Heute in den Feuilletons: Selbst denken macht einsam

In der "Welt" entschuldigt sich Henryk Broder bei Jakob Augstein dafür, dass er ihn einen "kleinen Streicher" genannt hat, hält seine Vorwürfe aber aufrecht. In der "FR" betrachtet Dirk Baecker das BER-Debakel aus systemtheoretischer Sicht und die "taz" hat nichts gegen die antirassistische Bereinigung von Kinderbüchern.

Die Welt, 12.01.2013

Henryk M. Broder entschuldigt sich bei Jakob Augstein: "Ich habe über Jakob Augstein auch geschrieben, er sei 'der kleine Streicher von nebenan..., der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen...' Das war vollends daneben. ... Ein Hühnerstall ist kein KZ, die Moslems sind nicht die Juden von heute. Ich habe solche Dramatisierungen bei anderen immer kritisiert. Und nun bin ich in dieselbe Falle getappt. Dafür entschuldige ich mich. Und nur dafür."

Außerdem im Feuilleton: Richard Kämmerlings besucht den Autor Dirk Kurbjuweit, dessen autobiografischer Roman "Angst" über eine Familie, die von einem Stalker tyrannisiert wird, Mitte Januar veröffentlicht wird. Manuel Brug gratuliert dem Dirigenten Mariss Jansons zum Siebzigsten und zum Siemens-Musikpreis. Hanns-Georg Rodek bittet den Schauspieler Ulli Lommel im Hotel Lux11 zu Tisch. Gerhard Gnauck berichtet über einen Streit um den Lyriker Adam Wlodek, Ehemann von Wislawa Szymborska, die nach ihrem Tod einen Preis in seinem Namen ausgelobt haben wollte: Nun stellt sich jedoch heraus, dass Wlodek 1952 für die Denunziation eines Kollegen verantwortlich war.

Besprochen wird eine Ausstellung über Martin Scorsese im Museum für Film und Fernsehen der Deutschen Kinemathek in Berlin.

In der Literarischen Welt zeigt Hannes Stein mit Schiller einige Sympathie für die Amerikaner, die sich nicht entwaffnen lassen wollen. In der Rubrik "Harpprechts Bücherwunsch" wünscht sich Klaus Harpprecht ein Werk über die Epoche des Jugendstils. Hanns-Josef Ortheil liest gerade Michael Rutschkys "Merkbuch". Henning Buschmann erinnert an den Film "Casablanca", der vor 70 Jahren in die Kinos kam. Besprochen werden u.a. Tom Hollands Geschichtswerk "Im Schatten des Schwertes", ein Band mit unverfilmten Drehbüchern von Vicki Baum, Joseph Roth, Heinrich Mann und anderen deutschen Emigranten, Teresa Präauers Debütroman "Für den Herrscher aus Übersee", Helmut Böttigers Band über die Gruppe 47 und Richard Dawkins' üppig bebildertes naturwissenschaftliches Welterklärungsbuch "Der Zauber der Wirklichkeit".

Neue Zürcher Zeitung, 12.01.2013

Literatur und Kunst ist heute ausschließlich der Literatur gewidmet. Der Romanist Karlheinz Stierle stellt voller Bewunderung die "mit Brio" verfasste Studie Roberto Calassos über Charles Baudelaire vor: "Auf Umwegen nähert sich Calasso der Welt Baudelaires, um so in ihr Zentrum zu stoßen. Er beginnt mit einem Brief Baudelaires, der seine Mutter einlädt, sich mit ihm im Louvre zu treffen. In der einfach-komplizierten Faktur dieses ganz persönlichen Briefs entdeckt Calasso das ganze Geheimnis von Baudelaires Stil. Für Calasso ist die Prosa, von den Gemäldekritiken seiner 'Salons' bis zu den Briefen, Baudelaires eigentlicher Ruhm. Dass Baudelaire ein großer Prosaist ist, der die Gabe memorabler Formulierung besitzt, ist eine Entdeckung Calassos, dem die Lyrik mit ihrer doch unvergleichlichen poetischen Energie ferner steht."

Weiteres: Abgedruckt ist die Laudatio Martin Meyers auf Michael Krüger anlässlich der Verleihung des Kythera-Preises. Besprochen werden Karl Marlantes Roman "Matterhorn", Martha Gellhorns Reportagen "Das Gesicht des Krieges", Dalton Trumbos Satire "Und Johnny zog in den Krieg" und Jean Rolins Reportagenband "Einen toten Hund ihm nach" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton untersucht Marion Löhndorf den Erfolg der britischen Serie "Downton Abbey". In der Kolumne "Schlaflos" wartet die Physikerin und Schriftstellerin Asli Erdogan "auf einen Blick, der mich aus dem Dunkel zieht". Ueli Bernays schreibt zum Tod von Claude Nobs, Patron des Montreux-Jazzfestivals.

Besprochen werden Volker Löschs Adaption von Robert Harris' Wirtschaftsthriller "Angst" am Theater Basel und Bücher, darunter Julian Schuttings Nicht-Roman "Die Liebe eines Dichters".

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 12.01.2013

Harald Jähner unterhält sich mit dem Soziologen Dirk Baecker aus postheroischer Perspektive über das BER-Debakel. Die Frage, ob Wowereit zurücktreten müsse, weil die Gesellschaft ein Bedürfnis nach tragischen und gescheiterten Helden habe, regt ihn zu einer kleinen Philosophie des Politikers als Symbol an: "Politiker werden dafür gewählt und bezahlt, das Glück und Elend der Welt in ein Spektakel der Welt zu übersetzen, oder, wie ein Systemtheoretiker sagen würde, der Gesellschaft Möglichkeiten ihrer Selbstthematisierung bereitzustellen. Wenn man in Systemen verteilter Intelligenz Leute braucht, die ihre Stimmen, ihre Körper, ihre Gesten und ihre Zukunft der Symbolisierung bestimmter Projekte, Erwartungen oder eben auch Fehler zur Verfügung stellen, nimmt man und schafft man sich Politiker. Interessanterweise finden sich dann auch immer Leute, die sich genau dafür zur Verfügung stellen."

Außerdem: Peter Uehling meldet, dass Simon Rattle seinen Vertrag als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht verlängern will. Peter Michalzik schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Peter Fitz.

Weitere Medien, 12.01.2013

Eigenlob ist aus der Mode gekommen, außer in der Politik, meint Joseph von Westphalen in seiner AZ-Kolumne. Als führend sieht er FDP und CSU: "Kaum weniger entnervend allerdings das honigsüße Gesumm, mit dem Claudia Roth ihre Grünenpartei verklärt. Bronze. Man kann von den SPD-Politikern halten, was man will, in Sachen Eigenlob und Selbstliebe liegen sie sympathisch zurück."

Die Tageszeitung, 12.01.2013

Am Vorhaben, in Kinderbuchklassikern wie "Die kleine Hexe" und "Pippi Langstrumpf" despektierliche Begriffe wie "Neger" durch neutrale Begriffe zu ersetzen, findet Daniel Bax nichts Verwerfliches: "Das Problem ist ja nicht nur, dass das Wort 'Neger', das früher gebräuchlich war, heute als diskriminierend gilt. Hinzu kommt, dass es vielen Kindern heute schlicht nicht mehr geläufig sein dürfte. Will man es der nächsten Generationen da nun ausgerechnet per Kinderbuch beibringen? Und würde es nicht vielmehr der humanistischen und zweifellos antirassistischen Intention von Autoren wie Otfried Preußler und Astrid Lindgren widersprechen, solch missverständliche Begriffe (...) beizubehalten?"

Weiteres: Georg Blume besucht in Delhi eine Diskussion um Prakash Jhas Film über die indisch-maoistische Bewegung (hier der Trailer mit englischen Untertiteln). Felix Lee führt durch das chinesische Internet. Alfons Berger treibt sich in Alt-Berliner Kneipen herum. Außerdem erzählen Schwaben und Nicht-Schwaben aus ihrem Berliner Leben.

Besprochen werden Dennis Buschs neues Album "Total Youth" und Bücher, darunter Geert Lovinks Kritik der Vernetzungskultur (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 12.01.2013

Matthias Kuentzel analysiert in einem längeren Beitrag in seinem Blog Jakob Augsteins Texte über Israel und die Reaktionen seiner Verteidiger: "Die meisten Teilnehmer dieser Debatte sind offenbar nicht nur deshalb eingeschnappt, weil 'einer von uns' auf die Liste (des Wiesenthal-Zentrums) kam. Sondern sie reagieren auch deshalb so selbstgerecht, weil die Listung des SWZ das hochgezüchtete Selbstbild von der allumfassenden Antisemitismuskompetenz der Nach-Achtundsechziger-Generation demoliert. Dabei ist es gerade um diese Kompetenz eher dürftig bestellt."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2013

Edna Brocke, Großnichte von Hannah Arendt, erklärt sich im Interview mit Margarethe von Trottas Spielfilm über Hannah Arendt ganz einverstanden und erzählt, wie sie Arendt mehrmals zum Eichmann-Prozess begleitete: "Für Hannah waren Freundschaften ihr wirklicher Halt, und ich glaube, dass sie sich ein Auseinandergehen nur auf persönlicher Ebene vorstellen konnte. Nach Erscheinen der Artikel im New Yorker wurde sie auf einmal von vielen Freunden auf einer Erkenntnisebene angegriffen; manche brachen sogar jeden Kontakt mit ihr ab. Das hat sie tief getroffen. Von diesen Verletzungen hat sie sich nie erholt. Selbst denken macht eben gerade nicht Freunde, sondern einsam."

Weitere Artikel: Künstler hin oder her: "Klaus Kinski hätte ins Gefängnis gehört", meint eine zornige Verena Lueken nachdem sie Pola Kinskis Buch gelesen hat, das den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater beschreibt (mehr beim Tagesspiegel). Die Berliner Philharmoniker haben fünf Jahre Zeit, über einen neuen Chefdirigenten nachzudenken: dann will Simon Rattle gehen. Karen Krüger wirft einen Blick auf die Liste bislang verbotene Literatur in der Türkei, die jetzt per Parlamentsbeschluss freigegeben wurden. Eduard Beaucamp unterzieht Ercole de' Robertis' Gemälde "Johannes der Täufer" einer genaueren Betrachtung. Der Dirigent Mariss Jansons spricht im Interview über seine Jugend in der Sowjetunion und überlegt, warum ausgerechnet in dieser Zeit die Qualität des Musikbetriebs - mit Lehrern wie Jewgeni Mawrinski, Mstislaw Rostropowitsch, Swjatoslaw Richter oder Emil Gilels - "unvorstellbar hoch" war.

Auf der Medienseite informiert uns Stefan Schulz in einem Bericht über den Streit zwischen der Gema und Google, dass der südkoreanische Musiker Psy mit seinem Video "Gangnam Style" in den letzten sechs Monaten viereinhalb Millionen Euro verdient hätte, wäre das Video in Deutschland gezeigt und nach deutschen Regeln abgerechnet worden.

Besprochen werden Volker Löschs Adaption von Robert Harris' Wirtschaftsthriller "Angst" in Basel und Bücher, darunter Alina Bronsky Roman "Spiegelriss" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Michael Braun ein Gedicht von Jan Volker Röhnert vor:

"Das Mädchen hinter der Theke

möchte jetzt ganz woanders sein.
An einem späten italienischen Mittag, wie
diesem, wie man ihn kennt, mit viel
Pasta Pane & Parlare, kommt
höchstens einer..."

Süddeutsche Zeitung, 12.01.2013

Für eine Seite Drei-Reportage mit reichlich Atmo hat Hilmar Klute Hans Barlach in seiner Hamburger Villa besucht. So ganz bestätigt sich ihm das Bild des Bösen wohl nicht: "'Ungesetzlich, widerrechtlich', das sagt Barlach immer wieder. Von Demütigungen redet er nicht, aber viele sagen, es habe ihn getroffen, dass der Berkéwicz-Anwalt Peter Raue ihn 'Hänschen' nennt. Dass man ihn als halbseidenen Emporkömmling ansieht und sogar seinen Großvater als grobschlächtigen Hinterwäldler beschimpft hat. Aber getroffen wirkt der Mann eher nicht."

Im Feuilleton skizziert Christoph David Piorkowski die Geschichte des islamistischen Antisemitismus, den er zwar für von außen importiert, aber inzwischen auch für bestens verankert hält: Der Platz 1 für die Muslimbrüder auf der Liste des Wiesenthal-Zentrums erscheint ihm jedenfalls gerechtfertigt. Laura Weissmüller schreibt über die Krise der japanischen Architektur nach Fukushima. Mit den beiden Veteranen Chuck Hagel und John Kerry, die Obama für Ministerposten vorgesehen hat, "kehrt Vietnam zurück in die amerikanische Politik", schreibt Hubert Wetzel, der darin "versöhnliches Ende und andauerndes Trauma" zugleich sieht. Mit großem Interesse liest Thomas Steinfeld Werner Plumpes Überlegungen (hier als PDF) zum Euro in der aktuellen Ausgabe des Merkur. Für Christopher Schmidt hat "die Dämonologie im Suhrkamp-Streit" mit dem kürzlichen Aufruf von 70 Suhrkamp-Autoren ein neues Level erreicht. Michael Stallknecht spricht mit Dirigent Mariss Jansons, dem Wolfgang Schreiber zum 80. Geburtstag gratuliert.

Charlotte Knobloch fühlt sich auf der zweiten Seite der SZ trotz ihrer Befürchtungen während der Beschneidungsdebatte nun darin bestärkt, "dass sich die Mehrheit in Deutschland für die Vernunft entschieden hat".

Besprochen werden die Scorsese-Ausstellung im Filmmuseum Berlin, eine Ausstellung mit Arbeiten von Anselm Reyle in den Deichtorhallen in Hamburg und Bücher, darunter Vladimir Jabotinskys Roman "Die Fünf" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Für die SZ am Wochenende spricht Rebecca Casati mit der Schauspielerin Barbara Sukowa.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Heute in den Feuilletons
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Eine Kooperation mit...