Heute in den Feuilletons: Oben ohne in der Oper

Für die "Frankfurter Rundschau" wird's langsam knapp, berichten verschiedene Medien. Die "taz" schildert Oper, Pornografie und Prostitution im Kontext. In der "FR" hält Quentin Tarantino am Begriff des Holocaust für die Sklaverei und die Geschichte der Indianer in den USA fest.

Der Tagesspiegel, 17.01.2013

Der britische Anthropologe Jeremy Keenan spricht im Interview über den Konflikt in Mali und die Ziele der französischen Intervention: "Das drängendste Problem sind zurzeit natürlich die Islamisten. Aber selbst wenn sie weg wären, blieben all die großen Probleme, die es zuvor schon in Mali gab. Die malische Regierung im Süden muss das Land auch als Einheit behandeln. Das hat es bisher nie gegeben. Die Rebellion der Tuareg gab es, weil der Norden immer verachtet, politisch und wirtschaftlich marginalisiert wurde. Den Norden ordentlich zu entwickeln wird hunderte Millionen Euro kosten. Doch das Geld wäre da. Die EU hatte bereits Pläne, diese Mittel zu bewilligen, bevor die Kämpfe im letzten Jahr ausbrachen."

Bereits gestern sind Oliver Welke und Dieter Wischmeyer an die Protokolle herangekommen, in denen die ARD die Redaktionskonferenzen ihrer fünf Groß-Talker festhält. Los geht es Freitag, 10 Uhr: "Redaktionskonferenz bei Günther Jauch. Der Superstar des ARD-Talks lauscht der Manöverkritik zur Sendung vom letzten Sonntag. Sein Redaktionsleiter erwähnt die fantastische Quote und meint dann scherzhaft: 'Na gut, wenn wir mal ehrlich sind ... Nach so einem starken Münster-Tatort könnten wir wahrscheinlich auch sechzig Minuten live auf irgendeine Straßenkreuzung in Haselünne schalten, und wir würden trotzdem fantastische Quoten holen.' Die Runde lacht herzlich. Günther Jauch lacht nicht. Er schaut den Redaktionsleiter mit kalten Augen an und macht sich eine Notiz. Der Redaktionsleiter schluckt."

Weitere Medien, 17.01.2013

Es gibt viel schlimmere Tendenzen in Kinderbüchern als die Streichung des Wörtchens "Negerlein", meint Anne-Catherine Simon in der Presse und sieht eine Welle der politischen Korrektheit auf uns zurollen. In den siebziger Jahren etwa durfte "ein Jäger in einem Kinderbuch küssende Hasen totschießen, oder ein Hase den Jäger. Nicht dass diese Janosch-Bilder nun verboten sind. Es fragt sich nur, ob sie heute noch so veröffentlicht werden könnten. In neuen Kinderbüchern finden sich solch 'drastische' Elemente jedenfalls nicht mehr."

(Via Christian Jakubetz) Die Belegschaft der Frankfurter Rundschau wird langsam etwas nervös, berichtet der Hessische Rundfunk und zitiert den Insolvenzverwalter Frank Schmitt - bisher ist kein Investor gefunden, und die Frist läuft am 31. Januar aus: "Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Zeitung auch im Februar gedruckt wird, sagte er. Problematisch bei den Verhandlungen sei, dass das Druckzentrum in Neu-Isenburg, das zur FR gehört, vor Kurzem mit dem Axel-Springer-Verlag seinen wichtigsten Kunden verloren hat." Mehr zum Thema auch bei turi2: "Wenig Hoffnung für die Frankfurter Rundschau."

Die Tageszeitung, 17.01.2013

Kevin Clarke berichtet über eine Liaison, die einem vielleicht nicht spontan in den Sinn gekommen wäre: Sex und Oper. Der schwule französische Pornostar Jordan Fox jedenfalls hat kürzlich in der Komischen Oper Berlin Oben-ohne-Schnappschüsse aufgenommen und sie zum Bestandteil seines neuen Films gemacht. Der Marketing-Ansatz "geschicktes Product Placement der Komischen Oper Berlin in einem Pornofilm" würde, weiß Clarke, bestens zur Geschichte des Hauses passen: "Denn bis 1945 hieß es Metropoltheater und widmete sich explizit frivolen Revuen und Operetten. Anfang des 20. Jahrhunderts lockte man reiche Herren der Wilhelminischen Gesellschaft auch damit an, dass sie im Wandelgang des zweiten Rangs käufliche Damen der Friedrichstraße kennenlernen konnten, die - genialer Einfall! - in der Pause zum halben Preis ins Theater kamen."

Weitere Artikel: K. Erik Franzen resümiert eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Museen - Die Kinos der Zukunft?" in der Akademie der Bildenden Künste in München, bei der es unter anderem um die Frage ging, ob das Kino nicht tot, sondern einfach in die Kunst migriert sei. Auf den vorderen Seiten berichtet Daniel Kretschmar über "Graph Search", eine neue Suchfunktion, mit der Facebook einen Angriff auf Google startet. Ergänzend dazu werden Alternativen zu Google aufgelistet, die entweder mehr Datenschutz bieten oder ökologischer sind (ob die Suchergebnisse gleichwertig sind, erfährt man allerdings nicht).

Besprochen werden das Regiedebüt "Sleepless Knights" von Stefan Butzmühlen und Cristina Diz, eine im "ausgedörrten, gelbbraunen südspanischen Sommer" spielende Liebesgeschichte, das neuen Album "Bärenmann" der Dresdner Band Bergen und die DVD von Steven Soderberghs "Girlfriend Experience" von 2009.

Und Tom.

Die Welt, 17.01.2013

Thomas Kielinger schreibt einen erinnerungssatten Nachruf auf den großen Plattenladen der insolventen His Master's Voice-Kette in London. Paul Badde besucht die neue Bibliothek des Kunsthistoriker-Instituts in Rom.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Geschichte des Zirkus im New Yorker Bard Graduate Center. Susanne Lothars letzter Film, "Staub auf unseren Herzen", Stücke zur Finanzkrise in Berlin, Stuttgart und Basel und Wolfgang Fortners Oper "Bluthochzeit" in Wuppertal.

Weitere Medien, 17.01.2013

(via ald) In einem epischen Essay in der Financial Times erklärt der südafrikanische Literaturwissenschaftler Hedley Twidle hin- und hergerissen, warum ihm J. M. Coetzee langsam gewaltig auf die Nerven geht: "The South African poet Basil du Toit wrote that when you bite into a piece of fruit these days, 'you find that it has been half-expecting you'. Coetzee's books have the same GM quality for the literary scholar: they were clearly au fait with various strands of theory during the 1970s, 1980s, 1990s, leaving little Hansel and Gretel crumbs behind them, leading critics on like the Pied Piper. ... He has not only provided the novels, but the secondary readings too. It all comes as a total, all-too-teachable package; a whole literary-critical paraphernalia, which you then assemble together in class like a Lego set."

(via 3quarksdaily) Bei Granta erzählt Teju Cole (mit einigen Beispielvideos), warum er brasilianische Musik liebt, die er in den frühen Achtzigern in Lagos kennenlernte und seitdem liebt: "The club scene is brilliant in Brazil, and the most popular genre at the moment is baile funk or, as it is known in Rio, carioca funk. I like it for its scattered beats and political volatility, but I'm drawn even more strongly to an older genre: drum and bass, one of the top exponents of which is São Paulo's Marco Antonio Silva, aka DJ Marky."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 17.01.2013

Quentin Tarantino hält im Interview mit Patrick Heidmann am Begriff des Holocaust für die Sklaverei und das Schicksal der Indianer in Amerika fest: "Selbstverständlich. Die Sklaverei war ein Holocaust - und zwar einer, der 245 Jahre andauert. Genauso wie die Ausmerzung der amerikanischen Ureinwohner ein Holocaust war, nicht weniger schlimm als der Holocaust im Zweiten Weltkrieg oder der Völkermord an den Armeniern."

Christian Thomas rät Tarantino in einem Kommentar dazu, sich ein bisschen mehr mit der Geschichte zu befassen, "darunter der Frage, warum die USA heute, nach 245 Jahren, kein KZ sind, in dem die schwarze Bevölkerung ins Gas geschickt wird".

Neue Zürcher Zeitung, 17.01.2013

Zum Abschied des Intendanten Armin Petras zieht Dirk Pilz eine positive Bilanz seines siebenjährigen Schaffens am Berliner Maxim-Gorki-Theaters: "Rasch wurde das Gorki zur Hauptbühne einer Schnellzeichenästhetik, die alle Szenen wie schroff skizziert, hektisch hingepinselt wirken lässt. Schnell wurde das Haus damit auch unverwechselbar. Petras entwickelte die Unübersichtlichkeit zum Programm, suchte im Provisorischen das Theaterglück und hoffte so, einer unübersichtlichen, fragilen Welt beizukommen. Er selbst ist der Meister dieses Hochgeschwindigkeitstheaters."

Von Indiens erster Biennale für Gegenwartskunst in Kochi berichtet Samuel Herzog: "Die Qualität der Werke ist für eine Erstlings-Biennale geradezu überragend (...). Schade nur, dass ausgerechnet für die Vermittlung kein Power mehr vorhanden war."

Besprochen werden Filme, darunter Quentin Tarantinos Sklaverei-Western "Django Unchained" ("das Bauen eines Plots, eines großen erzählerischen Bogens, gehört nicht zu seinen Stärken", stellt Simon Spiegel fest) und Bücher, darunter Andrei Bitows Roman "Der Symmetrielehrer".

Der Freitag, 17.01.2013

Filmförderungsmittel werden immer häufiger an Stiftungen ausgelagert, die relativ autonom agieren, schreibt Lars Henrik Gass, der das fatal findet: "Sind die Fördermittel einmal verlagert, hat das Parlament nichts mehr mitzureden. Entscheidungen sind somit demokratischer Dynamik entzogen und der zumindest strukturell möglichen Willkür Einzelner nunmehr fast schutzlos ausgeliefert. Gleichwohl fühlen sich viele Volksvertreter und Beamte - selbst im engen Korsett von Erlässen und Sparzielen - durch ein solches System von der Last der Verantwortung und der sachlichen Komplexität entlastet."

Michael Angele berichtet eindrücklich von einer Pressereise in die europäische Kulturhauptstadt Kosice im Osten der Slowakei, wo natürlich auch die Lage der Roma thematisiert wurde: "'Sie wollen sich eben nicht integrieren', wurde uns immer wieder gesagt. Die Leute sagten es nicht aggressiv oder abfällig, sondern als sei es eben einfach so. Etwas sträubte sich gegen diese Sicht, aber wir spürten schon auch, dass es keine 'einfachen Lösungen' gibt."

Die Zeit, 17.01.2013

Den Skandal um Schleichwerbung bei "Wetten, dass..." nimmt Uwe Jean Heuser zum Anlass, in einem Leitartikel noch einmal das neue Gebührensystem in Frage zu stellen ("Bei der Einkommensteuer zahlen die Reichen prozentual mehr als die Armen, beim Rundfunkbeitrag weniger. Was soll daran gerecht sein?") und den Öffentlich-Rechtlichen einen klaren Auftrag mitzugeben: "Sie sollten auf Werbung und Sponsoring verzichten, originelle Formate für die Mattscheibe und das Netz entwickeln und selbstbewusst zu guten Sendungen stehen, auch wenn die nicht so viel Quote bringen."

ZDF-Intendant Thomas Bellut setzt sich in einem Interview im Wirtschaftsteil gegen den Vorwurf der Schleichwerbung zur Wehr (hier eine Zusammenfassung). Von den Verträgen mit der Vermarktungsagentur Dolce Media kenne er zwar "nur Entwürfe" und "ein Thomas Gottschalk in einer Live-Sendung ist nicht kontrollierbar", aber Schleichwerbung sei "im ZDF-Programm durch die Clearingstelle ausgeschlossen".

Im Feuilleton spricht Oscar-Favorit Daniel Day-Lewis im Interview über seine Hauptrolle in Steven Spielbergs Film "Lincoln". In der begleitenden Rezension erhebt Michael Naumann den Hauptdarsteller zur Attraktion des Films, "wobei seine wahre Kunst darin besteht, uns glauben zu machen, dass Abraham Lincoln in Wirklichkeit Daniel Day-Lewis war". Christine Lemke-Matwey geht die Liste der möglichen Nachfolger von Simon Rattle durch und wünscht sich, wie unter Vorgänger Claudio Abbado, einen fulminanten Endspurt mit den Berliner Philharmonikern. David Bowie hat sich in den letzten Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und ist relativ schwer zu erreichen, stellt Moritz von Uslar fest. Hanno Rauterberg beschreibt, wie sich Kunst im digitalen Zeitalter verändert. Peter Kümmel schreibt Nachrufe auf die Schauspieler Thomas Holtzmann und Peter Fitz, Katja Nicodemus auf den Regisseur Nagisa Oshima.

Besprochen werden die Stuttgarter Uraufführung von Andres Veiels Bankenkrise-Stück "Das Himbeerreich" ("kein großes Stück, aber ein nahrhaftes", findet Peter Kümmel), die Mainzer Inszenierung von Hans Werner Henzes Kleist-Oper "Der Prinz von Homburg ("ein Meisterwerk", jubelt Volker Hagedorn) und Bücher, darunter Wsewolod Petrows Novelle "Die Manon Lescaut von Turdej".

Das Dossier beschäftigt sich mit der politisch korrekten Bereinigung deutscher Kinderbücher: Ulrich Greiner sieht darin "ein Vergehen an der Literatur", der Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten warnt: "Dieses Konfektionieren zerstört Fantasie und Kreativität", Axel Hacke berichtet von der Empörung, die sein "Weißer Neger Wumbaba" ausgelöst hat, und Ijoma Mangold erläutert den Unterschied zwischen Astrid Lindgren und Thilo Sarrazin.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2013

Im Gespräch erklärt der Soziologe Ulrich Beck seinen Begriff des "Merkiavellismus", wie er Angela Merkels Methode benennt: Dabei handelt es sich um "eine Verbindung zwischen Machiavellis und Merkels Machtpolitik. Ein charakteristisches Merkmal davon ist ihre Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln, zum Zögern. In ihrem machtpokernden Jein erfahren die auf Kredite angewiesenen Länder und Regierungen ihre Abhängigkeit von der Zustimmung Deutschlands und damit immer wieder aufs Neue ihre Ohnmacht. Das macht sich in heftiger Kritik Luft."

Außerdem: "Nirgendwo lässt sich die faszinierende Nähe von hoher Kunst und niederem Dreck so wunderbar studieren wie im italienischen Genrekino", schwärmt Eric Pfeil angesichts eines ganzen Schwungs wieder- und erstmals auf DVD veröffentlichter Italowestern. Bert Rebhandl spricht mit Jamie Foxx über dessen Rolle in Tarantinos "Django Unchained". Außerdem ist ein Auszug aus Dirk Kurbjuweits neuem Roman "Angst" abgedruckt (hier eine weitere Leseprobe).

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ehren des Cartoonisten Manfred Schmidt im Deutschen Museum für Karikaturen und Zeichenkunst in Hannover und Bücher, darunter Marilynne Robinsons Roman "Haus ohne Halt".

Süddeutsche Zeitung, 17.01.2013

Für Avrum Burg von der israelischen Partei Awoda ist der Antisemitismus eine besonders aufmerksam zu begegnende, aber letztlich nur eine von vielen Hass-Formen: "Obwohl ich es persönlich ablehne, Antisemitismus zu ignorieren, lehne ich es auch ab, ihn als prägendes Element meiner Identität und meines Wesens anzuerkennen. Wenn es Antisemiten in der Welt gibt, werde ich sie bekämpfen, und gleichzeitig werde ich keinem von ihnen erlauben, meine Stimmung oder mein Dasein zu bestimmen."

Außerdem: Kai Strittmatter staunt, dass die simple Komödie "Lost in Thailand" in China gerade sämtliche Kassenrekorde schlägt. Doris Kuhn erfährt im Gespräch mit Jacques Audiard über dessen neuen Film "Der Geschmack von Rost und Knochen", warum er tragischen Filmenden misstraut. Tim Neshitov betreibt archäologische Grabungen im Bereich der traditionellen indischen Musik, bevor diese von den Beatles für westliche Ohren popularisiert wurden. Margarethe von Trottas Film über Hannah Arendt findet zur Widersprüchlichkeit des Begriffs von der "Banalität des Bösen" kein Verhältnis, findet Christoph David Piorkowski.

Besprochen werden der Surferfilm "Mavericks", zwei Ausstellungen über Giambattista Tiepolo in Passariano und Udine, Neil Simons Komödie "Gerüchte... Gerüchte" am Theater am Kurfürstendamm (deren sympathisch altmodische Inszenierung Peter Laudenbach Freudentänze aufführen lässt) und Bücher, darunter Karl Mays in einer kritischen Ausgabe veröffentlichte Autobiografie.

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