Heute in den Feuilletons: "Cannes wirft die Tradition in die blaue Bucht"

Die "Welt" kritisiert, das Filmfest von Cannes verliere mit Baz Luhrmanns "Gatsby"-Verfilmung den Selbstrespekt. Die "NZZ" berichtet über das miese soziale Klima in Italien. Die "FAZ" resümiert ein Kolloquium zu deutschen TV-Serien - und zieht eine bittere Bilanz.

Die Welt, 15.05.2013

Dankwart Guratzsch liest ein Memorandum von Stadtplanern. Der Text fordert die Stadt Berlin auf, das Problem seiner Stadtmitte in einer Internationalen Bauausstellung anzugehen, und zitiert: "Welche Rolle soll die Stadtmitte künftig in einer nachhaltigen, weit ausgreifenden Großstadtregion spielen? Sie repräsentiert deren Einzigartigkeit, deren reiche, widersprüchliche Vergangenheit, sie überwindet die Lasten des autogerechten modernen Städtebaus, sie bietet Räume und Bauten zur Identifikation für alle Berliner und deren Gäste, gleich welcher sozialen und ethnischen Herkunft, gleich welcher religiösen und geschlechtlichen Orientierung. Sie setzt bauliche Zeichen für die symbolische, funktionale und gestalterische Form einer Stadtmitte von morgen."

Ziemlich vernichtend klingt, was Hanns-Georg Rodek aus Cannes über Baz Luhrmanns "Gatsby"-Verfilmung schreibt ("eigentlich hat er gar keine Interpretation anzubieten"), und Cannes hat dafür sogar akzeptiert, dass der Film in den USA schon läuft: "In dem Heißhunger, sich diesen - vermeintlich - glamourträchtigsten Film des Jahres zu sichern, hat Cannes für eine Handvoll Stars auf dem Teppich Tradition und Selbstrespekt in die blaue Bucht geworfen." Trotzdem wird Luhrmann zu diesem Film auch interviewt.

Weitere Artikel: Lucas Wiegelmann liest Dan Browns neuen Roman "Inferno". Alan Posener empfiehlt in seiner Kolumne "J'accuse" Keynes, um den Kapitalismus vor sich selbst zu retten. Henryk Broder mokiert sich über Richard David Precht, der in einer ZDF-Sendung ebenfalls über den Kapitalismus nachdachte. Es wird Giorgio Agamben zitiert, der bei der Entgegennahme des mit 50.000 Euro dotierten Leopold-Lucas-Preises über die Herrschaft des Geldes klagte: "Banken haben den Platz der Kirche eingenommen, Geld ist zum Gott geworden, Banker sind die modernen Priester." Und das Zinsnveau ist auch so deprimierend.

Aus den Blogs, 15.05.2013

Roland Graffé von Machtdose stellt im Podcast seine Netzmusiktrouvaillen des Monats vor. Hier die Trackliste und Downloadmöglichkeiten.

Außerdem bringt René Walter von Nerdcore einen ganzen Strauß Musikvideos. Das beste Lied hat er ganz unten versteckt: Das ziemlich lässige "Rio" von Theophilus London.

Neue Zürcher Zeitung, 15.05.2013

Franz Haas zeichnet ein deprimierendes Bild Italiens, in dem Berlusconi wieder ganz oben auf ist: "Italien hat aber noch andere Fragen, in Zeiten, in denen die Armut bereits in den ehemaligen Mittelstand überschwappt, in denen sich Selbstmorde aus ökonomischer Verzweiflung häufen und das soziale Klima unter null zu sinken droht. Letzten Samstag wurde es allerdings hitzig, als bei einer Kundgebung Berlusconis in Brescia seine fanatischen Anhänger und seine nicht minder entflammten Gegner handgreiflich wurden. Noch ist die Gewalt aber vor allem verbal und symbolisch, auf Hauswände gesprayt oder in Talkshows geschrien, von manierlich wirkenden Herren in die traditionellen Medien geträufelt oder von Rüpeln im Internet verbreitet."

Weitere Artikel: Der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman erklärt im Gespräch, warum die Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien eine der lohnenswertesten Investitionen überhaupt ist. Susanne Ostwald verdient sich gleich zur Eröffnung des Filmfestivals in Cannes die Goldene Palme für Banalität der Prosa: "Nun laufen sie wieder: die Stars über den roten Teppich, die Starlets über die Croisette und die Bilder über die Leinwand."

Besprochen werden Bücher, darunter ein Band von Othmar Plöckinger über Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär.

Die Tageszeitung, 15.05.2013

Jenni Zylka und Marlene Staib kommentieren die Entscheidung Angelina Jolies, sich die Brüste amputieren zu lassen, nachdem bei ihr das Brustkrebs-Gen BRCA gefunden worden war. (Hier ihre Begründung in der New York Times.) So meint Zylka: Der "ganze, flache, glamouröse Showeffekt wird bei Jolie in Zukunft mit dem Thema Brustkrebs verknüpft sein, wird jedeN BetrachterIn zu eigenen Überlegungen, Abwägungen und eventuell Recherchen anregen, und kann auch eine Auswirkung auf die gesundheitspolitischen Aspekte (Kosten der genetischen Untersuchung, Forschungsintensität) haben. Dafür kann man Jolie dankbar sein." (Im DeutschlandRadio gibt es zum medizinischen Hintergrund dieser Geschichte ein informatives Interview mit der Ärztin Nicola Bangemann von der Berliner Charité.)

Weitere Artikel: Cristina Nord schreibt zur Eröffnung des Filmfestivals in Cannes. Matthias Manthe erklärt, was Vaporwave ist: "Samples der Oberflächenwelt von Werbung und Hintergrundmusik", die angeblich hip wird, sobald man sie außerhalb eines Fahrstuhls hört. Christian Fleige lobt den Twitteraccount Tatortwatch, der die Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln im Tatort überwacht. Wolfgang Frömberg schreibt den Nachruf auf den Berliner Popautor Tim Stüttgen.

Besprochen wird Hermann Vinkes Porträt der niederländischen Widerstandskämpferin gegen Hitler Cato Bontjes van Beek.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 15.05.2013

Laura Weißmüller schüttelt es angesichts von Porsches Plänen mit offenbar recht charakterlosen Häusern für Millionäre auf den architektonischen Sektor vorzustoßen: "Was dabei vollends auf der Strecke bleibt, ist der Anspruch, mit Architektur Stadtentwicklung zu betreiben." Joseph Hanimann stellt die Pläne der französischen Kulturpolitik zur Wappnung für die digitale Zukunft vor: Unter anderem sollen Smartphones und Tablets zugunsten von Künstlern besteuert werden (mehr hier, und an dieser Stelle warnt der französische Regisseur Michel Hazanavicius das französische Kino davor, sich vor Überpäppelung durch das schützende Fördersystem vom Publikum abzukapseln). Thorsten Schmitz resümiert das 19. Jüdische Filmfestival in Berlin, wo ihn insbesondere der Film "Besa: The Promise" faszinierte. Thomas Kirchner schreibt den Nachruf auf den Politikwissenschaftler Kenneth Waltz.

Besprochen werden eine Manet-Ausstellung im Dogenpalast von Venedig, Baz Luhrmanns Neuverfilmung des "Großen Gatsby", eine von Kent Nagano in München dirigierte Aufführung von Bruckners Fünfter Symphonie und Yoram Kaniuks Roman "1948".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2013

Andreas Platthaus liest den neuen Dan Brown, der nicht allzu viele Überraschungen zu bieten scheint - außer, das Brown den Transhumanismus und sein Iphone preist. Patrick Bahners hat in den sozialen Netzwerken nach Reaktionen auf den annoncierten und andere Bestseller gesucht. "mink" mokiert sich über die Autoren Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann, die trotz intensiver Recherche keinerlei Geheimnis im Leben von Angela Merkel gefunden haben. Zur Einstimmung auf Cannes schreibt Verena Lueken über die ("hysterisch überdrehte") Verfilmung des "Großen Gatsby", der in den USA schon seit zwei Wochen läuft. Jordan Mejias berichtet, dass Leonardo DiCaprio für seine Umweltstiftung bei einer Auktion vierzig Millionen Dollar eingenommen hat. Tobias Rüther folgte einer Potsdamer Diskussion über Bob Dylan und reflektiert die Frage, ob er nobelpreiswürdig sei.

Eine Seite widmet sich neuen TV-Serien. Oliver Jungen resümiert ein Kolloquium über die Frage, wie's eigentlich in Deutschland mit den Serien steht, das unversehens zum Tribunal geraten sei, weil den deutschen Sendern außer dem "Tatort" eigentlich nichts einfällt. Auf der Medienseite berichtet Rolf Schwartmann über einen Spruch des BGH, der entschied, dass die automatische Vervollständigung von Suchbegriffen bei Google gegen Recht verstoßen kann.

Besprochen werden eine Ausstellung über Jean Moulin in Paris und Bücher, darunter Dieter Fortes "Labyrinth der Welt".

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