Heute in den Feuilletons: "Man hat uns Tier ins Fleisch gemischt"

In Berlin werden die ersten Bauten der IBA von 1987 abgerissen, berichtet der "Tagesspiegel". In der "NZZ" befürwortet die tunesische Autorin Hélé Béji einen Dialog mit den Islamisten. In der "FAZ" schreibt Jens Friebe zum jüngsten Nahrungsmittelskandal.

Weitere Medien, 21.02.2013

Peter Sloterdijk wird mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet, meldet das Börsenblatt: Der Philosoph schaffe es regelmäßig, die Öffentlichkeit in "intensive Zustände intellektueller Wachheit" zu versetzen, begründete Preisrichter Hans Ulrich Gumbrecht seine Wahl.

(Via Achgut) Die inzwischen schon berühmte ARD-Doku über Amazon war womöglich ein wenig tendenziös, berichtet Jan Philipp Ling im Kreisanzeiger aus Kirchheim, wo die Saison-Arbeiter von Amazon im "Seepark Kirchheim" untergebracht waren. Er führt als Zeugin eine ehemalige Amazon-Saisonarbeiterin an, die inzwischen in der Ferienanlage arbeitet: "Die Reporter hätten aber offenbar nur das Negative sehen wollen und in dem Bericht dann ihre Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und mit weiteren, eigenen Erklärungen versehen:¿'Oft war das dann das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe.' Zum Beispiel, als sie beim Schlafen auf der Couch gezeigt wurde, angeblich, weil sie in ihrem Bett nicht schlafen könne: "In Wahrheit habe ich dort meine Siesta gemacht. Das Wohnzimmer hat ein großes Fenster mit Blick auf den Wald, man hört die Vögel, das fand ich sehr schön.'"

Die New York Times will den Boston Globe verkaufen, meldet der Guardian.

In Berlin werden die ersten Bauten der Internationalen Bauausstellung von 1987 abgerissen, so ein Wohnbau des Architekten Oswald Matthias Ungers am Lützowplatz, der einem weiteren der für Berlin heute so charkteristischen Hotelplattenbauten weichen muss, berichtet Christian Schröder im Tagesspiegel: "Die Denkmalpfleger fangen gerade erst an, sich mit den Hinterlassenschaften der Postmoderne zu beschäftigen. Von den IBA-Gebäuden, deren architektonische Qualität unbestritten ist, steht noch keines unter Denkmalschutz."

Perlentaucher, 21.02.2013

Der frisch gekürte Börne-Preisträger Peter Sloterdijk interveniert mit einem langen Essay über "Bundesbruch" und "Sinai-Schama" in der von Jan Assmann angestoßenen Debatte über Monotheismus und Gewalt und wirft einen Blick auf die Gewaltpassagen in der Exodus-Geschichte: "Zu Recht spricht Assmann davon, dass der 'exklusive Monotheismus' - ich würde jetzt lieber sagen: die singularisierende Strategie in der Kult- und Völkerkonkurrenz - aus innerer Notwendigkeit einer 'Semantik des Bruchs, der Abgrenzung, der Konversion' bedarf. Bruch, Abgrenzung und Konversion haben gemeinsam, dass sie Aspekte einer neuartigen Kultur der totalen Mitgliedschaft darstellen."

Die Tageszeitung, 21.02.2013

Als einen "konservativen Anarchisten" würdigt Christian Schachinger den verstorbenen Kinderbuchautor Otfried Preußler. "Welch schönes Bild, dass am Ende der drei Räuberpistolen ein geläuterter Hotzenplotz ausgerechnet Wirt wird. Immerhin kann man als Besitzer eines Gasthauses seit je die Leute auf ganz legale Art und Weise ausnehmen. Als sesshaft gewordener Wegelagerer wahrt man schließlich auch sein Antlitz und kann sich einreden, seine anarchischen Bubenträume nicht ganz den Sachzwängen geopfert zu haben."

Weitere Artikel: Katrin Bettina Müller berichtet über zwei Kleinverlage, die aus Protest gegen das Geschäftsgebaren von Amazon ihre Kooperationsverträge kündigten: Verleger Christian Schroer etwa beklagt die Einforderung eines "unglaublichen Skontorahmens" und Ausnutzung der "Marktmacht" gegenüber Kleinverlagen. Susanne Knaul stellt die beiden Dokumentarfilme "The Gatekeepers" und "Five Broken Cameras", beide aus Nahost, vor, die ins Rennen um den Osacar gehen.

Besprochen werden Tom Hoopers achtfach oscarnominierte Musicalverfilmung "Les Miserables", eine umfangreiche CD- und DVD-Sammlung und eine Hommage an die Sängerin und Pianistin Nina Simones anlässlich ihres 80. Geburtstags, die DVD von John Hyams "Universal Soldier: Day of Reckoning" von 2012 und Frank Schirrmachers neues Buch "Ego".

Und Tom.

Die Welt, 21.02.2013

Wieland Freund schreibt zum Tod des Zum Tod des Kinderbuchautors Otfried Preußler. Besprochen werden P. T. Andersons Film "The Master" und Jonathan Levines RomZomCom (ein Zombiefilm, der mit den Mitteln der romantischen Komödie erzählt wird, erklärt uns Cosima Lutz) "Warm Bodies".

Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2013

Beat Stauffer hat die Schriftstellerin Hélé Béji, eine der wichtigsten Intellektuellen Tunesiens, in Tunis besucht und zu ihrer Sicht der Dinge befragt: "'Ich bin fest überzeugt davon, dass wir den Islamisten die Hand zum Dialog hinstrecken müssen', sagt Béji. Dabei müsse die Initiative von den Säkularisten ausgehen, denn nur diese seien dazu mental in der Lage. Viele Modernisten hätten große Mühe, dies zu akzeptieren, und optierten stattdessen für eine Strategie der Konfrontation. Doch Béji ist überzeugt davon, dass dies falsch ist; nur im Dialog könne es gelingen, die Islamisten 'zur Modernität zu bekehren'."

Stuttgart 21, Elbphilharmonie, BER - Jürgen Tietz sieht in den scheiternden Großprojekten eine "bedenkliche gesamtgesellschaftliche Entwicklung" in Deutschland aufblitzen: "Im Widerstreit der (politischen) Einzelinteressen zeigen sich die Gefahren einer überindividualisierten Gesellschaft, die die Durchsetzung der persönlichen Vorstellungen für das Maß aller Dinge hält und sich zudem von der Maxime des 'Geiz ist geil' leiten lässt. Im Zusammenspiel mit der Gier nach politischer Macht entwickelt sich eine fatale Mischung, die eine geradezu selbstzerstörerische Kraft entfaltet und an den Wurzeln der westlichen Demokratien nagt."

Weiteres: Besprochen werden die Filme "Les Misérables" von Tom Hooper ("ein politischer Appell für Gnade und Menschlichkeit", findet Björn Hayer) und "Verliebte Feinde" von Werner Schweizer sowie Bücher, darunter Eva Menasses neuer Roman "Quasikristalle".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2013

Frank Schirrmacher schreibt zum Tod von Otfried Preußler: "Die großen Kinderbuchautoren legen mit ihren Geschichten einen Kreis um das Ich. Er sieht wahrscheinlich genauso aus wie der Druidenkreis des Petrosilius Zwackelmann im 'Hotzenplotz'. Damit gelingt ihnen, was viele Erwachsene immer wieder erfahren. Die Entfernung des Ich zur Kindheit ist auch im Alter immer die gleiche."

Einigermaßen genervt ist Jens Friebe vom Pferdefleischskandal, wo doch Pferd und Kuh gar so unterschiedlich nun wirklich nicht sind. Jedoch genießt das Rind gegenüber dem Pferd einen semantischen Vorteil: Während man Rind als Tierbezeichnung, aber eben auch als Geschmacksrichtung kennt, steht das Pferd diesbezüglich buchstäblich allein auf weiter Flur: "Dem Pferd hat der carnivorische Verblendungszusammenhang kein essbares Schattengeschwister erschaffen. Es ist kein Teekesselchen. Ein Stück Pferdefleisch ist ganz unmissverständlich nichts anderes als ein Stück ermordeter Körper. Das ist der Skandal: Man hat uns Tier ins Fleisch gemischt."

Außerdem: Sandra Kegel verteidigt Hilary Mantels (in der London Review of Books veröffentlichte) Rede über die Geschlechterrollen am britischen Hof, die in Großbritannien gerade hitzig diskutiert wird (mehr dazu etwa hier und hier). Andreas Platthaus trifft sich mit dem Schriftsteller David Wagner, dessen neues Buch "Leben" (Leseprobe) demnächst erscheint. Christian Aust unterhält sich mit Joaquin Phoenix über dessen Rolle im neuen Film "The Master". Bert Rebhandl porträtiert Luminita Gheorghiu, die Hauptdarstellerin des Berlinalegewinners "Child's Pose". Hannah Lühmann stellt die auf deutsche Filmgeschichte spezialisierte Onlinevideothek Alles Kino vor. Online schreibt auch Tilman Spreckelsen zum Tod von Otfried Preußler.

Bislang nur online finden wir Frank Lübberdings Bericht von einer Diskussion des Bundestags über Leiharbeit nach dem Amazon-Skandal.

Besprochen werden eine Aufführung von Schuberts Oper "Des Teufels Luftschloss" am Theater Würzburg und Bücher, darunter zwei neue von Yasmina Reza.

Die Zeit, 21.02.2013

Patti Smith erzählt in ihrem vorabgedruckten Nachwort zur Neuübersetzung von Albertine Sarrazins "Astragalus", wie sie in den sechziger Jahren auf das Buch stieß und völlig ergriffen war: "Albertine, die kleine Heilige der schreibenden Außenseiter. Wie schnell bin ich in ihre Welt hineingezogen worden - bereit, die ganze Nacht hindurch zu kritzeln, kannenweise kochend heißen Kaffee in mich hineinzukippen und nur zu unterbrechen, um den Lidstrich nachzuziehen. Ich sog ihr jugendliches Mantra begierig auf, ließ meinen formbaren Geist von ihm durchströmen."

Anlässlich der am Samstag startenden großen Martin-Kippenberger-Ausstellung im Hamburger Bahnhof widmet der Zürcher Kunsthistoriker Jörg Scheller dem Künstler ein äußerst kritisches Porträt: "Abgesehen vom Anti-Apartheit Drinking Congress (1986) in Edinburgh, ist Kippenbergers Werk bemerkenswert frei von kritischen Stellungnahmen - es sei denn, man wollte die prolongierte Kindheit des Künstlerdaseins im Sinne Jonathan Meeses als implizite Kulturkritik werten. Doch das wäre überinterpretiert. Kippenberger stopfte sich mit Junkfood voll und hatte weder Illusionen noch Visionen."

Weitere Artikel: Alexander Cammann referiert knapp die Geschichte der Kapitalismus-Kritik und ahnt: "Wie stark die kapitalistische Moderne auch ist, verschwinden wird die Kritik an ihr niemals." Adam Soboczynski spürt in den US-Serien "Homeland" und "The Americans" dem Ost-West-Konflikt nach. Maxim Biller erzählt, wie er mit Hanna Rosin und David Plotz im Brechtkeller aß. Natürlich ist Deutschland keine große Filmnation, aber wir müssen trotzdem aufhören, neidisch auf Frankreich zu blicken, zieht Katja Nicodemus als Lektion aus der Berlinale. Dieter Richter meldet den Umzug des Goethe Instituts in Neapel in den barocken Palazzo Sessa. Der Politologe Rainer Forst schreibt den Nachruf auf den amerikanischen Philosophen Ronald Dworkin.

Besprochen werden das Album "Jama Ko" des malischen Musikers Bassekou Kouyate ("viel Wut steckt in dieser Musik", konstatiert Jonathan Fischer), P.T. Andersons Film "The Master" (in dessen Kern Peter Kümmel ein Duell zwischen Joaquín Phoenix und Philip Seymour Hoffman sieht: "Hier geht es um die Frage, wer der oberste Großschauspieler, der erste Charakter-Irre von Hollywood ist"), der fünfte Teil der "Die Hard"-Reihe (an der Ursula März insbesondere den "biologischen Realismus" schätzt) und Bücher, darunter Henning Ritters Essay "Die Schreie der Verwundeten".

Auf Glauben & Zweifeln verraten zehn Prominente, darunter Dieter Graumann, Wolfgang Thierse und der Verleger Manuel Herder, was sie vom nächsten Papst erwarten. "Ziemlich dreist" findet es Gunhild Lütge im Wirtschaftsteil, dass Politiker im Fall Amazon die Folgen ihrer eigenen Gesetze beklagen. In der Rubrik Geschichte porträtiert Christian Staas die unvergleichliche Nina Simone, die heute achtzig geworden wäre.

Süddeutsche Zeitung, 21.02.2013

Auf der Medienseite erklärt Johannes Boie die bisherige Methode der Quotenermittlung von Fernsehsendungen für obsolet: Längst werden Fernsehsendungen (und insbesondere auf ein junges Publikum zugeschnittene Formate wie etwa Roche & Böhmermann) vor allem im Netz in Mediatheken oder gleich auf Youtube gesehen: "Das bedeutet auch, dass die Sendungen in den Sendern bislang vor allem nach ihrer Quote bewertet werden, aber nicht nach ihrem Erfolg im Netz. Wenn plötzlich die Abrufe aus dem Netz dazukommen, könnte das zu einer Verschiebung zugunsten der jüngeren Formate führen, vor allem in Hinsicht auf die Sendeplätze. Ob das allen wichtigen Menschen in den Sendern gefallen würde?"

Im Feuilleton macht der türkische Journalist Kerim Balci den Anfang in einer Reihe ausländischer Kommentatoren, die erklären sollen, wie in ihrem Land Papst Benedikt XVI. gesehen wurde. Andrian Kreye schreibt den Nachruf auf Madonna-Entdecker Mark Kamins, Roswitha Buddeus-Budde den auf Otfried Preußler, dessen Stimme sie im jüngsten Streit um dessen "Kleine Hexe" sehr vermisst hat.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Johann Christian Reinhart in der Neuen Pinakothek in München (Kia Vahland entdeckt einen "Frühmodernen vor seiner Zeit"), die beiden neuen Kinofilme "Les Misérables" ("Musical verité", meint Fritz Göttler zu Russell Crowes überschaubaren Gesangsfähigkeiten) und "The Iran Job" und Bücher, darunter Vladimir Jankélévitchs Plädoyer für "Die Ironie".

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