Heute in den Feuilletons: "Sie steht scheu bei ihm am Mikrofon"

In der "FAZ" spricht William T. Vollmann über Schostakowitsch und "deutsche Ideen". Der Schauspieler und Musiker Lars Rudolph stellt in der "taz" fest, dass Kleist Rock ist, nicht Pop. Die "Welt" schildert das Damaskus-Erlebnis des Snoop Dog. Die "SZ" gerät in Rage über den Slogan "Kultur macht stark".

Aus den Blogs, 16.04.2013

Verlage wie Axel Springer haben das ehemalige Kleinanzeigengeschäft und die Inhalte längst entkoppelt, erläutert Marcel Weiß im Interview mit der Böll-Stiftung, das er auf seinem Blog Neunetz zusammenfasst: Wenn Verlage aber sagen, "Wir können mit diesem Anzeigenportal genauso gut oder viel mehr verdienen, warum sollen wir dann unsere Publikation, die keinen Gewinn abwirft, damit noch quersubventionieren?" Dann folgt darauf in Sachen Leistungsschutzrecht für Marcel Weiß: "Keine Gesetzgebung für diese sich bereits vom Journalismus wegbewegenden Institutionen, wenn das Ziel eine Stärkung des Journalismus sein soll. Ganz besonders dann nicht, wenn diese Gesetzgebung gleichzeitig die neu entstehenden Formen behindern würde."

(Via Hubertus Kohle) Die meisten deutschen Museen und Kulturinstitution haben grottige Webseiten aus den Urzeiten des Netzes. Nun aber entdecken sie die sozialen Medien, schreibt Sybille Greisinger auf blog.arthistoricum.net und gibt einen kleinen Überblick über aktuelle Aktivitäten, nicht ohne ein leicht skeptisch klingendes Resümee: "Die Institutionalisierung und damit die Professionalisierung im Bereich Social Media haben gerade erst begonnen. Es fehlt leider oftmals noch an Wissen, Möglichkeit und Mut, die zur Verfügung stehenden Social Media Instrumentarien und Techniken für die eigenen Bedürfnisse gezielt einzusetzen, umzumünzen und so auch gewinnbringend für den Kulturbereich weiterzuentwickeln."

Neue Zürcher Zeitung, 16.04.2013

Nicht in ganzer Linie einverstanden ist Roman Bucheli mit Ulrike Edschmids Erzählung von "Philip S., aber sehr beeindruckt von ihrer poetischen Wucht. Joachim Güntner findet die neuen Ansätze zu mehr Bürgerbeteiligung erfrischend pragmatisch und unutopisch.

Besprochen werden auch die große Ausstellung zu Pompeji und Herculaneum im British Museum in London, eine Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" in Basel, Alfred Kolleritschs Gedichtband "Es gibt den ungeheuren 'Anderen'" sowie neue Bände zur Baukunst der Westschweiz.

Die Tageszeitung, 16.04.2013

Der Schauspieler und Musiker Lars Rudolph hat mit seiner Band Mariahilf die Novelle "Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik" vertont. Kleist ist Rock, nicht Pop, meint er: "Es geht um den Übergang von der Religion auf das weltliche Leben. Es geht um Wahn. Es geht darum, was bewegt Menschen. Durch die Kraft der Musik wird eine Revolution niedergeschlagen. Durch eine Anrührung, durch etwas Höheres. Im 16. Jahrhundert hatte Musik ganz andere Kraft auf Leute, da gab es keine Massenmedien. Da wurde zu Hause Musik gemacht oder in der Kirche."

Weiteres: Sonja Vogel berichtet vom goEast-Festival in Wiesbaden, das sich in diesem Jahr besonders dem jugoslawischen Film zwischen 1963 und 1973 widmete. Julia Grosse meldet, dass der Titel "Ding Dong! The Witch is Dead" aus dem "Zauberer von Oz" derzeit auf Platz zwei der britischen Charts steht.

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung Ibsens "John Gabriel Borkmann" am Schauspiel Frankfurt und Wolfgang Ullrichs Band "Alles nur Konsum".

Und Tom.

Die Welt, 16.04.2013

Michael Pilz beobachtet die irgendwie folgerichtige Verwandlung von Rapper Snoop Dog in Rasta Snoop Lion: "Die innere Einkehr hält er auf CD und DVD fest. Zur Erleuchtung saugt er unablässig an armdicken Joints, sie machen auch die Stimme heiserer und den Gesang bedeutsamer. Als Rasta sind ihm schwulenfeindliche Bemerkungen gestattet. Seine Frau hat ihm zu dienen, sie steht scheu bei ihm am Mikrofon und singt."

Außerdem: Der Filmemacher Uwe Kräuter erzählt im Interview, warum er 1974 in China landete, wo er heute noch lebt. Manuel Brug berichtet von der Eröffnung des neuen Musiktheaters in Linz. Im Forum fragt sich Ulrich Claußen, ob Julian Assange mit seiner Warnung, das Internet werde ohne Gegenwehr vom Staat zur Totalkontrolle der Bürger missbraucht, vielleicht doch recht hat.

Süddeutsche Zeitung, 16.04.2013

Mit äußerstem Argwohn begegnet Thomas Steinfeld der Bundeskampagne "Kultur macht stark": Nicht nur zweifelt er an der kulturellen Beflissenheit der Verantwortlichen, ihm sträubt sich auch alles bei der implizierten Vorstellung, Kultur "sei substantiell eine Maßnahme zur Selbstoptimierung. ... Wobei sich das Beglückungsprogramm nicht nur mit der kleinen Drohung verbindet, der junge Mensch wolle doch wohl kein Schwächling sein, sondern auch mit dem verlogenen Versprechen, ein Schwacher, der auf Kultur setze, werde schon zum Seinigen kommen - ganz so, als wäre ein Immigrantenkind, das Blockflöte spielen lerne, schon auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben."

Weitere Artikel: Italien ist "erneut eine 'blockierte Demokratie'", konstatiert Lutz Klinkhammer vom Deutschen Historischen Institut in Rom in seinem Hintergrundartikel zum momentanen italienischen "Kandidatenkarussell", das eher Neuwahlen als eine Regierungsbildung in Aussicht stellt. Sonja Zekri porträtiert die 34-jährige Samah al-Schardari aus Jemen, die vor Ort - gegen den Druck von Islamisten - ein Kino aufbauen will. Wolfgang Schreiber trauert um den Dirigenten Sir Colin Davis.

Auf der Medienseite stellt Niklas Hofmann das bald startende, niederländische Onlinemagazin De Correspondent vor, das sich komplett über Leserbeiträge finanzieren will und damit in der Anlauffinanzierung schon 900.000 Euro Startkapital einsammeln konnte.

Besprochen werden die im Wiener Burgtheater aufgeführten Stücke "Liliom" und "Ahnfrau", René Polleschs Inszenierung von "Die Revolver der Überschüsse" in Stuttgart, ein Konzert des Pianisten Leif Ove Andsnes und Bücher, darunter William T. Vollmanns Roman "Europe Central", den der Perlentaucher bereits an dieser Stelle vorblätterte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2013

Nicht Schostakowitschs Sinfonien, sondern sein Streichquartett op. 110 brachte ihn auf die Idee zu seinem Roman "Europe Central", erzählt William T. Vollmann im Gespräch mit Andreas Kilb. "Ich las über die Umstände seiner Entstehung, und da dachte ich mir: Darüber muss ich schreiben. Ich will diesem Stück Musik übernatürliche Kraft verleihen, die Kraft, alle Figuren und Ereignisse in meinem Buch zu spiegeln." Gegen Ende des Gesprächs gerät Vollmann ein wenig ins Dampfplaudern und lobt " die deutsche Idee der 'Gemeinschaft'": "In den Vereinigten Staaten haben wir bestenfalls eine Gesellschaft, und mit der geht es inzwischen auch bergab. Ein paar der Dinge, die die Nazis den Menschen anzubieten vorgaben, waren ja nicht an und für sich schlecht. Die Kraft-durch-Freude-Bewegung, in der alle Jugendlichen gemeinsam arbeiten mussten, war eine großartige Idee." Heute findet Vollmann ein derart anheimelndes Gemeinschaftsgefühl nur noch im Islam.

Weitere Artikel: Für den Aufmacher las Jürg Altwegg neue Bücher Schweizer und französischer Schriftsteller zum Thema Sterbehilfe in der Schweiz, darunter Emmanuèle Bernheims Novelle "Tout s'est bien passé", Pierre Béguins Roman "Vous ne connaîtrez ni le jour ni l'heure" und Martin Wincklers Roman "En souvenir d'André". Oliver G. Hamm besucht das neue Musiktheater von Linz. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Dirigenten Colin Davies. Stephan Noller kommentiert Googles Angebot an die Europäische Kommission, deutlicher auf Angebote der Konkurrenz hinzuweisen. Auf der Medienseite empfiehlt Jan Wiele Raoul Pecks Dokumentation über die fehlgeschlagene Hilfe für Haiti heute Abend auf Arte.

Besprochen werden eine neu aufgeführte Choreografie Merce Cunninghams beim Düsseldorfer Projekt "b.15", eine Dramatisierung des "Felix Krull" in Zürich, eine Ausstellung des Manieristen Pontormo in Hannover, Grillparzers Stück "Ahnfrau" am Burgtheater, eine CD mit Orchesterwerken der vergessenen Komponisten Felix Blumenfeld und Georgij Catoire und Bücher, darunter eine Studie über den Begründer der Holocaustforschung Joseph Wulf.

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