Heute in den Feuilletons: Gottlose Amüsementsklappe

In der "Welt" fragt Wolf Biermann, warum Helmut Schmidt das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens rechtfertigt. Die "taz" versucht zu erklären, warum es so schwierig ist, netzpolitische Themen populär zu machen. Die "FAZ" geißelt die Öffnungspolitik der Berliner Theater am Karfreitag.

Die Welt, 28.03.2013

Wolf Biermann fragt sich in einem Brief an Liao Yiwu, der neulich in der Zeit als Geschichtsfälscher verunglimpft wurde, was einen SPD-Politiker und Zeit-Herausgeber wie Helmut Schmidt dazu treibt, das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens zu verteidigen. Biermann sieht die so verdienstvolle Generation um Helmut Schmidt immer noch in den Fesseln der bösen deutschen Geschichte, an der sie gerade noch einen Anteil hatte: "Ich sage das nicht von oben herab, denn ich kenne diesen Schmerz ja auch - allerdings aus meiner Perspektive des kommunistischen Renegaten. In meinem Rippenkäfig sitzt logischerweise ein kleiner Stalin seine lebenslängliche Strafe ab und tut mir weh. Und - so stelle ich es mir vor - sitzt wahrscheinlich ein verurteilter Hitler im Rippenkäfig des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers Schmidt."

Außerdem glossiert Iris Alanyali die jüngsten Grimme-Preise, die im Grunde nur noch an Produktionen von Nico Hofmann ergehen. Besprochen werden die Ausstellung "Graben für Germanien - Archäologie unterm Hakenkreuz" im Bremer Focke-Museum und Filme, darunter Thomas Vinterbergs Drama "Die Jagd" (mehr hier).

Nicht gerade freundlich urteilt Ulf Poschardt auf der Forumsseite über die Grünen: "Wie feist die Grünen geworden sind, fällt auch deshalb nicht auf, weil ihre Wähler, Unterstützermilieus und die sie wohlwollend begleitenden Medien einen ähnlichen Prozess der Selbstverklärung vollzogen haben."

Aus den Blogs, 28.03.2013

Zur fatalen Fernsehserie "Unsere Väter Unsere Mütter" hat das ZDF vor zwei Wochen eine Markus-Lanz-Talkshow veranstaltet, bei der einem das Grausen kommen konnte - vor allem über den Historiker Arnulf Baring, schreibt Floris Biskamp in Publikative.org. Biskamp hat sich die Mühe gemacht, die abgründigsten Momente dieser Sendung zu Protokollieren. Der Gipfel "kam als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: 'Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.' Sie 'kamen' wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. 'Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.' Und das nennt Baring die 'Ursache der Massenvernichtung'. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig."

Weitere Medien, 28.03.2013

Der Verkauf von Ebooks wächst in Europa rasant, meldet der buchreport - allerdings sehr ungleichmäßig: "In Europa .. entfallen zwei Drittel der Umsätze auf Großbritannien; Deutschland liegt bei knapp über 20 Prozent der EU-Erlöse, alle anderen Länder liegen im einstelligen Prozent-Bereich."

Ekelhaft. Nachdem der Burda-Verlag zusammen mit anderen Interessenvertretern mit Drohen und Betteln das Leistungsschutzrecht durchgesetzt hat, klärt das Flaggschiff des Burda-Verlags, Focus, gnadenlos objektiv über Google auf: "Die Suchmaschine ist ein Meister des Lobbyismus. Wissenschaftler und Netzaktivisten werden großzügig bei Laune gehalten. Und auch im Bundestag versucht der Konzern, Einfluss auf die Gesetze zu nehmen."

Neue Zürcher Zeitung, 28.03.2013

Als prägende Figur der Kunstgeschichte der Moderne und Postmoderne würdigt der Karlsruher Kunstwissenschaftler Beat Wyss den vor zwei Wochen verstorbenen Werner Hofmann, der Museen in Wien und Hamburg leitete und in Berkeley und Harvard lehrte: "Hofmann verband zwei Kunstgeschichten: die Wiener und die Hamburger Schule. Damit hielt er die idiosynkratische Spannung des Fachs aus: auf der einen Seite jene Nachlassverwalterin abendländisch-katholischen Reichserbes, auf der andern die 'heidnisch' antike Ikonologie, entwickelt in einer bürgerlich geprägten Hansestadt, deren jüdische Gründer: Warburg, Wind und Panofsky, ihre Lehre auch erst im Exil ausbauen konnten."

Weitere Artikel: Nach dem griechischen Kino blüht nun auch das portugiesische auf, stellt Josef Nagel mit Blick auf Regisseure wie Miguel Gomes und João Pedro Rodrigues fest und fragt sich: "Ist Kunst in Zeiten der Krise innovativer?" Ina Hartwig informiert über die Debatte um ein Romantikmuseum in Frankfurt. Besprochen werden Bücher, darunter Kenneth Slawenskis Biografie "Das verborgene Leben des J. D. Salinger".

Die Tageszeitung, 28.03.2013

Meike Laaf schreibt über die Selbstvorwürfe, die sich die deutsche Netzgemeinde angesichts der Verabschiedung von zwei Gesetzen macht, die sie eigentlich hätte verhindern wollen, es aber nicht gebacken bekam. Jetzt bloß nicht aufgeben! "Redet man von Netzpolitik, dann geht es immer um diese Wortungetüme, die jeden Smalltalk, jedes Interesse am Thema im Keim ersticken. Wohl auch weil es gesellschaftlich ähnlich akzeptiert ist, keine Ahnung von Netzpolitik oder überhaupt diesem Internet jenseits vom Facebooken zu haben, wie mit seiner Fünf in Mathe in der Schulzeit zu kokettieren. Es wäre zwar ziemlich simpel, aber auch ziemlich falsch, jede netzpolitische Opposition für wertlos zu erklären, weil sie nicht alles verhindern kann."

Weiteres: Dominik Kamalzadeh berichtet von der Grazer Diagonale und wirft einen Blick auf die Filmszene Österreichs, die in letzter Zeit ziemlich erfolgreich ist. Susann Messmer zeigt sich in einer Reportage zuversichtlich, dass sich trotz Künstlern, Galerien und schicken Läden das Milieu im Berliner Wedding "nicht so rasant umkrempeln lassen [wird] wie in den benachbarten östlichen Stadtteilen Mitte oder Prenzlauer Berg kurz nach der Wende".

Besprochen werden der Film "Die Jagd" von Thomas Vinterberg, der das Thema Missbrauch diesmal von der anderen Seite erzählt als in seinem Erfolg "Das Fest", Deepa Mehtas Verfilmung von Salman Rushdies Romanklassiker "Mitternachtskinder" ("braver magischer Realismus", bescheinigt Ekkehard Knörer), der Debütfilm "Jenseits der Mauern" des belgischen Regisseurs David Lambert (in dem Toby Ashraf eine "neue Sensibilität im Umgang mit schwulen Erfahrungen" ausmacht), ein Berliner Konzert der britischen Soulsängerin Jessie Ware und die Fotoreportage "A Harlem Family 1967" von Gordon Parks.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 28.03.2013

Die SZ druckt einem Essayband zum Werk Georg Kleins entnommene Auszüge aus einem Gespräch der Herausgeber mit dem Schriftsteller ab, der die Vorstellung, Vorstufen seiner Romane aufzubewahren entsetzt von sich weist und auch von einer Entwicklungslinie seines Werks möglichst nichts wissen will: "Falls es eine Entwicklung geben sollte, hoffe ich sehr, dass sie mir bis in die letzte geschriebene Zeile dunkel bleiben möge. Denn wäre es eine Progression in qualitativer Hinsicht, eine Art Besser-Werden, würde der spätere Text den früheren schmählich deklassieren. ... Noch kurioser kommt mir die Idee vor, ich wäre als eine Art göttlicher Chefingenieur für die Konstruktion und den Aufbau eines Werkapparats verantwortlich."

Außerdem: Thomas Steinfeld denkt beim Besuch einer großen Ausstellung in Ferrara über Michelangelo Antonioni unter anderem über die Antiquiertheit des Begriffs "Entfremdung" nach. Tobias Kniebe gratuliert Christopher Walken zum 70. Geburtstag. Das ist doch ein schöner Anlass, um einerseits auf diese Story im Guardian zu verweisen und andererseits, um sich wieder einmal Walken dancin' anzusehen.

Besprochen werden Thomas Heises Dokumentarfilm "Gegenwart" (den auch unser Kritiker Lukas Foerster von Herzen empfiehlt), Deepa Mehtas Rushdie-Verfilmung "Mitternachtskinder", eine große Ausstellung deutscher Kunst im Louvre, Dario Fos Stück "Bezahlt wird nicht!", für das man im Theater Oberhausen Eintritt zahlen muss, und Bernhard Kegels "Tiere in der Stadt".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2013

Kerstin Holm besucht Tschetschenien, wo sich ihr ein apathisch anmutendes Land darbietet, das von einem im Fernsehen so dauerpräsenten wie offenbar recht eigensinnigen Präsidenten geführt wird: "Er putzt schuldbewusste, offenbar korrupte Beamte herunter. Doch dann redet er auf einen Geschäftsmann ein, der einen Funktionär angezeigt hatte, weil der sein Gebäude abgerissen hat, bis der Geschädigte kapituliert und die Klage zurückzieht. Er liest per Instagram Bürgerklagen und fährt dann absichtlich mit seinem Jeep zu schnell, um den Verkehrspolizisten zu feuern, der ihn deswegen nicht anhielt."

Sehr fromm, das übrige Feuilleton der heutigen FAZ: Paul Ingendaay erklärt den Kult um das Madonnenbild der Basilika von Sevilla. Gerhard Stadelmaier tadelt die Theater dafür, dass sie am heiligen Karfreitag gottlos die "Amüsementsklappe" aufreißen. Jürgen Dollase geißelt passend zur Karwoche die Völlerei. Andreas Kilb begeht die wegen Baumaßnahmen zwischenzeitig neusortierte Dresdner Gemäldegalerie.

Besprochen werden John Logans in London aufgeführtes Stück "Peter and Alice", Thomas Vinterbergs neuer Film "Die Jagd", das schwule Drama "Jenseits der Mauern" und Bücher, darunter Lilly Bretts Roman "Lola Bensky".

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