pärts neue CD "Adam's Lament". Popstar Lana del Rey erklärt im Interview ihre Vorliebe für ältere Männer, billige Klamotten und Marilyn Monroe. Nina Pauer war dabei, als die Firma Pantone Smaragdgrün zur Farbe des Jahres 2013 erklärte. Der Zeichner Jens Harder spricht im Interview über den zweiten Band seiner Comicreihe über die Geschichte der Menschheit, der sich mit der Entstehung der Religionen befasst.

Besprochen werden die Ausstellung "Johann Christian Reinhart. Ein deutscher Landschaftsmaler in Rom" in der Hamburger Kunsthalle und Bücher, darunter Orlando Figes' Band mit Liebesbriefen aus dem Gulag "Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne".

Süddeutsche Zeitung, 27.12.2012

Der Politologe Michael Werz stimmt Hillary Clinton zu, die prophezeit hat, dass die USA in ihr "pazifisches Jahrhundert" eintreten, das mit einer sukzessiven Abkehr von Europa verbunden ist: "Der intensivere Blick zum Pazifik und nach Lateinamerika entspricht der neuen Bevölkerungsdynamik."

Außerdem: Kevin Knitterscheidt erzählt, wie der damals 27-jährige Michael Klett nach einem strapaziösen Aufenthalt in Kanada 1965 Tolkiens "Herr der Ringe" entdeckte und ins Deutsche übersetzen ließ. In der Popkolumne stellt Max Fellmann seine Lieblings-Reissues des Jahres vor und vergießt dabei Tränen der Rührung über das Comeback der Geriatrie-Rocker von Van Halen, die als "alte Elefanten (...) eine ganze Porzellanfabrik in Schutt und Asche" legen. Außerdem erinnern sich die Filmkritiker der SZ an ihre "Magic Moments" des sich neigenden Kinojahres.

Besprochen werden ein neues Biopic über Ludwig II. (der hier vom "Schicksal plakativer Banalisierung" ereilt wird, schimpft Rainer Gansera), "zwei ideal sich ergänzende" Ausstellungen über Dan Flavin im Museum Moderner Kunst in Wien und in der Kunsthalle Bielefeld, eine Ausstellung von Arne Schmitts Fotografien im Sprengel Museum in Hannover und eine Aufführung von Mozarts "Cosi fan tutte" in Köln.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2012

Nächste Runde im Streit zwischen Welt und FAZ in der Sache Suhrkamp! Frank Schirrmacher ist jetzt auch sauer auf Richard Kämmerlings' Entgegnung auf seine Ehrenrettung von Ulla Unseld-Berkewicz vor wiederum Kämmerlings' Anwürfen. Zwar hält er es dem Kollegen zugute, die Adresse des Verlags richtig recherchiert zu haben, ansonsten aber hält er von Kämmerlings Darlegungen und Versuchen, Unseld-Berkewicz zur "Lady Macbeth von Nikolassee" zu machen, rein gar nichts. Warum aber das Ganze, nachdem Unseld-Berkewiczs Position eh schon geschwächt ist? Schirrmacher dämmert eine These, derzufolge Barlach gar kein Interesse daran hätte, groß in die Geschäfte des Verlags einzusteigen: "Durch vertragliche Vereinbarung hat die Familienstiftung das Vorkaufsrecht an Barlachs Anteilen. Wie der Zufall so will, beginnen laut Vertrag die Verhandlungen spätestens im Jahre 2013. ... Wer weiß, ob seine psychologische Kriegsführung nicht darauf zielt, sich so sehr zum Schrecken des Verlags zu machen, dass die Stiftung jeden Preis bezahlt, um endlich Ruhe zu haben. Dann wäre das, was wir gerade erleben, psychologische Kriegsführung mit willigen Helfern."

Weitere Artikel: Martin Bernd Michaelis, Enkel von Robert Bernd Michaelis, der Ursula Krechel als Inspiration für die Figur des Richard Kornitzer in ihrem Roman "Landgericht" diente, macht sich Gedanken über die Bedeutung der Lebensgeschichte seines Großvaters für sich und seine Familie. Jan Brachmann erläutert die Hintergründe des BGH-Urteils (mehr), das der Sing-Akademie in Berlin bescheinigt, dass sich das Maxim Gorki Theater auf dessen Grundstück befindet. Patrick Bahners verabschiedet sich von Jack Klugman. Außerdem küren die FAZ-Filmkritiker ihre Lieblingsfilmen und -szenen des Kinojahres 2012.

Besprochen werden der neue Film der Tavianis "Cäsar muss sterben", neue CDs von Throbbing Gristle (die unter dem Namen X-TG ein Album von Nico "verhackstücken") und Mark Eitzel sowie Bücher, darunter Ali Smiths Roman "Es hätte mir genauso".

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Heute in den Feuilletons
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
Eine Kooperation mit...