Heute in den Feuilletons: "Als solle man den Kuchen operieren"

Die "FAZ" besucht das einzige Café in Berlin, das sich besser zum Sezieren als zum Schlemmen eignet. Die "NZZ" sieht Italien den Bach hinuntergehen. Und in der "Welt" erklärt Henryk Broder den modernen Antisemitismus.

Neue Zürcher Zeitung, 09.01.2013

Franz Haas berichtet vom Wahlkampf in Italien, in dem Mario Monti offenbar eine geradezu rührend hilflose Figur macht, Berlusconi auf allen Kanälen funkt, aber dennoch der Sozialdemokrat Pierluigi Bersani vorn liegt. "Das soziale Gewebe des Staates geht derweil den Bach hinunter. In Rom verstreicht keine Woche ohne erbitterte Demonstrationen gegen irgendeinen Notstand im Land: schließende Krankenhäuser, überforderte Notambulanzen, stillgelegte Fabriken, massenhaft delogierte Familien. Die zwei veralteten U-Bahn-Linien der Viermillionenstadt rumpeln von einem Ausfall zum nächsten. Massenweise sperren traditionelle Geschäfte zu und werden ersetzt durch elektronische Spielkasinos und die nun allgegenwärtigen Läden, die mit 'Kaufe Gold' locken. Zu solchen Einzelkatastrophen kommen die chronischen Leiden wie der stetige Abbau des öffentlichen Schulsystems."

Der jordanische Journalist Fakhri Saleh bringt Hintergründe zur Verhaftung des saudischen Schriftstellers Turki al-Hamad am 24. Dezember: "Grund für die Festnahme des profilierten Intellektuellen waren einige Twitter-Botschaften, in denen er die religiösen Autoritäten seines Landes kritisiert und zu einer Reform des Glaubensverständnisses aufgerufen hatte, damit der Islam aus dem Zugriff seiner extremistischen und fundamentalistischen Vertreter befreit werde."

Weiteres: Gerhard Gnauck zeigt sich entsetzt über die giftige Atmosphäre in der polnischen Politik. Brigitte Kramer erzählt, dass die Spanier jetzt bei den Lateinamerikanern um Rat zur Krisenbewältigung fragen. Besprochen werden Shulamit Volkovs Rathenau-Biografie und Kinderbücher.

Der Tagesspiegel, 09.01.2013

Malte Lehming schreibt zur Debatte zwischen Jakob Augstein-Verteidigern und Augstein-Kritikern: "Es wirkt, als solle Augstein gegen Kritik in ebenjenem Maße immunisiert werden, in dem er und seine Mitstreiter annehmen, dass ihre Gegner Israel vor Kritik immunisieren wollen. Die Antisemitismusdebatte blüht und gedeiht durch Projektionen."

Die Welt, 09.01.2013

"Ich glaube, es war die schiere Verzweiflung, dass es mit Jakob Augstein einen von ihnen erwischt hatte." Anders kann es sich Henryk M. Broder kaum erklären, dass sich so viele Intellektuelle an Augsteins Seite stellten - vom stellvertretenden Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland Salomon Korn (hier), der wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung Juliane Wetzel (hier), dem Vorsitzenden des Deutschen Journalisten Verbandes Michael Konken (hier), dem Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (hier), dem Potsdamer Historiker Julius Schoeps (hier), bis zum Redakteur der Berliner Zeitung Christian Bommarius (hier) und dem Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland Klaus Holz (hier). Antisemitismus habe sich schließlich genauso modernisiert wie Bankräuberei: "Moderne Antisemiten argumentieren subtil: Sie sagen, Israel sei die Weltgefahr Nummer eins, und hinter allem stecke die allmächtige 'Israel-Lobby'. Und unterstellen damit: Gäbe es Israel nicht, dann wäre der Frieden auf Erden kein Problem. Das ist Antisemitismus pur. Das zu begreifen, überfordert die meisten Intellektuellen, die über 'das Ende der Suhrkamp-Kultur' so bestürzt sind, dass sie darüber vergessen, dass das einzig Beständige im Leben der Wandel ist."

Weitere Artikel: Regisseur Ang Lee spricht im Interview über seinen Film "Life of Pi" und die Suche nach Gott. Iris Alanyali widmet die Leitglosse den Talkshows und ihren Zuschauern. Alan Posener hat die Nase voll von Leuten, die auf den Boden rotzen: "Als ob Hundescheiße nicht genug wäre."

Besprochen werden David Bowies neue Single "Where Are We Now", das neue Album von Max Raabe und ein Bildband über das Leben Helmut Bergers.

Weitere Medien, 09.01.2013

In der Leitglosse der FR/Berliner Zeitung fragt Christian Bommarius, warum Henryk Broder nie seine eigenen Vorgesetzten beschimpft (das ist bei deutschen Journalisten schließlich die Königsdisziplin!) und weist jeden Verdacht von sich, er wolle Broder im Gefängnis sehen: "Wir verlangen: Freiheit für Broder."

Die Tageszeitung, 09.01.2013

Auf den Tagesthemenseiten berichtet Ruth Reichstein von einer Datenschutzverordnung der EU, die ein Recht auf Vergessenwerden festschreiben will. Heute kann man zwar Kommentare und Fotos von einer Seite nehmen, hat aber keine Garantie, dass die Daten gelöscht sind: "Deutlich gemacht hat das der Fall des Österreichers Max Schrems. Er hat von Facebook alle Daten angefordert, die eigentlich gelöscht, aber noch bei Facebook vorrätig waren. Er bekam 1200 eng bedruckte DIN-A4-Seiten."

Besprochen werden René Polleschs neues Stück "Macht es für euch!" am Zürcher Schauspielhaus, die Ausstellung "Schwestern der Revolution" über die Künstlerinnen der russischen Avantgarde im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, Greg Smith' Abrechnung mit seiner früheren Bank Goldman Sachs "Die Unersättlichen".

Und Tom.

Aus den Blogs, 09.01.2013

Thomas Knüwer geht mit bemerkenswerter Geduld die Apps und Online-Bezahlmodule der Zeitungen durch und kommt zu folgendem Fazit: "Es fehlt an Bestellsystemen, an Kundenservice, an technischer Kompetenz. Seit über zehn Jahren nun reden Verlage von Paid Content. Die lange Liste von nicht zufriedenstellenden Angeboten beweist, dass sie sich keinerlei Gedanken gemacht haben, wie die Strukturen für solch ein Bezahlgeschäft aussehen sollen."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2013

Was auf dem Foto aussieht wie die Kantine einer Sparkasse, erweist sich laut dem Bericht von Niklas Maak als das neue Romanische Café im neugebauten Hotel Waldorf Astoria am Bahnhof Zoo, "ein typischer Fall von Etikettenfledderei durch Marketingabteilungen", meint Maak, und "von der Decke knallt das Licht der Neonstrahler auf die Teller, als solle man den Kuchen nicht essen, sondern operieren."

Weitere Artikel: Auf Seite 1 des Feuilletons wendet sich Joachim Müller-Jung gegen Schönheitsoperationen und mahnt, "nicht immer mehr Risiken zugunsten der Ästhetik in Kauf zu nehmen". Der Artikel wird flankiert von einem Gespräch mit dem Psychologen Peter Falkai, der ebenfalls von Eitelkeit abrät. Dieter Bartetzko kommentiert die neuesten Wirren um einen angeblich in Berlin geplanten neuen Flughafen. Kerstin Holm schreibt eine Glosse über die abstoßenden Putin-Avancen ehemaliger französischer Stars. Jan Knobloch fragt, ob die Zeit politischer Rhetorik vorbei sei. Eine ganze Seite ist neuen Fernsehserien gewidmet, unter anderem geht es um "Homeland" mit Claire Danes. Auf der Medienseite berichtet Mark Siemons über Proteste für Meinungsfreiheit in der südchinesischen Stadt Guangzhou.

Besprochen werden Jacques Audiards neuer Film "Der Geschmack von Rost und Knochen", Donizettis Oper "Maria Stuarda" an der Met und Bücher, darunter Yu Huas Essayband "China in zehn Wörtern".

Süddeutsche Zeitung, 09.01.2013

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie klagt über ein auf internationalem Parkett viel zu wenig selbstbewusst auftretendes Europa, insbesondere auch, wenn es um das für die USA prognostizierte, sogenannte "pazifische Jahrhundert" geht (siehe SZ vom 27.12.2012), angesichts dessen mancher Europa schon als abgehängte "alte Welt" wähnt. Ein "geopolitischer PR-Trick", meint Leggewie: "So werden ein überaus autoritäres Menschenbild, eine Output-fixierte Regierungslehre und eine anachronistische Marktblödigkeit gefeiert, die eines selbstbewussten Europas nicht würdig ist."

Weitere Artikel: Dem ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy wurde ein Kulturtipp fürs Radio zensiert, berichtet Cathrin Kahlweit: Vom ursprünglichen Tipp, noch ins Nationaltheater zu gehen, bevor dort ein umstrittener Intendantenwechsel stattfindet, blieb nurmehr die erste Hälfte. Till Briegleb informiert über Ärger der vielerorts von der Hotelbranche erhobenen Kulturabgabe auf Übernachtungen. Georg Imdahl spricht mit Joanna Mytkowska vom Warschauer Museum of Modern Art. Nach David Bowies gestrigem Social-Media-Coup einer klammheimlich veröffentlichten, dann aber lauffeuerartig verbreitenden neuen Single "Where are we now" ist Andrian Kreye erstaunt darüber, "wie konsequent sich David Bowie in diesem Frühjahr selbst zu einer historischen Figur stilisieren wird" (mehr dazu in diesem aktuellen Gespräch mit Bowies Berliner Produzenten Tony Visconti in der Spex.)

Besprochen werden Jacques Audiards neuer Film "Der Geschmack von Rost und Knochen", eine Ausstellung mit Designarbeiten von Ettore Sottsass in der Neuen Sammlung in München und Bücher, darunter Jan Assmanns Opernbegleiter zu Mozarts "Zauberflöte".

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