Heute in den Feuilletons: "Die Leistungen des Peinigers herausarbeiten"

Die "NZZ" setzt sich mit der Logik der National Rifle Association auseinander. Der Umgang der "SZ" mit Pola Kinskis Buch "Kindermund" erscheint der "taz"als "perfide". Die "SZ" führt die Debatte um Sprache im Kinderbuch fort.

Neue Zürcher Zeitung, 18.01.2013

"Ein freier bewaffneter Mensch ist ein Widerspruch in sich", entgegnet der Publizist Eduard Kaeser dem Argument der amerikanischen National Rifle Association, wonach eine aufgerüstete Gesellschaft zu mehr Sicherheit führt: "Die Logik solchen individuellen Aufrüstens schafft vielmehr eine neue Konkurrenzsituation (einen 'Markt') und den Wunsch, mehr Waffen oder die bessere Waffe zu haben, schneller zu sein; überhaupt entstünde ein Wettlauf des präemptiven Handelns, der Alarmbereitschaft, des Sich-Vorteile-Verschaffens: eine Kaskade sich fortsetzender Ungleichgewichte, welche die Sicherheit im Ganzen immer mehr unterhöhlte."

Weitere Artikel: Weil der Verband der Diözesen Deutschlands dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen einen Auftrag zur wissenschaftlichen Untersuchung von Missbrauchsfällen entzogen hat, sieht sich die katholische Kirche in Deutschland mit Zensurvorwürfen konfrontiert, meldet Joachim Güntner. Sieglinde Geisel informiert über die Debatte zur politisch korrekten Bereinigung von Kinderbüchern. Andrea Eschbach berichtet von der internationalen Möbelmesse in Köln.

Besprochen werden Konzerte des Genfer Orchestre de la Suisse Romande und des Tonhalle-Orchesters in Zürich, das neue Album "Loverboy" der Schweizer Noise-Rockband Navel sowie eine 63-CD-Box mit Johnny Cashs "Complete Columbia Album Collection" (in dem Cash-Biograf Martin Schäfer "vergessene Perlen zuhauf" findet).

Die Tageszeitung, 18.01.2013

Perfide findet Christian Füller die Einschätzung Willi Winklers in der Süddeutschen, Pola Kinski bediene mit "Kindermund", ihrem Buch über den Missbrauch durch ihren Vater Klaus Kinski, Voyeurismus: Winkler "tappt in jene Fallen, die man kennt, wenn es darum geht, das Opfer unglaubwürdig zu machen - und die Leistungen ihres Peinigers herauszuarbeiten ... Ihr Buch, so lautet die paradoxe Anklage Winklers, 'wirkt authentisch und scheint doch von professioneller Hand geschrieben’'. Wie apart! Normalerweise wirft man Opfern vor, dass sie nicht glaubwürdig seien. Diesmal heißt das Vergehen, Pola Kinski lasse 'keine Klischee-Vokabel aus’' und 'bedient einen Voyeurismus’' - das ist perfide, ja ungeheuerlich.“"

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg unterhält sich mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp über dessen Buch "„Leibniz und die Revolution der Gartenkunst" und die neutralisierende Kraft“ eines Gartens. Sonja Vogel berichtet über eine von Hassmails begleitete Buchvorstellung in Berlin: Jutta Ditfurth hat gemeinsam mit weiteren HerausgeberInnen einen Band über „die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter)nationalen Raum“ veröffentlicht.

Besprochen werden die Berliner Premiere von Andres Veiels Stück „"Himbeerreich“" am Deutschen Theater und eine Ausstellung mit Stadt-Fotografien von Laurenz Berges im Oldenburger Kunstverein.

Und Tom.

Der Freitag, 18.01.2013

Sonderbar, dass über Spike Lees und Quentin Tarantinos "Holocaust"-Rhetorik im Vorfeld von "Django Unchained" kein nennenswerte Debatte entbrannt ist, wundert sich Matthias Dell in seiner Filmkritik für den Freitag und findet: "Wichtiger als die Hitlistenpflege von Menschheitsverbrechen ist in einer globalisierten Welt die Arbeit an den je spezifischen Traumata und Verantwortungen, die aus diesen Verbrechen resultieren. Das wäre der pragmatische Blick auf so etwas wie Geschichtsbewusstsein im 21. Jahrhundert: Es geht weniger darum, ob die ökonomisch motivierte Unterjochung von Afrikanern vergleichbar ist mit dem industriellen Massenmord an den deutschen Juden, sondern vielmehr um die notwendige Auseinandersetzung mit einer problematischen je eigenen Geschichte."

Die Welt, 18.01.2013

Josef Engels staunt über die Schlagzeuger im neuen Album des Jazzsängers José James, der dem Genre offenbar wieder Leben einhaucht - unter anderem mit verrückten Rhythmen: Engels hört "ein heilloses Stolpern, um sich kurz vor dem Zusammenbruch gerade noch in die nächste Zählzeit zu retten. Das Ganze klingt ungefähr so, als habe ein DJ ein Schlagzeug-Sample nicht ganz sauber geschnitten und ließe diese Rhythmusspur nun in einem elliptischen Loop laufen."

Manuel Brug spekuliert über mögliche Nachfolger Simon Rattles bei den Berliner Philharmonikern ab dem Jahr 2018 und nennt als plausibelste Kandidaten Andris Nelsons (dann 40), Kirill Petrenko (dann 46),Yannick Nézet-Seguin (dann 43) und Gustavo Dudamel (dann 37).

Weiteres: Großbritannien-Korrespondent Thomas Kielinger macht auf Komplikationen im neuen Thronfolge-Gesetz aufmerksam, gegen das jetzt auch Prince Charles interveniert: Wenn die Familie katholisch heiraten darf und die Thronfolger katholisch wären, wie sollten sie dann der anglikanischen Kirche vorstehen? Lucas Wiegelmann guckt sich den heute auf Arte laufenden "Rasputin" mit Gérard Depardieu an, der noch vor dessen Liaison mit Wladimir Putin gedreht wurde und jetzt Symbolkraft hat. Tilman Krause begutachtet den "ästhetisch korrekten" Entwurf für die künftige Gestaltung des Schlossplatzes vor der künftigen Attrappe des Stadtschlosses in Berlin. Tilman Krause schreibt den Nachruf auf den früh verstorbenen Jakob Arjouni. Und Hans-Joachim Müller bespricht die Mike Kelley-Retrospektive im Amsterdamer Stedelijk Museum.

Weitere Medien, 18.01.2013

Bereits im Dezember vergangenen Jahres hat sich Harvard-Professor Henry Louis Gates Jr. für das afro-amerikanische Onlinemagazin The Root in drei Teilen mit Quentin Tarantino über dessen kontroversen Film "Django Unchained" unterhalten. Angesichts des deutschen Kinostarts des Films in dieser Woche ist das Gespräch aber auch jetzt noch von aktuellem Interesse. Die Kritik, dass in seinem Film das Wort "Nigger" so häufig auftaucht, federt er im Nu ab: "Nun, wenn man einen Film über Sklaverei dreht und einen Zuschauer aus dem 21. Jahrhundert in diese Zeit versetzt, dann wird dieser einige Dinge zu hören und zu sehen kriegen, die hässlich sind. Das ist einfach ein Bestandteil des Pakets, wenn man sich aufrichtig mit dieser Story, mit dieser Umgebung und diesem Land befasst. Ich persönlich halte diese Kritik für lächerlich. Denn es wäre die eine Sache, wenn die Leute sagen würden: 'Du verwendest den Begriff viel exzessiver als es 1858 in Mississippi gebraucht wurde.' Nun, das behauptet keiner. Und wenn man das nicht behauptet, dann sagt man ganz einfach nur aus, dass ich lügen sollte. Dass ich die Sache verwässern und leicht bekömmlich machen sollte. Nein, ich will nicht, dass sie leicht bekömmlich ist." Das Gespräch kann man auch als mp3 anhören.

Zu Beginn seiner ersten Amtszeit inszenierte sich Barack Obama gerne als Nachfolger Abraham Lincolns - im Vergleich schneidet Obama jedoch schlecht ab, meint der Jenaer Historiker und Lincoln-Biograf Jörg Nagler im Interview mit der FR/Berliner Zeitung: "Lincoln steht in allen Umfragen unter der Bevölkerung oder Historikern auf Platz eins der Beliebtheit. Zurzeit sieht es erstmal nicht danach aus, dass Obama in das Pantheon aufgenommen werden könnte. 2009 sah alles danach aus. Es stimmte eigentlich alles, die enorme Kontinuität und Koinzidenz, dass man fast genau auf den 200. Geburtstag von Lincoln einen schwarzen Präsidenten den Eid auf das Amt ablegen lässt und er im Erbe von Lincoln stehen könnte. Der Bezug war von Obama geschickt gewählt, ist aber in den letzten Jahren blasser geworden. Mit dem Vergleich hat sich Obama im Nachhinein eher geschadet."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2013

Drei Seiten ihres heutigen Feuilletons widmet die FAZ dem Thema "Frauen, wie wollen wir leben?". Neben Statements kulturschaffender Frauen zu ihrer Position in einer von Männern in Spitzenpositionen dominierten Welt, gibt es ein ausführliches Gespräch mit Bettina Springer und Babu Krijanovsky vom Berliner Kunstraum Espace Surplus, die in einer breit angelegten Projektreihe für einen modernen Feminismus plädieren. Zu ihrer Motivation sagen sie unter anderem: "In unserem Umfeld, das fast ausschließlich aus Akademikerinnen besteht, haben wir festgestellt, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt einen Rückfall gibt und plötzlich Modelle gelebt werden, wo man sich an den Kopf fasst. ... Uns scheint, es werden wieder Verhältnisse als selbstverständlich angenommen, die wir für überwunden gehalten haben, und das ist es, was wir anprangern. Viele nehmen einfach den Namen des Mannes an, da wird überhaupt nicht mehr nachgedacht."

Außerdem: Anno Hecker beschreibt die Dopingkarriere Lance Armstrongs. Der Status des gerade per dpa-Meldung als echter Klimt gefeierten Bildes ist noch ungeklärt, informiert Stefan Koldehoff. Sandra Kegel schreibt den Nachruf auf den Autor Jakob Arjouni. Mit Wonne lässt sich Eric Pfeil beim Düsseldorfer Museumskonzert von Kraftwerk sämtliche "Kraftwerk-Klischees ... mühelos bestätigen".

Besprochen werden neue Schallplatten, darunter das neue Album von Yo La Tengo, Andres Veiels Banker-Stück "Das Himbeerreich" am Deutschen Theater Berlin (ein "Inferno eisiger ökonomischer Irrationalität", schwärmt Irene Bazinger) und Bücher, darunter Dino Buzzatis Roman "Die Tatarenwüste".

Süddeutsche Zeitung, 18.01.2013

In der Diskussion, ob man aus Kinderbuch-Klassikern wie "Die kleine Hexe" Begriffe wie "Neger" durch neutralere Begriffe ersetzen sollte, antwortet Michael Schmitt auf Burkhard Müller (siehe Feuilletonrundschau vom 15.01.), der sich im Einzelnen durchaus für eine Abänderung ausgesprochen und den Kritikern der Änderungen Naivität und "reaktionären Infantilismus" vorgeworfen hatte. Für Schmitt drückt sich nicht nur darin mangelnde Sensibiliät gegenüber dem Werk aus: "Wann wäre zum letzten Mal in der Presse vergleichbar ausgiebig über die literarische Feinstruktur eines Kinder- oder Jugendbuches diskutiert worden? Wo sind die Beiträge, die Motive und Erzählformen von Neuerscheinungen in einen literarhistorischen Zusammenhang rücken? Es geht statt dessen meist nur um den Raum, den schwierige Themen wie häusliche Gewalt, Pornografie oder Tabus in solchen Werken einnehmen sollten - es geht, kurz gesagt, um gute Absichten und Pädagogik, nie um Sprache oder um den Kontext, aus dem sie ihren Sinn zieht."

Außerdem: Anlässlich des Blackout-Days vor einem Jahr, an dem sich zahlreiche Websites als Protest gegen die geplante Urheberrechtsverschärfung der USA ausschwärzten, bringt Dirk von Gehlen ein kleines Lexikon der wichtigsten Akteure in den Auseinandersetzungen um das Urheberrecht im Netz. Christopher Schmidt besucht eine Münchner Diskussion mit Simon Armitage und Jan Wagner über Lyrik. Alex Rühle schreibt den Nachruf auf den Autor Jakob Arjouni.

Für die Medienseite liest Max Biederbeck eine Studie des Bundestags (hier als pdf), derzufolge das Fernsehen sich gegenüber dem Internet noch immer als Leitmedium positioniert. Wie Konvergenzen von Fernsehen und Internet heute aussehen können, erfährt man daneben von Peter Richter, der davon berichtet, wie ein durch die sozialen Netzwerke verbreiteter Clip aus Jon Stewarts Daily Show gerade CNN wegen derer bereits vor Monaten geschlossener Abteilung für investigative Recherchen im Ausland in Bedrängnis bringt.

Besprochen werden ein Konzertabend mit dem Ensemble Quatuor Ebène, eine Hundertwasser-Ausstellung in der Kunsthalle Bremen und Lawrence Norfolks Roman "Das Festmahl des John Saturnall".

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