Heute in den Feuilletons: "Mehr als nur genervte Folgsamkeit"

"Anfänge sind niemals rein", seufzt Micha Brumlik in der "taz" mit Blick auf Daniel Cohn-Bendit und Theodor Heuss. Die "Welt" könnte einstimmen - mit Blick auf den Militaristen Joseph Beuys. In der "SZ" rät Gustav Seibt, der Idee eines "Empire latin" ein europäisches Ideal entgegenzusetzen.

Die Tageszeitung, 14.05.2013

"Anfänge, zumal politische, sind niemals rein, unschuldig schon gar nicht. Gelegentlich macht sich ihr Geruch noch Jahre später bemerkbar", meint Micha Brumlik mit Blick auf den tugendhaften Theodor Heuss, der 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte, und in dessen Namen ein Preis an den tugendhaften Daniel Cohn-Bendit verliehen werden soll, der in den siebziger Jahren erotische Erfahrungen mit Kindern pries.

Besprochen werden eine CD des Berliner Quartetts Chuckamuck und Bücher, darunter Albrecht Koschorkes "Wahrheit und Erfindung".

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 14.05.2013

Martin Meyer mokiert sich leise über den Shitstorm, der einer Äußerung des Historikers Niall Ferguson folgte, wonach John Maynard Keynes sich nicht für die Zukunft interessierte, weil er homosexuell war und keine Kinder hatte (Ferguson entschuldigte sich für die Äußerung, aber das focht niemanden mehr an, mehr dazu hier). Roman Bucheli berichtet von den Solothurner Literaturtagen. Andrea Köhler annonciert den neuen Roman von Dan Brown. Auf der Medienseite erklärt Tobias Asmuth, welche Bedeutung soziale Medien inzwischen auch für deutsche Politiker haben.

Besprochen werden eine Retrospektive des britischen Künstlers Steve McQueen im Schaulager in Münchenstein bei Basel und Bücher, darunter Péter Esterházys Roman "Esti".

Weitere Medien, 14.05.2013

In Berlin tagte die "Kritische Islamkonferenz". In ihrer Abschlusserklärung heißt es: "Bei allen Unterschieden in den jeweiligen Zielvorstellungen weisen Islamisten und Muslimfeinde in ihren zugrundeliegenden Denkmustern große Gemeinsamkeiten auf: Beide halten zwanghaft an der 'Scholle' ihrer jeweiligen Tradition fest und verteidigen ihr angestammtes kulturelles Getto reflexartig gegen das vermeintlich Feindliche des 'Fremden' ('die Ungläubigen' hier - 'die Muslime' dort). Transkulturalisten hingegen akzeptieren, dass Kulturen einem steten Wandel unterliegen, weshalb es unsinnig wäre, Menschen auf eine bestimmte kulturelle Norm festzulegen, die sie nicht überschreiten dürften."

Die Welt, 14.05.2013

Sehr verdienstvoll nennt Hans-Joachim Müller Hans-Peter Riegels Biografie über Joseph Beuys, in der sich etwa herausstellt, dass der 1921 geborene "heilige Jupp" dem Militärischen begeistert zugetan war und sich zunächst bei den Hitler-Jungen engagierte, bevor er sich für zwölf Jahre zur Wehrmacht verpflichtete: "Tatsächlich hat sich Beuys nie kritisch über die Gewalterfahrung des deutschen Angriffskrieges geäußert, scheint noch in den siebziger Jahren die Kameradschaftstreffen seiner ehemaligen Einheit besucht zu haben. Ein zumindest befremdlicher Widerspruch zum Friedensangebot, das der nimmermüde Prediger der Menschheit mit seinen fett- und filzhaltigen Kunstzeichen machen wollte."

Weitere Artikel: Mara Delius berichtet über einen Filmabend der Kanzlerin, bei dem sich diese "Die Legende von Paul und Paula" vorführen ließ. Dankwart Guratzsch hält fest, dass deutsche Kulturgüter im Krieg im wesentlichen von deutschen Akteuren und nicht nach dem Krieg von George Clooney gerettet wurden. Ingo Petz unterhält sich mit dem russischen Rocksänger Juri Schewtschuk.

Besprochen werden eine von Sidi Larbi Cherkaoui und Marina Abramovic verantwortete "Bolero"-Choreografie in Paris und eine Ausstellung des malenden Goethe-Zeitgenossen Friedrich Bury in Weimar.

Auf der Forumsseite gratuliert Marko Martin dem Staat Israel zum 65.

Süddeutsche Zeitung, 14.05.2013

Giorgio Agamben hat kürzlich in Liberation einen Artikel des Philosophen Alexandre Kojève vorgestellt (hier eine deutsche Übersetzung), der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg für die Errichtung eines "lateinischen Reich" in Europa plädierte (hier eine englische Übersetzung). Agamben gefiel das so gut, dass er die Idee zur Verteidigung des mediterranen Raums gegen eine deutsche Hegemonie auch für die heutige Situation nützlich fand. Gustav Seibt hält das Projekt einer neo-mediterranen Machtkonzentration zwar für wenig erfolgversprechend, doch empfiehlt er einen genauen Blick auf die Debatte: "Man mag Kojèves Text (und Agambens antideutsch zuspitzenden Hinweis darauf) überspannt finden, aber sein Höhenflug zeigt, was Deutschland derzeit am meisten fehlt, um in Europa mehr zu erwecken als genervte Folgsamkeit: den Anteil eines werbenden Ideals, den Politik eben auch braucht."

Bereits vor einem Monat zeigte sich Hans Hütt auf Carta im übrigen entsetzt über die positiven und weitreichenden Resonanzen auf Agambens Vorstoß und seiner Grundlage.

Weitere Artikel: "Als intellektueller Bombenleger eignet Thomas Bernhard sich hervorragend als Motiv und temporärer Leitfigure für die neue Sprache der Kunsthalle", erklärt Nicolas Schafhausen, der neue Leiter der Kunsthalle Wien, Catrin Lorch anlässlich des Festivals "What would Thomas Bernhard do?". Florian Hass klärt über die propagandistischen Feldzüge von Serbiens nationalistischen Bischöfen auf. Holger Noltze, Professor für Medienjournalismus, antwortet auf Thomas Steinfelds Intervention gegen die "Kultur macht stark"-Kampagne der Bundesregierung (vgl. unsere Feuilletonrundschau). Tobias Kniebe erlebt im Berliner Kino filmkunst 66 einen entspannten Kinoabend mit dem von Angela Merkel präsentierten DDR-Klassiker "Die Legende von Paul und Paula". Alexander Menden berichtet von einer erfolgreichen Spendenaktion des Londoner Sigmund-Freud-Museums zur Restaurierung der berühmten Freud-Couch.

Besprochen werden Johann Kresniks Theaterabend "Villa Verdi" an der Berliner Volksbühne und Bücher, darunter Dawid Danilo Bartelts "Copacapana".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2013

Regina Mönch resümiert eine "Kritische Islamkonferenz" in Berlin, in der säkulare Muslime und Ex-Muslime wie Necla Kelek oder Hamed Abdel-Samad den Anspruch der Verbände, alle Muslime zu repräsentieren, in Frage stellten: "Statt sich weiter an dem schwammigen Begriff 'Integration' abzuarbeiten, will man über Emanzipation streiten, die muslimischen Kindern und vor allem Frauen verbaut wird, weil Kulturrelativismus und falsche Toleranz religiöse Bevormundung und Parallelgesellschaften zementieren."

Weitere Artikel: Andreas Kilb berichtet über einen von der FAZ veranstalteten Abend der Reihe "Mein Film", für den sich die Kanzlerin "Die Legende von Paul und Paula" gewünscht hat. Melanie Mühl gibt ihrer Sorge über die weiter steigende Unsicherheit Ausdruck. Hannah Lühmann hat den greisen Philosophen Edgar Morin getroffen, der gerade im Berliner Wissenschaftskolleg zu Gast ist und ein Buch über "sein Berlin" vorbereitet. Roman Grafe, Gründer einer Initiative gegen Sportwaffen, setzt sich für eine Verschärfung der Waffengesetze ein (hier eine längere Fassung seines Textes). Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld, dass der Springer Verlag die gestrige SPIEGEL-Meldung über Kürzungen bei der Bild eingeschränkt hat.

Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Tamara Henderson in Nürnberg, die erste je in China gezeigte Duchamp-Ausstellung in Peking, Puccinis "Fanciulla del West" in Frankfurt und eine Ausstellung über Alexander den Großen in Rosenheim, sowie Bücher, darunter Alfred Schlichts "Geschichte der arabischen Welt".

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