Heute in den Feuilletons: Sündenbock mit Hornbrille

Im "Freitag" widmet sich Agnes Szabo der Gleichschaltung der ungarischen Kulturszene. "Süddeutsche" und "FAZ" sind konsterniert darüber, dass Suhrkamp-Miteigner Barlach vor Gericht recht bekommen hat. Und die "taz" mahnt einen pfleglicheren Umgang mit dem Begriff Hipster an.

Die Tageszeitung, 21.03.2013

Enrico Ippolito denkt über den Hipster als "hauptberuflichen Sündenbock" nach: "Die Journalisten und Journalistinnen - auch dieser Zeitung - verwenden den Begriff inflationär, weil sie glauben, die Menschen dort draußen wüssten schon, was oder wer gemeint sei. Wissen sie aber nicht. Wie auch? Selbst die Schreibenden haben ja keine Ahnung. Mal ist der Hipster apolitisch, mal Aktivist, mal intellektuell, mal Stulle ... Seine Liebe zur Vergangenheit. Das Schwelgen in Reminiszenz - sowohl optisch als auch intellektuell. Das wird als Weltflucht gelesen, als Eskapismus. Der Hipster soll stellvertretend für eine junge Generation stehen, die nichts Neues mehr wagt."

Weitere Artikel: Tobias Schwarz schreibt zum 250. Geburtstag von Jean Paul und stellt Wiederauflagen und Neuerscheinung von und über ihn vor. Flankierend verweist Jörg Sundermeier auf ein von Wolfgang Hörner herausgegebenes Brevier, in dem Jean Pauls Lobpreisungen des Biers versammelt sind. Sundermeier kommentiert außerdem das gestrige Urteil des Landgerichts Frankfurt, wonach der Suhrkamp Verlag dazu verurteilt wurde, knapp 2,2 Millionen Euro an die Medienholding AG Winterthur zu zahlen. Thomas Venker berichtet über das absolut "durchkommerzialisierte" Festival South By Southwest in Austin, Texas.

Besprochen werden Harmony Korines Film "Spring Breakers", den Rezensent Diedrich Diederichsen so zusammenfasst: "Diese Techno-Spring-Break-Sauf- und Kiff-Gemeinde, so die These des Films, will sich nur noch selbst reinziehen", außerdem die DVD von Catherine Breillats Kostümfilm "Die letzte Mätresse" und Adam Greens "bitterböses" Duo-Album mit Sängerin Binki Shapiro.

Und Tom.

Der Freitag, 21.03.2013

Die Kulturjournalistin Agnes Szabó gewährt einen bestürzenden Einblick in die ungarische Kulturszene, die von Viktor Orbáns Regierung radikal bereinigt wurde: In den Theatern sitzen seine Lakaien, Filme werden nicht mehr produziert, Fernsehen und Radio sind gleichgeschaltet: "Die Fidesz-Politik zerstört alles, was nicht denkt wie sie. Tausende Fernsehjournalisten landeten auf der Straße, weil die Kultursendungen gestrichen wurden, die politischen Sendungen nur Parteitreue moderieren dürfen, und in den Nachrichten hört man Propaganda: Es gibt nur noch eine Wahrheit."

Außerdem: Magnus Klause liest eine neue Max-Brod-Werkausgabe des Wallstein Verlags. Und Klaus Ungerer verteidigt Katja Riemann: "Schauspielerinnen-Interviews gehen wie folgt: Kurz wird die Schauspielerin vielleicht noch über den Inhalt des Films gefragt - dann aber geht es los: ... Was fühlen Sie, wenn Sie am Herd stehen? Haben Sie ein Spezial-Kuchen-Rezept zur Konfliktbewältigung? Diese Fragen sind die Kurzfassung eines Interviews, das die FAS kürzlich mit Diane Kruger geführt hat, und sie stehen für ein Modell ... Die Schauspielerin ist das Komplementärbild zum deutschen Großschriftsteller: Wo der zum weisen Mann stilisiert wird, den man zu allen politischen und philosophischen Themen befragen kann (obwohl er vermutlich auch nur dieselben Zeitungen gelesen hat wie man selber) - ist sie die Tratschfreundin von nebenan. Genau dagegen hat Katja Riemann sich verwehrt."

Die Welt, 21.03.2013

Richard Herzinger begründet im Forum die Irrelevanz politisch konservativer Positionen aus dem Versagen dieser Strömung in der Weimarer Zeit. Heute, so meint er, ist Konservatismus obsolet: "Zwar gibt es Wählerschichten, die sich angesichts einer im Liberalen weichgespülten Union übergangen fühlen. Doch eine Neugründung rechts der Mitte wäre kaum eine klassisch konservative, sondern eher eine traditionslos rechtspopulistische Partei. Die klassischen konservativen Denkmuster werden indes in die Sphäre der Kulturkritik abgedrängt." Und selbst diese Domäne wurde von der Linken erobert!

Im Feuilleton kommentiert Richard Kämmerlings die neueste Gerichtsentscheidung in der fortsetzungsreichen Causa Suhrkamp, wonach dem Miteigner Hans Barlach über zwei Millionen Euro aus dem Gewinn des Jahres 2010 ausgezahlt werden müssen, eine Entscheidung, die den Verlag schwächt, aber Barlach "fühlt sich nicht nur im Recht, er ist es".

Besprochen werden Filme, darunter Ulrich Seidls "Paradies: Glaube", Peter Eötvös' Oper "Drei Schwestern" in Zürich, die Ausstellung "Die ganze Wahrheit" im Jüdischen Museum Berlin und eine neue CD von Depeche Mode.

Neue Zürcher Zeitung, 21.03.2013

Aldo Keel bedauert den desolaten Zustand des Edvard Munch Museums in Oslo: "Die klimatischen Verhältnisse seien schlimm, besonders in den Wintermonaten, klagt Direktor Henrichsen im Radio. Das Dach leckt. 'Wasser und Feuchtigkeit dringen ein. Dann stehen wir mit unseren Besen bereit, um Wände und Decken zu trocknen, so dass das Wasser nicht in die Werke rinnt.'" Der Neubau, der zum 150. Geburtstag Munchs fertigt gestellt werden sollte, lässt wegen Standortfragen auf sich warten.

Besprochen werden die Ausstellung "Schönheit und Revolution" im Frankfurter Städel, Filme, darunter Harmony Korines Film "Spring Breakers" und Pablo Larraíns "No", ein Klavierkonzert von Piotr Anderszewski in der Zürcher Tonhalle, Romeo Castelluccis "Hyperion" an der Berliner Schaubühne (wobei Dirk Pilz die vielen Gewaltszenen "so überflüssig wie grobschlächtig" findet) und Bücher, darunter "In zierlichen Schlingen", ein Gedichtband zum hundertsten Geburtstag des walisischen Lyrikers R. S. Thomas.

Aus den Blogs, 21.03.2013

Die Zeit, in der Google in den Weiten des Netzes noch irgendwie mit Fortschritt assoziiert wurde, scheinen vorbei zu sein. Die Nachricht, dass Google einen Konkurrenten für den großartigen Dienst Evernote namens Keep lanciert, veranlasst Om Malik in Gigaom nur noch zu sarkastischen Kommentaren: "Google today launched Keep, an app that allows you to save things, clip stuff from the web, hoard notes and what not and put them all onto your Google Drive. Yup, you guessed it - it is an imitation to Evernote and many other such applications. It is a good thing that Google has decided to compete with the likes of Evernote - it validates their market. It might actually be good, or even better than Evernote. But I still won't use Keep. You know why? Google Reader."

(via Open Culture) In diesem Fernsehinterview erzählt eine unglaublich charmante Ingrid Bergman, wie sie die Rolle der Maria in "Für wen die Stunde schlägt" bekam.

Weitere Medien, 21.03.2013

Der Blogger Pusztaranger (der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will) erklärt im Gespräch mit Ivo Bozic in der Jungle World, die höchst ungute geschichtspolitische Gemengelage in Ungarn: "Was unter Horthy Recht war, wurde im Sozialismus zu Unrecht erklärt und tabuisiert; heute wird wiederum der Sozialismus zur Epoche des Unrechts und der Lüge erklärt, so dass die Epoche davor nostalgisch verklärt als eine Epoche nationaler Größe, als 'wahr' und 'gerecht' erscheint. Viele Leute denken, der Holocaust sei von den Deutschen verübt worden, die Ungarn hätten nichts damit zu tun gehabt, und wer ihn ständig thematisiere, tue dies aus finanziellen Interessen. Das Märchen von der 'jüdischen Weltverschwörung' ist heute in Ungarn beliebt wie nie."

Die Zeit, 21.03.2013

Im Wirtschaftsteil beziehen Götz Hamann (pro) und Rainer Esser (contra) Stellung zum Leistungsschutzrecht und kommen erwartungsgemäß auf keinen gemeinsamen Nenner: "Das Geschäftsmodell der Datenkraken aus Silicon Valley ist so profitabel, weil sie überhaupt keine Inhalte produzieren, sondern mit ihrer Software durch das Netz gehen und Inhalte von anderen auffindbar machen. Das ist eine wertvolle Dienstleistung, ja. Aber sie ist eben auch ungleich profitabler als das Erstellen und Verbreiten der Inhalte", schreibt Esser, während Hamann argumentiert: "Die Presse braucht Start-ups als Partner. Die Presse muss Neulinge dafür belohnen, dass sie Leser im Digitalen an lange Texte und guten Journalismus heranführen. Die Presse sollte von diesen Erfahrungen profitieren, sollte sie für sich nutzen. Stattdessen sind unglaublich viel Kraft, Energie und öffentliche Aufmerksamkeit in das Leistungsschutzrecht geflossen. Was für eine Verschwendung!"

Im Feuilleton porträtiert Maximilian Probst den 28jährigen weißrussischen Internetskeptiker Evgeny Morozov. Christoph Dieckmann schreibt den Nachruf auf Peter Ensikat, Martin Warnke auf Werner Hofmann und Peter Kümmel auf Rosemarie Fendel. Christine Lemke-Matwey spekuliert ausführlich über die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern. Thomas E. Schmidt berichtet amüsiert von einer Imagekampagne fürs Buch. Volker Weiss stellt die rechte Protestbewegung "Identitäten" vor. Thomas Groß gratuliert Hannes Wader zum Lebenswerk-Echo.

Besprochen werden die Münchner Brueghel-Ausstellung, "Glaube", der zweite Teil von Ulrich Seidls Paradies-Trilogie (der Marlene Streeruwitz "wüste Erkenntnisse aus einem kühl schönen Film" beschert), und Bücher, darunter Dietmar Daths Science-Fiction-Roman "Pulsarnacht".

In der Rubrik Geschichte würdigt Bundestagspräsident Norbert Lammert die Mainzer Republik von 1792/93 als "den mutigen ersten Versuch, in Deutschland die Demokratie zu wagen". Ludger Lütkehaus, von dem bereits gestern eine Rezension in der NZZ erschienen ist, gratuliert Karlheinz Deschner zur Vollendung seines Opus Magnum "Kriminalgeschichte des Christentums" und befindet: "Der Historiker wird hier fast zum Exorzisten". Im Reisen-Teil sucht Renate Just zum heutigen 250. Geburtstag von Jean Paul nach den Spuren des Dichters in dessen oberfränkischer Heimat.

Auf der "Glauben & Zweifeln"-Seite geht es natürlich um den neuen Papst: Evelyn Finger ist hingerissen von Franziskus' "Demut und Humor" und sieht in ihm einen "Gorbatschow der Kirche". Auch Hans Zollner, Vize-Rektor der Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom, begrüßt die Wahl des Papstes: "Es war, als ob ein Nebel über allem lag, und jetzt ist plötzlich Licht da, Hoffnung, Energie." Erheblich kritischere Töne finden sich auf den vorderen Seiten, wo Marian Blasberg und Karen Naundorf von der Debatte über die Rolle von Jorge Mario Bergoglio während der argentinischen Militärdiktatur berichten (hier der sehr informative Artikel aus der Frankfurter Sonntagszeitung zum selben Thema).

Süddeutsche Zeitung, 21.03.2013

Hans Barlach hat in der Causa Suhrkamp "nun endgültig Oberwasser", schreibt ein nach dem gestrigen Gerichtsurteil konsternierter Andreas Zielcke. Barlachs Absichten bleiben ihm ein Rätsel: "Was für eine Strategie verfolgt einer, der verlangt, dass der angeschlagene Verlag Rücklagen bildet, und zugleich auf möglichst hohen Gewinnauszahlungen besteht? Welche Absicht Barlach aber auch immer mit seinem kontradiktorischen Vorgehen hegt, im Ergebnis ist es für den Verlag destruktiv."

Walter Kappacher erinnert an den heute vor 250 Jahren geborenen Jean Paul, den großen Schiller/Goethe-Zeitgenossen, der indessen kaum noch gelesen wird: "Sein unerschöpflicher Gedankenreichtum, sein sprachlicher Reichtum: ein Überfluss - manchmal auch eine Manier, welcher der Leser kaum folgen kann. Manchmal verspottete er seine Sätze selber. Wahrscheinlich kam ihm, während er einen Satz begann, schon der nächste oder sogar übernächste in den Sinn; sein Prosafluss ist kein gerader, sondern einer voller abenteuerlicher Abwege." Auf Youtube erfahren wir von Michael Krüger, wie bedrückend schleppend sich die von ihm verlegte Jean-Paul-Gesamtausgabe absetzt.

Außerdem: Til Briegleb besucht die neueröffnete IBA Hamburg, die noch zu knapp zwei Dritteln aus Baustellen besteht. Alle jubeln sich das neue Album von Justin Timberlake zurecht (etwa hier, hier und hier), obwohl es eigentlich keiner wirklich herausragend findet, meint Jens-Christian Rabe, der seine Begeisterung auch eher im Zaum hält: "Alles plätschert etwas allzu solide dahin".

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten der Foto- und Videokünstlerin Gillian Wearing im Museum Brandhorst in München, Romeo Castelluccis "Hyperion" an der Schaubühne Berlin und neue Kinofilme, darunter Ulrich Seidls "Paradies: Glaube".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2013

Kurz bevor es durch ist, veranstaltet die FAZ jetzt plötzlich eine Pro- und Contra-Diskussion zum Thema Leistungsschutzrecht, über dessen endgültiges Schicksal morgen der Bundesrat entscheidet. Rolf Schwartmann, selbst Gutachter im Auftrag der Deutschen Zeitungsverleger, verteidigt das noch auf der Ziellinie maßgeblich eingeschränkte Gesetz und gibt Entwarnung: Faktisch sei fast niemand, bzw. lediglich automatisierte Newsaggregatoren wie Rivva und GoogleNews davon betroffen: "Insofern stellt sich nur bei dieser überschaubaren Anzahl von Diensten überhaupt die Frage der Textlänge."

Ralf Dewenter unterstreicht in seiner Contra-Position hingegen nochmals eindringlich die innovations- und markthemmenden Einwirkungen eines Leistungsschutzrechts, insbesondere was die Rechtssicherheit der vom Umfang her nicht festgelegten Text-Snippets betrifft: "Es ist damit zu rechnen, dass es zu einer massiven Abmahnwelle kommen wird ... Ein bisher gut funktionierender Bereich wird ohne Not einer Regelung unterworfen, die vor allem eines verursachen wird: erhebliche Kosten. Von einem Marktversagen kann im Fall des Leistungsschutzrechts nicht die Rede sein, viel eher jedoch von einem Staatsversagen."

"Was muss man über einen Mann denken, der jetzt Anstalten macht, mit seiner Rendite einen Verlag zumindest in seiner jetzigen Form zu zerstören", fragen sich im Feuilleton Sandra Kegel und Edo Reents nach den jüngsten Entwicklungen in der Causa Suhrkamp entsetzt, wonach der Verlag dem Minderheitengesellschafter Hans Barlach 2,2 Millionen Euro auszahlen muss und dieser überdies auch die Mediationsgespräche abgebrochen hat. "Dieser Mittwochmorgen könnte noch auf höchst ungute Art in die deutsche Geistesgeschichte eingehen. ... Es geht nun um die Existenz des Suhrkamp Verlags."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl atmet nach der Diagonale in Graz auf: Viele der überzeugenden neuen Filme stammen von jungen österreichischen Filmemachern, "die Österreich davor bewahren, zu einem Filmland ausschließlich älterer Meister zu werden". Jürgen Kaube würdigt den heute vor 250 Jahren geborenen Jean Paul als "Seelenzustandsschilderer, wie es keinen zweiten gibt".

Besprochen werden eine Ausstellung über ein Bauprojekt von Anne Lacaton, Frédéric Druot und Jean-Philippe Vassal im Deutschen Architekturzentrum in Berlin, Harmony Korines neuer Film "Spring Breakers" (Dietmar Dath wähnt sich als Zeuge der "Geburt des Avantgarde-Genres Nouvelle Schund"), der Dokumentarfilm "Unter Menschen", die große Roy-Lichtenstein-Retrospektive in London und Bücher, darunter Thomas Lehrs "Größenwahn passt in die kleinste Hütte".

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