Heute in den Feuilletons "Eine Kreatur des magischen Realismus"

Hugo Chávez ist tot. Wir verlinken auf Texte von Enrique Krauze, Christopher Hitchens und anderen. In der "FAZ" schreibt der CDU-Netzpolitiker Henrik Bröckelmann gegen Leistungsschutzrecht. Die "SZ" erinnert an ihren Mitbegründer Franz Josef Schöningh, der ein eifrigerer Nazi war, als man dachte.


Weitere Medien, 06.03.2013

Hugo Chávez ist tot. Aus diesem Anlass sei noch einmal auf den 2009 publizierten Porträtessay des großen Enrique Krauze in Open Democracy verwiesen: "In den fünfzehn Jahren, in denen Chávez geduldig seine revolutionäre Verschwörung ausheckte und mystische Bänder zwischen seiner eigenen Geneaologie und den Helden der Nation knüpfte, machte er sich zu einer Art Kreatur des magischen Realismus. Er war die Erlösung, die Klimax, der letzte Text, der von anderen Texten prophezeit worden war, die Heilige Schrift der venezolanischen Geschichte." Weitere lange Porträts über den Populisten aus Atlantic, New Yorker und New York Review of Books unter diesem Link.

Slate bringt noch einmal einen Text von Christopher Hitchens, der von seiner Reise mit Sean Penn und Douglas Brinkley zu Hugo Chávez erzählt: "The boss loves to talk and has clocked up speeches of Castro-like length. Bolívar is the theme of which he never tires. His early uniformed movement of mutineers - which failed to bring off a military coup in 1992 - was named for Bolívar. Turning belatedly but successfully to electoral politics, he called his followers the Bolivarian Movement. Since he became president, the country's official name has been the Bolivarian Republic of Venezuela. At Cabinet meetings, he has been known to leave an empty chair, in case the shade of Bolívar might choose to attend the otherwise rather Chávez-dominated proceedings."

Christian Esch porträtiert in der Berliner Zeitung (und der von ihr belieferten FR, die aber der FAZ gehört) den aserbaidschanische Autor Akram Aylisli, der mit seinem jüngsten Roman von einem geachteten Schriftsteller zu einer Hassfigur wurde: "Aylisli hat ein Tabu verletzt, und dieses Tabu betrifft das angespannte Verhältnis zum Nachbarland Armenien. Seit die Sowjetunion zerfallen ist, befinden sich die beiden Staaten im Kriegszustand; bis heute hält Armenien einen beträchtlichen Teil aserbaidschanischen Territoriums besetzt. Der Zerfall der Sowjetunion verlief hier besonders blutig, und Aylisli beleuchtet in seinem Text die Gewalt, die von Aserbaidschanern Armeniern angetan wurde."

Die Tageszeitung, 06.03.2013

Jochen Schimmang widmet sich in seiner ausführlichen Besprechung Helmuth Lethens "Suche nach dem Handorakel": "'Nicht nur 1963', schreibt Lethen, 'auch in den folgenden Jahrzehnten neigte ich dazu, alle schwierigen Texte auf praktische Verhaltensregeln zu reduzieren, um unseren Bewegungsspielraum zu erweitern.' Mag das naiv sein, ist es doch auch verständlich. Hat sich da etwas geändert? Vielleicht. Mir hat einmal ein befeindeter Redakteur gesagt, als wir noch nicht verfeindet waren: 'Die Achtundsechziger mag ich überhaupt nicht, aber eins muss man ihnen lassen: Die haben noch gelesen.'"

Weiteres: Silke Burmester bemerkt in ihrer Medienkolumne erleichtert, dass der Stern die Sache mit den Frauen doch lieber nicht so ernst nehmen will. Besprochen werden eine Ausstellung der Berliner Künstlerin Katharina Grosse im De Pont Museum in Tilburg sowie das Album "Aber klar doch" der Hamburger Sängerin Katriana.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 06.03.2013

Aldo Keel stellt Vermutungen an, ob in Norwegen und Island der mittelalterliche Brauch der Hohnstangen wiederbelebt wird, da in vier norwegischen Ortschaften aufgespießte Schafsköpfe entdeckt wurden. Sie sollen den Feind mithilfe magischer Kräfte ins Unglück stürzen: "Epochen und Zeitalter prallen in Island immer wieder kraftvoll aufeinander."

Weiteres: Urs Steiner feiert das 20-jährige Bestehen des Fotomuseums Winterthur und seine 170 Jahre umfassende Sammlung an Architekturfotografie, die ihm schön vor Augen führte: "Wenn Architektur sich ballt, entsteht Stadt". Thomas Maissen meldet den Abschluss der Enzyklopädie der Neuzeit, deren sechzehn Bände nun vollständig vorliegen. Peter Hagmann berichtet von der Salzburg-Biennale und dem Musikpreis Salzburg 2013. Joachim Güntner kommentiert den "Lagebericht zum Zustand der deutschen Sprache" der zu positiven Schlüssen kommt. Besprochen werden Kinderbücher.

Die Welt, 06.03.2013

Vive la difference, ruftTilman Krause, der den Drang vieler Schwuler nach Ehe, Kindern, Bürgerlichkeit nicht verstehen kann. "Im Grunde brauchen die Schwulen Homo-Ehe und Adoptionsrecht gar nicht. Aber was die Gesellschaft insgesamt ganz sicher braucht, das sind Alternativen zur allgemeinen Nivellierung. Die Parole 'Stramm, stramm stramm, alle über einen Kamm', wie Wilhelm Raabe einst den Konformitätsdruck nach der Reichseinigung von 1871 auf den Begriff brachte, diese Parole sollten wir doch eigentlich hinter uns gelassen haben."

Weitere Artikel: Der chilenische Regisseur Pablo Larraín und Schauspieler Gael García Bernal sprechen im Interview über ihren Film "No!", der das Referendum zum Thema hat, bei dem Pinochet 1988 abgewählt wurde. Julia Smirnova sieht wenig erfreuliches in den Fotos, die der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow auf Instagram postet. Bundespräsident Gauck kann's nicht mit den Frauen, stellt Alan Posener fest. Ulf Poschardt schwärmt vom neuen Lamborghini. Michael Pilz berichtet über einen Rechtsstreit in den USA um die Frage: Fallen für Downloads Lizenzgebühren bis zu 50 Prozent an (das wünschen die Künstler) oder werden sie als Verkauf gewertet mit 10 bis 20 Prozent Anteil für die Künstler (das wollen die Musikfirmen).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2013

Ulrich Holbein, der zum Anlass auch ein Buch geschrieben hat, schickt einen launigen Geburtstagsgruß zu 250 Jahren Jean Paul: "Man hat ihn liebevoll filettiert in hundertachtzig Aphorismen auf Tafeln des zweihundert Kilometer langen Jean-Paul-Wanderwegs, welch selbiger ganze Völkerwanderungen aus Jean-Paul-Verehrern sinnvoll aktiviert, beschäftigt und lecker verköstigt, ganz im Sinne des Oberfranken Jean Paul: 'Hier speist der Poet.' Der Goethe-Wanderweg bei Ilmenau hingegen ist bloß schlappe achtzehn Kilometer lang."

Kaum ist das #LSR verabschiedet, äußern sich selbst in der FAZ Gegenstimmen: Henrik Bröckelmann, netzpolitischer Sprecher der Jungen Union, wiederholt zwar die falsche Behauptung, dass die Zeitungen ihre Inhalte gratis ins Netz stellen (in Wirklichkeit sind sie großenteils weggesperrt), aber immerhin erscheint es ihm "geradezu skurril, dass ausgerechnet eine schwarz-gelbe Bundesregierung dem Betteln nachgegeben hat. Gegen den Rat namhafter Rechtsgelehrter und Volkswirte, nahezu der gesamten Internetwirtschaft, des BDI und von Journalistenverbänden wurde ein völlig sinnfreies Gesetz verabschiedet. Daran ändern auch die mit heißer Nadel gestrickten Änderungen nichts."

Weitere Artikel: Emanuel Derman beteuert in seiner Kolumne, dass der menschliche Geist durch "Big Data" nicht außer Kraft gesetzt werde (im Aufmacher von Natur und Wissenschaft fragt Joachim Müller-Jung parallel, ob "'Big Data' zur Chiffre für den digitalen GAU" werde). Die ehemaligen Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hofmann und Hans-Erhard Haverkampf rufen nach einem Museum der Romantik. Der Historiker Ulrich Herbert erblickt in der von amerikanischen Historikern errechneten Zahl von 42.500 Lagern im Herrschaftsbereich der Nazis keine neue Erkenntnis über den Holocaust. Oliver Tolmein fordert eine Lobby für geistig Behinderte. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod von Jérôme Savary.

Besprochen werden Peter Morgans Stück "The Audience" mit Helen Mirren (mal wieder) in der Rolle der Queen, Sam Raimis "Fantastische Welt von Oz" und Bücher, darunter Saphia Azzedines Roman "Zorngebete".

Süddeutsche Zeitung, 06.03.2013

Joachim Käppner referiert die für die SZ "sehr unerfreulichen" Erkenntnisse einer neuen Biografie Knud von Harbous über Franz Josef Schöningh, Mitbegründer der SZ und Erfinder des Streiflichts, der sich als Zivilverwalter im galizischen Tarnopol deutlich aktiver an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligte als bislang angenommen. "Im Februar 1942 schreibt er: 'Heute hatte ich Freude. Da M. (Mogens von Harbou) mir die delikate Judenumsiedlung wohl im Vertrauen auf meine Fingerspitzen anvertraut hat, hab ich sie halt angepackt.' Das Ergebnis nennt er 'verblüffend: Ohne Grausamkeit, wenn auch mit Härte wird das Ziel erreicht.'"

Weitere Artikel: Mit diesen Occupy-Linken ist doch kein Staat zu machen, schimpft Slavoj Zizek im Interview über sein neues Buch "Das Jahr der gefährlichen Träume", weiß ansonsten aber auch nicht, was er will. Christine Dössel schreibt den Nachruf auf den Regisseur Jérôme Savary.

Besprochen werden eine Auffühung von "Peer Gynt" in Düsseldorf, eine Ausstellung über Louis Kahn im Vitra Design Museum in Weil am Rhein und Bücher, darunter David Gutersons Roman "Der Andere".



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