Heute in den Feuilletons: "Chinese übernimmt Vorsitz"

In der "Welt" erklärt John Woo, warum er sein Remake von Melvilles "Eiskaltem Engel" in Berlin spielen lässt: Nicht nur wegen der Filmförderung. Die "taz" konstatiert, dass Bollywood am vorsintflutlichen Frauenbild der Inder mitstrickt. Die "New York Times" macht sich Sorgen um deutsche Zeitungen.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 29.01.2013

Christian Schlüter berichtet, dass der Piraten-Politiker Bruno Kamm und der Musiker Stefan Ackermann eine Klage gegen die Gema eingereicht haben, die sich vor allem gegen den Verteilungsschlüssel wendet: "Der hier angesprochene Sachverhalt ist schon seit längerem umstritten, nicht zuletzt deswegen, weil der Verein bei seinen Ausschüttungen vor allem die Künstler bedenkt, die ohnehin viel verdienen. Kramm und Ackermann möchten nun allerdings auf einen ganz besonderen Aspekt hinaus. Sie möchten wissen, ob bei der Aufteilung zwischen Komponisten, Textdichtern und Musikverlagen gerade letzteren ein Anteil von 33 bis 40 Prozent der Urheberrechtstantiemen zusteht. Ihr Ziel ist, die Musikverlage nicht länger an der Nutzung ihrer Werke zu beteiligen."

Mit Kathryn Bigelows Film "Zero Dark Thrity" über die Jagd auf Osama bin Laden, aber auch mit Steven Spielbergs "Lincoln" sieht Anke Westphal Hollywood zur alten Form zurückkehren: "Es ist ein enormes Niveau an Kritik, das der Hollywood-Film hier mit den Mitteln des Erzählkinos erreicht."

Aus den Blogs, 29.01.2013

In einem Interview auf t3n benennt Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger die vier As, ohne die der neue Journalismus gar nicht funktionieren könnte: "Ich selbst reise sehr viel und habe deshalb auch keinen festen Bürorechner mehr, sondern ein MacBook Air. Im Büro nutze ich ein Thunderbolt-Display als Dockingstation. Simpel zu bedienende, gut miteinander synchronisierende Arbeitsgeräte - namentlich iPhone, iPad und MacBook - sind immens wichtig für mich. Da macht es mir auch nichts aus, um Mitternacht noch eine E-Mail zu beantworten." Ja, da muss man schon auf der Journalistenschule anfangen zu sparen!

Ulrike Langer unterhält sich für ihr Blog Medialdigital mit Sebastian Esser, Mitbegründer von der Website Krautreporter, die Crowdfunding für journalistische Projekte betreibt: "Krautreporter ist ganz bestimmt nicht die Zukunft des Journalismus, aber es könnte ein kleiner Teil davon sein. Es könnte ein Ermöglicher sein. Journalisten können über Crowdfunding Projekte ausprobieren, die sich anders nicht finanzieren lassen. Wir hoffen auf abgefahrene Ideen und darauf, dass Projekte entstehen, aus denen sich Journalisten künftig ihr persönliches Geschäftmodell zusammenbasteln können."

Weitere Medien, 29.01.2013

Sexuelle Belästigung findet statt, wenn ein Mann seine Macht ausübt, schreibt Anne-Catherine Simon in der Presse und bezweifelt, dass das auf die Brüderle-Affäre zutrifft: "Auf seinen Dirndl-Spruch hat Laura Himmelreich gekontert. Als er körperlich zudringlich wurde - Brüderles Pressesprecherin ging dazwischen - hat sie einen Artikel darüber geschrieben. Sie hat von ihrer Macht als Journalistin Gebrauch gemacht. Denn das macht dieses Beispiel wohl so komplex: Der FDP-Politiker verließ sich auf die Überlegenheit des alten Mannes über die junge Frau. Doch die ist passé."

(Via Richard Gutjahr) Eric Pfanner berichtet für die New York Times über die Anzeichen einer Zeitungskrise in Deutschland: "Certain technologies, including the Internet, have taken longer to catch on in Germany than elsewhere. Advertising has already declined sharply at German newspapers; perhaps now readers will move on, too."

Die Tageszeitung, 29.01.2013

Georg Blume und Imke Vidal bemerken, dass Indiens vorsintflutliches Frauenbild vor allem von Bollywood propagiert wird, wo Frauen naiv, hilflos und jungfräulich sein müssen: "Ständig auf die Hilfe des Filmhelden angewiesen, spielen sie die modernen Heldinnen des Patriarchats."

Weiteres: Ralf Leonhard freut sich über die Renaissance, die der Wiener Sozialdemokrat, Libertär und Herausgeber von Sexheftchen, Hugo Bettauer, derzeit erfährt. Anke Leweke kann vom Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken berichten, dass sich die jungen Regisseure nicht mehr mit der Nabelschau begnügen. Isolde Charim stellt in ihrer Kolumne fest, dass NGOs keine widerständigen Gruppierungen mehr sind, sondern zum Establishment gehören. "Edel, aber eher langweilig" findet Joachim Lange Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Händels "Orlando" an der Semperoper in Dresden. Bernd Pickert war dabei, als Joschka Fischer und der frühere BND-Chef Ernst Uhrlau in Berlin über Kathryn Bigelows Film "Zero Dark Thirty" diskutierten.

Und Tom.

Die Welt, 29.01.2013

John Woo will Melvilles "Eiskalten Engel" in Babelsberg neu verfilmen. Auch die Handlung wird nach Berlin verlegt, erklärt er im Interview: "Die Gründe sind zahlreich. Manche haben mit Geld zu tun, andere nicht. Was für mich wesentlich ist, das ist der Ort, den ich abfilmen möchte. Paris ist - ebenso wie London und andere europäische Großstädte - mit seinem Status zufrieden. Berlin hingegen ist noch nicht da angelangt, wo es hinmöchte. Es ist noch hungrig. Wenn es mir gelingt, diesen Hunger auf die Leinwand zu bringen, dann habe ich erreicht, was mir vorschwebt."

Außerdem: Hoffentlich schmeißt Woo uns den Film nicht auf die Füße, wenn er die Überschrift in den Kurzmeldungen der Welt zur Berlinale liest: "Jury ist komplett, Chinese übernimmt Vorsitz". Der Chinese heißt Wong Kar-wai, ihr Banausen. Uwe Schultz bewundert die "unendlichen Vielfalt der Frisuren" (Bild) in der Ausstellung "Geliebte Haare - Frivolitäten und Trophäen", die das Musée du Quai Branly in Paris zeigt. Manuel Brug und Joachim Lange sind sehr unzufrieden mit den Inszenierungen der Opern "Radamisto" in Wien und "Orlando" in Dresden. Wozu krampfhaft nach Schwerpunkten in der Berlinale suchen, wo es doch genügt zu wissen, dass sie von Schwaben (und einem Badener) geleitet wird, meint Hanns-Georg Rodek in der Leitglosse.

Aus den Blogs, 29.01.2013

Rainer Brüderle und die Frauen - das aktuelle Blog zur Kontroverse.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2013

Viktor Jerofejew denkt über den Neorussen Gérard Depardieu und die Fasson seiner französischen Seele nach: "Die französische Seele glaubt wie die unsere mehr und tiefer an das Wort als an die Tat, aber im Unterschied zu uns erlaubt ihr die französische Rhetorik, ungehindert und vollmundig über Dinge zu sprechen, von denen sie nichts oder nur ganz wenig versteht. Mit seinen Äußerungen über unser Land, dessen große Demokratie und dergleichen angenehme Dinge, welche die französische Höflichkeit hervorzuheben gebietet, demonstrierte Depardieu glänzend diese Besonderheit des nationalen Bewusstseins."

Weitere Artikel: Julia Voss verteidigt die Stern-Kollegin Laura Himmelreich und deren Entscheidung, mitternächtliche Anzüglichkeiten Rainer Brüderles an die große Öffentlichkeit zu bringen. Jürg Altwegg zeichnet die französischen Debatten um die Homo-Ehe nach. Gina Thomas fragt sich in der großen Londoner Manet-Ausstellung, ob man ihn nicht "als den letzten der alten Meister, denn als den Erfinder der Moderne" zu sehen habe. Andreas Rossmann beleuchtet den Hintergrund der eiskalten Abwicklung der Westfälischen Rundschau durch den stets schon renditegetriebenen WAZ-Konzern - eine Katastrophe für Dortmund, denn die WR tat sich durchaus auch durch Recherche hervor. Regina Mönch verteidigt Heinz Buschkowsky gegen vom Tagesspiegel vorgebrachte Vorwürfe, er habe Nebeneinkünfte nicht deklariert und sein Buch mit Helfern geschrieben (was er gar nicht leugnet): "Die Schmutz- und Neid-Kampagne einen Streit zu nennen verbietet sich." Jürgen Kesting beklagt die Krise des Wagner-Gesangs - besonders Tenöre, die Wagners Anforderungen gerecht würden, fänden sich kaum mehr. In der Reihe zu vermeintlichen Nebenwerken der Gemäldegalerie, denen im Rahmen der "Museumsrochade" das Depot droht, schreibt Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger über eine anonyme Beweinung Christi aus dem 15. Jahrhundert.

Besprochen werden eine "Don Giovanni"-Variation am Hamburger Thalia Theater, ein Album der Band Esben and the Witch, eine "Lola Montez" im Münchner Cuvilliés-Theater und Bücher, darunter Hanna Rosins "Das Ende der Männer", das bei Ralf Bönt wenig Zustimmung findet.

Süddeutsche Zeitung, 29.01.2013

Recht verschnupft reagiert Catrin Lorch darauf, dass für die Zusammenstellung einer Max-Ernst-Ausstellung in der Wiener Albertina ausgerechnet Werner Spies hinzugezogen wurde, der im Zusammenhang mit dem Beltracchi-Skandal Fälschungen als Originale bewertete und von ihrer Vermittlung profitierte: Zwar erwarte sie nicht, "dass Werner Spies fragwürdige Werke kuratiert. Doch stammt mehr als die Hälfte der gezeigten 180 Arbeiten aus privaten Sammlungen, die meisten Leihgeber sind noch nicht einmal namentlich genannt. So eine Auswahl einem Mann zu überlassen, der in Marktklüngel und Zuschreibungsprobleme verstrickt war, kann man zumindest als unsensibel empfinden".

Weitere Artikel: Kia Vahland ist nach Günther Jauchs Diskussionsrunde zum Thema Alltagssexismus sehr zufrieden mit der neuen Diskussionsfreudigkeit, die die von Anne Wizorek losgetretene #aufschrei-Kampagne auf Twitter nach sich gezogen hat. Michael Stallknecht begrüßt die Wiederentdeckung historischer Aufführungen von Operetten (seit je "das städtische Genre schlechthin", das "Geschlechterrollen, Ämterhierarchien und Institutionen [in Frage stellt und] mit jeder ihrer schmutzigen kleinen Rubati die Sexualität" verherrlicht), auch wenn es im einzelnen etwas hapert. David Steinitz resümiert das Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken. Tim Neshitov berichet von den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt und legt seinen Lesern wärmstens Helon Habilas hierzulande als Krimi vermarkteten Roman "Öl auf Wasser" ans Herz, den auch schon unsere Perlentaucher-Rezensentin Thekla Dannenberg als "grandiosen, dunkelleuchtenden Roman, der einem schier den Atem raubt" feierte. Ein Interview mit dem Autor finden wir in der 3sat-Mediathek.

Besprochen werden Elfriede Jelineks Stück "Schatten" am Wiener Burgtheater, die Ausstellung "Samara - Zentrum der Welt" im Museum für islamische Kunst in Berlin, eine "Doktor Schiwago"-Aufführung in Weimar und Bücher, darunter eins über "Goethe und das Geld".

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