Heute in den Feuilletons: "Fett, träge und unambitioniert"

In der "Zeit" würdigt Rowohlt-Verleger Alexander Fest aus Anlass von dessen 60. Geburtstag den Schriftsteller Georg Klein. In der "SZ" macht sich Gustav Seibt nach der Lektüre des "New Statesman" Gedanken über das schlechte Ansehen der Deutschen in Europa.

Die Tageszeitung, 27.03.2013

So wütend wie deutlich antwortet Detlev Claussen auf die Anwürfe des Sinologen Wolfgang Kubin gegen den chinesischen Autor und Dissidenten Liao Yiwu zu ziehen, der den Nobelpreis für Mo Yan kritisiert hatte. "Liao Yiwu ist seit 1990 in bösester Weise verfolgt worden. Wenn er die Glaubwürdigkeit von Mo infrage stellt, ist das kein kleinlicher Streit unter futterneidischen chinesischen Autoren, die sich mit einer Riposte von Chinaexperte Wolfgang Kubin relativieren lässt. Die Nobelpreisverleihung an Mo war ein schlimmer Affront für alle Chinesen, die nach dem Tian'anmen-Massaker um ihr Leben und ihre physische Integrität fürchten mussten. An dieser Bedrohung kann es keinen Zweifel geben. Wenn Wolfgang Kubin das Erlittene dummdreist infrage stellt, so kann dies nichts anderes als Empörung bei denen hervorrufen, die mit der chinesischen Unterdrückungspraxis Erfahrung haben."

In einem kurzen Anfall von Optimismus erkennt Felix Dachsel "die Schönheit der Medienkrise": "Journalisten können nicht anders, als ihren Beruf auszuüben, solange sie ihre Augen offen halten. Journalisten brauchen keine Aufträge, keine Chefredaktionen, keine Schreibtische, keine Durchwahl, keine Verlage, keine Weihnachtsfeiern..."

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen Max Regenberger in der Städtischen Galerie Wolfsburg und Christiane Rösingers Reiseerzählung "Berlin-Baku".

Und Tom.

Die Welt, 27.03.2013

Bodo Kirchhoff hat zu Ehren des neuen Papstes ein Dramolett geschrieben über eine Begegnung des neuen Franz mit dem alten. Es läuft ganz gut zwischen den beiden, trotz einiger heikler Momente:

"JORGE:
Tut mir leid, ich war nie in Haft.
FRANZ:
Dafür ein paar deiner Ordensbrüder damals in Argentinien. Du hast etwas verpasst - der Kerker lehrt uns, andere am Leben zu erhalten, sie bei Kälte, Dunkelheit und Hunger zu trösten. Einer der mir liebsten Freunde wäre ohne mich gestorben. Wir waren uns sehr nahe.
JORGE: schließt kurz die Augen
Wie nahe?"

Weitere Artikel: Ekki Kern berichtet über Experimente mit crossmedialem Erzählen im Fernsehen. Alan Posener strandet in der Vorhölle Wittenbergs: dem Bahnhof. Neues von der utopischen Front beim Literaturfestival am Monte Verità berichtet Holger Heimann. Tilman Krause wundert sich über die Gnadenlosigkeit, mit er in unserer ach so politisch korrekten Gesellschaft Abweichler wie Katja Riemann oder Til Schweiger verfolgt werden.

Besprochen werden Peter Steins Inszenierung von Eugène Labiches "Le prix Martin" in Paris, Benjamin Brittens Krönungsoper "Gloriana" unter Simone Young in Hamburg und die David-Bowie-Ausstellung im Victoria and Albert Museum in London.

Weitere Medien, 27.03.2013

Zornig äußert sich der Publizist Paul Lendvai im Interview mit dem Wiener Kurier über sein Heimatland Ungarn: "Die Regierung in Ungarn sieht Kritiker als Feinde. Wenn Medien dem Land einen Spiegel vorhalten, dann wird der Spiegel zertrümmert. Mich kann man aber nicht einschüchtern. Kritiker werden als Handlanger des internationalen Kapitals oder des Weltzionismus hingestellt." Auch der Standard hat Lendvai, dessen Erinnerungen gerade erschienen sind, kürzlich interviewt.

Aus den Blogs, 27.03.2013

Peter Mühlbauer berichtet in Telepolis über eine Studie zur neuen Rundfunkgebühr, die zu dem Ergebnis kommt, dass es sich dabei eigentlich um eine Steuer handele, die "gleichheitswidrig" sei, weil sie für jedermann gleich hoch ist, egal , was er verdient oder ob er die Angebote überhaupt nutzt: "Auch außerhalb der akademischen Welt wächst die Unzufriedenheit mit der seit 1. Januar geltenden Haushaltspauschale. Dies liegt unter anderem daran, dass sie der Öffentlichkeit als 'Ende der GEZ-Schnüffelei' verkauft wurde - während sich jetzt herausstellt, dass man für ihre Durchsetzung in einem verfassungsrechtlich noch deutlich problematischeren Ausmaß auf geschützte Daten zugreift." (mehr dazu bei Golem)

Wegen des Hitler-Vergleichs hat El Pais den Kommentar des Ökonomie-Professor Juan Torres López aus Sevilla von der Website genommen. Das Blog Uhupardo hat den Artikel ins Deutsche übersetzt: "Merkel hat, wie Hitler, dem Rest von Europa den Krieg erklärt, diesmal um sich den vitalen Wirtschaftsraum abzusichern. Sie bestraft uns, um ihre Konzerne und Banken zu schützen - und auch, um vor ihrer Wählerschaft das beschämende Modell zu verbergen, das dafür sorgte, dass der Armutsindex in ihrem Land so hoch ist wie seit 20 Jahren nicht mehr, dass 25 Prozent der deutschen Arbeitnehmer weniger als 9,15 Euro pro Stunde verdienen, oder dass die Hälfte der Bevölkerung, wie bereits erwähnt, über ein einziges miserables Prozent des nationalen Reichtums verfügt."

(via) Die Huffington Post hat Woody Allens Gesamtwerk auf sämtliche Stotterer abgescannt und in einem Supercut zusammengefasst. Resultat: Eine Dreiviertelstunde Video - und kein Satz gerade heraus!

Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2013

Marc Zitzmann macht einen Rundgang durch die Ausstellung über den Modeschöpfer Jean Paul Gaultier in der Kunsthalle Rotterdam, mäkelt hier ein bisschen und da, ist am Ende aber doch überwältigt: "Auf Milchglas-Podesten, die von unten beleuchtet sind, überwältigt einen hier eine Parade der Paradiesvögel: Nachfahrinnen der Romanows in Strickkleidern mit gründerzeitlich opulentem Häkel-Dekor, Operndiven mit falschen Leopardenfellen aus Glasperlen, Toreadore mit Fächer-Korsetten und Chiffon-Schlaghosen ... Wer diese Kreationen nicht gesehen hat, weiß nicht, welche Horizonte der Imagination, der sanften Verrücktheit, des regenbogenfarbenen Traums einem Mode öffnen kann!"

Besprochen werden außerdem die Ausstellung zu Maria Lassnig in der Neuen Galerie Graz, eine Schau über die schwedischen Malerin "Hilma af Klint" im Moderna Museet in Stockholm und Bücher, darunter Hubert Wolfs Klosterkrimi "Die Nonnen von Sant' Ambrogio", Richard Sennetts Studie "Zusammenarbeit" und Thomas Strässles Untersuchung zur "Gelassenheit".

Der Freitag, 27.03.2013

Michael Jäger sucht die Gemeinsamkeiten im Werk von Richard Wagner und Karl Marx und findet sie unter anderem bei Ludwig Feuerbach: "Der Künstler, schreibt Wagner, geht von der 'sinnlichen Welt' aus; er kann nicht 'aus dem Wesen des abstrakten Geistes' Kunst schaffen. Das aber mutet ihm das Christentum zu, als dessen Erben Wagner die Industrie auffasst. Abstraktion statt Sinnlichkeit, darauf läuft es beim 'Sklaven der Industrie' hinaus, da dessen Tätigkeit nur dem 'abstrakten Zweck der notdürftigen Erhaltung des Lebens' gilt, 'und so sehen wir mit Entsetzen in einer heutigen Baumwollenfabrik den Geist des Christentums ganz aufrichtig verkörpert'. Sinnlichkeit statt Abstraktion ist auch Marx' Kampfruf in seinen Jugendschriften."

Süddeutsche Zeitung, 27.03.2013

Gustav Seibt erfährt aus diesem im New Statesman veröffentlichten Aufsatz des Historikers Brendan Simms, warum es um Deutschlands Ansehen in Europa derzeit schlecht bestellt ist. Eine Erklärung: Auf die Briten wirkt die Europäische Union derzeit wie eine Reprise des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation "und neben ein paar guten Eigenschaften - Machtausgleich, Friedensstiftung - hat diese deutsche Geschichte seinem europäischen Nachfolger auch ein paar Schwächen mitgegeben, die Simms vormodern und überholt findet: vor allem den Hang zu endlosen Entscheidungsprozessen und zu pedantischem Festhalten an formaler Legalität."

Außerdem gleicht Alexander Menden unter Rückgriff auf große Namen der Literaturgeschichte das Bild ruralistischer Briten vom Landleben miteinander ab. Besprochen werden neue Jazzalben, eine Schau zu Meret Oppenheim im Sprengelmuseum Hannover, Thomas Vinterbergs neuer Film "Die Jagd", Christian Stückls Inszenierung von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Münchner Volkstheater, die Ausstellung "Die ganze Wahrheit" im Jüdischen Museum in Berlin und Bücher, darunter Kerstin Ekmans Roman "Schwindlerinnen".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2013

"Die Spieltheorie kann die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten", behauptet der israelische Spieltheoretiker Ariel Rubinstein in der Überschrift des Aufmachers, aber das tut er nur in der spieltheoretischen Annahme, dass durch die protzige Behauptung die Wahrscheinlichkeit der Lektüre seines Artikels steigt. Im Artikel selbst rät er davon ab, "Spieltheoretiker als Berater für strategische Fragen einzustellen". Das hält Frank Schirrmacher, dessen aktuelles Steckenpferd die Spieltheorie ist, in einem zweiten Artikel aber nicht davon ab, die Eurokrise im Lichte derselben zu betrachten.

Weitere Artikel: Jürg Altwegg erzählt, dass sich die französische Buchbranche mit großem rhetorischem Aufwand aber wenig Ideen gegen Amazon stellt. Die Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit bespricht eine nur auf englisch vorliegende Mishima-Biografie der Autoren Naoki Inose und Hiroaki Sato.

Besprochen werden eine Chagall-Ausstellung in Zürich, der Abschluss von Achim Freyers "Ring"-Inszenierung in Mannheim, die Verfilmung von Salman Rushdies "Mitternachtskindern" und Humperdincks "Hänsel und Gretel" an der Komischen Oper Berlin und der Staatsoper München. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's unter anderem um neue Gesualdo-Aufnahmen.

Die Zeit, 27.03.2013

In einem liebevollen Text erinnert sich Verleger Alexander Fest, wie er seinen Autor Georg Klein (der morgen 60 Jahre alt wird) kennen lernte und feststellte, dass "der jugendlich wirkende Mann mir gegenüber Mitte vierzig war und 'unentdeckt'. Erst später verstand ich, wie sehr diese Lebensgeschichte ihm auch entsprach. Schwer fassbare Erfahrung, die doch fast jeder macht: Das als Kränkung Erlebte kann uns in Schutz nehmen. Niederlagen können uns beistehen. Georg Klein, als Autor, war durch die Ablehnung der Verlage um das schöne Gift Jugend herumgekommen. Hochgefühl und Hochempfindsamkeit, geteilter Wahn, geteilte Begeisterung, geteiltes Herumhocken, Biografie jedweder Art, die dann verklärt und stilisiert wird und sich doch schnell verbraucht: Sein Erzählen war frei davon."

Autor Adolph Muschg bittet Hans Barlach in einem Offenen Brief, nicht den Suhrkamp Verlag zu zerstören. Für 13 Millionen würde Barlach vielleicht seinen Anteil verkaufen, glaubt Ijoma Mangold und blickt Richtung Hubert Burda, Thomas Ganske und Stefan von Holtzbrinck. (Aber was wäre an dem Verlag dann noch Suhrkamp, vor allem wenn Ulla Unseld-Berkewicz sich auf die Rolle der "mondänen Repräsentantin der Suhrkamp-Kultur" beschränken muss, wie Mangold vorschlägt.)

Weitere Artikel: Peter Kümmel empfiehlt im Aufmacher, Shitstorms im Internet gelassen zu nehmen. Werner Abelshauser von der Uni Bielefeld erklärt im Interview, warum die Südeuropäer mehr Vermögen haben als die Deutschen, aber nicht reicher sind: wegen unserer Rentenanwartschaften, die nie mitgezählt würden, außerdem drücken die Ossis den Mittelwert. Katharina Teutsch besichtigt den Nachlass Roberto Bolanos, der gerade in Barcelona ausgestellt wird. Der Fotograf Sebastiao Salgado spricht im Interview über seine Fotoerzählung "Genesis" (Bilder). Christine Lemke-Matwey und Wolfram Goertz tragen ihre "Zauberflöten"- und "Parsifal"-Besprechung im Kanon vor. Moritz von Uslar frühstückt mit Anne Will in den "Schwarzwaldstuben" in Berlin (Ein Ei. Keinen Käse, kein Bier, lahm.)

Besprochen werden neue Hollywood-Märchen wie "Hänsel und Gretl" (die jetzt schwer bewaffnete Hexenjäger sind!), die neue CD von Depeche Mode, die Santiago-Sierra-Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen sowie Bücher, darunter Bernd Roecks Band über "Gelehrte Künstler" der Renaissance.

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