Heute in den Feuilletons: Im Sand vergrabenes Filmmaterial

Die "taz" bringt ein Gespräch mit der Filmemacherin Miriam Faßbender, die zwei Afrikaner beim Versuch begleitete, nach Europa zu gelangen. In der "Zeit" erklärt Julian Assange, was das Internet ist. Und die "FAZ" schaut sich die Lieblingsfilme von Frieda Grafe an.

Die Welt, 25.04.2013

Thomas Schmid fragt sich auf der Forumsseite zum 30. Jahrestag der Schmach um Hitlers Tagebücher, was ausgerechnet ein angeblich so linksliberales Medium wie den Stern auf diese Spur gezogen hatte: "Als da Hitler auf einmal höchstselbst und oft genug sehr persönlich zu sprechen schien; als dadurch die Distanz, die Historiker zu ihm Buch für Buch aufgebaut hatten, plötzlich weg war; und als zudem anklang, Hitler sei mit der oder jener Untat nicht einverstanden gewesen, die in seinem Namen begangen wurde - da waren auf einmal Bedürfnisse angesprochen, die bisher in unteren Schubladen weggeschlossen waren."

Fürs Feuilleton erkundet Carl von Siemens den Lesesaal der jüngst renovierten Ex-Ostberliner Staatsbibliothek. Tilman Krause zitiert aus einem zur Versteigerung stehenden Brief Fontanes, der sich über die Berliner Luft beschwert.

Besprochen werden die "Dornröschen"-Choreografie Nacho Duatos in München (die Manuel Brug als plagiatorisch beschimpft), Steven Soderberghs Vermächtnis "Side Effects" und der Film "The Broken Circle" des belgischen Regisseurs Felix van Groeningen.

Der Freitag, 25.04.2013

Die amtlichen Feuilletons beschweigen die Debatte um Daniel Cohn-Bendit ja bisher recht beredt. Christian Füller greift sie auf. Der ehemalige Odenwald-Schüler Cohn-Bendit hatte 1975 über seine angeblichen sexuellen Erlebnisse mit Kindern geschrieben. Er zitiert einen Satz aus Cohn-Bendits programmatischen Buch "Der große Basar": "Eines der Probleme im Kindergarten war, dass die Liberalen die Existenz der Sexualität allenfalls anerkannten, während wir versucht haben, sie zu entwickeln und uns so zu verhalten, dass es den Kindern möglich war, ihre Sexualität zu verwirklichen." Und Füller schreibt dazu: "Es ist abwegig, solche Sätze als literarische Fiktion abtun zu wollen. Sie waren Programm, nicht Provokation."

Außerdem erkundet Michael Angele, "was uns die TV-Serie 'Homeland' über die Anschläge in den USA lehrt", und Stefan Heidenreich sieht anlässlich des "Gallery Weekend" in Berlin eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Kunstwelt heraufziehen.

Aus den Blogs, 25.04.2013

Wolfgang Tischer berichtet im Literaturcafé von einer CDU-Veranstaltung über die Zukunft des Buchs. Zwar begegnete ihm da auch die zu erwartende Manufactum-Prosa über die Haptik des Papierbuchs, aber immerhin: "Erstmals verkündete der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder und auch sein Stellvertreter Günter Krings deutlich, dass sich die CDU/CSU für den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent für E-Books und auch Hörbücher starkmachen werde."

Dieses umweltfreundliche Urinal des französischen Designstudios Faltazi hat seinen ganz eigenen Charme: Man kann ungezwungen beim Pinkeln miteinander sprechen. Und ganz nebenbei verwandelt es auch noch den Urin von - zum Beispiel - Festivalbesuchern in Kompost. Wie man es aufbaut, erklärt Dezeen.

Oh, und erinnert sich noch jemand an die Meldung über die zwei Männer aus den Emiraten, die von der Tugendpolizei aus Saudiarabien ausgewiesen wurden, weil sie zu hübsch seien? Jetzt kann man das überprüfen, Fotos sind da (links eine Probe), jubelt Jezebel. Die Leserkommentare sind nur bedingt jugendfrei.

Die Tageszeitung, 25.04.2013

Bert Rebhandl unterhält sich mit Miriam Faßbender über die Dreharbeiten zu ihrem Dokumentarfilm "Fremd", in dem sie zwei Afrikaner auf dem Weg nach Europa begleitet. Während des Drehs musste sie ihr Filmmaterial zum Schutz vor Polizei, Schleppern und Hitze schon mal im Sand vergraben. Aber: "Die lange Dauer der Dreharbeiten (über drei Jahre hinweg) hat enorm geholfen, Vertrauen zu bekommen. Ohne Mohamed wäre ich auch nie an diese Un-Orte an der algerisch-marokkanischen und der europäischen Grenze gekommen."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg spricht mit Organisator Cedric Aurelle über das Berliner Gallery Weekend, das morgen beginnt. Besprochen werden der im Safari-Park in Quebec gedrehte Dokumentarfilm "Bestiaire" des Kanadiers Denis Cote, in dem sich Tiere nicht um Bildausschnitte scheren und gern in die Kamera gucken, der Film "The Broken Circle" von Felix van Groeningen, dessen subkulturell-proletarisches Setting laut Christina Nord nur im Musikalischen überzeugt, und Claudia Schmids Dokumentation über den Bildhauer Richard Deacon "In Between".

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2013

Eine neue kunsthistorische Perspektive eröffnet die Aachener Pionierausstellung über Utrecht als Zentrum spätmittelalterlicher Bildhauerkunst, meldet Franz Zelger: "Selbst im Bewusstsein der Niederländer war die 'Utrechter Schule' des 16. Jahrhunderts bis heute nur ein vager Begriff. Durch das gegenwärtige Forschungs- und Ausstellungsunternehmen tritt sie zumindest partiell aus dem Schatten des alles überstrahlenden 'Goldenen Zeitalters' hervor. Es steht somit fest: Nicht erst die Caravaggisten setzten Utrecht ins Licht der Kunstwelt." Hier eine Statue des Franz von Assisi von ca. 1470.


Beim Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon beobachtet Geri Krebs die Tendenz zu "Filmen, in denen Regisseure, ganz von sich selber ausgehend, ihre eigene Befindlichkeit ins Zentrum stellen". Paul Andreas berichtet von der Internationalen Bauausstellung auf der Hamburger Elbinsel. Martin Zingg besucht die Genfer Schriftstellerin Catherine Safonoff. Marc Tribelhorn informiert über eine Berner Debatte über Schweizer Geschichtsschreibung.

Besprochen werden Costa-Gavras' Filmsatire "Le capital" und Bücher, darunter "Gräfin Elisa" von Günter de Bruyn.

Auf der politischen Seite kommentiert Joachim Güntner die Debatte um Daniel Cohn-Bendit: "Missbrauchsopfer, die wie Cohn-Bendit die Odenwaldschule besucht haben, werfen dem Politiker vor, sich für sie nie ernsthaft engagiert zu haben, als die dortigen Übergriffe von Lehrern auf Schüler ruchbar wurden."

Die Zeit, 25.04.2013

Im Feuilleton erklärt Julian Assange dem eher fürs Küssen zuständigen französischen Philosophen Alexandre Lacroix das Internet: "Die meisten Menschen begreifen das Internet als ein bloßes Kommunikationsmedium. Doch das ist viel zu simpel. In Wahrheit ist das Medium politisch nicht neutral. Wer das Internet nutzt, stimmt indirekt bestimmten Werten zu. Ein Internetnutzer erwartet beispielsweise freien Zugang zu allen Informationen, die ihn interessieren. Als transnationaler öffentlicher Raum umgeht das Internet die staatliche Kontrolle über die Verbreitung von Informationen. Hierin liegt seine einzigartige Sprengkraft."

Weitere Artikel: Der Stadtsoziologe Walter Siebel plädiert für Segregation als Mittel der Integrationspolitik: "Soziale Mischung im Stadtquartier führt zu Konflikten, die sich mit Segregation vermeiden lassen." Thomas Groß ist überrascht über die allgemeine Überraschung über Bushidos Verstrickung mit dem kriminellen Millieu. Jens Jessen antwortet auf Anita Blasbergs Polemik gegen die Macht der Babyboomer von letzter Woche: "Die Sache der Jungen muss von den Jungen selbst betrieben werden." Ursula März freut sich über die Rückkehr der Novelle. Christoph Dallach unterhält sich mit Rod Stewart über dessen neues Album "Time", Iris Radisch spricht mit Carla Bruni unter anderem über Feminismus. Jörg Lau meldet Steven Soderberghs Abschied vom Kino. Vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises skizziert Katja Nicodemus noch einmal einige "Schönheitsfehler des Verfahrens" und bekräftigt die Forderung: "Eine Reform muss her!"

Besprochen werden außerdem Jan Bosses Inszenierung von Verdis "Rigoletto" in Berlin (die sich nicht "für die Figuren und ihre Konflikte interessiert", wie Christine Lemke-Matwey verärgert feststellt), die Revue "Ritt in die Sonne", mit der sich das Ensemble des Hamburer Schauspielhauses von seiner Stadt verabschiedet, Denis Cotés Dokumentarfilm "Bestiaire" (den Thomas Assheuer "ebenso unscheinbar wie zauberhaft" findet) und Bücher, darunter Madeleine Albrights Autobiografie "Winter in Prag".

Auf Zeit Online spricht sich der Ökonom Justus Haucaup dagegen aus, die Pläne der Telekom zur Drosselung der Datenmenge durch Regulierung zu unterbinden. Stattdessen sollten die Wettbewerber werben mit: "Bei uns wird nicht gedrosselt."

"Macht Geld unmoralisch?", lautet das Thema der Woche mit zahlreichen Beiträgen (zeigt die Zeit nicht jede Woche, wie leicht Moral und Geld harmonieren können?). So fordert u.a. der Theologe Wolfgang Huber einen Ethikrat für die Wirtschaft: "Unternehmerisches Handeln ist für eine Gesellschaft notwendig und deswegen ethisch. Aber es muss immer eine Gemeinwohlorientierung haben, es kann niemals nur am Eigennutz und am Eigeninteresse orientiert sein. Fatal ist die Entkoppelung von Risiko und Haftung. Ein freiheitliches System zerstört sich selbst, wenn es die Leute zu verantwortungslosem Handeln einlädt."

Süddeutsche Zeitung, 25.04.2013

Nach einem Lagerhallenbrand in Leipzig (mehr), dem einige Millionen Bücher aus dem Backprogramm zahlreicher Verlage zum Opfer fielen, zeigt sich für Lothar Müller unter anderem auch, "wie eng im Buchgewerbe kalkuliert wird. Wenn einem kleinen Verlag eine Restauflage von 300 Stück verbrannt ist, kann er entweder mindestens 1000 Exemplare nachdrucken - oder gar nicht." Von dabei ganz anderen verbrannten Werten spricht Christopher Schmidt, der von dem geknickten Shakespeare-Übersetzer Frank Günther erfährt, dass dabei fast alle Backlisten-Bestände seiner großen Shakespeare-Gesamtausgabe vernichtet wurden.

Außerdem: Waren die Brüder Zarnajew Terroristen oder Wirrköpfe? Das lässt sich nicht immer voneinander trennen, meint Andreas Zielcke. Jens Bisky führt durch die neue Dauerausstellung des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, von dem er sich wünscht, wieder mehr erinnerungspolitische Debatten anzustoßen, etwa die nach einem Denkmal für sowjetische Kriegsgefangene. Der sich vom Kino zurückziehende Regisseur Steven Soderbergh erklärt Anke Sterneborg unter anderem, was er von Steven Spielberg gelernt hat. Die deutsche Filmindustrie protestiert gegen die Absicht der Öffentlich-Rechtlichen, sich weniger im Bereich der Kinofilmproduktion zu engagieren, berichtet Christopher Keil. Fritz Göttler empfiehlt eine Marguerite-Duras-Retrospektive im Filmmuseum München.

Nach dem Hack des Twitter-Accounts von AP (mehr) und der von dort millionenfach weiterverbreiteten Falschmeldung, das Weiße Haus werde angegriffen, sowie dem Boston-Newsdebakel von CNN (siehe dazu Jon Stewart) beklagt Johannes Boie auf der Medienseite den Niedergang der Medienkultur: "Die Grenze verläuft nicht zwischen den Millionen Nutzern auf Twitter und den Nachrichtenredaktionen, sie verläuft zwischen sauberer Recherche und Unsinn."

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, eine Gesamtschau der Fotografien von Harry Callahan im Hamburger Haus der Photographie und ein Bildband von Eberhard Klöppel über den Alltag in Berlin.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2013

Sehr dankbar ist Bert Rebhandl für eine Berliner Filmreihe, die eine Momentaufnahme von Frieda Grafes filmischen Vorlieben anhand einer kanonfreien Lieblingsfilmliste von 1995 rekonstruiert: Solche Listen "dienen idealerweise der Hebung von Schätzen. ... So hat die vorliegende, von einem Jubeldatum hervorgerufene, auch etwas Zufälliges. Und gerade darin liegt ihr eigentlicher Wert, denn dadurch kommen Dinge zum Vorschein, für die der Betrieb mit seinem Interesse an abgesicherten Positionen nicht immer Zeit hat. [Diese Reihe] ist, durch die Initiative jüngerer Bewunderer, ein spätes Geschenk der 2002 verstorbenen Frieda Grafe an eine Generation, die keinen selbstverständlichen Begriff von Filmgeschichte mehr hat."

Weitere Artikel: Wäre Ursula von der Leyen ein Ursus, würde man ihr Taktieren in der Frauenquoten-Debatte als Ausweis von Machtbewusstsein anerkennen, meint Jürgen Kaube. Morten Freidel schildert seine Erfahrungen am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo man ihm eine Kurzgeschichte über einen wiederbelebten, für Gesichtscreme werbenden Heinrich Kleist kaum durchgehen lassen wollte. Hannah Lühmann berichtet von einer Berliner Tagung zu Möglichkeiten und Grenzen der Öffentlichkeit im Internet. Alia Rayyan besucht die palästinensische Kunstszene. Arnold Bartetzky sorgt sich um die Zukunft des verfallenen Gästehauses des DDR-Ministerrats in Leipzig. Emanuel Derman porträtiert den doktorlosen Physiker Freeman Dyson. Jan Brachmann resümiert das Berliner Klavierfestival, wo ihm besonders Jewgeni Sudbin ("überragend ..., weil schlichtweg umwerfend") positiv auffiel. Besprochen werden der Dokumentarfilm "Jäger des Augenblicks" und Bücher, darunter Robert Schindels "Der Kalte".

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