Heute in den Feuilletons: "Aufstacheln von Gehässigkeit durch Gemeinplätze"

Die "FAZ" erklärt Giorgio Agambens Idee vom "Empire latin" zum Stuss. Im "Freitag" spricht Peter Schneider über seine recht unkonventionelle Mutter, die er in seinem neuen Roman porträtiert. Der Cannes-Eröffnungsfilm "Der große Gatsby" holt sich überall ein blaues Auge.

Die Tageszeitung, 16.05.2013

Auf der Medienseite berichten Marlene Staub und Ralf Pauli über einen Aufruf von Spiegel Online & Co. an die Leser, ihre Werbeblocker doch bitte abzustellen, weil der Dienst nun mal von Werbung lebe und ansonsten das Geschäftsmodell gefährdet sei. Doch so einfach, wie es die Zeitungen darstellen, ist die Sache auch nicht: "Ein bisschen Werbung am Seitenrand zu erdulden, um dem Medium seiner Wahl nicht die Grundlage zu entziehen - das scheint ein akzeptabler Deal. Was jedoch nicht in dem Aufruf steht: Wenn es um Nutzerrechte im Internet geht, liegen Datenschutz-Probleme nicht weit. 'Über die Werbung wird das Surfverhalten der Nutzer 'getrackt', also verfolgt. Das wollen viele Nutzer aus Datenschutzgründen nicht akzeptieren', warnt Matthias Spielkamp, Redaktionsleiter des Urheberrechtsportals iRights.info."

"Bombastisch" findet Cristina Nord im Feuilleton Baz Luhrmanns Neuverfilmung von "The Great Gatsby", der jetzt als Eröffnungsfilm des Festivals in Cannes lief; das liege vor allem daran, dass er sich seiner Figur anverwandeln will, koste es, was es wolle: "So wie Gatsby protzt und prunkt und seinen jungen Reichtum ausstellt, so tut dies der Film."

Weitere Artikel: Sonja Vogel berichtet über die Vorstellung von Wolfgang Kraushaars Buch "Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?" über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus. Ophelia Abeler schreibt in ihrer USA-Kolumne über die verwirrende Ableger-Kultur von Kunstmessen ("In Basel ist Basel ja erst im Juni, und im Dezember ist Basel dann endlich wieder in Miami"). Detlef Kuhlbrodt gratuliert dem Berliner Lyrikverlag Kookbooks zum zehnjährigen Bestehen. Heide Oestreich unterhält sich mit der britischen Feministin Angela McRobbie über neue "eher performative, schauspielerische Formen", Wut auszudrücken und den "kleinen feministischen Frühling", den sie nach der Brüderle-Affäre ausgemacht hat.

Besprochen werden der Film "Paradies: Hoffnung", der letzte Teil von Ulrich Seidls Trilogie, der Splatterfilm "Evil Dead" von Fede Alvarez, der "effektives Gruseln vor in der Tat atmosphärisch gediegener Kulisse" bietet und die DVD des "Liebeskummerdramödchens" "3 Zimmer/Küche/Bad" von Dietrich Brüggemann.

Und Tom.

Die Welt, 16.05.2013

Medienkrise hin oder her: In Frankreich wurde gerade eine neue Tageszeitung gegründet, L'Opinion (Website). Ihr Gründer, Nicolas Beytout, will damit einen Gegenakzent zur in Frankreich eher linken "pensée unique" setzen, berichtet Matthias Heine: "Beytout war lange Chefredakteur des täglichen Finanzblattes Les Echos und in den vergangenen Jahren, eine Etage höher, Leiter der Mediensparte des französischen Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton usw.), dazwischen war er Chefredakteur des Figaro. Für L'Opinion hat Beytout fünfzig Investoren gefunden, die bereit waren, Kapital in das junge Unternehmen zu investieren."

Weitere Artikel: Als Meisterwerk des Retropop und dann doch wieder seelenlos bespricht Dirk Peitz das Album "Random Access Memory" von Daft Punk.

Besprochen werden eine Ausstellung über Honoré Daumier als Maler im Berliner Max-Liebermann-Haus (Hans-Joachim Müller ist begeistert!) und Filme, darunter Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung".

Der Freitag, 16.05.2013

Alexander Schimmelbusch spricht mit Peter Schneider über seinen neuen Roman "Die Lieben meiner Mutter", für den er die Briefe seiner Mutter entziffert hat: In Sütterlin-Schrift schreibt sie (die er verloren hat, als er acht war) auch über ihre Seitensprünge in Zeiten des Krieges: "Auf jeden Fall wollte sie sehr viel mehr vom Leben, als einfach nur die Mutter von vier Kindern zu sein, oder 'das Dreck beseitigende Haustier', wie sie einmal schreibt. So eine verrückte offene Dreiecksgeschichte mitten im Krieg zu finden, das ist schon etwas Seltenes. Ich habe mich gefragt, was gab es für Vorbilder, was hatte sie für Modelle im Kopf? Erika und Klaus Mann vielleicht, deren Lebensweise, aber ob das in solchen Kreisen damals durchgedrungen ist, ob man über so etwas gesprochen hat, das weiß ich nicht."

Weitere Medien, 16.05.2013

Im Jungle-World-Gespräch mit Carl Melchers will Hamed Abdel-Samad seine Hoffnung in die arabischen Revolutionen trotz Islamismus nicht aufgeben: "Wenn man 85 Millionen Menschen in Ägypten oder zehn Millionen in Tunesien ernähren will, dann fragt man nicht: 'Ist Gott jetzt zufrieden oder nicht?', sondern will wissen: 'Was können wir machen?' Das ist Pragmatismus. Die Bevölkerung sieht nun, dass die Muslimbrüder auch bloß mit Wasser kochen, und dass dies nicht einmal besonders lecker ist. Es ist wichtig, dass die Menschen diese Erfahrung machen."

Was die Merkel-Kritiker über die Kanzlerin schreiben, trifft in Wahrheit auf sie selber zu, findet Reinhard Mohr bei Cicero: "Die Profi-Kritiker, Sterndeuter und Polit-Astrologen sind die wahren Spießer - selbstgerecht und wehleidig, stets Opfer ungnädiger Umstände, dabei besserwisserisch und daueraufgeregt, zugleich aber auch ein bisschen träge, überdrüssig und gelangweilt."

Aus den Blogs, 16.05.2013

Martin Weigert versteht auf Netzwertig den Aufruhr um die Aufforderung einiger Medien an die Leser, die AdBlocker abzuschalten, ganz und gar nicht: "Ganz persönlich finde ich es schade, dass nicht wenige Nutzer den stillen Konsens, Werbung im Gegenzug für kostenlose Inhalte zu akzeptieren, in Frage stellen. Für mich hat er nach wie vor Bestand, übrigens unabhängig von der Qualität des Inhalts. Gefällt mir die Qualität nicht, besuche ich eine Site nicht mehr. Finde ich den gebotenen Content gut, ertrage ich die Anzeigen."

Derweil hat Adblock Plus über seinen offiziellen Twitteraccount bekannt gegeben, dass die Installation ihres Programms seit Beginn der Woche um 129 Prozent gestiegen sei, berichtet Marin Majica in FR/Berliner Zeitung. Viele User hätten zwar Verständnis für das Grundproblem der Medien, aber die Art der Werbung im Internet stoße die meisten einfach ab: "'Seite wird blau, Handys blinken, Postbank-Video läuft, ein animierter VW. Nee, sorry', schreibt etwa Twitter-Nutzer @kmnd, nachdem er sich sueddeutsche.de offenbar testweise einmal ohne Adblocker angesehen hat. Er hat das Programm hinterher wohl schnell wieder eingeschaltet."

Bei Jezebel weist Meagan Hatcher-May darauf hin, dass das Gen BRCA1, das bei Angelina Jolie entdeckt wurde und das in hohem Maße die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung erhöht, von der Firma Myriad Genetics als Patent angemeldet wurde. "Jolie herself points out that steps must be taken to ensure that all women have access to genetic testing, since at the moment it's totally cost-prohibitive for those women who are not Angelina Jolie. Because that gilded billiards room in the party yacht isn't going to pay for itself, Myriad charges anywhere from $3,000 to $4,000 for the test." Derzeit verhandelt der Supreme Court darüber, ob Myriads Patent rechtens ist. Einen ausführlichen Artikel dazu gab es im März in der New York Review of Books.

Neue Zürcher Zeitung, 16.05.2013

Angesichts der komplexen Probleme unserer Zeit ist die Versuchung groß, sich auf allzu einfache Lösungsansätze zu versteifen, meint der Publizist Eduard Kaeser am Beispiel des Klimawandels: "Nun ist gewiss nichts Schlechtes daran, seinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Aber dieses quasi moralische Kriterium kann offenbar bizarre Forderungen nach sich ziehen. Das Verführerische an ihm ist, dass es klare Orientierung und ein gutes Gewissen in einem unübersichtlich und unsicher gewordenen Gelände verschafft: großer Fußabdruck schlecht - kleiner Fußabdruck gut!"

Weiteres: Der Altphilologe Bruno W. Häuptli informiert mit Skepsis über die vermeintliche Entdeckung einer codierten Signatur am Anfang von Vergils "Aeneis". Besprochen werden Baz Luhrmans Fitzgerald-Adaption "Der große Gatsby" (bei der laut Susanne Ostwald "das Auge stärker als der Intellekt gefordert" wird), Viktor Giacobbos Mockumentary "Der große Kanton" über den Beitritt Deutschlands zur Schweiz sowie Bücher, darunter Nico Bleutges Gedichtband "verdecktes gelände".

Süddeutsche Zeitung, 16.05.2013

Dorion Weickmann erinnert anlässlich von Sasha Waltz' Re-Inszenierung des Djagilew-Balletts "Le Sacre du Printemps" am Ur-Aufführungsort an den Skandal, den die damalige, am Ende 27 verletzte Zuschauer zählende Premiere des Tanzstücks vor 100 Jahren auslöste: "Es ist das Zusammentreffen von einer Musik, deren entfesselte Rhythmen explodieren wie die Dampfkessel im Bauch der 1912 gesunkenen Titanic, mit einem Kostüm- und Bühnenbild, das die Pracht der Belle Epoque zugunsten einer plakativ farbenfrohen Archaik entsorgt; und mit einer Choreografie, deren Zuschnitt das Fassungsvermögen vieler Zeitgenossen übersteigt. Die Tänzer 'stampfen, stampfen, stampfen', schrieb Adolphe Boschot damals in L'Écho de Paris. Sein Kollege Jacques Rivière erkannte dagegen das Potenzial: 'Das Neue ist die radikale Rückkehr zum Körper.' Touché!"

Weitere Artikel: Die Zeiten, in denen große Filmfestivals noch mit echten Weltpremieren begannen, sind offenbar vorbei, seufzt Tobias Kniebe, nachdem in Cannes Baz Luhrmanns zeitgleich weltweit anlaufender "Great Gatsby" das Programm eröffnete. "Der Übergang vom analogen zum digitalen Kino findet nicht ohne Schmerzen statt, noch kämpft das Zelluloid um seine Daseinsberechtigung", beobachtet Hans Schifferle bei den Oberhausener Kurzfilmtagen.

Besprochen werden die Ausstellung "Houghton Revisited" in King's Lynn, Ulrich Seidls neuer Film "Paradies: Hoffnung" und Dan Browns neuer Thriller "Inferno", der sich laut Lothar Müller "an die Spielregeln des eigenen Geschäftsmodells nicht hält".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2013

Für gewaltigen "Stuss" hält Jürgen Kaube Giorgio Agambens, auf einer Idee von Alexandre Kojève basierenden, Vorschlag zur Errettung der südländischen Lebensart vor einem Europa unter deutscher Hegemonie durch die Gründung eines Empire latin (siehe auch unsere Feuilletonrundschau vom 11.04. und vom 14.05.). Vor allem die Völkerpsychologie, mit der Agamben seine Einteilung Europas in markt- und staatsorientierte kapitalistische Zonen begründet, geht Kaube auf die Nerven: "Das pseudophilosophische Gerede von Leuten, die sich lieber in der Sache kundig machen sollten, dient nur dem Aufstacheln von Gehässigkeit durch Gemeinplätze und durch Phrasen aus dem Wörterbuch der Kulturkreislehre, die beim Aufwärmen giftig werden."

Außerdem: Joachim Müller-Jung liefert Hintergründe zum erfolgreichen Klonen einer menschlichen Embryozelle, denen sich entnehmen lässt, dass unter anderem auch des Perlentauchers wichtigste Arbeitsstütze zum Erfolg beitrug: "Durch die Zugabe von Koffein in die Zellkultur wurde die Gewinnung von Klonembryonen noch dazu beträchtlich gesteigert." Bert Rebhandl blickt auf eine Filmreihe über Wagner und das Kino im Berliner Zeughauskino zurück. Verena Lueken schickt erste Notizen vom Filmfestival in Cannes. Außerdem druckt die FAZ Auszüge aus John F. Kennedys Notizen seiner Europabesuche während der Nazizeit, die der Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich, der diese gesammelt in einem Band veröffentlicht, im beigefügten Gespräch mit Hubert Spiegel näher erläutert.

Besprochen werden Ulrich Seidls Film "Paradies: Hoffnung" und Bücher, darunter Annika Scheffels Roman "Bevor alles verschwindet".

Die Zeit, 16.05.2013

Das Internet verheißt Kommunikation auf Augenhöhe, doch allzu oft erstickt diese in der Eskalationsdynamik des "Shitstorms". Der Medienforscher Hans-Hinrik Schmidt erläutert die Mechanismen der Stuhlgewitter. Nina Pauer, Khué Pham und Heinrich Wefing berichten, dass sich mittlerweile sogar Mitglieder der Piratenpartei enttäuscht von Twitter & Co abgewendet haben: "Keine andere Gruppe hat die dunkle Seite des Netzes so unmittelbar und auf so verhehrende Weise erlebt wie die Partei, die die Partei des Internets sein wollte: die Piraten. All die Euphorie, die ihr Auftauchen auslöste, wurde zunichtegemacht von den Shitstorms, den Wellen der Missgunst und Niedertracht, mit denen die Mitglieder einander überzogen."

Stand Angela Merkel dem DDR-Regime näher als sie zugibt, wie Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann in ihrer Biografie "Das erste Leben der Angela M." suggerieren? In der Zeit im Osten geben ihre "zehn wichtigsten Biografen" Auskunft. Auf Zeit Online nimmt der Grüne Werner Schulz Merkel in Schutz: "Angela Merkel, davon bin ich überzeugt, ist eine ehrliche Frau." Im Feuilleton findet Alexander Cammann die Debatte hilfreich, auch wenn die Biografie, die sie angestoßen hat, nichts dazu beiträgt: "Geradezu manisch wirkt die Neigung der Autoren, 1989 überall in der DDR einen KGB-gesteuerten Perestroika-Komplott zu wittern, der die Reformkräfte selbst innerhalb der Opposition gelenkt haben soll. Das darf man wohl mit Fug und Recht eine Verschwörungstheorie nennen."

Weitere Artikel: Sechs Tage noch bis zu Richard Wagners 200. Geburtstag! Der Philosoph Manfred Frank erklärt, worum es im "Ring des Nibelungen" eigentlich geht. Der Psychoanalytiker Slavoj Žižek schreibt über das Motiv der unmöglichen Liebe bei Wagner. Und Wolfgang Goertz fragt sich anlässlich einer gescheiterten Düsseldorfer "Tannhäuser"-Inszenierung: "Gehört die olle Nazi-Keule auf der Wagnerbühne nicht mal in die Asservatenkammer?"

Thomas Assheuer referiert den Schlagabtausch, den sich Jürgen Habermas und Wolfgang Streeck in den Blättern für deutsche und internationale Politik über die Zukunft Europas liefern (Streecks Beitrag "Was nun, Europa?" steht hier online). Abgedruckt ist eine gekürzte Fassung der Rede, die Martin Walser anlässlich der Verleihung eines Ehrendoktors der Universität Thessalien in Volos hielt. Anlässlich der Steueraffäre um Uli Hoeneß und der Familienbeschäftigungen im bayerischen Landtag geht der Schriftsteller Georg M. Oswald der bayerischen Befindlichkeit nach.

Besprochen werden eine Berliner Inszenierung von Henrik Ibsens "Hedda Gabler" mit Nina Hoss, Baz Luhrmanns Cannes-Eröffnungsfilm "Der große Gatsby" ("Die 3D-Technik hat den großen Künstler stärker behindert als minderbegabte Regisseure, die das Filmemachen ohnehin wurschtiger angehen", muss Jens Jessen feststellen) sowie Bücher, darunter die Springsteen-Biografie "Bruce" von Peter Aimes Carlin.

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