Heute in den Feuilletons: "Ferraris für alle? Es gibt dümmere Sprüche"

In der "taz" liest Micha Brumlik Marx über Lincoln und findet, dass die Lektüre eher gegen Marx als gegen Lincoln spricht. Die "NZZ" staunt unterdessen über die hippe Zeitschrift "Jacobin", die dem Marxismus Sinnlichkeit einhauchen will. Und Stefan Niggemeier findet die neue Google-Bildersuche dreist.

Die Tageszeitung, 05.02.2013

Micha Brumlik würde am liebsten die europäischen Großdenker von Hegel bis Hannah Arendt ins Kino schicken, die in seinen Augen allesamt ziemlich daneben lagen, wenn es um die Befreiung oder Gleichberechtigung der Schwarzen ging. Schlimm auch, wie herablassend Marx über Lincoln herzog: "Sei doch Lincoln ... nicht die Ausgeburt einer Volksrevolution gewesen, vielmehr habe ihn lediglich das 'Spiel des allgemeinen Stimmrechts' an die Spitze geworfen, 'einen Plebejer, der sich vom Steineklopfer bis zum Senator in Illinois hinaufgearbeitet, ohne intellektuellen Glanz, ohne besondere Größe des Charakters, ohne ausnahmsweise Bedeutung - eine Durchschnittsnatur von gutem Willen'."

Weiteres: Aufregende Musik haben Julian Weber und Carolin Weidner beim Festival Club Transmediale in Berlin erlebt, zum Beispiel die "grandios düster-zähe Soundlava" von Demdike Stare. Esther Slevogt blickt auf die Anfänge der Stadt- und Staatstheater zurück, denen vor rund hundert Jahren die Architekten Fellner und Helmer wahre Tempel der bürgerlichen Selbstvergewisserung errichteten. Frank Schäfer liest Mark Twains Autobiografie.

Und Tom.

Die Welt, 05.02.2013

Wolf Lepenies erinnert sich an einen Besuch in Mali 1994/95, als das Land noch eine Demokratie und Hoffnungen hatte. Er sah damals Armut, aber keine Misere, wie sie der aus Benin stammende Historiker und Ökonom Albert Tévoédjré einst in "La Pauvreté. Richesse des Peuples" definierte: "In seinem Buch unterlief der 'Fuchs' - diesen Beinamen trägt Tévoédjré - den gewohnten, vom Vokabular der Weltbank geprägten Armutsdiskurs. Als Armut bezeichnete er das Existenzminimum, welches ein Leben in Würde und ohne Not ermöglicht. Misere dagegen war Armut ohne Würde. Die Afrikaner mussten die Misere überwinden - ihre 'Armut' aber selbstbewusst für eine lange Übergangszeit akzeptieren, um damit die Voraussetzungen für wirtschaftlichen und politischen Fortschritt zu schaffen. Armut, nicht Misere war mein Eindruck auf den Straßen von Bamako. Diese Menschen würden es schaffen - könnten sie nur in Frieden leben -, sich die Voraussetzungen für ein besseres Leben zu erarbeiten."

Weitere Artikel: Jan Küveler versucht mühsam, die Körperlichkeit der weiblichen Stars beim Super Bowl zu verkraften. Thomas Kielinger berichtet über den Fund der Knochen Richards III. unter einem englischen Parkplatz. Abel Lanzac, Autor des Polit-Comics "Quai d'Orsay", ist ein junger französischer Diplomat namens Antonin Baudry, meldet Johannes Wetzel vom Comic-Festival in Angoulême. Benedikt Fuest resümiert einen misslungenen Arte-Themenabend zur Cyberkriminalität. Jörg Taszman berichtet aus Ungarn über einen Streit um die staatliche Filmförderung. Til Biermann mokiert sich über den türkischen Sender A9 TV von Adnan Oktar, in dem "vier stark geschminkte, großbrüstige Wasserstoffblondinen ... in gebrochenem Deutsch beweisen [wollen], dass Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie Unrecht hatte."

Besprochen werden eine Ausstellung des Spätwerks von Ferdinand Hodler in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel und eine fünfstündige Aufführung von Meyerbeers Oper "Vasco da Gama" (sonst als "Die Afrikanerin" bekannt) in Chemnitz.

Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2013

Andrea Köhler staunt über das neue amerikanische Magazin The Jacobin, das mit flammenden Plädoyers gegen die Sozialdemokratie und für einen sinnlichen Marxismus den Mainstream erreicht: "'Konsumfeindliche Kräfte und der radikale Flügel der Umweltbewegung vergessen immer, dass das wahre Problem des 21. Jahrhunderts darin besteht, die Menschen die Früchte ihrer Arbeit genießen zu lassen', erklärte Bhaskar Sunkara kürzlich in einem Interview. Das individuelle Streben nach sinnlichem Vergnügen sei ein respektables Ziel. 'Ich habe schon dümmere politische Sprüche gehört als den Slogan 'Ferraris für alle'."

Weiteres: Christian Gasser berichtet ein wenig enttäuscht vom Comic-Festival in Angouleme, das zu seinem 40-jährigen Bestehen in diesem Jahr allein mit einer clever gemachten Ausstellung zu Uderzo aufwartete; der Große Preis ging an den Zeichner Willem. Besprochen werden Tatjana Gürbacas Inszenierung von Verdis "Rigoletto" im Zürcher Opernhaus, die nun auch in der Schweiz anlaufende amerikanische Fernsehserie "Homeland", Ronald Dworkins philosophisches Großwerk "Gerechtigkeit für Igel" und Alix Ohlins Roman "In einer anderen Haut".

Weitere Medien, 05.02.2013

"Wir müssen die chinesische Geschichte neu schreiben", sagt der Sinologe Kai Vogelsang, der nach archäologischen Funden die auch offiziell gepflegete harmonisierende chinesische Geschichtsschreibung nach Dynastien in Frage stellt (und selbst gerade eine vielgelobte Geschichte Chinas veröffentlicht hat), im Gespräch mit Michael Hesse für FR/Berliner Zeitung: "Ganze Kulturen sind entdeckt worden, von denen wir vorher nichts wussten. Zum Beispiel die Kultur von Sanxingdui in Sichuan, die zeitgleich mit den Shang existierte und völlig eigenständig war. Daran wird deutlich, dass es eben nicht nur die eine Dynastie gab, die geherrscht hat, sondern dass die Lage wesentlich komplexer war."

Holly Case liest für einen sehr ausführlichen Artikel in The Nation die Korrepondenz zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld: "Despite the near catastrophic denouement of their correspondence, the relationship between the two men did have moments of genuine tenderness."

In n+1 bespricht Naomi Fry Pat Barkers neuen Roman "Tobys Room", den zweiten Teil seiner zweiten Trilogie über den Ersten Weltkrieg. Hauptfigur ist Elinor, die im ersten Band noch jede Beschäftigung mit dem Krieg ablehnte, aus Angst, ihre Kunst könnte beeinträchtigt werden. Der Gegensatz zwischen Krieg und Kunst oder Krieg und Liebe oder Krieg und Sex hat Barker auch schon in der ersten Trilogie interessiert, so Fry. "In 'Die Sprache der Geister' hat Billy Prior, ein bisexueller Offizier aus der [englischen] Arbeiterklasse, Sex mit einem französischen Bauernknecht, der glaubt, er sei ein Deutscher. Und dabei scheint Billy die Tatsache, dass der Junge 'seinen Kopf so tief in dem Scheißschweinetrog stecken hat, dass er nicht mehr weiß, welche Armee am anderen Ende ist' eher zu genießen als zu verachten. Während Billy den Anus des Jungen penetriert - 'dieses züchtige krause Loch, das von Spucke glänzt' - stellt er sich 'auf der anderen Seite dieses engen französischen Afters deutsches Sperma' vor. Selbst in der klaren Machtstruktur dieser Begegnung erinnert uns der Zusammenbruch aller Hierarchien von 'Deutsch', 'Französisch' und 'Englisch' im Moment der Penetration an die Betonung der Gleichzeitigkeit des ursprünglich Widerstrebenden, die immer mehr zum Anliegen der Trilogie wird."

Aus den Blogs, 05.02.2013

Als "dreist und dumm" kommentiert Stefan Niggemeier die neue Google-Bildersuche, bei der man gar nicht mehr zur Quelle durchklicken muss, um das Bild in voller Größe zu sehen: "Mit der Diskussion um ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger hat der Streit um die Google-Bildersuche eigentlich nichts zu tun, denn beim Leistungsschutzrecht geht es ja gerade nicht um die Anzeige ganzer Werke, sondern kleiner und kleinster Ausschnitte daraus. Aber in einem wichtigen Punkt gibt es natürlich doch einen Zusammenhang: Google verhält sich hier in exakt der rücksichtslosen und dreisten Weise, die die Verleger und andere Kritiker dem Konzern sonst (nicht immer zu recht) vorwerfen."

Wie kann ein Haus aus Beton so gemütlich aussehen?, fragt das Architekturblog Dezeen mit Blick auf ein Wohnhaus der Architektengruppe Terra e Tuma in Sao Paolo.

Und dann noch dies:

Pourquoi beaucoup d'intellectuels semblent mépriser Twitter ? Parce qu'il faut faire court ou parce qu'il y a trop de monde ?

- bernard pivot (@bernardpivot1) 5. Februar 2013

Weitere Medien, 05.02.2013

Eine Reihe von Film- und Fernsehproduzentenverbänden hatte der ARD einen "Code of conduct" vorgeschlagen, der die Auftragsvergabe der Anstalten nach dem Vorbild der BBC transparent regeln sollte. MDR-Intendantin Karola Wille lehnte diesen Vorschlag in einem Brief ab. Nun antworten die Produzenten mit einem offenen Brief: "Hier stellt sich die Frage, warum die Juristische Kommission der ARD denn einen internen Revisionsbericht erstellt hat, der die Auftragsvergabe der ARD kritisch durchleuchtet und zahlreiche Änderungen der bisherigen Praxis empfiehlt? Warum wird dieser Bericht entgegen allen Transparenzbeteuerungen nicht veröffentlicht? Warum wurde er bisher noch nicht einmal Ihren Kontrollgremien zur Verfügung gestellt?" (Hier das Papier als pdf-Dokument und mehr bei turi2.)

(Via Slate) Der Filmemacher Joseph Gordon-Levitt hat (schon vor einiger Zeit) den Spieß umgedreht und Paparazzi gefilmt.

Bei Buzzfeed porträtiert Greg Beato den Arzt Jason Burke vor, der in Las Vegas den "Hangover Heaven" gegründet hat - eine Praxis, die darauf spezialisiert ist, den morgendlichen Kater, der unweigerlich auf einen Zug durch das Nachtleben von Las Vegas folgt, mit ausgeklügelten Infusionen zu bekämpfen. Die Preise variieren von 99 bis 200 Dollar. "Burke ist groß und schlacksig, sein kastanienbraunes Haar hat er zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Er trägt einen schwarzen OP-Kasack mit seinem eingestickten Namen auf der Brust, farblich passend zu seinen kobaltblauen Gummihandschuhen. [Sein Kollege Greg] Koehler trägt ebenfalls schwarz und blaue Handschuhe. Auf seinem offiziellen Hang-Over-T-Shirt steht: 'I FEEL LIKE JESUS ON EASTER MORNING.' ... In ihren schwarzen Klamotten sehen die zwei aus wie zwei Elite-Ärzteninjas, gut bewandert in der schwarzen Kunst der Party Triage. Ein glänzender Aluminiumkanister, der im Raum auf dem dem orangen Wollteppich steht, versorgt die Patienten durch nasale Kanülen mit zusätzlichem Sauerstoff. In der nächsten halben Stunde, während die verschiedenen Medikamente aufgebrachte Mägen beruhigen und Kopfschmerzen lindern, steigt der Energielevel im Raum. Jemand fragt, warum die Infusionsbeutel einen Gelbschimmer haben. (Wegen der Vitamine) Andere erzählen von der Party letzte Nacht. Im Hintergrund flackern Will Ferrell und Zach Galifianakis in 'The Campaign' auf einem riesigen Flachbildschirm. 'Hey, Doc', fragt van Ryan. 'Wieviele Tage kann man das hintereinander machen?'"

Süddeutsche Zeitung, 05.02.2013

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler würdigt die Veröffentlichung von Machiavellis "Fürst" vor 500 Jahren, ein Werk, dessen Paradoxie es gerade ausmacht, "dass ausgerechnet ein gescheitertert Politiker zum Verfasser der bis heute wichtigsten Anleitung zu einem erfolgreichen politischen Handeln geworden ist".

Außerdem: Tendenziell ernüchtert kommt Viktoria Grossmann von einer von Barbara Krijanovsky und Bettina Springer in Berlin organisierten Abendveranstaltung zum Thema Feminismus nach Hause: Die angekündigten "neuen Perspektiven (...) wurden nicht eröffnet". Alexander Menden bestätigt, dass man König Richard III., bzw. was von ihm übrig blieb, unter einem Parkplatz gefunden hat (mehr dazu hier). Christine Dössel bilanziert das Augsburger Brechtfestival. Fritz Göttler gratuliert dem Regisseur Michael Mann zum 70. Geburtstag. Außerdem tragen diverse SZ-Autoren ihre Erlebnis-Splitter von der Transmediale zusammen: So gab es etwa eine "auf irrwitzige Weise einleuchtende und trotzdem heiß diskutierte Analyse von Social-Media-Plattformen als zeitgemäße Form des Comics", außerdem erlag man dem "kristallinen Geheimnis" der Stimme von Avantgarde-Popmusikerin Holly Herndons.

Besprochen werden eine Manet-Ausstellung in der Royal Academy of Arts in London und Bücher, darunter Karl Marlantes' Vietnamroman "Matterhorn".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2013

Der heute in Doha lebende syrische Autor Fawwaz Haddad schildert in einem ganzseitigen Artikel die verzweifelte Lage in seinem Land, das er von der internationalen Gemeinschaft allein gelassen sieht. Eindringlich beschreibt er auch die beiden Fraktionen der Schriftsteller, die regimetreuen, die für die Mordpolitik Assads trommeln, und die oppositionellen, die geblieben sind: Letztere "schreiben über die Revolution, manche unter ihrem wirklichen Namen, manche unter Pseudonym, sie beschreiben die unsäglichen Methoden, mit denen das Regime gegen die Menschen vorgeht. Einfach durch die Straßen laufen können sie nicht, denn an jedem Checkpoint stehen ihre Namen auf den Listen der gesuchten Personen."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube stellt ein Kochbuch Eva Catharina Hahns, der Frau Gotthold Ephraim Lessings, vor, das neu publiziert wird. Gina Thomas berichtet über den Fund der Überreste des Shakepeare-Königs Richard III. Jan Wiele fragt sich, ob es sich bei Heinos Cover-Versionen deutscher Rocksongs nicht um Entstellungen zur Kenntlichkeit handelt. Für die Medienseite hat Nina Rehfeld die Dreharbeiten der letzten Staffel von "Breaking Bad" besucht.

Besprochen werden unter anderem eine von Martin Schläpfer ersonnene Choreografie nach Brahms' zweiter Sinfonie in Duisburg, Gaspare Spontinis selten gespielte "Vestalin" in Karlsruhe, eine Ausstellung des Malers Mark Leonard in New Haven und eine Recital-CD des rumänischen Countertenors Valer Barna-Sabadus mit Purcell, Dowland und Nicola Matteis.

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