Heute in den Feuilletons: "Die ARD schafft prä-feudale Zustände"

Die "FAZ" fragt: Warum liest das neue Politbüro in China Tocqueville? Die "NZZ" kritisiert die Angst der Museen vor Ruhe. Der Konzertagent Berthold Seliger wundert sich über die Honorarvorstellungen der ARD. In der "Welt" wirft Kurt Biedenkopf der Uni Düsseldorf Feigheit vor.

Aus den Blogs, 11.02.2013

Der Konzertagent Berthold Seliger freute sich sehr, als die ARD Interesse an der Aufzeichnung eines Konzerts einer seiner Bands hatte. Welches Honorar der Sender denn zahlen wolle, fragte er noch und erhielt die Antwort: "'Honorare für Künstler sind nicht vorgesehen. Die Aufzeichnung und Ausstrahlung dient der Promotion. Meines Wissens erzielen die Künstler in der Regel zumindest über die Gema durch die TV-Ausstrahlung einen geldwerten Vorteil.' Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: 'Honorare für Künstler sind nicht vorgesehen.' Die ARD schafft also präfeudale Zustände. Selbst am Königshof des Absolutismus erhielten Künstler wenn nicht Honorare, dann doch mal eine goldene Taschenuhr."

Anlässlich aktueller Skandale (französisches Pferdefleisch in britischen Burgern) fragt sich Johan Hufnagel in Slate.fr ob 2013 nicht zum Jahr des Pferdefleisches ernannt werden sollte und nennt die Namen einiger Pariser Restaurants, wo die Spezialität wieder gereicht wird: Denn "das ein wenig faserige und sehr zarte, so eisenreiche Pferdefleisch, dem wir in den siebziger Jahren noch eifrig zusprachen, ist auch von unseren Tischen quasi verschwunden, aus Hygiene- aber vor allem Imagegründen. So wie in England, wo Aie allein für die Idee, ein Pferd in ein Steak zu verwandeln, schon als Nachahmer Jack the Rippers angesehen werden."

Ebenfalls aus Slate.fr: Der Künstler Kerry Skarbakka setzt Heideggers Erkenntnis, dass wir alle Geworfene seien, in die Tat um.

Perlentaucher, 11.02.2013

Über den bisher besten Wettbewerbsfilm der Berlinale, Denis Côtés "Vic+Flo haben einen Bären gesehen", schreibt Lukas Foerster: "Toll ist der Film nicht zuletzt darin, wie er Menschen und Sprechweisen in Bild und Ton setzt, die im Kino sonst kaum präsent sind - und wenn doch, dann höchstens als "soziale Attraktionen". Denis Côtés Kamera interessiert sich für Gesichter um derer selbst willen; der Film ist durchzogen von quasi-Porträtaufnahmen, die oft außerhalb des Handlungsflusses stehen; die den narrativen Drive momenthaft suspendieren, wie, um den Zuschauer immer wieder daran zu erinnern: Das sind die Menschen, von denen hier erzählt wird, sie haben eine Existenz auch außerhalb der Zusammenhänge, die um sie herum aufgebaut werden." Weitere Berlinale-Kritiken vom Wochenende finden Sie hier.

Die Tageszeitung, 11.02.2013

Auf den Berlinale-Seiten spricht Thomas Arslan im Interview mit Cristina Nord über seinen Western "Gold" und die nordamerikanische Weite: "Ein Gefühl von Endlosigkeit. Die Weite, die am Anfang ein Versprechen ist, wendet sich gegen einen." Besprochen werden unter anderem Sebastián Lelios Frauendrama "Gloria", Guillaume Nicloux' Klosterschikane-Film "La Religieuse" und Jacques Dillons Panorama-Film "Mes Séances de Lutte", der laut Diedrich Diederichsen als Psychokitsch beginnt, sich dann aber zu einem "radikalen Körperballett" steigert.

Weiteres: In seinem Wochenrückblick empfiehlt Friedrich Küppersbuch bei Großbauten mit Deadlines und echten Profis zu arbeiten: "Man sollte es Journalisten machen lassen! Wird pünktlich fertig, hält aber nur bis morgen." Besprochen werden auf den Kulturseiten ein Konzert der estnischen Künstlerin Maria Minerva in Berlin und Omar Kamils Untersuchung zum "Holocaust im arabischen Gedächtnis".

Und Tom.

Die Welt, 11.02.2013

Feigheit wirft Kurt Biedenkopf der Heinrich-Heine-Universität vor, die Annette Schavan den Doktortitel aberkannt hat, ohne mit dem Doktorvater oder Annette Schavan selbst gesprochen zu haben. Der Fakultätsrat habe sich von dem Gutachter Stefan Rohrbacher in die Ecke treiben lassen, der Schavan verurteilt hatte, ohne ihr Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit nachzuweisen. Worauf dann auch die Uni verzichtete: "Genauer betrachtet haben die Professoren die erhoffte Anerkennung ihrer Standfestigkeit und ihren bleibenden Ruhm als Aufrechte vor Königsthronen jedoch mit der Verletzung ihrer wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht erkauft. Im Grunde hatten sie Angst vor dem Urteil einer Öffentlichkeit, die sie durch ihre frühzeitigen Äußerungen selbst auf den Plan gerufen hatten."

Weitere Artikel: Elmar Krekeler zieht ökotrophologische Bilanz des ersten Berlinale-Fünftels. Schauspielerin Nina Hoss erklärt im Interview total entspannt: "Ich muss nicht mehr gewinnen." Sky Nonhoff erinnert an das erste Album der Beatles heute vor 50 Jahren. Die Amerikaner sind nicht prüde, sondern emanzipiert, stellt Hannes Stein fest.

Besprochen werden die Augsburger Uraufführung des Einakters "Die Bibel", den Bertolt Brecht als Fünfzehnjähriger verfasste, zwei Operninszenierungen - Gaspare Spontinis "Vestalin" in Karlsruhe und Gioachino Rossinis "Tell" in Amsterdam -, Thomas Arslans Wettbewerbsfilm "Gold" (von dem Hanns-Georg Rodek sehr genau sagen kann, was er nicht sein möchte, was er "sein will, ist viel schwerer zu fassen"), James Francos Film "Interior. Leather Bar" und das neue Album von My Bloody Valentine.

Neue Zürcher Zeitung, 11.02.2013

Von ehrfürchtiger Stille kann in den Museen heute keine Rede mehr sein, weiß Gabriele Detterer, Besucher werden vielmehr mit maßgeschneiderten Komfort-Zonen und Service-Arealen gelockt : "'Kunst ist kein Picknick' - pflegte der von fernöstlichen Lebensweisheiten inspirierte amerikanische Künstler James Lee Byars kritisch zu bemerken. Dennoch ließ sich der Umbau musealer Welten nicht aufhalten. Museen - ursprünglich in der Gestalt als Musentempel angelegt - präsentieren sich heute als Unterhaltungs-Maschinen, inklusive Animation und vielfältiger Gastro-Angebote von Picknick-Ecken bis zu Restaurants der gehobenen Klasse. Nach Besucherrekorden strebende Museen bieten nicht zuletzt deshalb ein weit über Ausstellungen hinausgehendes Programm, weil ihnen allzu viel Ruhe im Haus ein Schreckgespenst ist."

Weiteres: Martina Wohlthat berichtet von den Zeitgenössischen Schweizer Tanztagen in Basel. Der Kulturwissenschaftler Vincent Kaufmann geht der Frage nach, ob auch E-Books eine Seele haben. Susanne Ostwald ist hin und weg von Sebastián Lelios chilenischem Wettbewerbsfilm "Gloria" über eine 58jährige Frau, die sich nicht mit ihrem Single-Dasein abfinden will.

Der Tagesspiegel, 11.02.2013

Der Dichter Jan Wagner feiert die Schönheit und Notwendigkeit von Bibliotheken: "Ich denke an einen Aufenthalt an der Brown University in Providence, Rhode Island, wo ich das Büro eines alten Dichters besuchen durfte, das im Laufe von Jahrzehnten zu einer lyrischen Privatbibliothek geworden war und dessen Bestände kaum Platz zum Atmen ließen. Kurz zuvor hatte man die Universität restaurieren und dafür alle Büros räumen lassen wollen, merkte aber, als man jene gewichtige Poesiebibliothek entfernte, dass sich die Statik des Hauptgebäudes bedenklich veränderte. Kurz: Die Bücher blieben, wo sie waren, um einen Einsturz der gesamten Brown University zu verhindern. Wo die Architektur sich der Literatur so fügen muss, darf man von einem Sieg des Papiers über den Stein sprechen."

Nantke Garrelts empfiehlt auf den Berlinale-Seiten des Tagesspiegels Simon Kloses Dokumentarfilm über die Pirate Bay: "Im vergangenen Oktober entledigte sich Pirate Bay der irdischen Last eigener Serverschränke und stieg in die sogenannte Cloud auf, wo die Dateien auf vielen verschiedenen Servern unbemerkt umherschweben. Messianischer Aufstieg oder finales Himmelfahrtskommando? Es ist still geworden in der Piratenbucht."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2013

Hohe Parteifunktionäre in China empfehlen die Lektüre von Alexis de Tocquevilles Buch "Der alte Staat und die Revolution", in dem die Zustände in Frankreich vor der Revolution analysiert werden, erzählt Mark Siemons, der aber gleich rät, sich nicht zu viel Hoffnung zu machen: "Das neue Politbüro scheint sich erst mal bloß von der rein technokratischen Mentalität seiner Vorgänger absetzen zu wollen. An eine Liberalisierung im westlichen Sinn ist dabei eindeutig nicht gedacht, wohl aber an eine Wiedergewinnung der zerrütteten moralischen Glaubwürdigkeit der Partei."

Weitere Artikel: Gina Thomas glossiert den Streit zwischen den Städten Leicester und York um die Gebeine des kürzlich exhumierten Richard III. Patrick Bahners amüsiert sich über ein Gemälde George. W. Bushs, der sich selbst in der Badewanne malte (ein Hacker hat das Bild geleakt, und die New Republic hat darüber berichtet), dabei aber ein Körperteil wegließ. Verena Lueken resümiert ihre jüngsten Berlinale-Erlebnisse (und ist nicht unbedingt begeistert von Thomas Arslans "Gold"). Julia Voss schreibt zum Tod des Künstlers Richard Artschwager.

Besprochen werden die Aufführung eines Gymnasiastenstücks "Bibel" von Bertolt Brecht in Augsburg, Wolfgang Rihms Oper "Dionysos" in Heidelberg und Bücher, darunter E.O. Wilsons Studie "Die soziale Eroberung der Erde - Eine biologische Geschichte des Menschen ".

Jetzt online: Der Historiker Valentin Groebner plädierte auf der Tagung Rezensieren - Kommentieren - Bloggen" für das Buch und die Zeitschrift und gegen dieses Internet: "Das Netz ist wunderbar für Unfertiges (und für wolkige Utopien). Aber mit der Stabilisierung der dort produzierten Informationen, also mit konkreten Ergebnissen, hapert es dauerhaft. Die Geschwindigkeit und hohe Sendefrequenz macht das Netz zum Medium für rasantes Vergessen. Fertiges, Konzentriertes, Abgeschlossenes geht darin unter." Anton Tanner hatte darauf im Merkur-Blog geantwortet.

Süddeutsche Zeitung, 11.02.2013

Hannah Beitzer trifft sich in Berlin mit Anne Wizorek, die die #Aufschrei-Kampagne auf Twitter angestoßen hat und von den Männern im Grunde nur das Beste hält: "'Eigentlich haben wir Feministinnen doch das bessere Männerbild', sagt Wizorek, 'wir reduzieren Männer nicht auf ihren Penis, sondern gestehen ihnen auch ein Gehirn zu.'"

Weitere Artikel: Joseph Hanimann inspiziert das neue französische Nationalarchiv. Tobias Kniebe muss sich nach dem Berlinale-Wettbewerbsfilm "Gloria" erstmal mit zwei Folgen der Serie "Homeland" den Mund auswaschen. Ralph Hammerthaler sieht politische Filme im Forum der Berlinale. Catrin Lorch schreibt den Nachruf auf den Bildhauer Richard Artschwager.

Besprochen werden Marieluise Fleißers Stück "Fegefeuer in Ingolstadt" an den Münchner Kammerspielen (es "scheint der Subtil-Horror eines Haneke durch", gruselt sich Christine Dössel), Johanna Schalls Inszenierung von Brechts erstem Drama "Die Bibel" beim Augsburger Brechtfestival und Bücher, darunter eine zweibändige Neuübersetzung der Erzählungen von Sylvia Plath.

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