Heute in den Feuilletons: Der Mantel der Maria

Die "NZZ" beklagt die frostigen Temperaturen in Europa, politisch gesehen. Die "FAZ" unterhält sich mit Joachim Sartorius über Zypern, und die "SZ" feiert den revolutionären Tizian: "Endlich darf ein Maler im Dreck wühlen".

Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2013

"Das Projekt ist noch nicht zu Ende", mahnt Martin Meyer zur Zuversicht in die Zukunft der EU, wobei seine Zustandsbestimmung wenig Anlass dazu bietet: "Visionslose Zeiten befördern ein Klima der Kontrolle, der Feindbilder und der regulatorischen Ansprüche. Gesellschaften wenden sich nach innen und suchen ihr Heil in der Verdichtung der Lebensregeln. Individuelle Freiheiten werden schleichend oder triumphierend kassiert, harmlose Handreichungen sollen mit Lizenzen aufgerüstet werden, immer neue Auflagen kanalisieren den 'Verkehr', bis der Homo Faber ermattet kapituliert."

Weiteres: In der Reihe "Schlaflos" erzählt Michael Krüger von seinem Nachbarn, der seine nächtlichen Gedanken in über tausend Notizbüchern festhielt. Jürgen Tietz meldet den Umbau des Museums Berggruen in Berlin. Ulf Meyer gratuliert dem Tessiner Architekten Mario Botta zum Siebzigsten, Ursula Seibold-Bultmann dem Architekten und Designer Henry van de Velde zum 150.

Ansonsten überwiegen religiöse Themen: Otto Kallscheuer fasst die Kernthesen des Buches "In God's Shadow" zusammen, in dem der amerikanische Philosoph Michael Walzer dem politischen Gehalt der hebräischen Bibel nachspürt. Samuel Vollenweider referiert die Rezeption des vor sieben Jahren aufgetauchten Judasevangeliums. Die Luzerner Kulturtheoretikerin Silvia Henke berichtet von einem dreijährigen Projekt über "Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen" an ihrer Hochschule. Besprochen werden Bücher, darunter Otto Zwierleins Untersuchung über "Petrus und Paulus in Jerusalem und Rom".

Die Tageszeitung, 30.03.2013

Micha Brumlik erinnert an den Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte vor 80 Jahren und wird sehr deutlich: "Der Boykott stellte eine Etappe auf dem Weg der Vernichtung der Juden bis in die Gaskammern von Birkenau und an die Erschießungsgräben der Ukraine dar. Dies ist - achtzig Jahre nach dem 1. April 1933 - der historische Hintergrund, vor dem der heute von verschiedenen Seiten erhobene Aufruf zu sehen ist, Waren, die nicht nur im Westjordanland, sondern auch in Israel hergestellt werden, zu boykottieren. Und vor eben diesem Hintergrund ist der Boykottappell moralisch und historisch nicht zu verantworten - auch wenn er mit dem Menschen- und dem Völkerrecht begründet wird."

Weiteres: Andreas Fanizadeh fragt sich, warum dem gerade erschienenen "Greatest Hits"-Buch mit Spex-Texten ausgerechnet Diedrich Diederichsens 1992 veröffentlichter (und hier auffindbarer) Aufsatz "The Kids Are Not Alright" fehlt (in der Jungle World hätte er die Antwort gefunden). Tim Caspar Boehme rechnet nach Hans Barlachs jüngsten "rechtlichen Einordnungen" bezüglich Peter Handkes und Rainald Goetz' Position im Suhrkamp Verlag "mit dem Schlimmsten". Johannes Himmelreich meldet Proteste von britischen Zeitungen und Bloggern gegen ein neues Presseaufsichtsgesetz. Ebba Durstewitz begibt sich auf die Suche nach den Spuren, die H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte "Die Musik des Erich Zann" in der Musik hinterlassen hat.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von "Das Duell" an der Berliner Volksbühne und Bücher, darunter Navid Kermanis gesammelte Reisereportagen.

Und Tom.

Die Welt, 30.03.2013

In der Literarischen Welt erzählt der Schriftsteller Michael Kleeberg die Geschichte des geschundenen Esels. Marko Martin unterhält sich mit der Autorin Marie Darrieussecq über ihren neuen Roman "Prinzessinen". Besprochen werden unter anderem Daron Acemoglus und James A. Robinsons Untersuchung "Warum Nationen scheitern" und Annika Scheffels Roman "Bevor alles verschwindet".

In der Kultur hält uns Andreas Rosenfelder auf dem Laufenden, wer am liebsten wen und wie schnell aus dem Suhrkamp Verlag werfen würde. Iris Alanyali trifft Dieter Thomas Heck. Karl-Heinz Göttert informiert über die vergeblichen Bemühungen, Ostern ein festes Datum zu geben. Besprochen werden die Großausstellung "D'Allemagne" im Pariser Louvre und Frank Castorfs Inszenierung von Tschechows "Duell", die Reinhard Wengierek toll fand: "Ein wüst blubbernder, gar komischer und zugleich ein entsetzlich glasklarer Diskurs über Sinn und Wahnsinn."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2013

Joachim Sartorius, Generalsekretär des Goethe-Instituts und ehemaliger Diplomat in Zypern, spricht im Interview mit Hannah Lühmann über die Wut der griechischen und die Genugtuung der türkischen Bevölkerung Zyperns: "Die Türken-Zyprer wurde von der griechischen Mehrheit über viele Jahrzehnte drangsaliert. Die türkische Minderheit war auch ökonomisch immer schwächer. Und nach der Unabhängigkeit hatten die Insel-Türken große Schwierigkeiten, in höhere Positionen zu kommen. Ich kann mir vorstellen, dass da jetzt ein bisschen Schadenfreude herrscht: dass die Insel-Griechen, denen es so gut ging, plötzlich gewaltige Probleme haben."

Weiteres: Der Kunsthistoriker Martin Warnke erzählt die Geschichte des lange Zeit Rembrandt zugeschriebenen Gemäldes "Der Mann mit dem Goldhelm", das in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen ist. Andreas Rossmann hat "das größte Osterei des Landes" gefunden: Christos "Big Air Package" in Oberhausen, das "eine Katharsis des Blicks" herbeizuführen im Stande ist. Besprochen werden Frank Castorfs lose Bühnenadaption von Tschechows Kurzroman "Das Duell" (aus dem das überwiegend weibliche Ensemble laut Irene Bazinger "virtuos überdrehte, klug-raffinierte Theaterfunken zu schlagen" vermag), eine New Yorker Aufführung von Stockhausens "Oktophonie" ("auch Hollywood könnte die Action in pompösestem 3D nicht plastischer schildern", glaubt Jordan Mejias) und Bücher, darunter "Die halbe Sonne" von Aris Fioretos.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch das Gedicht "Meer- und Wandersagen" von Gottfried Benn vor:

"Meer- und Wandersagen -
unbewegter Raum,
keine Einzeldinge ragen
in den Südseetraum,
..."

Süddeutsche Zeitung, 30.03.2013

Im Feuilleton feiert Kia Vahland Tizians derzeit in Rom ausgestelltes Werk und insbesondere seine 1565 fertiggestellte "Verkündung" als Akt der Emanzipation: "Die Malerei verabschiedet sich hier endgültig vom Diktat des Kanons. Sie rebelliert gegen die Kontur, welche die Farbmassen bislang einhegen und zügeln sollte. Nun endlich darf ein Maler im Dreck wühlen, darf mit dem Finger über das Gemälde fahren, den Mantel der Maria mehr modellieren als glätten. Das Wort ist erst Licht, dann Materie geworden, und das soll man sehen und spüren."

Außerdem: Das Stuttgarter Staatsschauspiel bleibt auch bis auf weiteres wegen technischer Mängel geschlossen, ärgert sich Jürgen Berger. Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio ist "revolutionär und konservativ zugleich" und dürfte in Europa manchem schwer im Magen liegen, meint Matthias Drobinski. Till Briegleb gratuliert dem Architekt Mario Botta zum 70. Geburtstag,

Besprochen werden Castorfs Tschechow-Inszenierung "Duell" an der Berliner Volksbühne, eine "Zauberflöte" der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden, ein von Valery Gergiev dirigierter "Macbeth" an der Scala in Mailand und Bücher, darunter diverse über Italien.

In der SZ am Wochenende ärgert sich Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden im Gespräch mit Matthias Drobinski und Jan Heidtmann darüber, dass ARD und ZDF dieses Jahr erstmals die Gedenkfeiern im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag nicht übertragen haben: "Zur gleichen Zeit lief bei der ARD eine Kochsendung. Und im ZDF ein Beitrag darüber, dass bei Friedhofsgebühren abgezockt wird. Das empfinde ich als eine Schande. Keine Zeitung hat das aufgegriffen. Ich finde: auch keine Sternstunde für den hier so schweigsamen deutschen Journalismus."

Weiteres: Alex Rühle besucht Hospize und gibt bekannt: "Wer stirbt, ist weg für immer". Auf einer Doppelseite machen sich einige Autoren Gedanken über die künftige Robotisierung unseres Alltags. Helmut Martin-Jung etwa gibt Entwarnung, was viele Ängste vor Robotern betrifft, jedoch nicht ohne anzumerken: "Wie bei jeder neuen Technik werden viele Probleme erst offenkundig werden, wenn sie längst eingeführt ist."

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