Heute in den Feuilletons: "Heinos bezaubernde Bösartigkeit"

Die "Welt" erinnert sich mit Rainer Fetting wärmstens an das New York der siebziger Jahre. Die "NZZ" annonciert eine linguistische Revolution in der Schweiz. Die "taz" singt mit Heino Rammstein. Die "SZ" fordert mehr Mut von Beamten. Die "FAZ" fordert mehr Stellen für Provenienzforschung in Bayern.

Die Welt, 01.02.2013

"Mann, ist das sexy", ruft Tilman Krause in einer Ausstellung der Galerie Deschler vor den Fotos, die Rainer Fetting 1978 von einem überwältigenden New York gemacht hatte: "Den verwischten, gleichsam mit aufgerissenen Ohren und Augen atemlos hinterherjagenden Straßenszenen merkt man auch heute noch den Rauschzustand an, in den die unheimlich starken Eindrücke den jungen Mann aus Norddeutschland damals versetzt haben müssen. Sein Gesicht, das immer mal wieder eingeblendet wird, trägt den in sich gekehrten Ausdruck dessen, der gerade ganz bei sich selbst und doch zugleich total auf Empfang gestellt ist. Ein junger, noch formbarer Mensch, das sagen sie in aller Deutlichkeit, wird hier zu Ende geboren."

Weitere Artikel: Sören Kittel war dabei, als Rabbi Cooper vom Wiesenthal Center in Los Angeles den Antisemitismusvorwurf gegen Jakob Augstein bekräftigte. Eva-Marie Kogel nimmt Mohammed Mursis antisemitische Sprüche aufs Korn. Eckhard Fuhr stellt eine von Alexander Kluge mitproduzierte "Geschichte des Menschen" der BBC vor. Und Kai Luehrs Kaiser schreibt den Nachruf auf die letzte der Andrews Sisters.

Besprochen werden Lawrence Wrights bisher nur auf Englisch erschienenes Buch über die Scientology-Sekte, "Going Clear", Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" an der Deutschen Oper Berlin und Camilla Läckbergs Krimi "Der Leuchtturmwärter".

Aus den Blogs, 01.02.2013

In einem Artikel über mögliche Strategien der Tageszeitungen stellt Thomas Knüwer kategorisch fest: "Ein Journalist, für den Online-Nachrichten und Social-Media-Dienste nicht Alltag sind, kann heute seinen Job nicht mehr ausüben. Es wird auch nichts helfen, einzelne Mitarbeiter aus dem digitalen Wandel herauszuhalten - dies wird in Redaktionen nur als Ausrede benutzt, um sich selbst herauszuhalten nach dem Motto: 'Der muss nicht, dann ich auch nicht.'"

Die Presse, 01.02.2013

Hitler als Romanfigur? Gibt's mehrfach in diesem Jahr, schreibt Anne-Catherine Simon in der Presse: In Frankreich erschien gerade "Dolfi et Marilyn", ein Roman über einen Hitler-Klon. Und "auf www.adolf-online.com wirbt Walter Moers für sein Filmprojekt 'Adolf, die Nazisau'. Er will die abendfüllende Verfilmung seiner bekannten Hitler-Comics per Crowdfunding, also mittels Internet-Spendenaktion, finanzieren. Und erst vor wenigen Wochen ist die Druckausgabe des beachtlichen mediensatirischen Romans 'Er ist wieder da' von Timur Vermes erschienen. 'Da', will heißen im Berlin von heute, macht ein im Tonfall irritierend gut getroffener 'echter' Hitler Karriere im Privatfernsehen."

Neue Zürcher Zeitung, 01.02.2013

In der Schweiz bahnt sich eine "linguistische Revolution" an, meldet Marina Rumjanzewa. Bisher beschränkte sich der Gebrauch der Schweizer Mundart fast ausschließlich auf Mündlichkeit, doch mit dem Aufkommen von SMS, Chat und sozialen Netzwerke wird sie zunehmend verschriftlicht. Die Bedeutung des Hochdeutschen wird damit geschwächt: "Es könnte sein, dass in absehbarer Zeit Zweischriftigkeit in der Schweiz allgemein wird. Dass der Schriftdialekt nicht mehr nur für das Private reserviert bleibt, sondern auch ins Öffentliche einsickert und irgendwann die Weihen des Offiziellen erhält."

Weiteres: Andreas Ernst berichtet von Auseinandersetzungen um ein serbisches Neujahrskonzert am Uno-Hauptsitz in New York. Geri Krebs bilanziert das Solothurner Filmfest und stellt fest: Die beiden wichtigsten Preise gingen an Dokumentarfilme über Bienen. Sergiusz Michalski hat mit der Stuttgarter Ausstellung über Otto Dix und die Neue Sachlichkeit "eine visuell attraktive Schau" gesehen. Besprochen werden CDs, darunter Aufnahmen von Mozarts Klavierkonzerten mit Rudolf Buchbinder und Nikolaus Harnoncourt.

Die Tageszeitung, 01.02.2013

Heiko Wernig stellt Heinos Album "Mit freundlichen Grüßen" vor, auf dem er zu deren äußerstem Missvergnügen unter anderem Rammstein und Die Ärzte covert. "Lässt man das ganze Brimborium drumherum weg, mutieren fast alle Stücke schlicht zu 'einem wirklich schönen Stück Volksmusik', wie Heino in bezaubernder Bösartigkeit den Kollegen ins Stammbuch schreibt, die sich fortan also gerechterweise sagen lassen müssen: Ihr macht doch eh bloß Heino-Musik! Da stehen sie nackt da, die Deutschpop-Kaiser, und ausgerechnet der Untote Heino ist das Kind mit dem Finger." (Rammstein und die Ärzte dementieren allerdings ihr angebliches Missvergnügen.)

Weitere Artikel: Tania Martini berichtet über eine Berliner Veranstaltung mit Rabbi Cooper vom Simon Wiesenthal Center. Marion Bergermann spricht mit dem Schriftsteller Franz Dobler, von dessen Leserbrief sich ein Lokalpolitiker dermaßen beleidigt fühlte, dass dieser von der Augsburger Allgemeinen gerichtlich die Herausgabe seiner Daten erzwang. Michael Brake sinniert über Steuerklärungen, Elster und das papierlose Büro als Diktatur. Ines Kappert setzt sich mit den Thesen aus Hanna Rosins Buch "Das Ende der Männer. Und der Aufstieg der Frauen" auseinander, die sie für falsch, wiewohl gut verkäuflich hält. René Martens wertet die Klage des Piratenpolitikers und Gothic-Musikers Bruno Kramm gegen die Gema als "aufmerksamkeitsökonomischen Coup".

Besprochen werden die Compilation "Nuggets - Original Artyfacts From The First Psychedelic Era 1965-1968", eine CD des Rappers "Haftbefehl" (dessen antisemitische Klischees Andreas Hartmann genervt zur Kenntnis nimmt, gerade weil er Musik und Inszenierung eigentlich gut findet) und ein Band mit Schriften zur Ökonomie des Politischen von Pierre Bourdieu.

Und Tom.

Der Tagesspiegel, 01.02.2013

Kai Britta Adler besucht den im Pariser Exil lebenden Tuareg und Musiker Moussa ag Keyna, der im derzeitigen Bürgerkrieg in Mali auf die Franzosen setzt: "Der zierliche Mann, der bedächtig und ruhig spricht, lebt seit 1993 in der französischen Hauptstadt. Er hat bei den Tuaregaufständen in Mali und Niger Anfang der 90er Jahre auf Seiten der Rebellen gekämpft und identifiziert sich bis heute mit der MNLA, jener säkularen Bewegung, die für einen unabhängigen Tuaregstaat Azawad eintritt. Im vergangenen Jahr paktierte die MNLA mit jenen islamistischen Kräften, die ag Keyna so ablehnt. Nun aber spielen Kräfte der MNLA auch den französischen Truppen in die Hand. Schon bei der Eroberung von Timbuktu durch die Islamisten war lange nicht klar, welche Rebellengruppe nun das Ruder übernommen habe. Es ist ein verworrenes und undurchsichtiges Spiel in Mali."

Birgit Rieger führt mit großem Vergnügen durch die Transmediale, das Festival für digitale Kultur, das jedes Jahr vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin veranstaltet wird. Hier lernt man den spielerischen Umgang mit den neuen Geräten, versichert sie: "Auf Pulten stehen Computer, an denen die Besucher selbst recherchieren können. Es gibt Tafeln wie in der Schule und jeden Tag 'Unterrichtsstunden', in denen den Gästen die subversive, 'falsche' Nutzung von Software nähergebracht werden soll. Während der Ausstellungskurator Jacob Lillemose vor der Tafel steht, fällt ihm ein weiteres Vorbild für unangepassten Medienumgang ein: Jimi Hendrix. Wie der seine Gitarre beim Monterey Festival traktierte, wie er sie anzündete und zum Fiepen brachte, der geniale Teufel. Und jetzt alle. Mit dem iPhone!"

Und schließlich saß ein ziemlich ratloser Patrick Wildermann in einer "Phädra"-Aufführung am Berliner Renaissance-Theater und nahm am Ende nur eine Gewissheit mit: "Corinna Kirchhoff ist eine vorzügliche Komödiantin, auch wenn sie Tragödien spielt."

Der Freitag, 01.02.2013

Der malische Musiker Habib Koité, der in Bamako im Süden des Landes lebt, verwahrt sich im Interview gegen die Auffassung, in Mali herrschten ethnische Konflikte: "Wenn ich im Ausland bin, höre ich immer: Die Leute im Norden haben alle helle Haut, die Araber oder Tuareg. Das stimmt aber nicht. Fahren Sie mal nach Timbuktu, da sehen Sie lauter Menschen mit weißer oder schwarzer Haut. Und auch in Bamako sieht man in den Straßen gemischte Paare." Die gegenwärtige Krise sei für sein Land die "beste Lektion", und er ist sich sicher: "Mali wird es hinterher besser gehen."

Weitere Medien, 01.02.2013

Ein Stummfilm aus der arte-Mediathek: Gezeigt wird Julien Duviviers "Das Paradies der Damen" nach Emile Zolas gleichnamigem Roman: Eine Pomeranze vom Land kommt nach Paris und findet Arbeit als Verkäuferin in einem prächtigen neuen Art-Deco-Kaufhaus, während gleichzeitig der kleine Laden ihres Onkels Pleite geht.

Süddeutsche Zeitung, 01.02.2013

Ira Mazzoni platzt gehörig der Kragen, dass am Ende von mehr oder weniger gescheiterten Leuchtturm-Großprojekten grundsätzlich der Architekt als der Dumme dasteht, während alle anderen sich in der Kunst der Verantwortungsflucht üben. Dabei fängt der Ärger ja schon damit an, dass keiner mehr weiß, was er will, Kommunikation nur über Vertretungen und Vertretungsvertretungen stattfindet, und politische Repräsentanten sich kompetenzbefreit in zentrale Positionen verhaken während Architekten vom Bau systematisch abgeschirmt werden, schimpft Mazzoni in einem ordentlichen Rundumschlag. Das Ergebnis: "Hohe Kosten, die auch deswegen entstanden sind, weil hierzulande die Aufträge fast grundsätzlich an die billigsten Anbieter vergeben werden. Kein Beamter oder Angestellter traut sich mehr mit einem entsprechenden Vermerk, den Auftrag gezielt an den vertrauenswürdigsten Anbieter zu vergeben und dafür auch Verantwortung zu übernehmen."

Außerdem: Catrin Lorch stellt das Münchner Kunstprojekt "A Space Called Public" von Elmgreen & Dragset vor. Kurt Kister ist so begeistert vom Podcast der BBC-Reihe "Start the Week", dass das Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland vor seinen Ohren keine Gnade erfährt (zumindest das artmix.gespräch vom BR - hier auch als Podcast - würden wir aber doch gern empfehlen). Ist Heino womöglich "der GröRAZ, der größte Rollator aller Zeiten", fragt sich Jens-Christian Rabe nach unzähligen gerollten Rs auf dessen neuem Album (hier zum Anhören) mit Deutschpop-Coverversionen.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs "Orlando"-Inszenierung an der Dresdner Semperoper, Philipp Löhles Stück "Nullen und Einsen" in Mainz, der Kinofilm "The Innocents" (den Philipp Stadelmaier bei einer Sneak Preview mit vielen zwar präzisen, aber sehr gelangweilten Kommentatoren im Publikum gesehen hat) und Bücher, darunter André Pieyre de Mandiargues Roman "Der Rand".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2013

Wie kann es sein, dass noch immer soviel im "Dritten Reich" erbeutete Raubkunst in deutschen Museen lagert, empört sich Julia Voss. Zum einen liegt dies an einer mittlerweile zwar geänderten, aber langjährigen irrsinnigen Gesetzeslage etwa in Bayern, wo Museen für restituierte Kunst Kompensationsbeträge in Staatskassen bezahlen mussten, zum anderen an spärlichen Geldern für die Provenienzforschung, erklärt sie dann. "Es gibt bisher in Bayern [wo der Löwenteil an Raubkunst lagert] nur eine einzige vom Freistaat bezahlte Stelle für Provenienzforschung, an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Dort soll die Kunsthistorikerin Andrea Bambi 4400 Gemälde überprüfen, ohne Mitarbeiter. Das ist nicht in jedem Bundesland so ... Die meisten Gelder vergibt der Bund".

Weiteres: Leander Steinkopf wünscht sich nach der Berliner Pressekonferenz von Abraham Cooper, der Jakob Augsteins Grass-Apologetik auf die Liste der "Top Ten Anti-Israel/Anti-Semitic Slurs" gesetzt hatte, eine Diskussion über Antisemitismusdefinitionen. Constanze Kurz sieht mit dem langsam ansetzenden Siegeszug kostengünstiger 3D-Drucker (mehr hier) einigen Regulierungstrubel auf uns zukommen: Was etwa, wenn die Geräte technologisch hinreichend ausgereift sind, um Waffenteile zu produzieren? Mark Siemons durchreist China mit dem neuen Hochgeschwindigkeitszug in gerade mal acht Stunden. Beim cartagenischen Ableger des walisischen Literaturfestivals Hay-on-Wye weiß Katharina Teutsch unter Kolumbiens heißer Sonne bald nicht mehr, ob sie es mit "Fiktion oder Realität" zu tun hat, und entscheidet sich dann, ein von Herta Müller verwendetes "schreckliches Schimpfwort" lieber nicht zu wiederholen. Von solcher Profanität gänzlich fern, lässt sich Jürgen Dollasse unterdessen im Frankfurter Restaurant Francais von "einem trickreichen Gespinst von feinen Kohlnoten mit den ganz erstaunlich wirksamen Vogelbeeren" überraschen.

Besprochen werden neue CDs (darunter die neue des Rappers Haftbefehl), eine Phädra-Aufführung am Berliner Renaissance-Theater ("ein Genuss", jubelt Irene Bazinger), die beiden in Wien aufgeführten Opern "Cenerentola" und "Spiegelgrund", eine in Las Vegas spielende Interpretation von Verdis "Rigoletto" an der Met in New York, die für Jordan Mejias' Geschmack "mehr Drive, mehr Pep und Kick" vertragen hätte können, und Bücher, darunter Hanns-Josef Ortheils Roman "Das Kind, das nicht fragte".

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Newspeak 01.02.2013
Constanze Kurz sieht mit dem langsam ansetzenden Siegeszug kostengünstiger 3D-Drucker (mehr hier) einigen Regulierungstrubel auf uns zukommen: Was etwa, wenn die Geräte technologisch hinreichend ausgereift sind, um Waffenteile zu produzieren? Ja, was dann? Vielleicht verbietet man Waffenbesitz so oder so, unabhängig davon, ob man sich die Waffe im Bahnhofsviertel besorgt oder mit dem 3D-Drucker ausdruckt. Und wieder mal hat jemand das Internet und die neuen Technologien nicht verstanden. Es gibt überhaupt keinen neuen Regulierungsbedarf. Weil alles schon mehrfach überreguliert ist. Außer das wirklich Schädliche. Banken z.B. Aber Hauptsache man kann 3D-Drucken mies machen, bevor es überhaupt stattfindet.
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