Heute in den Feuilletons: Gruselkabinett schlimmster Befürchtungen

Die "SZ" bereitet uns vorsorglich auf das Allerschlimmste vor. Die "taz" feiert das neue Album von Tocotronic. In der "FAZ" rät Steven Spielberg den nicht-englischsprachigen Zuschauern seines Lincoln-Films: Lest nicht die Untertitel, lest in den Gesichtern!

Neue Zürcher Zeitung, 19.01.2013

Stefan Zweig bezeichnete seine Exilheimat Brasilien 1941 als "Land der Zukunft". Militärdiktatur und Misswirtschaft verzögerten die Verheißung, doch inzwischen scheint die Zukunft in Brasilien angekommen zu sein, meint der Schriftsteller Milton Hatoum: "Wir akzeptieren die Welt vorurteilslos in ihrer immensen Vielfalt. Wir berufen uns weder auf eine spezifische Herkunft, noch streben wir eine vorgegebene Identität an. Unsere Identität ist plural, da das Völkergemisch ein grundsätzlicher Teil der brasilianischen Gesellschaft ist. Die Weltkulturen beginnen zu verfließen - zumindest darin haben wir die Zukunft vorweggenommen."

Weiteres: Die Berliner haben ganz andere Sorgen als die Fertigstellung des neuen Flughafens, und "das Provisorische entspricht ihrem Lebensgefühl ohnehin besser als das Vollendete", versichert der Schriftsteller Norbert Hummelt. Der Architekt Sacha Menz porträtiert die im vergangenen Oktober verstorbene Tessiner Architektin Flora Ruchat-Roncati. Fredi Lerch umreißt die Biografie von Jonas Fränkel (1879-1965), dem Herausgeber der historisch-kritischen Gottfried Keller-Ausgabe. "Was träumen Ungeborene?", fragt sich der Schriftsteller Alex Capus fasziniert: "Ein Traum, der aus nichts als sich selbst besteht: Wäre das nicht so etwas wie die Essenz des menschlichen Wesens?"

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Molières "Menschenfeind" am Schauspielhaus Zürich (dessen Komik "sie dank liebevoller Detailpflege köstlich ausreizt", wie Barbara Villiger Heilig feststellt), Elfriede Jelineks "Schatten (Eurydike sagt)" am Wiener am Akademietheater (Regisseur Matthias Hartmann schafft "erstaunlich schiefe Bilder, die wie im klassischen Sketch von Loriot aber stets tiefere Wahrheiten freilegen", meint Martin Lhotzky), Steven Spielbergs Biopic "Lincoln" (in dem Susanne Ostwald "nicht nur ein vielschichtiges, kunstvolles Porträt eines Charismatikers, sondern zugleich eine zeitlose, kraftvolle Parabel über die Macht" sieht) und Bücher, darunter Tilman Rammstedts Roman "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters".

Die Welt, 19.01.2013

Das geplanten Attentat eines Krakauer Hochschuldozenten auf das Parlament in Warschau hat in Polen erstmals die Gefahr realen Terrors heraufbeschworen. "Polens Rechte führt Krieg", schlägt Adam Krzeminski Alarm und erklärt den Kulturkampf so: "Seit der Katastrophe der Präsidentenmaschine bei Smolensk im April 2010 prallen in Polen zwei politische Nationen aufeinander. Auf der einen Seite das nationalkatholische 'Volk von Smolensk' - überzeugt davon, der Staatspräsident Lech Kaczyn'ski sei Opfer einer Verschwörung geworden. Und auf der anderen Seite das angeblich abtrünnige 'Volk der Lemminge', die, europagläubig und unbehaust, wie sie sind, Polen für ein normales Land halten und deswegen - in den Augen 'der wahren Polen' - einem selbstzerstörerischen Trieb folgen."

Außerdem befragt Jan Küveler Jonathan Franzen zu seiner Essaysammlung "Weiter weg" und einsame Inseln, vor allem aber zum Tod von David Foster Wallace. Besprochen werden unter anderem der Roman "Die Fünf" des Radikalzionisten Ze'ev Jabotinsky, Paul Kennedys Geschichte des Zweiten Weltkriegs "Die Casablanca-Strategie" und Hanns-Josef Ortheils Roman "Das Kind, das nicht fragte".

In der Kultur wagt sich Uwe Schmitt in das Waffenmuseum der National Rifle Association, wo sich die Leute genauso herrisch aufführen, wie man sich das vorstellt. Allerdings: "Es sage niemand, Waffen könnten nicht schön sein." Marko Martin reibt sich vor Freude die Hände, dass Karl Schwarzenberg in der Stichwahl um die tschechische Präsidentschaft ist. Julia Smirnova kann sich nur zu gut vorstellen, dass die intrigante Moskaus Theaterwelt ihre Rivalitäten auch mittels Säureattentaten austrägt. Manuel Brug trifft sich mit Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender zum Tischgespräch. Jan Küveler schwärmt von Ulli Lommels Stück "Fucking Liberty!" in der Berliner Volksbühne.

Die Tageszeitung, 19.01.2013

Meisterwerk, jubelt Julian Weber im siebten Indiepop-Himmel über das neue Album von Tocotronic. Er schwärmt von einer "Wall of Sound", die den "Musikern in puncto Songwriting und Arrangement zu größerer Finesse und damit zu mehr künstlerischer Freiheit" verholfen habe: "Zu fantastisch mäandernden Songs und Hooklines, die im Gedächtnis hängen bleiben wie Flusen in einem Sieb, und zu einem gigantischen Hall, der Musik und Texte in Watte packt. ... 'Wie wir leben wollen' entwickelt Dialektik aus Wärme und Distanz, die von den Texten und ihrer Mischung aus Apokalypse und Zärtlichkeit weitertransportiert wird." Bei Spex können wir in das Album reinhören.

Tania Martini ist reichlich angefressen von der Augstein-Debatte: "Man kann es nicht mehr hören, das Lamento über ein angebliches Verbot von Kritik am israelischen Staat. Die selbsternannten Freunde der Aufklärung beten es so oft rauf und runter, dass es einem tatsächlich das Wort 'Entlastungsantisemitismus' in den Kopf ruft."

Weitere Artikel: Heide Oestreich hat sich Pola Kinskis Auftritt bei "Beckmann" angeschaut. Alem Grabovac spricht mit der Stadtforscherin Martina Löw unter anderem über die Rolle des Raums nach der Virtualisierung. Andreas Fanizadeh würdigt den Dada-Pionier Franz Jung anlässlich dessen 50. Todestags. Und in der "Wahrheit" lüftet Arno Frank unter vollem Körpereinsatz das Geheimnis des BER-Flughafens: Unter ihm schlummert kein Geringerer als Lovecrafts Oberdämon Cthulhu - na denn: Ph'nglui mglw'nafh Cthulhu Berlin wgah'nagl fhtagn!

Besprochen werden Ulli Lommels "Fucking Liberty" an der Berliner Volksbühne ("mit diesem Spektakel ist niemandem gedient", leidet Tilman Baumgärtel) und Bücher, darunter Max Bronskis Krimi "Der Tod bin ich".

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2013

Die Landtagswahl in Niedersachsen erwischt die Piratenpartei zu einem ungünstigen Zeitpunkt, meint Stefan Schulz. Die Euphorie ist angeklungen, nun befinden sich die Piraten in einer Phase der Sinn- und Richtungssuche, meidet dabei aber die entscheidenden Debatten: "Die Partei wurde lange Zeit von einer Welle der Unterstützung getragen, für die es dauerhaft keine guten Gründe gibt. Ihren Bonus, frischen Wind in den politischen Betrieb zu bringen, hat die Partei aber nicht verspielt. Stattdessen ist sie mit 45 Landtagsmandaten längst in die Riege der etablierten Parteien eingerückt."

Patrick Bahners plaudert mit Steven Spielberg über Lincolns Taschenuhr, Lincolns Stimme und Lincolns Sprache: "Können die Zuschauer ihre Ohren noch einmal für die Aufnahme dieser Sprache trainieren? Scheinbar wird es einfacher in Europa, wo der Film mit Untertiteln in die Kinos kommt. Aber die Untertitel können keine vollständige Übersetzung bieten, so schnell kann niemand lesen. Zuschauern, die nicht so gut Englisch können, rate ich, gar nicht auf die Untertitel zu achten, sondern auf die Gesichter. Was wollen sie uns sagen?"

Weiteres: Katharina Teutsch berichtet von Daniel Kehlmanns Auftritt als Gastredner des Deutschen Bundestags und fragt sich mit Thomas Bernhard: "Haben sie ihm auf den Kopf gemacht oder haben sie ihm nicht auf den Kopf gemacht?" J.M. schreibt den Nachruf auf Pauline Esther Friedman alias Abigail Van Buren, deren Ratgeberkolumne "Dear Abby" die gesellschaftlichen Normen in den USA jahrzehntelang prägte (und großen popkulturellen Einfluss hatte, wie etwa hier auf die 60s-Girl Group The Hearts). Das neue Gesetz zur Überwachung am Arbeitsplatz ist kontraproduktiv, befürchtet Constanze Kurz: "Arbeit, die einmal im Detail digital erfasst und damit algorithmisch auswertbar gemacht wird, verkommt häufig zum prekären Stressjob." Auf der Medienseite berichtet miha über die anhaltende Kritik an Rundfunkbeitrag.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Molières "Menschenfeind" im Schauspielhaus Zürich ("die Regie zeigt hier: Größe, tollen Mut und wahren Witz", staunt Gerhard Stadelmaier), der indonesische Film "Die Nacht der Giraffe" (an dessen "zauberhafter Leichtigkeit" sich Bert Rebhandl erfreut) und Bücher, darunter eine historisch-kritische Werkausgabe von Christoph Martin Wielands Versepos "Oberon".

In der Frankfurter Anthologie stellt Wolfgang Schneider ein Gedicht von Günter Kunert vor:

"Am Styx

In einem Wäldchen
nahe Berlin und fern zugleich
gewesenen Tagen. Mein Vater
schnitzt ein Boot aus Borke..."

Süddeutsche Zeitung, 19.01.2013

Ganz Angst und Bang wird es Jens-Christian Rabe beim Schmökern durch die Antworten dutzender Wissenschaftler auf die alljährlich von Edge.org gestellte Frage, worüber wir uns wirklich Sorgen machen sollten: Es handelt sich um "naturgemäß keine allzu erbauliche Lektüre. Eher ein Tableau aller großen Themen unserer Zeit - serviert als Gruselkabinett schlimmer, schlimmster und mitunter sogar allerschlimmster Befürchtungen, die immer wieder auch noch erschreckend plausibel begründet werden."

Außerdem: Helmut Mauró hofft inniglich, dass es gelingt, Dirigent Valery Gergiev an die Münchner Philharmonie zu holen: Das wäre "ein Glück, für das Orchester, für sein Publikum, für die ganze Stadt." Tim Neshitov erzählt die kuriose Geschichte, wie in der Sowjetunion unter Stalin verbotene Schallplatten als Aufdruck auf gebrauchten Röntgenaufnahmen gepresst wurden: "Die Tonqualität reichte aus, um Louis Armstrong von Ella Fitzgerald zu unterscheiden und später von den Beatles." Marion Ammicht trifft sich mit der Theaterautorin und -schauspielerin Sasha Rau. Joachim Hentschel spricht mit Jamie Foxx über seine Rolle in "Django Unchained". Die Literaturseite ist komplett dem Schriftsteller Christoph Martin Wieland gewidmet, dessen Todestag sich zum 200. Mal jährt. Andrian Kreye gratuliert dem Fotograf und Filmemacher Larry Clark zum 70. Geburtstag und weist dabei darauf hin, dass dessen aktueller Film "Marfa Girl" auf der Website des Regisseur gegen ein Entgelt zu sehen ist.

Besprochen werden Rainer Kirbergs neuer Film "Das schlafende Mädchen" und Michael Thalheimers Fallada-Inszenierung "Kleiner Mann, was nun" am Schauspiel Frankfurt.

In der SZ am Wochenende beklagt Gerhard Matzig den Verlust von heimeligen Zukunftsutopien, wie sie vor 100 Jahren noch üblich waren, während man heute nur noch Katastrophen entgegen sieht. In der Wochenendreportage beobachtet Frank Nienhuysen eine Renaissance der Kosakenfolklore in Putins Russland. Varinia Bernau verabschiedet sich von der E-Mail, die für junge Leute immer uninteressanter wird. Außerdem sammeln die SZ-Redakteure zur Feier des BER-Debakels Notizen zu den nutzlos größenwahnsinnigsten Bauprojekten der Geschichte und Harald Hordych plaudert mit Tim Burton über die Rolle us-amerikanischer Vorstadtsiedlungen für seine Filme.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Heute in den Feuilletons
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Eine Kooperation mit...