Heute in den Feuilletons: Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, viel Kaffee

In der "Welt" macht sich Boualem Sansal keine Illusionen: auf den arabischen Frühling folgt ein islamischer Sommer. In der "FAZ" wünscht sich der Wirtschaftswissenschaftler Philip Mirowski einen ergebnisoffenen Diskurs über den Kapitalismus und die "NZZ" beklagt das Verschwinden der Ränder.

Die Welt, 16.02.2013

Fast verzweifelt liest sich in der Literarischen Welt Boualem Sansals Bilanz des arabischen Frühlings, dessen Sieger die Islamisten sind. Und "die Wahrheit ist, dass die Islamisten vermutlich auf keine wirkliche Opposition stoßen werden. Der arabische Frühling ist vorbei, es bleibt nichts von ihm. Viele von denen, die für die Demokratie gekämpft haben, haben sich den Islamisten angenähert. Andere halten sich bedeckt oder bereiten sich auf das Exil vor, und die wenigen und sehr isolierten Unbeirrbaren beginnen unter der Repression zu leiden."

Weitere Artikel in der Literarischen Welt: Ulrich Beck tanzt zu Frank Schirrmachers "Ego" Apocalypso, vermisst aber "die Einsicht in die Mehrdeutigkeit der Lage". Von Hermann Lenz, der in diesen Tagen hundert würde, werden Tagebucheinträge abgedruckt. Tilman Krause schreibt den Geburtstagsartikel. Cora Stephan klärt in ihrer Kolumne die Gerontophobiker auf: "Fortschritt ist was für Alte". Besprochen werden unter anderem Dave Eggers' neuer Roman "Ein Hologramm für den König", Hans Magnus Enzensbergers Hommage an W.G. Sebald "Blauwärts", eine Biografie über Gustav Gründgens und Hans-Ulrich Wehlers Essay "Die neue Umverteilung".

Im Feuilleton empfiehlt Marc Reichwein eine Ausstellung (hier) und eine Arte-Doku über die Medici. Berthold Seewald prüft das Latein des Papstes (1 Fehler 2). Peter Zander unterhält sich mit Berlinale-Jury-Mitglied Andreas Dresen. Und Manuel Brug geht mit der Sopranistin Barbara Hanigan bei einem Berliner In-Asiaten essen.

Weitere Medien, 16.02.2013

Nach einer ARD-Doku über die Arbeitsbedingungen bei Amazon hat Kleinverleger Christopher Schroer die Nase voll und kündigt sämtliche Konten beim Onlinehändler. In einem offenen Brief an Jeff Bezos im Börsenblatt erzählt er auch ein bisschen über die Konditionen, die Verlage inzwischen bei Amazon akzeptieren und die Marktmacht von Amazon: "Denn will ein Kleinverlag von Endkunden wahrgenommen werden, ist es zwangsläufig verpflichtend, bei Ihnen gelistet zu sein. Amazon macht sichtbar, und wer nicht bei Ihnen gelistet ist, der ist bei Endkunden auch nicht 'seriös' - oder: Was es bei amazon.de nicht gibt, gibt's nirgends. Wirtschaftlich trägt sich Ihr Geschäftsmodell für uns nicht. Hat es im übrigens noch nie."

(Via Thomas Knüwer) Das Handelsblatt baut 80 von 800 Stellen ab, meldet das Branchenblatt Horizont. "Zwölf Führungskräfte werden 'im Zuge der Vereinfachung von Strukturen' das Haus verlassen und mittlere sowie untere Führungsebenen stark reduziert, teilt der Verlag mit.

Perlentaucher, 16.02.2013

Im Abschlusstext zur Berlinale wirft Lukas Foerster einen Blick auf die starken Frauen im Wettbewerb: "Bei aller (nicht nur qualitativer) Differenz kommen diese Filme zusammen in ihrem Blick auf die Hauptfiguren: Zweifellos sind diese Frauen nicht nur, eben, prägnant als hauptsächliches Objekt der Kamerabegierde (Rayna Campbells Profil, Nina Hoss' sich langsam lösendes Haar etc), sondern auch, in einem mal mehr mal weniger geläufigen Sinne, stark. Sie müssen sich gegen (sehr unterschiedliche) Männerbündnisse behaupten, bilden, gegen alle Widerstände, eine eigene Subjektivität aus, die sie in gewisser Weise aus ihrer Umgebung heraushebt, exemplarisch werden lässt."

Die Tageszeitung, 16.02.2013

Georg Seeßlen berichtet über die Kunstbiennale in Montevideo. Ines Pohl und Gaby Sohl führen ein langes Interview mit der Sängerin Gitte Haenning. Eine Seite ist noch einmal Christian Semler gewidmet. Abgedruckt ist ein Auszug aus einem Text Semlers von 1998 über das Erbe der K-Gruppen. Und es gibt eine Zusammenstellung mit Nachrufen aus Polen und anderen deutschen Zeitungen.

Besprochen werden letzte Berlinalefilme und Bücher, darunter Dave Eggers Roman "Ein Hologramm für den König".

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 16.02.2013

Anhand deutscher Romane des vergangenen Jahres, darunter "Johann Holtrop" von Rainald Goetz und "Landgericht" von Ursula Krechel, konstatiert Roman Bucheli, dass - in der Realität und in der Literatur - die Ränder wegbrechen und alles in die gemäßigte Mitte strömt: "Das gilt europapolitisch und ist eine reale Gefahr; das prägt die Gesellschaft, an deren Rändern tatsächlich nur noch die Randständigen verblieben sind; und es trifft im Ästhetischen zu: Wo sind die wilden Poeten und wo die Experimente geblieben? Wer kennt noch die Labors, wo abseits vom Konventionellen an der Sprache getüftelt und spielerisch verwegen erzählt wird."

Weiteres: Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer schreibt in der Reihe "Schlaflos" über den Schlaftablettenkonsum ihrer Mutter und quälendes Wachliegen: "Alles, Personen, Sätze, Ereignisse, beginnt zu übertreiben, sich zu maßloser Wichtigkeit aufzuspielen und über das hilflos ausgestreckte oder sich krümmende Opfer herzufallen." Uwe Justus Wenzel schreibt zum Tod des amerikanischen Rechtsphilosophen Ronald Dworkin. Die Münchner Inszenierung von Modest Mussorgskys Oper "Boris Godunow" mit Kent Nagano und Calixto Bieito ist "ein szenisch-musikalisches Oxymoron, das die Sinne reizt und den Intellekt herausfordert", schwärmt Peter Hagmann.

In Literatur und Kunst stellt Rudolf Suter das breite Œuvre des Schweizer Malers, Klangkünstlers und Bildhauers Jean Tinguely (1925-1991) vor, der zu "zu den großen Meistern der kinetischen Kunst" gehört. rsb berichtet von einer veränderten und erweiterten Sammlungspräsentation im Basler Museum Tinguely. Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer reflektiert über Jürg Kreienbühls Porträt des Kunsthändlers Dr. Franz Gerhard. Die Kunsthistorikerin Dr. Dora Imhof macht sich anhand zweier Arbeiten von Elmgreen & Dragset und Dominique Gonzalez-Foerster Gedanken über den Originalitätsanspruch moderner Kunst. Besprochen werden Bücher, darunter die von Eva Hesse und Manfred Pfister übersetzten "Cantos" von Ezra Pound.

Süddeutsche Zeitung, 16.02.2013

Frank Schirrmachers neues Buch "Ego" macht sich sehr gut neben Joseph Vogls "Gespenst des Kapitals" und David Graebers "Schulden", applaudiert Andreas Zielcke, der sehr darüber staunen muss, dass "ausgerechnet Literaturwissenschaftler, Ethnologen und Feuilletonisten zurzeit so beeindruckende Kapitalismuskritiken schreiben". Eine Erklärung dafür hat er ebenfalls: So sind diese Experten "gewohnt, behauptete Sachverhalte und vermeintlich Unverrückbares als Fiktion, als Narration wahrzunehmen und zu deuten. Darum provoziert sie der heutige Kapitalismus, der sich seit dem Fall des Kommunismus wie ein alternativloses Naturgesetz gibt, gegen das Widerspruch sinnlos ist."

Außerdem: Joachim Hentschel trifft sich in Berlin mit Nick Cave, der gerade ein neues Album veröffentlicht hat (in das wir hier reinhören können) und sich beim Berliner Konzert "kurz in Elvis, dann in Sinatra, dann wieder zurück" verwandelt. Rudolf Neumaier informiert sich in Hubert Wolfs neuem Buch "über die teuflische Ordensschwester Maria Luisa", die sich als "Lügnerin, Verführerin, Tyrannin, Giftmischerin, Mörderin - alles unter Berufung auf himmlische Weisung" betätigte.

Besprochen werden eine Yoko-Ono-Retrospektive in der Schirn in Frankfurt, neue Wettbewerbsfilme der Berlinale und Bücher, darunter Dave Eggers' Roman "Ein Hologramm für einen König".

In der SZ am Wochenende erklärt James Franco Antje Wewer, wie er sein Leben als Schauspieler, Regisseur, Autor, Künstler, Professor und Student organisiert: "Ich schlafe wenig, maximal fünf Stunden am Stück, oft nur drei. Dafür mache ich während des Tages immer wieder Power Naps. Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, viel Kaffee." (Klingt ja beinahe wie ein Perlentaucher!)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2013

Im Gespräch mit Jordan Mejias beklagt der Wirtschaftswissenschaftler Philip Mirowski, dass die Finanzkrise keinerlei strukturelle Konsequenzen hatte, und wünscht sich einen Diskurs, wie er in den vierziger Jahren von der Mont Pelerin Society geführt wurde: "Mont Pelerin war ganz ungewöhnlich insofern, als niemand dort wusste, wohin die Reise gehen sollte. Alle Teilnehmer aber waren bereit, über Grenzen hinauszudenken und neue Möglichkeiten zu entdecken. Sie fragten sich in den vierziger Jahren etwa: Was, wenn wir mit dem Laisser-faire aufhören? Könnte die Linke jetzt nicht sagen: Was, wenn wir mit der Fetischisierung des Staats aufhören?"

Weiteres: In seiner ersten Generalaudienz nach der Rückzugserklärung nannte Benedikt XVI. die amerikanische Kommunistin und Anarchistin Dorothy Day (1897-1980) als Vorbild für katholisches Leben. Patrick Bahners erklärt anhand der Biografie der Journalistin und Aktivistin, was der Papst damit meint: "Keine Loyalität gegenüber der Welt, totales Engagement in der Welt." Verena Lueken zieht ein ernüchtertes Fazit der Berlinale: "Im Wettrennen um die eigene Bedeutung mit den anderen großen europäischen Festivals, mit Cannes und Venedig, hat es sich die Berlinale auf dem dritten Platz bequem gemacht."

Leander Steinkopf berichtet von einem spärlich besuchten Konzert der Heartless Bastards in Berlin. Melanie Mühl denkt über Tourismus nach. In der Reihe "Unsere Romanhelden" stellt Hubert Spiegel Binx Bollings vor, den Protagonisten aus Walker Percys Romandebüt "The Moviegoer". Besprochen werden eine Aufführung von Manfred Trojahns Oper "Orest" in Hannover, der französische Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Elle s'en va" ("ein Favorit für die Festivalpreise sieht anders aus, aber ein Silberner Bär für Catherine Deneuve wäre sicher kein Fehlgriff", meint Andreas Kilb) und Bücher, darunter Hermann Kurzkes revolutionäre Georg Büchner-Biografie.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Joachim Simm das Gedicht "Hörst du wie die Brunnen rauschen" von Clemens Brentano vor:

"Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
..."

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