Heute in den Feuilletons: "Vier SMS mit Computerbefehlen"

Die "SZ" spricht mit der kubanischen Bloggerin Yoani Sánchez, die sich an staatlichen Restriktionen vorbeitwittert. Es ist kein Zufall, dass sich Beate Zschäpe Verteidiger namens Stahl, Heer und Sturm gewählt hat, meint Georg M. Oswald in der "Welt". Und die "FAZ" staunt über einen vertikalen Wald.

Die Welt, 08.05.2013

Sollten die Verteidiger von Beate Zschäpe - Stahl, Heer und Sturm - ihr Mandat niederlegen? Ja, meint der Autor und Jurist Georg M. Oswald, denn indem sich Zschäpe drei Anwälte mit diesen Namen ausgesucht hat, habe sie sie bereits instrumentalisiert: "Hohn ist, wie angedeutet, ein Gestaltungsmittel rechtsradikaler Symbolik, die immer wieder sehr geschickt zum Einsatz gebracht wird. Der größte Hohn gegen Opfer wie gegen die Ermittler spricht aus den Taten des NSU selbst. Vor diesem Hintergrund verwundert es, wenn behauptet wird, es sei 'Zufall', die Verteidiger von Beate Zschäpe hießen so, wie sie heißen. Frau Zschäpe hat sie zusammengestellt. Bestimmt sind sie gute Strafverteidiger, doch davon gibt es viele, und wenn man merkt, dass man wegen seines Nachnamens instrumentalisiert wird, trifft man selbst die Entscheidung, ob man dies zulässt."

Weiteres: Jan Küveler gratuliert Pitigrilli zum 120sten. Besprochen werden Park Chan-wooks Thriller "Stoker", der Film "Star Trek Into Darkness", die Holocaust-Dokumentation "No Place on Earth" und die Autobiografie des iranischen Rappers Shahin Najafi, auf den die Mullahs ein Kopfgeld von 100.000 Euro ausgesetzt haben.

Neue Zürcher Zeitung, 08.05.2013

Der Schriftsteller Kurt Drawert ist nach Prag gereist, um Kafka zu lesen, und hat die Stadt als Text lesen gelernt: "Ob Dublin, Berlin oder Prag - die Metropolen wären andere in unserem Gedächtnis ohne die literarischen Topografien eines Joyce, Döblin oder Kafka. Der allerdings schreibt mit einem Stadtplan in der Hand, den man subkutan nennen kann, unterirdisch wie die Kanalisation. Denn es sind nicht die Straßen und Plätze, Gassen und Winkel, wie sie etwa Leopold Bloom an einem 16. Juni durchstreift, sondern die von Ängsten und bizarren Phantasmen durchzogenen Seelenlandschaften des Prager Bürgertums, dem die Stadt zwischen imperialer Größe und schleichendem Verfall zur Projektionsfläche wird. Kafka interessiert sich nicht für die Vorderseiten, Oberflächen, Fassaden; er interessiert sich nicht für die Wirklichkeit, wie sie ist, sondern wie sie erscheint."

Weiteres: Nur zum Teil plausibel findet Judith Leister Norman Fosters Umbau des nun wiederöffneten Lenbachhauses. Besprochen werden eine Ausstellung des einstigen Schweizer Malerstars Albert Anker in Schaffhausen, ein Konzert der New Yorker Philharmoniker unter Alan Gilbert mit Tschaikowskys Sechster, Jonathan Sperbers Marx-Biografie und Kinderbücher.

Weitere Medien, 08.05.2013

Kathrin Passig zählt in einem sehr lesenswerten Text für zeit.de die Vorteile des Ebooks auf: "Alle in der jüngeren Vergangenheit gelesenen Bücher trage ich immer mit mir herum und kann sie bei Bedarf durchsuchen. Das Anlegen digitaler Markierungen macht nicht ganz so viel Spaß wie das Bekleben der Seiten mit bunten Leuchtmarkerstreifen, erzeugt dafür aber eine für Weiterarbeit und späteres Zitieren sehr praktische Textdatei. Und da ich gern auf dem Handy lese, kann ich auch noch die winzigsten Wartezeiten mit Lektüre ausstopfen."

Ebenfalls auf zeit.de resümiert Kai Biermann die Rede Sascha Lobos auf der re:publica. Lobo war "ziemlich sauer und ziemlich frustriert", weil so wenig geklappt hat in letzter Zeit: Leistungsschutzrecht, Bestandsdatenauskunft, Vorratsdatenspeicherung, Funkzellenabfrage, Bundestrojaner, Aufhebung der Netzneutralität durch die Telekom - alles durchgegangen trotz der Proteste im Netz. "'Unser Teil der Verantwortung besteht darin, dass wir einen Fehler gemacht haben. Ich glaube, wir haben einfach verkannt, dass Netzpolitik zu allerallererst Politik ist und nur ein ganz bisschen Netz', sagte Lobo. Und forderte, nun Politik zu machen. Man dürfe sich den Regeln der Politik nicht länger verweigern, sagte Lobo und meinte Koalitionen. 'Wir müssen uns auf politische Art mit anderen verbünden. Wir müssen Gruppen finden, mit denen man sich verbünden kann', auch wenn es nur für eine begrenzte Zeit und bei einem begrenzten Thema sei, sagte er. Das sei unangenehm und bedeute, 'im Zweifel sogar mit Angela Merkel' zu kämpfen, aber es sei unvermeidlich." Die Rede kann man auch auf Youtube sehen.

Aus den Blogs, 08.05.2013

Der Herr der Monster, Ray Harryhausen ist tot! Auf YouTube finden wir ein Interview aus den 70ern mit dem Stopmotion-Meister und einigen schönen Ausschnitten seiner Klassiker.

Die Tageszeitung, 08.05.2013

Claudia Lenssen ist zwar keine Anhängerin der Flatness-These, aber die ihr gewidmeten Kurzfilmtage in Oberhausen haben doch einige Juwele im Programm gehabt, zum Beispiel Chris Markers "Stopover in Dubai": "2011, ein Jahr vor seinem Tod, kompilierte der Meister der politischen Blickanalyse eine Unzahl von Aufnahmen aus Überwachungskameras, die von Ermittlungsbehörden der arabischen Emirate gesammelt worden waren, um die Umstände des Mordes an dem Hamas-Führer Mahmoud al-Mahbouh 2010 in Dubai zu rekonstruieren. Marker erzählt allein durch die zeitliche Abfolge verpixelter Totalen aus der Airporthalle, diversen Hotellobbys, Einkaufszentren und Parkhäusern die Geschichte eines Mordkomplotts... Flache Bilder, aber von Flatness keine Spur."

Überfällig findet Sven von Reden die Retrospektive "The Real Eighties" im Österreichischen Filmmuseum, die die achtziger Jahre als die letzte Dekade betrachtet, "in der das Kino noch eins war, noch nicht geteilt in Arthouse und Mainstream, in Kulturanspruch und Kommerzrealität".

Besprochen werden J.J. Abrams neuer Star-Trek-Film "Into Darkness" und Michel Foucaults Vorlesungen "Über den Willen zum Wissen".

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2013

Der nach Richard David Precht beliebteste deutsche Denker Harald Welzer eröffnet eine Reihe mit "Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft". Die erste handelt von dem Schuhhersteller Heini Staudinger aus dem Waldviertel, der nachhaltig produziert, von 1.000 Euro im Monat lebt, mit dem Fahrrad durch Afrika fährt und seine Investitionen per Crowdfunding finanzieren will, was ihm die österreichische Bankenaufsicht aber verbieten will: "Inzwischen haben 10 000 Menschen eine Online-Petition für Staudinger unterzeichnet, alle österreichischen Medien berichten über den Fortgang dieses bizarren Falls. Nun sieht es aus, als würde der Fall Staudinger zum Katalysator für eine angestrebte Gesetzesnovelle, die wirtschaftliche Beteiligungsmodelle ohne den Einbezug von Banken legalisieren soll. "

Weitere Artikel: Beglückt schreitet Julia Voss durchs erweiterte Lenbachhaus (Blog) im schönen und heiteren München. Sandra Kegel erzählt, unter welch konspirativen Vorkehrungen der neue Thriller von Dan Brown in elf Sprachen übersetzt wurde. Dieter Bartetzko stellt neue Wohnbauten in Frankfurt-Sachsenhausen vor. Melanie Mühl staunt über den vertikalen Wald (s. Bild), den das Büro Boeri Studio in Mailand errichtet. Hanna Lühmann resümiert die re:publica, wo angesichts der Telekom-Machenschaften die Idee des Internets als Gemeingut beschworen wurde. (Eine gute Presseschau zur re:publica bietet heute das Altpapier.) Andreas Rossmann besuchte die Kurzfilmtage in Oberhausen. Auf der Medienseite unterhält sich Nina Rehfeld mit dem Serienerfinder Gideon Raff, dessen israelische Serie "Hatufim" ebenso wie die Serie "Homeland", die er ebenfalls ersann, von Kriegsgefangenschaft und Heimkehr handelt. Außerdem schreibt Karen Krüger über Verschwörungstheorien türkischer Staatsmedien zum NSU und dem deutschen Verfassungsschutz.

Besprochen werden der Film "Stoker" von Park Chan-wook, ein "Rheingold" in Leipzig, Heiner Müllers "Zement" im Münchner Residenztheater, Ereignisse der Wittener Tage für Kammermusik und des Ideas City Festival in New York und Bücher, darunter "Das lebendige Theorem" des Mathematikers Cédric Villani, der (populärwissenschaftlich unterhaltsam) erzählt, wie es zu seinem "Theorem der nicht-linearen Landau-Dämpfung" kam.

Süddeutsche Zeitung, 08.05.2013

Die Re:Publica ist mit abermaligem Besucherrekord und Referenten auch jenseits der digital natives in der Gesellschaft angekommen, schreibt Johannes Boie im Medienteil. Dennoch fühlt er sich vom Expertenjargon vieler Referenten und Gäste etwas auf den Platz verwiesen: "Noch immer konstruiert die Szene gerne ein Wir und ein Ihr. Die anderen, das sind konservative Politiker, Telekom-Vorstände, im Jargon der Konferenz-Besucher: Menschen, die sich E-Mails ausdrucken. Die Kritik ist oft wirklich humorvoll, aber sie hilft selten". Was in Kuba beim an den staatlichen Restriktionen Vorbeitwittern hilft, hat er von der kubanischen Bloggerin Yoani Sánchez erfahren: "Man versendet mehr oder weniger heimlich vier SMS mit Computerbefehlen an eine spezielle ausländische Telefonnummer." Genaueres in diesem Vortragsvideo aus einer Playlist mit gesammelten Aufzeichnungen:



Umweht von ganz viel ABBA-Nostalgie kehrt Thomas Steinfeld vom Besuch des gerade eröffneten ABBA-Museums in Stockholm nach Hause, wo er erstmal Tacheles reden und die schwedische Glitzerband vor alten Anfeindungen in Schutz nehmen muss: "Warum war Abba verwerflich, während Pink Floyd beinahe schon echte Kunst war? Weil 'Money' (1973), eines der erfolgreichsten Lieder von Pink Floyd mit einer beherrschenden Bassfigur von ergreifender Schlichtheit daherkommt, dem 7/4-Takt zum Trotz, während 'Money Money Money' (1976) von Abba deutlich komplizierter ist, sich darin ein zickiger Disco-Bass mit mehreren Zwischenspielen abwechselt und das Ganze am Ende noch einen halben Ton höher rutscht, des euphorisierenden Effektes wegen?"

Außerdem: Wolfgang Janisch besucht eine juristische Tagung zum Thema Religionsbeschimpfung. Außerdem empfehlen die Filmkritiker der SZ Dokumentarfilme vom heute beginnenden Münchner DOK.fest, darunter einige von Werner Herzog.

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, Park Chan-Wooks Film "Stoker" und Bücher, darunter Roberto Ampueros Roman "Der letzte Tango des Salvador Allende".

Die Zeit, 08.05.2013

Die Wahrheit muss auch wahr erzählt werden, meint die Autorin Marlene Streeruwitz in einem Text über Ulrich Seidls Film "Paradies: Hoffnung", in dem es um die Zurichtungen junger Mädchen in einem Diätcamp geht: "Die Kälte. Die leeren Leben. Die lächerlichen Alltagsmythen. Die verzweifelten Sehnsüchte. Das Schicksal dieser drei Frauen. Ihr Scheitern. Und zwar an sich selbst. Die Instanzen sind ja neoliberalerweise verschwunden. Das alles wird uns zentralperspektivisch mit fast immer fixer Kamera in streng stilisierten Bildern vorgeführt. Auktorial ist das. Immer Objektiv. Aber. Wird eine so erzählte Erzählung nicht immer schon durch den Erzählstil Bestandteil der hegemonialen Metaerzählung? Kann mit dieser objektiven und starren Kamera die Geschichte nicht mächtiger Personen erzählt werden?"

Weiteres: Wie jede Woche gibt es eine ganze Seite von, über oder mit Helmut Schmidt, diesmal besucht Hanno Rauterberg "den Kunstsammler". Preisfrage: Fängt der Artikel mit einer Zigarette an oder nicht? Große Hoffnung setzt der "posthumanistische" Philosoph Stefan Lorenz Sorgner auf Cyborg-Enhancement für die Entwicklung des Menschen: "Hirnimplantate könnten sich etwa nutzen lassen, um bei Bedarf eine neue Fremdsprache zu beherrschen." Jens Jessen knöpft sich die Steuerpläne der Grünen vor, die ihn an des Kaisers Flottenpolitik erinnert. "Angenehm unsouverän" für einen Malerfürsten fand Moritz von Uslar, dass sich Georg Baselitz bei einem Treffen noch immer über eine Kritik von 1979 ärgerte. Peter Kümmel feiert Luk Percevals Bühnenfassung der "Brüder Karamasow" als Stück über die Hoffnung und die Scham. Wolf Biermann lobt Hannes Steins Geschichtsfantasie "Der Komet" als "intelligenten Spaß".

Besprochen werden zudem der Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Günter Grass und Albert Cohens Roman "Die Schöne des Herrn".

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