Heute in den Feuilletons: Ein Plädoyer für 99 Cent

Das "Wall Street Journal" berichtet, dass Google-Chef Eric Schmidt China für die gefährlichste Macht im Netz hält. Die "Welt" stellt Stephen Kings E-Book gegen Waffen vor. Die "SZ" fordert mehr Feinfühligkeit in der Debatte. Die "FAZ" klagt, Google habe sich in Frankreich aus dem Leistungsschutzrecht freigekauft.

Neue Zürcher Zeitung, 04.02.2013

Samuel Herzog durfte nach Rio de Janeiro fliegen, um die dortigen Museen zeitgenössischer Kunst wie etwa die Casa Daros zu besichtigen. Die Kulturwissenschaftlerin Lydia Haustein erkundet historische Linien in der chinesischen Kunst. Daniel Ender bilanziert die Salzburger Mozartwoche.

Die Welt, 04.02.2013

Stephen King hat bei Amazon ein Plädoyer für ein strengeres Waffenrecht in den USA veröffentlicht, berichtet Hannes Stein. "'Guns', ein Text von vielleicht 25 Seiten, auf Amazon für 0,99 Dollar zu haben, ist über Nacht zur Nummer eins der Kindle-Bücher aufgestiegen. Es geht - nach dem Mord an zwanzig Kindern und sieben Erwachsenen - um das amerikanische Waffenrecht. Stephen King spricht sich, keine Überraschung, für strengere Kontrollen aus. Überraschen könnte viele Europäer aber, dass King dies als Anhänger des Second Amendment (des zweiten Zusatzartikels zur amerikanischen Verfassung, der das Recht auf Waffenbesitz garantiert) tut - und dass er selber drei Handfeuerwaffen zu Hause hat. Überraschen könnte manche Europäer auch, mit welch geradezu zärtlichem Verständnis dieser Linksliberale amerikanische Konservative porträtiert."

Weitere Artikel: Die Leitglosse widmet Dankwart Guratzsch dem Streit um einen möglichen Abriss des Mainzer Rathauses. Der Direktor des Berliner Staatsballetts, Vladimir Malakhov, erklärt im Interview, warum er 2014 aufhören will.

Besprochen werden eine Ausstellung im Jerusalemer Davidsturm-Museum zum Besuch Wilhelms II. in der Heiligen Stadt und ein neues Album von Selig, "Magma".

Die Tageszeitung, 04.02.2013

Im Interview mit Daniel Bax hat Kinderbuch-Autorin Kirsten Boie nichts gegen eine Änderung ihrer Texte: "Ich habe in einem meiner frühen Bücher einmal von einer Negerkusswurfmaschine geschrieben. Inzwischen habe ich das Wort durch Schokokuss ersetzen lassen. Was spricht denn dagegen? Wenn Begriffe vorkommen, die Menschen kränken, dann muss ich die nicht mehr verwenden."

Weitere Artikel: Wolf-Dieter Vogel besucht in der Berliner Akademie der Künste eine Ausstellung über den Generalkonsul Gilberto Bosques, der Internationalisten wie Anna Seghers und Hanns Eisler ins Exil nach Mexiko rettete. Ebenda lernt Ingo Arend "Weltkunst" in der Ausstellung "Nothing to declare?" kennen, die den Abschied von der Westmoderne und den Aufstieg der "vielfältigen Modernen" illustriert. Isabella Reicher berichtet vom Rotterdamer Filmfestival. Rudolf Walther annonciert den Abschluss der Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 04.02.2013

Jonathan Fischer stellt den in Mali wie einen Popstar verehrten Prediger Scheich Haidara vor, der sich als Vertreter eines gemäßigt afrikanischen Islam gegen dessen "Arabisierung" ausspricht und für eine Ko-Existenz der Religionen eintritt (weshalb er Moscheen etwa dazu anhält, aus Rücksicht auf Andersgläubige die Lautsprecher leiser zu stellen): "Wenn Haidara die Islamisten im Norden 'verkleidete Banditen' nennt, kann er sicher sein, dass die Malier zuhören. Keine andere religiöse Autorität hat zwischen Bamako und Gao mehr Gewicht, kann mehr Parteigänger mobilisieren als der aus Segou stammende Prediger. Seine Ansar Dine unterhält im ganzen Land Schulen, Krankenhäuser und Moscheen. Ihr Vertrieb von Predigt-Kassetten hat Haidara zu einer der bekanntesten Stimmen Malis gemacht. 'Wulibali' rufen ihn seine Anhänger fast zärtlich in der regionalen Sprache Bambara: Einer, der die unerschütterliche Wahrheit spricht."

Jörg Häntzschel spricht mit Alec Ross, der Netzzugang für ein Menschenrecht hält und im Auftrag des US-Außenministeriums Aktivisten anderer Länder mit Internetzugängen und "Panic Button"-Handys, deren Daten sich per Knopfdruck löschen lassen, versorgt. Auf die konkrete Nachfrage, ob er den Genuss dieses Menschenrechts auch Gruppen ermögliche, die keine im Interesse der USA liegenden Ziele verfolgen, reagiert Ross vielsagend fischig: "Das ist eine hypothetische Frage, die sich auf eine theoretische Situation bezieht. Da halte ich mich raus." (Hier ein Interview mit Ross im Stern.)

Außerdem: Die Qualitätsmaßstäbe für wissenschaftliche Texte sind auch im Internetzeitalter die selben wie zuvor, auch wenn sich das Forschen, Diskutieren und Publizieren wandelt, schreibt Johan Schloemann nach dem Besuch einer Tagung über geisteswissenschaftliches Arbeiten im Netz. Augstein, kleine Hexe, Brüderle: In Deutschland herrscht derzeit ein "auffälliger Debattenstau", schreibt Andrian Kreye auf der Meinungsseite und beklagt dabei einen bemerkenswerten Mangel an "Feingefühl", der sich ihm am dramatischsten im Umgang der ARD mit Denis Schecks Blackface-Performance offenbart.

Die deutschen Verlage werden sich mit dem französischen Modell in Sachen Leistungsschutzrecht nicht zufrieden geben, berichtet die SZ auf der Medienseite: Verlags-Lobbyist Christoph Keese "antwortete auf eine SZ-Anfrage, ob die französische Lösung übertragbar sei, mit der Gegenfrage: 'Was ist mit dem nächsten Aggregator, der genau das Gleiche macht?' Die französischen Verleger hätten gegen Google einen wichtigen Erfolg erreicht, aber gegen ähnliche Dienste helfe das nichts. Darum spreche alles für das deutsche Gesetz: 'Nichts ist besser als eine allgemeine Regel.'"

Besprochen werden die französische Protestkomödie "Willkommen in der Bretagne", nach dem eine gut gelaunte Susan Vahabzadeh am liebsten "selbst irgendeine Demo anzetteln" möchte, die Ausstellung "Kendell Geers 1988-2012" im Münchner Haus der Kunst und Bücher, darunter Marica Bodrozics Roman "Kirschholz und alte Gefühle".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2013

Enttäuscht kommentiert Jürg Altwegg eine Einigung zwischen Google und dem französischen Präsidenten, nach der sich Google bereit erklärt, französischen Zeitungen einen Innovationsfonds von 50 Millionen Euro bereit zu stellen: "Hollande hatte offensichtlich nicht den Mut, ein Leistungsschutzrecht zu fordern." (Hier der ausführliche Bericht des Blogs Rue89 zum Thema.)

Weitere Artikel: Im Aufmacher erzählt Paul Ingendaay aus dem Leben des Madrider Obdachlosen Manuel Suarez, der sein Leben in einer Nische am Teatro Real fristet. Kerstin Holm beschreibt die mit Stalin-Porträts geschmückte Stadt Wolgograd, die den Sieg von Stalingrad feierte. Oliver Tolmein berichtet von einer Bundestagsanhörung über die Lage der Contergangeschädigten, die mit vorrückendem Alter mehr Unterstützung brauchen. Wiebke Hüster kommentiert den Rücktritt des Intendanten des Staatsballetts Berlin, Vladimir Malakhov.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien des Altrockers Bryan Adams in Düsseldorf, die Uraufführung von Noah Haidles Stück "Skin Deep Song" im Schauspiel Essen, Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" in Frankfurt und Bücher, darunter Amy Waldmans Roman "Der amerikanische Architekt" über das "Ringen um die Gedenkstätte von 'Ground Zero'".

Aus den Blogs, 04.02.2013

(Via Thomas Knüwer) Der Business Insider präsentiert einige interessante Grafiken zur Beschäftigungsstatistik in amerikanischen Medien.

Martin Weigert lobt in Netzwertig einige kritische Berichte von SZ-Redakteuren zum Thema Leistungsschutzrecht: "Hätte die deutschen Mainstreampresse von Anfang an auf derartig ausgewogene, sorgfältige und den hohen journalistischen Qualitätsansprüchen entsprechende Weise über das Leistungsschutzrecht berichtet - online sowie im Printprodukt - wer weiß, ob wir dann heute überhaupt kurz vor der Verwirklichung eines solchen Gesetzes stünden."

Weitere Medien, 04.02.2013

Jan Assmann wehrt sich in seinem Perlentaucher-Essay über Monotheismus und Gewalt zwar über übertriebene Interpretationen seiner These, aber er setzt auch Grenzen, schreibt Anne-Catherine Simon in der Presse: "Assmann wehrt sich nämlich nur gegen die Interpretation, dass Gewalt die logische Folge von Monotheismus sei. 'Inhärent' gewalttätig seien die monotheistischen Religionen aber sehr wohl insofern, als die Gewalt in ihnen als Möglichkeit angelegt sei."

Google-Chef Eric Schmidt beschreibt China in seinem neuen Buch "The New Digital Age" als die gefährlichste Macht im Internet, schreibt Tom Gara in einem Blog des Wall Street Journal und zitiert: "'The disparity between American and Chinese firms and their tactics will put both the government and the companies of the United States as a distinct disadvantage,' because 'the United States will not take the same path of digital corporate espionage, as its laws are much stricter (and better enforced) and because illicit competition violates the American sense of fair play,' they claim."

Joseph von Westphalen war in der Münchner Fußgängerzone unterwegs, als er aus einer Kirche süße Töne hörte: "Dort stand Brüderle, sah aus wie ein Prälat und sang die Bach-Kantate 'Ich habe genug.'"

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