Heute in den Feuilletons: "Heringe und Makrelen fliegen durch die Luft"

In der "FR" schimpft Claus Peymann auf zwei Seiten über alles Mögliche, inklusive seines reichlich knappen Gehalts. Die "taz" beleuchtet die brutalen Geschäftspraktiken von Amazon. Die "SZ" guckt zu Silvester "Ironie des Schicksals". In der "FAZ" erklärt der ägyptische Rapper Mohamed El Deeb, wie die Muslimbrüder das mit der Mehrheit machen.

Die Welt, 29.12.2012

Christiane Hoffmans stellt mehrere Künstler vor, deren Arbeiten gerade in einer Ausstellung über die Kunstszene Kenias in Bregenz zu sehen sind. Einer der Künstler ist Sam Hopkins: "Hopkins streift durch Slums und Städte, fotografiert Straßenszenen. Er hat in Mathare, einem Slum nordöstlich von Nairobi, das 'Slum-TV' ins Leben gerufen. Die Bewohner von Mathare führen ein Leben unter schwierigsten Umständen. Die häufigsten Todesursachen sind Aids und Mord. Hopkins lässt die Bewohner zu Wort kommen. 'Slum-TV' ist ein beeindruckendes Projekt, das der Künstler auf andere afrikanische Länder ausweiten möchte." (Hier einige Aussagen junger Leute aus Nairobi auf Deutsch.)

Weitere Artikel: Hannes Stein geht in New York mit dem amerikanischen Politologen Walter Russell Mead essen. Thomas Roser schreibt über das dubiose Projekt Emir Kusturicas, der eine künstliche Stadt zum Gedenken an den Schriftsteller Ivo Andric baut. Marc Reichwein widmet seine Feuilletonkolumne dem "T wie Ticker". Hannes Stein berichtet von einer New Yorker Diskussion über den Film "Riverdale Y", der sich mit jüdischen und muslimischen Zwangsheiraten beschäftigt.

Besprochen werden Thomas Riedelsheimers Filmdokumentation "Breathing Earth" und das Musical "Matilda", mit dem die Royal Shakepeare Company den Broadway erobern will.

Die Autorin Ursula Krechel blickt in der Literarischen Welt zurück auf das Jahr 2012 - in einem durchaus politischen Text. Sie erinnert zum Beispiel an die Wiederwahl Putins: "Erstmals wurde der Präsident für sechs Jahre gewählt statt für fünf, und erstmals wurde ein Kandidat wiedergewählt, der schon zwei Amtszeiten hinter sich hatte. Auch zum ersten Mal nahm ein unabhängiger Kandidat an den Wahlen teil - erstmals und vielleicht auf lange Zeit zum letzten Mal."

Weitere Artikel: Ruth Klüger schreibt in ihrer Kolumne "Bücher von Frauen" über den neuen Roman von Jenny Erpenbeck, "Aller Tage Abend". Besprochen werden unter anderen Richard Yates' Roman "Eine gute Schule", die Autobiografien von Charlotte Knobloch und Dieter Graumann, Neal Stephensons Roman "Error", Orlando Figes Buch "Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne" über Liebe und Überleben in Zeiten des Gulag, die von Claudia Ott herausgegebenen Märchen aus "101" Nacht und ein prächtiger Bildband über Brüste.

Aus den Blogs, 29.12.2012

Die vergewaltigte Frau, deren Fall in Indien riesige Demonstrationen auslöste, ist in der Nacht zu heute an ihren Verletzungen gestorben, melden die Zeitungen. Am Mittwoch hatte sich ein anderes Vergewaltigungsopfer umgebracht, nachdem die Polizei ihre Anzeige nicht aufnehmen wollte und ihr statt dessen vorschlug, einen der Vergewaltiger zu heiraten. In slate.fr schreibt Françoise Chipaux, ehemalige Indien-Korrespondentin von Le Monde, dass Populisten in Indien inzwischen die Steinigung oder chemische Kastration von Vergewaltigern fordern. Aber die Realität sieht ganz anders aus: "Von 635 angezeigten Vergewaltigungen führte in Neu Delhi gerade eine einzige zu einer Verurteilung." Nach Chipaux ist die Korruption eine der Hauptursachen des Übels. "Wer in Indien Beziehungen und Geld hat kann jeder Strafe entgehen, egal wie schwer das Verbrechen ist." Darum müsse man "die Polizei entpolitisieren, ihre Professionalität stärken. Das sind notwendige Bedingungen für eine glaubhafte und effiziente Polizeiarbeit. Die wilde Korrution im Justizapparat ist ein Hindernis für die Verbesserung des Systems."

Die CDU-Politikerin und Rundfunkrätin Andrea Verpoorten will einen "Volksaufstand" gegen die öffentlich-rechtlichen Sender lancieren, die ab nächstem Jahr eine automatische Gebühr bekommen und ihrer Ansicht nach viel zu wenig transparent mit ihren Milliarden umgehen, meldet Meedia unter Bezug auf die Wirtschaftswoche und zitiert die Politikerin: "Fakt ist, dass die Rundfunkanstalten und Sender im Verhältnis zu den garantierten Geldern ihrem Qualitätsauftrag viel zu wenig nachkommen und sich viel zu lange auf ihrem garantierten Fortbestand ausgeruht haben."

Weitere Medien, 29.12.2012

Achtung, es setzt ein Donnerwetter! Im zweiseitigen FR-Gespräch mit Dirk Pilz macht Claus Peymann seinem Ärger als Intendant des Berliner Ensembles gehörig Luft: Bedeutungslosigkeit des Theaters, Re-Hegemonialisierung Deutschlands in Europa, die freie Szene ein schlechter Witz, pasemuckliger Provinzjournalismus in Berlin - alles grausig, schrecklich, unzumutbar. Und überhaupt sind seine mickrigen 200.000 Euro Gehalt im Jahr angesichts solcher Strapazen ein allenfalls zufriedenstellender Ausgleich: "Als ich vor 15 Jahren meinen Vertrag in Berlin mit dem Senat ausgehandelt habe, habe ich zu dem 'Zigeunerbaron' [gemeint ist Peter Radunski] gesagt (...) wir müssen nicht verhandeln, ich will 10.000 Mark im Jahr mehr verdienen als der teuerste Berliner Schauspielintendant. Er hat sofort zugesagt - und Tatsache war: Ich habe 150.000 Mark weniger bekommen als am Burgtheater! Also bin ich doch billig für einen Regisseur der Champions League, auch wenn Ihr Blatt mich gerne zum Striese aus Kyritz an der Knatter herunterschreibt". Und dann, ach, bekommt ein Frank Castorf am Ende noch immer mehr pro Jahr.

Neue Zürcher Zeitung, 29.12.2012

In Literatur und Kunst geht's um "Gäste". Kulturwissenschaftler Thomas Macho schreibt den einleitenden Essay: "Dass fremde Besucher für Gottheiten gehalten werden, die - in dubio pro deo - begrüsst und bewirtet werden müssen, kann als verbreitete Praxis älterer Kulturen gelten. Die Regeln der Gastfreundschaft betrafen ja zumeist die Tischgemeinschaft, das Gastmahl, das geteilte Essen; am Festessen wird bis heute das Fest erkannt."

Unter anderem liest Angela Schader ein Gedicht Emily Dickinsons zum Thema. Und Anselm Gerhard schreibt über den berühmtesten Gast der Musikgeschichte - den Steinernen Gast im "Don Giovanni".

Im Feuilleton schildert Daniela Segenreich das Leben der orthodoxen Juden in Israel, denen eine Ausstellung im Israel Museum und Rama Burshteins Film "Fill the Void" (mehr hier) gewidmet sind.

Die Tageszeitung, 29.12.2012

Die sonntaz befasst sich mit dem Themenschwerpunkt "Konsum im Internet". Eine Auswahl:

Meike Laaf und Johannes Gernert werfen einen kritischen Blich hinter die Kulissen von Amazon, das sich, während alle Welt über Google und Facebook debattiert, zur zentralen Datenkrake gemausert hat: "Andreas Weigend war einige Jahre Chefwissenschaftler Amazons, mittlerweile lehrt er an der Universität Stanford. 500 Kriterien zu jedem Kunden rechnete er einmal aus: 'Wie weit ist es von Ihnen bis zum nächsten Buchladen? Wie weit zum nächsten Supermarkt? Welche Karte verwenden Sie zum Bezahlen, machen Sie es mit Banküberweisung? Was haben Sie als Erstes bestellt, ein Buch, ein Sex Toy? Das waren alles Felder, die Eigenschaften des Kunden zu beschreiben versuchten.'" Und Amazon nutzt die Daten, um die Preise diktieren zu können: "Ende November änderte sich der Preis eines Computerspiels bei Amazon in sieben Tagen sieben Mal. Er fiel dabei zwischenzeitlich um mehr als 30 Dollar. Amazon sammelt automatisch Daten von Wettbewerbern - Preise etwa - und unterbietet sie."

Verlegerin Elisabeth Ruge zeigt sich im Gespräch zuversichtlich, was E-Books betrifft: Erste Versuche "bestätigen, dass das E-Book das gedruckte Buch nicht kannibalisiert. Wir hatten keine Verluste. Im Gegenteil." Jonas Winner, der mit seiner zu Dumpingpreisen selbstverlegten "Berlin Gothic"-Reihe sagenhafte Umsätze einfährt, erklärt unterdessen, warum der sichere Hafen eines Printverlags dennoch reizvoll sein kann: "Wer liest denn heutzutage schon E-Books in Deutschland? ... Von hundert Lesern erreiche ich (...) 95 überhaupt nicht. Das muss einfach über Holzbuch gemacht werden."

Weiteres: Für Fan-Zhao Jacobs verdeutlicht sich im fast schon stellaren Erfolg von "Gangnam Style", das als erstes Video überhaupt über eine Milliarde mal angeschaut wurde (und das trotz Gema-Sperre), wie sehr sich das Musikgeschäft verändert hat. Martin Reichert gruselt sich vor dem ständig gut gelaunten "Facebook-Ich". Parmy Olson berichtet von ihren Recherchen in der Welt von Anonymous. Stephan Urbach erklärt, wie Diktaturen das Internet sabotieren.

Der Kulturteil der Berliner Ausgabe erinnert sich an das alte, hässliche, punkige Westberlin, über das Ulrich Gutmair im Kreuzberger Club Westberlin sinniert. Wolfgang Müller, der gerade ein Buch über die Westberliner Subkultur der 80er veröffentlicht hat, erinnert sich an rauschende Feste in Berliner Punkkneipen: "Im Risiko musizieren die Einstürzenden Neubauten und Die Tödliche Doris erstmals gemeinsam: Im Hinterzimmer des Lokals führen sie die Wassermusik auf: Flundern, Heringe und Makrelen fliegen durch die Luft, Wasser aus Badewannen schwappt auf den Boden, das Publikum kreischt entsetzt. Drei algenumkränzte Nixen steigen mit ihren Schollen-BHs auf eine Leiter. In einer großen Emaillewanne, die er vom Sperrmüll beschafft hat, verrenkt sich der gefesselte Andrew Unruh. Rotwein und Wasser spritzen hoch."

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2012

Im Interview mit Jonathan Fischer erklärt der säkulare Rapper Mohamed El Deeb, wie es mit Mehr- und Minderheit in Ägypten so steht: "Sehen Sie, 40 Prozent der Ägypter sind Analphabeten. Das macht es den Religiösen leicht, sie über Prediger und Sheikhs zu kontrollieren. Die Muslimbrüder mögen zwar in der Minderheit sein, aber sie verstehen es, über die emotionale Ausbeutung der Religion eine Mehrheit hinter sich zu scharen. Selbst viele der Ägypter, die lesen und schreiben können, haben sich eher mit religiösen Schriften denn mit Politik und politischer Bildung beschäftigt."

Weitere Artikel: Im ganzseitigen Aufmacher verteidigt der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank Otmar Issing in vorsichtigen Worten den Finanzmarkt. Gina Thomas liest britische Geheimdokumente von vor dreißig Jahren, die gerade für die Öffentlichkeit freigegeben wurden (mit Ausnahme von ein paar Seiten aus einem Briefwechsel des Popdandys der BBC und Kinderschänders Jimmy Savile mit der von ihm verehrten Margaret Thatcher, die für weiter zehn Jahre gesperrt wurden). Jörn Florian Fuchs besucht die neue Oper in Erl, Tirol, wo unter Gustav Kuhn der "Figaro" gegeben wurde. Jürgen Dollase geht ein weiteres Mal bei seinem Liebling Harald Wohlfahrt essen.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Architekten Wolf D. Prix (Coop Himmelblau) in Berlin und Bücher, darunter ein neuer Religionscomic von Ralf König.

In Bilder und Zeiten denkt Malte Welding die "Gedanken eines werdenden Vaters". Melanie Mühl erinnert an Swiss Air. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um den Banjospieler und Folksänger Old Man Luedecke.

Und Uwe Tellkamp erklärt im Interview mit Andreas Platthaus, warum er seinen "Turm" "fortschreibt". Platthaus erinnert im Leitartikel auf Seite 1 des plitischen Teils auch an die Gebrüder Grimm und Georg Büchner, deren Jubiläen im kommenden Jahr gefeiert werden.

Für die Frankfurter Anthologie liest Marie Luise Knott ein Gedicht von Andreas Altmann - "Schneefarben:

holzschnee ist auf das braune gras gefallen.
es hatte den weg durch die bäume geführt.
zwei tage haben sie stämme geschnitten.
jetzt ist die stille ohne geräusch. (...)"

Süddeutsche Zeitung, 29.12.2012

Was den Deutschen zu Silvester "Dinner for One", ist den Russen die melancholische Komödie "Ironie des Schicksals", die seit den 70ern jährlich am 31.12. im russischen Fernsehen läuft, erklärt Frank Nienhuysen in der SZ am Wochenende. Den Erfolg des Films mit der Pointe, dass mit dem gleichförmigen Platten-Massenbau in der UdSSR nicht nur Wohnungen, sondern ganze Städte verwechselbar wurden, erklärt er sich auch mit der darin versteckten lakonischen Systemkritik: "Sanft spricht im Film eine Stimme aus dem Off: 'Es gab Zeiten, da fühlte sich ein Mensch verloren und einsam, wenn er in eine fremde Stadt kam. Jetzt ist das ganz anders: Er kommt in eine beliebige, fremde Stadt und er fühlt sich wie zu Hause.' Die Kamera schwebt dabei über ein weißgraues Häusermeer und erfasst Hunderte Hochhäuser mit einem Schwenk."

Gute Nachricht: Im Youtube-Kanal des produzierenden Mosfilm-Studios findet sich der tatsächlich hinreißende Film komplett und englisch untertitelt, wenn auch leider nicht einbettbar: Hier die erste, hier die zweite Hälfte.

Im Feuilleton unterhält sich Alex Rühle mit Jorgen Randers, einem der Autoren des Berichts des Club of Rome, der vor vierzig Jahren die Grenzen des Wachstums angemahnt hat. Die in einem neuen Bericht prognostizierten Entwicklungen für die kommenden 40 Jahren hält Randers für tragisch, gerade weil sie abwendbar wären: "Wir könnten bis 2050 die Emissionen um mehr als 60 Prozent zurückfahren. Es wäre ja nicht mal zu teuer, ein bis zwei Prozent des Bruttosozialprodukts würden ausreichen. Trotzdem wird es nicht passieren, weil die Demokratien mit ihrem Vierjahreszyklus auf die Gunst der Wähler angewiesen sind."

Weiteres: Kristina Maidt-Zinke porträtiert den Gambisten Jakob David Rattinger. Christoph Haas schreibt den Nachruf auf Keiji Nakazwa, der mit seinem Manga "Barfuß durch Hiroshima" den Abwurf der Atombomben auf Japan verarbeitete.

Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, eine Ausstellung über die Prä-Raffaeliten in der Tate Britain in London, der Film "Cäsar muss sterben", Michael Borzuchs Inszenierung "Der Krieg hat kein weibliches Geschlecht" am Düsseldorfer Schauspielhaus, der Dokumentarfilm "Searching for Sugar Man", die Ausstellung "Wagner 2013" in der Akademie der Künste in Berlin und Bücher, darunter Jan Wagners Roman "Die Eulenhasser in den Hallenhäusern".

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