Heute in den Feuilletons: Russland im Sumpf des Mittelalters

In der "taz" erklärt der Regisseur Kamboziya Partovi, warum ein schwaches Urheberrecht im Iran verbotenen Regisseuren nützt. In der "NZZ" huldigt Michail Schischkin Sergei Rachmaninow und in der "Welt" denkt Dan Diner über linken Antisemitismus nach.

Aus den Blogs, 23.02.2013

Thomas Knüwer kommentiert in Indiskretion Ehrensache die allerjüngsten Entwicklungen zum Leistungsschutzrecht: "Das heißt nicht, dass jenes Gesetz schon vom Tisch wäre. Doch sah es vor einigen Wochen noch so aus, als passiere es garantiert vor dem Sommer den Bundestag, so kippt die Stimmungslage nun spürbar."

Mathias Schindler berichtet auf Netzpolitik über den "Totalschaden" beim Leistungsschutzrecht, der bei Siegfried Kauders Pressekonferenz deutlich wurde. Kleines Detail aus Kauders Äußerungen: "Er wolle, so Siegfried Kauder wörtlich, dem Bundespräsidenten empfehlen, das Gesetz zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger nicht zu unterzeichnen."

John Weitzmann vermutet, ebenfalls bei Netzpolitik, dass das Leistungsschutzrecht nicht aus Vernunftgründen entfällt, sondern weil man eine kleine unscheinbare EU-Richtlinie übersehen hat: "98/48/EG des europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Juli 1998 zur Änderung der Richtlinie 98/34/EG über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der Normen und technischen Vorschriften".

Interessant in diesem Zusammenhang: Das Parlamentsfernsehen des Deutschen Bundestags, auf dem man die Anhörung der Presseverlegeram Mittwoch in voller Länge hören und sehen kann.

Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2013

Michail Schischkin schreibt eine bewegende Hommage auf Sergei Rachmaninow und widerspricht den russischen Mächtigen, die gern behaupteten, russische Künstler verstummten in der Emigration. Im Gegenteil, so Schischkin, einige der größten Werke der russischen Kultur entstanden im 20. Jahrhundert außerhalb Russlands. "Als Rachmaninow, Bunin und Tausende von Vertretern der 'kreativen Klasse', wie man heute sagen würde, in die Emigration gingen, nahmen sie ihr eigenes Russland, dessen große Kultur mit. Sie selbst waren ja seine große Kultur. Das Land wurde für mehrere Generationen zugeschlossen, es versank im Sumpf des Obskurantismus und Mittelalters, aus welchem es bis zum heutigen Tage nicht herauszuwachsen vermag. Es ist bereits ein fremdes Land gewesen."

Eines der Werke, die Schischkin erwähnt: Die "Toteninsel".

Außerdem in Literatur und Kunst: Der Basler Philosoph Emil Angehrn schreibt "über das Vertrauen, das die Philosophie in die Menschen und in die Welt setzt". Der Medienwissenschaftler Bernhard Dotzler schreibt zum hundertsten Todestag Ferdinand de Saussures. Und Uwe Justus Wenzel erinnert an Paul Ricoeur, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre.

Das Feuilleton übernimmt aus der New Republic Ian McEwans Essay über seine Zweifel an der Literatur. Die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin träumt sich schlaflos als Macbeth. Besprochen wird eine Ausstellung über die "Mode der 1970er Jahre" im Münchner Stadtmuseum.

Die Welt, 23.02.2013

Dan Diner nimmt Wolfgang Kraushaars Buch über "München 1970" zum Anlass für einen Essay über linken Antisemitismus in der Bundesrepublik der siebziger Jahre: "Ausgehend von einer schrill vorgetragenen Berufung auf einen seinerseits problematischen Antifaschismus, der zunehmend antiimperialistisch wurde, stellte sich eine dramatische Verkehrung der Wirklichkeit ein. Emblematisch dafür steht die Aussage Ulrike Meinhofs, die im Prozess gegen Horst Mahler Ende 1972 als Zeugin geladen war. Sie forderte, das deutsche Volk von den Verbrechen 'des Faschismus' freizusprechen - als Voraussetzung für dessen Mobilisierung für 'unseren revolutionären Kampf'. Dabei wird dem Antisemitismus eine 'seinem Wesen' nach antikapitalistische und durchaus positive Natur bescheinigt."

Weitere Artikel in der Literarischen Welt: Michael Schleicher unterhält sich mit Franz Xaver Kroetz, der an neuen Gedichten arbeitet. Klaus Harpprecht möchte in seine Kolumne Varnhagen "nicht nur als Schatten Rahels" gewürdigt sehen.

Besprochen werden Ernst-Wilhelm Händlers neuer Roman "Der Überlebende", eine Biografie über Leonard Cohen, eine Studie über den "Wutbürger" und neue Miniaturen von Botho Strauß, außerdem ein Band über 13 Hochzeitspaare auf der Titanic.

Im Feuilleton stellt Uwe Schmitt den Dokumentarfilm "The Invisible War" über Vergewaltigungen im amerikanischen Militär vor, der zu den Oscar-Kandidaten dieses Jahres gehört. Barbara Möller macht leicht säuerliche Anmerkungen zur Verleihung des August-Bebel-Preises an den im Hause Springer nicht so beliebten Günter Wallraff. Und Mara Delius berichtet von der Pressekonferenz zu Wolfgang Kraushaars Buch über "München 1970".

Weitere Medien, 23.02.2013

In der FR / Berliner Zeitung staunt Ingeborg Ruthe nicht schlecht beim Flanieren durch die große, Martin Kippenberger gewidmete Ausstellung, die heute im Hamburger Bahnhof in Berlin eröffnet: "Was war er eigentlich, dieser Unstete, für dessen Selbstporträt ein Sammler unlängst auf einer Auktion vier Millionen Euro hinlegte? War er Maler, Schriftsteller, Musiker, Tänzer? Reisender, Trinker, Radaumacher? Provokanter Selbst-Inszenierer? Sarkastischer Eulenspiegel, Lausejunge, Medienhansdampf? Kippenberger, mal derb, mal verletzlich, war wohl von allem etwas, er arbeitete jedenfalls, wie wir jetzt sehen können, mit Dada und Fluxus, mit allen Mitteln an der Demontage des traditionellen Kunstbegriffs." Bei VernissageTV finden wir ein Video mit ersten Eindrücken von der Großschau.

Die Tageszeitung, 23.02.2013

Ekkehard Knörer spricht mit Kamboziya Partovi, dem Co-Regisseur von Jafar Panahis zweitem unter Berufsverbot realisierten und auf der Berlinale gezeigten Film "Pardé" (unsere Kritik). Die Frage, ob Panahis neue Filme unter den Bedingungen digitaler Distributionsmöglichkeiten auch in Iran zu sehen sind, kann dieser recht eindeutig beantworten: "Dank des unglücklicherweise - oder in dem Fall vielleicht glücklicherweise - wenig ausgeprägten Urheberschutzes im Iran ist das ... sehr wahrscheinlich. So hat sich etwa auch Bahman Ghobadis Film 'No one Knows About Persian Cats' weit verbreitet, obwohl er verboten war. Übrigens gab es sehr wohl eine Aufführung von [Panahis] 'Dies ist kein Film' in Teheran. Ein Verband von Regisseuren hatte Herrn Panahi darum gebeten, den Film zu zeigen. Er wurde dann, natürlich nicht öffentlich, in einem cineastischen Forum vorgeführt."

Sylvia Prahl ist ganz verliebt in den sommerlich poppigen Post-Rock, den die Chicagoer Formation The Sea and Cake auf ihrem neuen Album "Runner" kredenzt: "Wie ein Flaneur im Sauseschritt nimmt [es] die Hörer mit durch die sonnendurchflutete Stadt. Der Paukenschlag aus Gitarren gleich zum Auftakt des ersten Songs 'On And On' ist ein mundöffnender Weckruf." Berlin ist zwar auch an diesem Samstagmorgen grau und kalt, aber wir sausen einfach frohen Mutes mit.
Weitere Artikel: Andreas Fanizadeh fasst die umstrittenen Thesen aus Wolfgang Kraushaars neuem Buch über die antiimperialistische BRD-Linke und antisemitische Terroranschläge zusammen. "Das Rennen um den besten Film gilt als offen wie schon lange nicht", schreibt Bert Rebhandl zur bevorstehenden Oscarverleihung. Uwe Rada trifft Robert Strom, der im DDR-Jugendknast zu Ikea-Zwangsarbeit verdonnert wurde.Timo Reuter meldet, dass der angeschlagenen FR nach dem abgelehnten Angebot des Investors Burak Akbay nur noch die Hoffnung auf das Angebot der FAZ bleibt. Jan Scheper schreibt zum angekündigten Tod des Digital-Spartensenders ZDFkultur, dessen "Quote kaum messbar war. Geguckt wird und wurde ohnehin im Internet. Die Klickzahlen in der hauseigenen Mediathek haben, zumindest nach Senderangaben, gestimmt." Politclown Jean Peters hat die Schnauze gestrichen voll vom in Ketten gelegten Wohlfühl-Differenzierungsprotest: "Wo Kacke ist, muss man eben auch mal reinhauen, da hilft kein Einseifen." Bettina Gaus schreibt den Nachruf auf Otfried Preußler. Abgedruckt ist außerdem Joey Juschkas Erzählung "SCHAF e.V." ab, mit der die Autorin den Publikumspreis des Berliner Open-Mike-Wettbewerb (hier zum Nachhören) gewonnen hat.

Im tazlab überlässt die taz 13 jungen Journalisten aus Osteuropa das Wort, die im Januar einen taz-Workshop besucht haben (mehr dazu hier). Außerdem lesenswert in der Nord-Ausgabe der taz: Der erste Teil von Heinrich Dubels kurzweiligen Erinnerungen, wie der Punk nach Hannover kam, wo bis dahin Disco die unschuldigen Jungs fest im Griff hatte.

Besprochen werden Knut Wolfgang Marons Foto-Ausstellung "Ein Leben" im Staatlichen Museum Schwerin und eine neue Van-Gogh-Biografie.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 23.02.2013

Keine Angst vor großen Datenmengen, ruft der Fotograf und Big-Data-Aktivist Rick Smolan Bernd Graff im Gespräch zu und verteidigt seine Vision eines "Big-Data-Humanismus", den die Auswertung immer größerer Datenberge ermögliche. Klar müsse man aufpassen, wer wie mit diesen Daten hantiert, "aber ein positives Beispiel: Japan hat im Jahr 2005 eine halbe Milliarde Dollar in ein Tsunami-Frühwarnsystem investiert. Als der Tsunami 2011 kam, wurden aufgrund der Datenanalysen eine Minute vorher die Produktion in allen Fabriken Japans gestoppt und heruntergefahren, die Gasversorgung unterbrochen, Züge angehalten, Ampeln auf Rot gestellt. Daten haben also Leben gerettet - trotz der verheerenden Wirkung des Tsunami. Heute verwendet man übrigens dort auch die Fall-Sensoren in Notebooks: In Japan wird registriert, ob an einem Ort plötzlich gehäuft Notebooks herunterfallen. Das ist ein Frühwarnsystem - for free." In diesem Vortrag führt Smolan anhand zahlreicher Beispiele aus, was man sich unter Big-Data-Humanismus vorstellen darf.

Außerdem: "Kippenberger ist, weit über die bildende Kunst hinaus, ein entscheidender Katalysator des deutschen Humorproblems", schreibt Jörg Heiser anlässlich der heute eröffnenden großen Kippenberger-Ausstellung in Berlin. Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels nutzt die Gunst der Stunde, um die Vorteile von Buchhandlungen gegenüber Amazon in Erinnerung zu rufen. Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan wünscht sich einen dem Islam gegenüber aufgeschlosseneren Ratzinger-Nachfolger. Susan Vahabzahdeh schätzt die kommende Oscarverleihung ein und mutmaßt: "Vielleicht sind am Ende die Entscheidungen, die die Academy-Mitglieder getroffen haben, tatsächlich nicht filmästhetisch - sondern politisch." Michael Stallknecht porträtiert die Geigerin Midori. Außerdem druckt die SZ Erinnerungen der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja ab, die heute 70 Jahre alt wird.

Auf der Medienseite sammelt die SZ Vorschläge zur Änderung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems. Für die Reportage auf Seite Drei mischt sich Peter Richter in Los Angeles unter die deutsch-österreichischen Abgesandten für den Oscar und erfährt dabei vom Haneke-Produzent Veit Heiduschka warum das österreichische Kino gegenüber dem deutschen so im Vorteil ist: Die deutsche Filmförderung funktioniert nicht, "weil die Fernsehanstalten mit in den Jurys sitzen und deswegen mitsprechen über Inhalte - und natürlich wollen die gerne ein Primetime-Programm für 20.15 Uhr! Kino ist aber anders. Bei uns in Österreich entscheidet eine Jury von Fachleuten, und erst hinterher kann das Fernsehen sagen, ob es Interesse hat oder nicht. Es darf nicht reinreden. ... Wir konnten einfach immer radikaler sein." Und Christopher Waltz kann sich "nicht mehr vorstellen, dass ARD und ZDF noch ohne Blutvergießen zu verändern wären".

Besprochen werden die Ausstellung "Netzwerk Wohnen" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und Falk Wiesemanns Buch über die Esther-Rolle.
In der SZ am Wochenende singt Hilmar Klute ein Loblied aufs Alleinesein abseits von Facebook-Likes und Twitter-Timeline: "Hätte es keine Menschen gegeben, die gerne allein sind, stünden wir heute weitgehend ohne Kultur da." Peter Münch besucht eine Jerusalemer Boxschule, in der sich Juden und Araber ganz kameradschaftlich was aufs Auge geben. Helmut Martin-Jung besucht die Frankfurter Softwareschmiede Crytek, die Computerspiele im Blockbusterformat produziert. Außerdem unterhält er sich mit Olaf Coenen von Electronic Arts über den Wandel der sich ausdifferenzierenden Computerspielebranche. Cord Aschenbrenner erinnert an die vom NS-Regime ermordete Rote Kapelle.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2013

Als total schlechter Verlierer erweist sich Michael Hanfeld in Sachen Leistungsschutzrecht. Statt auf die verfassungsrechtlichen Bedenken der Politiker einzugehen, schimpft er auf Google, das unter anderem die Unverschämtheit hatte, ein Gutachten über das geplante Gesetz in Auftrag zu geben, in dem begreiflicher Weise gegen das Gesetz argumentiert wird: "So wandelt sich der Saulus zum Paulus, der Urheberrechtsvernichter Google... wird zum Vorkämpfer der Pressefreiheit. Wer den Leuten einreden will, dass sein ureigenes Wirtschaftsinteresse gleichbedeutend mit dem Allgemeinwohl ist, kann sich Google zum Vorbild nehmen." Das eigene Interesse mit dem Gemeinwohl gleichsetzen - auf so eine Idee würden die Zeitungen selbstverständlich nie verfallen!

Auf der letzten Seite interviewt Johanna Adorjan den israelischen Filmemacher Dror Moreh - er hat für seinen Film "Töte zuerst" sechs ehemalige israelische Geheimdienstchefs interviewt, die allesamt die Politik der Regierung scharf kritisieren. "Was mich bei der Arbeit an diesem Film wirklich erschüttert hat, war zu erfahren, wie viele Chancen auf Frieden die Ministerpräsidenten, die Verteidigungsminister über die Jahre verpasst haben. Wie viele verpasste Gelegenheiten es gab. Auf beiden Seiten."

Weitere Artikel: "Wie konnte das geschehen?", fragt Sandra Kegel, nachdem die Frankfurter Politik offenbar gegen ein erwünschtes "Museum der Romantik", das aus den Beständen des Freien Deutschen Hochstifts hervorgehen sollte, optiert hat.

Besprochen werden unter anderem Rineke Dijkstras Ausstellung "The Crazy House" in Frankfurt, das neue Computerspiel "Dead Space 3" und Bücher, darunter Hilary Mantels neuer Roman "Falken".

Für die Frankfurter Anthologie liest Insa Wilke Wolfgang Hilbigs Gedicht "Aqua Alba -

Ach der ganze Garten überschwemmt vom Mond -
und Schwärme von Fischen am Weg
wie Federn leicht wie zuckende Klingen aus Licht. (...)"

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