Heute in den Feuilletons: "Man fühlt es, die Heilige ist anwesend"

Die "FAZ" bringt einen Vorabdruck aus Wolfgang Kraushaars Buch "München 1970" über das Attentat auf ein jüdisches Altenheim und die Kooperation zwischen deutschen und palästinensischen Terroristen. Die "taz" besucht die stark beschäftigte Sensenfrau Santa Muerte in Mexiko.

Die Tageszeitung, 19.02.2013

Johannes Thumfahrt besucht das mexikanische Tepito, wo die Sensenfrau Santa Muerte als Todesheilige und Schutzpatronin von Gangstern verehrt wird: "Es sind vor allem Typen aus dem Viertel mit Tätowierungen und Goldzähnen. Sie lehnen an Hauswänden, trinken, kiffen und schnüffeln an Fläschchen mit Lösungsmitteln. Vollkommen high skandieren sie immer wieder: 'Se ve, se siente, la Santa está presente.' - 'Man sieht es, man fühlt es, die Heilige ist anwesend.' Bedrohlich würde das wirken, wüsste man nicht, dass die Santa Muerte hier so große Autorität genießt, dass während der monatlichen Messen Gewalt ausgeschlossen ist."

Weitere Artikel: Joachim Lange zieht eine erste Bilanz des Wagnerjahres und erkennt: "Ob sich der ganze Wagnerrummel gelohnt hat, wird man am Ende des Jahres sehen." Simone Schmollack grübelt, ob Stefan Raab ein geeigneter TV-Duell-Moderator wäre.

Besprochen werden Yoko Onos Geburtstagskonzert in der Berliner Volksbühne (das laut Julian Weber "groovy und charmant" war) und Bücher, darunter der zweite Band von Jürgen Habermas' "Nachmetaphysischem Denken".

Und Tom.

Aus den Blogs, 19.02.2013

Christoph Kappes fragt in der Berliner Gazette, ob Journalisten programmieren lernen sollten: "Es ginge dann dort aber nicht nur um das bloße Programmieren, sondern um Informationsverarbeitung im weitesten Sinne. Zum Beispiel darum, wie man auf welche Datenquellen zugreift, wo diese Datenquellen sich befinden, wie der Zugriff rechtlich zu handhaben ist und wie Nutzer-Interaktion konzipiert werden muss."

Zu Ehren von Yoko Ono hat ubu.com für 24 Stunden ihren legendären Film "Fly" online gestellt.

Weitere Medien, 19.02.2013

In seiner Kolumne in der Berliner Zeitung wirbt Götz Aly um ein wenig Verständnis für die Linkspartei und erklärt, wofür wir sie brauchen: "Perioden des Übergangs erfordern politische Zwitterwesen. In der alten Bundesrepublik fungierten nach 1949 der BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) und vor allem die FDP als Parteien, in denen sich viele ehemalige Nazis heimisch fühlten, bis die Generation Genscher gut 15 Jahre später diese Erblast beiseiteschieben konnte, nachdem sie geschichtlich gewissermaßen kompostiert worden war."

Auf der FR-Medienseite erzählt Daniel Bouhs, wie das ZDF sich mit einer zweideutigen Anzeige bei seinen Werbekunden anbiedert.

Ganz lustig ist, wie Werben und Verkaufen eine Pressemitteilung des Handelsblatts aufbereitet, wo man es hinkriegt, die Entlassung von 80 Mitarbeitern anzukündigen (immerhin ein Zehntel der Belegschaft), ohne es zu erwähnen. WuV macht zu den einzelnen Sätzen der PPM Anmerkungen, Beispiel:

"Neben Investitionen in neue Digitalprodukte, das Handelsblatt Research Institute, zusätzliche Veranstaltungsformate und maßgeschneiderte Kommunikationsangebote umfasst diese Initiative auch eine Reorganisation des Verlages.3

3 Reorganisation des Verlages: Hups, jetzt ist es raus."

Neue Zürcher Zeitung, 19.02.2013

Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japan-Studien in Tokio, beschreibt, wie der Konflikt um die Senkaku/Diaoyu-Inseln im Ostchinesischen Meer die kulturellen Beziehungen zwischen Japan und China belastet: "Während sich in China eine zweigeteilte Haltung gegenüber Japan herauszubilden scheint, in der die junge Kultur von Cool Japan geschätzt, die Politik aber abgelehnt wird, dominieren in Japans Wahrnehmung des aufstrebenden Nachbarn Verunsicherung, Unmut und Desinteresse."

Weiteres: Joachim Güntner macht sich Gedanken darüber, "wozu so ein Pferdefleisch-Skandal doch gut ist". Besprochen werden eine Frankfurter Ausstellung über Deutschlands Unesco-Welterbe (für die Karin Leydecker "Feuer und Flamme" ist), ine Aufführung von Richard Wagners Opern-Erstling "Die Feen" in Leipzig ("Figurenzeichnung oder gar Chorführung: Fehlanzeige", bedauert Georg-Friedrich Kühn), ein Konzert des Pianisten Evgeny Kissin in Zürich (das Michelle Ziegler einen "sensationellen Abend" beschert hat) und Bücher, darunter Hilary Mantels Cromwell-Roman "Falken".

Die Welt, 19.02.2013

Ziemlich konventionell fand Manuel Brug Calixto Bietos Inszenierung des "Boris Godunow" in München und auch Kent Nagano dirigierte "neutral werktreu", bis der ukrainische Bass Alexander Tsymbalyuk erschien und Modest Mussorgskys Helden und damit der Oper plötzlich Kontur gab: "Ein einsamer, umdüsterter Zar. Verletzlich und gefährlich zugleich, anziehend und abstoßend. Und plötzlich hat diese bis jetzt auf hohem Niveau routinierte Zurichtung ein Herz und ein Zentrum. Der sensationelle 37-Jährige, der bisher klug an der Hamburgischen Staatsoper große Nebenrollen gesungen hat, wird nach diesem grandios einfachen, dabei höchst anrührenden Rollendebüt Weltkarriere machen. Was für eine Stimme aus tönendem Erz und klingender Bronze! Was für ein bezwingend charismatischer Darsteller!" (Wir hätten ja das Werbevideo der Staatsoper eingebettet, wenn da nicht ständig über die Sänger drübergequatscht würde.)

Weiteres: Wolf Lepenies plädiert dafür, dass die Bürgergesellschaft das überkonfessionelle Bet- und Lehrhaus in Berlin-Mitte finanziert und kennt auch ein Vorbild dafür. Matthias Heine erklärt sich den deutschen Widerwillen gegen Pferdefleisch aus der Versorgungslage damals in Stalingrad. Thomas Schmid erinnert auf einer ganzen Seite an den italienischen Schriftsteller Beppe Fenoglio, der vor 50 Jahren gestorben ist. Besprochen wird der Film "3096 Tage" über den Fall Natascha Kampusch ("ein klarer Film, aber kein voyeuristischer", lobt Hanns-Georg Rodek).

Süddeutsche Zeitung, 19.02.2013

David Steinitz unterhält sich mit Oskar Roehler bei einem Kakao über dessen neuen Film "Quellen des Lebens", eine Erinnerung an seine Kindheit. Das ist überhaupt kein Egotrip, sagt er, sondern pure Notwendigkeit: "Er haut mit beiden Handflächen auf den Tisch. 'In Deutschland wird immer alles so abstrakt gemacht, aber Kino muss sinnlich sein! Ich setze mich doch nicht hin und schreibe einen Film: Dresden brennt. Und drum herum erfinde ich noch eine Krankenschwester und einen Piloten. Da schläft mir doch der Arsch ein!'"

Weitere Artikel: Andrian Kreye zeichnet anlässlich der ARD-Reportage über Leiharbeit bei Amazon (siehe dazu auch Thomas Öchsners Kommentar) Jeff Bezos' Erfolgsgeschichte nach. Kia Vahland lässt den Streit um das Juliusporträt des Frankfurter Städelmuseums, das dieses Raffael zuspricht, nochmal auflodern: Nun bestätigt ihr auch der Kunsthistoriker Arnold Nesselrath, dass das Bild nicht einmal aus dem Kreis von Raffaels Schüler stamme. Laura Weissmüller spricht mit Zaha Hadid und Patrik Schumacher über Architektur in China, wo man sich die berühmtesten Bauwerke der Welt als Kopie (Eiffelturm, das Weiße Haus, der Markusplatz, you name it) ins Land holt, wie Kai Strittmatter berichtet.

Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, ein Tanzabend mit Louise Lecavalier (die mit ihren 54 Jahren Dorion Weickmann davon überzeugt, dass "die genretypische Frühpensionierung unzeitgemäß ist") und Bücher, darunter zwei Studien zur braunen Vergangenheit des Bundeskriminalamts.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.02.2013

Das Feuilleton bringt einen Vorabdruck aus Wolfgang Kraushaars neuem Buch, in dem es um den lange Zeit vergessenen Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München 1970 geht ("München 1970 - Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus", Rowohlt). Bei dem Anschlag wurden sieben Personen ermordet, zumeist Holocaust-Überlebende. Kraushaars Frage in dem Buch ist, inwieweit deutsche Linksextremisten um die "Politclowns" Kunzelmann und Teufel bei Attentaten in der Zeit mit palästinensischen Terroristen kooperierten. Der Vorabdruck handelt vom Olympia-Attentat von 1972 - kurz zuvor hatten Kunzelmann und seine Freunde Palästina besucht: "Kunzelmanns wichtigste Gesprächspartner waren keine Geringeren als die beiden wichtigsten Leute innerhalb der PLO gewesen: die beiden Fatah-Begründer Jassir Arafat und Farouk Kaddoumi, der eine Chef der palästinensischen Dachorganisation, der andere deren führender außenpolitischer Repräsentant. Und zumindest einer der beiden wird... als Strippenzieher im Hintergrund eine, wenn nicht gar die entscheidende Rolle für das spielen, was eine Palästinenser-Gruppe dann im September 1972 im Olympischen Dorf und in Fürstenfeldbruck anrichtete. "

Weitere Artikel: Andreas Rossmann schildert den Ärger der Auslandsitaliener mit ihrer Regierung. Niklas Maak besuchte das Geburtstagskonzert von Yoko Ono in Berlin. Timo John nimmt das neue, von einem Stuttgarter Architektenbüro (dysfunktionale Architektenwebsite in Flashtechnologie) entworfene Kunstmuseum von Ravensburg in Augenschein. Oliver Tolmein resümiert Debatten und Urteile zum Thema der Rechte biologischer Väter. Eine anonyme Autorin erzählt, wie es ihr als Opfer sexueller Belästigung an einer amerikanischen Universität erging.

Besprochen werden unter anderem die neue CD von Nick Cave, eine Dramatisierung des "Kaspar Hauser" in Zürich und eine von Alisa Weilerstein eingespielte Aufnahme von Edward Elgars Cellokonzert, außerdem Bücher, darunter Dirk Kurbjuweits Roman "Angst".

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