Heute in den Feuilletons: Eine Art Antibürger

Die "Taz" und die "Süddeutsche" widmen sich Klaus-Michael Bogdals Buch "Europa erfindet die Zigeuner". Im "Tagesspiegel" spricht die Linguistin Manana Tandaschwili über Frauen in Georgien. Und in der "NZZ" macht der Theologe Jan-Heiner Tück Vorschläge zur Schwächung des Papstes.

Die Tageszeitung, 13.03.2013

Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal bekommt heute Abend für sein Buch "Europa erfindet die Zigeuner" den Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Im Interview mit Christian Jakob erzählt er, wie Sinti und Roma zu einer Art Antibürger wurden: "Sie galten als Volk, das keine Heimatliebe kennt und den ihm anvertrauten Besitz vernachlässigt. Ihre Gleichgültigkeit führe auch dazu, dass sie sich keinem Staat verpflichtet fühlen. Eine frühe Quelle berichtet, dass Sinti auf einem 'herrenlosen' Stück Land einen ordentlichen Garten angelegt hatten. Nach ihrer Vertreibung nutzte ihn die Dorfbevölkerung nicht für die Landwirtschaft, sondern hütete ihn ängstlich als magischen Ort, auf dem man von den Sinti 'besprochene' Zauberkräuter finden könne."

Außerdem erscheint zur Leipziger Buchmesse heute die Literataz. Besprochen werden unter anderem Taiye Selasis Romane "Diese Dinge geschehen nicht einfach so", Peter Buwaldas Familiensaga "Bonita Avenue", Kevin C. Powers Irakkriegsepos "Die Sonne war der ganze Himmel" und ein neues Manifest von Michael Hardt und Antonio Negri "Demokratie!".

Der Tagesspiegel, 13.03.2013

Zur Leipziger Buchmesse bringt der Tagesspiegel interessante Sonderseiten.

In einem sehr interessanten Text porträtiert Insa Wilke die Frankfurter Linguistin Manana Tandaschwili, die mit "Techno der Jaguare" eine Anthologie georgischer Autorinnen herausgegeben hat: "Zur Situation in Georgien sagt sie: 'Die Männer verdienen kein Geld und die Frauen haben teilweise seit zehn Jahren ihre Kinder nicht gesehen, weil sie im Ausland arbeiten.' Die junge, städtische Frauengeneration sei selbstbewusster, aber eigentlich sei es wie in Deutschland: Alternative Lebensmodelle würden auch von Seiten der Frauen nicht entworfen... Es ist ein Tabu, in Georgien darüber zu reden, dass die Männer traumatisiert aus den Kriegen kamen, dass sie Drogenprobleme haben und ihre Familien nicht ernähren können. Die Frauen sprangen ein, als es ums Überleben ging."

Gregor Dotzauer widmet sich der aktuell um sich greifenden Kapitalismuskritik à la Frank Schirrmacher als Feuilletondisziplin ohne politische Konsequenz: "Die Angstlust, mit der man auf den Kapitalismus als die Generalmetapher für alle Zumutungen dieser Zeit starrt, hat indes auch die Hoffnung im Sinn, dass die Dinge nicht so schlimm kommen, wie sie kommen sollen: dass Europa also nur an den Rändern bröckelt oder der Klimawandel glimpflich verläuft. Dieser psychohygienischen Funktion kommt jede kapitalismuskritische Farbe recht, und auch wenn aus ihr noch kein politisches Handeln erwächst."

Außerdem unterhält sich Gerrit Bartels mit Klaus-Michael Bogdal über die Lage der Sinti und Roma. Und Jörg Magenau liest Christa Wolfs "Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert".

Aus den Blogs, 13.03.2013

Bookslut und Sauerbraten-Fan Jessa Crispin hat sich mit Pulitzerpreisträgerin Anne Applebaum und der Journalistin Danielle Crittenden unterhalten, die gerade ein Kochbuch mit traditionellen deftigen polnischen Gerichten veröffentlicht haben. Alles erstklassige Rezepte, wenn man frische Zutaten benutzt, lernen wird. Sogar einige Haute-Cuisine-Rezepte sind darunter, versichert Danielle: "Wir haben zwei Suppen aus wilden Pilzen, die eine nennen wir 'Boozier' mit einem Schuss Madeira und einem Klacks Creme fraiche. Und natürlich gibt es abgewandelte Kohlrouladen, die leicht und köstlich sind. Viele dieser Gerichte können als Haute Cuisine bezeichnet werden, aber außerhalb Polens sind sie oft unbekannt. Ich habe bei Dinnerparties unser Rinderfilet mit wilden Pilzen und eingelegten Gurken serviert - eine sehr schmackhafte, exotische Variation von einem sonst of langweiligen und teuren Fleischstück. Oder Hirschragout mit Datteln..."

Die Pret-a-Porter-Schauen für den nächsten Winter sind zwar schon vorbei, aber bei dezeen haben wir die Stricksachen von Sibling für Männer entdeckt, die wir ihnen nicht vorenthalten wollen. Genau, wonach man sich jetzt sehnt. Gibt's auch für Frauen. Darauf einen Slibowitz!

Weitere Medien, 13.03.2013

Im Aufmacher des FR-Feuilletons denkt der Autor Artur Becker über Utopien nach, die den Kapitalismus am Ende vielleicht doch noch obsolet machen. Dafür sei "Mut zum unkonventionellen und systemunabhängigen Denken .., das sich dem Rationalen und Erprobten entgegensetzt und somit Raum für einen Neubeginn schafft", vonnöten.

Anna Wintour, die legendäre Chefredakeurin der amerikanischen Vogue, steht zwar stets im Zentrum boshafter Gerüchte. Aber die neueste Meldung in der New York Times besagt nicht etwa, dass sie die Vogue verlässt - sondern dass sie neben ihrem bisherigen Job bei Condé Nast aufsteigt und Funktionen des greisen Herausgebers Si Newhouse übernimmt.

Neue Zürcher Zeitung, 13.03.2013

Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück plädiert für eine Abkehr vom vatikanischen Zentralismus und für eine Stärkung der Bischöfe: "In Europa und Nordamerika wird viel über die Modernisierung der Kirche gestritten. Anhaltende Diskussionen über die kirchliche Sexualmoral, die Zulassungsbedingungen für das kirchliche Amt, den Umgang mit Wiederverheirateten binden Kräfte, die für eine wirksame Glaubenserneuerung nötig wären. In der südlichen Hemisphäre interessiert man sich herzlich wenig dafür. Die Bekämpfung von Armut und Korruption, die Auseinandersetzung mit dem Islam und pfingstlerischen Formen des Christentums sind dort wichtiger. Um dieser Vielfalt an Herausforderungen gerecht zu werden, bedarf die Leitung der Universalkirche struktureller Reformen."

Weiteres: Andrea Köhler lässt sich in einer Ausstellung zu hundert Jahren "A la recherche du temps perdu" in der New Yorker Morgan Library vom Proust-Zauber ergreifen. Besprochen werden ein Ballettabend der Tanzcompagnie des Luzerner Theaters, Harro Zimmermanns Biografie des Restaurationspolitikers Friedrich Gentz, Christian Hallers Roman "Der seltsame Fremde" und Yasar Kemals Roman "Salih der Träumer".

Die Welt, 13.03.2013

Stefan Musil resümiert neue Veröffentlichungen zur Nazivergangenheit der Wiener Philharmoniker. Manuel Brug beobachtet das Intendantenkegeln in Salzburg. Marc Reichwein findet zwar einige der in "Cypherpunks", dem neuen Buch von Julian Assange, angesprochenen Themen durchaus relevant, aber er kann den Mann trotzdem nicht ausstehen. Alan Posener versteht nicht, warum niedersächsischen Schüler nicht von der Industrie lernen dürfen sollen, von Bio-Agro-Industriellen aber schon. Claus Lochbihler gratuliert dem 80. Geburtstag dem Songwriter Mike Stoller zum Achtzigsten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2013

Im Leitartikel auf Seite 1 macht sich Andreas Platthaus den Slogan einer Image-Kampagne der deutschen Buchbranche zu eigen: "Vorsicht Buch!" Als Hauptfeind ist jetzt Amazon ausgemacht. Und so "könnte könnte der Moment nicht besser gewählt sein für die Kampagne der Buchbranche. Die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind ins Gerede gekommen, und das Lesepublikum bildet sich viel auf seine ethischen Standards ein." Siehe dazu auch Rüdiger Wischenbarts neuesten Virtualienmarkt im Perlentaucher.

Aufmacher des Feuilletons ist ein Auszug aus dem Buch "Risiko - Wie man die richtigen Entscheidungen trifft" des Bildungsforschers Gerd Gigerenzer, der uns nunmehr in mehreren Folgen darüber aufklären wird, wie man Statistiken richtig liest. Dirk Schümer wirft einen Blick auf die beiden Vakanzen in Rom. Im Rahmen der FAZ-Kampagne für ein Romantikmuseum in Frankfurt porträtiert Swantje Karich auf einer ganzen Seite den Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann, der sich noch gegen diese Laune der FAZ zu stemmen scheint (während Petra Roth stets eilig herbeieilte, wenn das FAZ-Feuilleton rief, erinnern wir uns an die Spiralblock-Affäre, mehr hier und hier!) Auf der "Serien"-Seite werden zwei neue Serien vorgestellt - Hannibal Lecter, sozusagen in Portionen, und die Serie "Nurse Jackie". Gina Thomas erzählt eine saftige Skandalgeschichte aus der Londoner Politikprominenz, durch die sowohl der Politiker Chris Huhne, als auch seine Ex-Gattin, die sich an ihm rächen wollte, im Gefängnis landeten (die Sun hat das hübsch aufbereitet). Auf der Medienseite erzählt Jan Ludwig, dass ein Foto eines toten Kindes, das als Ikone des palästinensischen Märtyrertums in den Medien zirkulierte, falsche Zusammenhänge suggerierte: Das Kind ist laut CNN (mehr hier) wohl durch Friendly Fire der Palästinenser ums Leben gekommen, wenn man die von Gaza abgeschossenen Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung, von denen zehn Prozent bei den Palästinensern hochgehen, so nennen kann. Unter anderem hatte die Washington Post das Foto groß präsentiert.

Besprochen werden Roberto Moreiras Film "Paulista" und Bücher, darunter Fritz Rudolf Fries' Roman "Last Exit to El Paso".

Süddeutsche Zeitung, 13.03.2013

Kia Vahland unterzieht Michelangelos "Jüngstes Gericht" einer genaueren Betrachtung, bestimmt doch derzeit das Konklave vor dieser bildmächtigen Kulisse in der Sixtinischen Kapelle Josef Ratzingers Nachfolge. Im räumlichen Arrangement macht Vahland eine deutliche Warnung des Künstlers aus: "Steht der Wähler (...) direkt vor dem Altar mit der Urne, dann sieht er weder seinen Herrn noch Mutter Kirche. Er blickt stattdessen in eine Grotte, bewacht von zwei düsteren Gestalten. Die eine trägt Krallenfuß, Hörner und eine dunkle Hautfarbe. Ansonsten aber ist dieser Dämon auch nur ein Mensch ... Das Böse ist nicht das Andere, Fremde. Die Hölle ist uns nah, und noch ein bisschen näher ist sie heute jedem Kardinal, der seinen Stimmzettel abgibt. ... Die Kunst zeigt dem Klerus, wo seine Grenzen sind."

Weiteres: Jens Bisky würdigt Klaus-Michael Bogdans Studie zum Antiziganismus, für die der Literaturwissenschaftler in Leipzig ausgezeichnet wird. Reinhard J. Brembeck porträtiert den Pianist Jewgenji Kissin als Meister der Romantik, der aber mit den Wiener Klassikern seine Probleme hat. Rainer Gansera gratuliert dem Regisseur André Techiné zum 70. Geburtstag.

Auf der Medienseite wünscht sich Johannes Boie nicht nur einen Facebook-Button, der dem jeweiligen User alle Daten anzeigt, die das Unternehmen über ihn gesammelt hat, sondern auch das Recht, als User gespeicherte Daten löschen zu können.

Besprochen werden der neue Stallone-Film "Shootout - Keine Gnade", eine Ausstellung über Zettelkästen als "Maschinen der Phantasie" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, Iwan Wyrypajews Stück "Wespen stechen auch im November" am Schauspielhaus Chemnitz und neue Bildbände mit historischen Landkarten, darunter eines von Frank Jacobs, der solche auch in seinem Blog sammelt und kommentiert.

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