Heute in den Feuilletons: "Kultur des Zweifels"

Hans Christoph Buch fordert Daniel Cohn-Bendit in der "FR" zum europäischen Dornröschenkuss auf. Giorgio Agamben erneuert in der "FAZ" seine Kritik an der politischen Führung der EU. Und die "Welt" bringt ein einmütiges Pro und Contra zu Joseph Beuys.

Die Welt, 25.05.2013

Die Literarische Welt veranstaltet ein Pro und Contra zu Hans-Peter Riegels viel diskutierter Beuys-Biografie, aber eigentlich it nicht ganz klar, was an Hans-Jochaim Müllers Artikel "pro" und and Beat Wyss' Entgegenung "contra" ist. Beide sind sich einig, dass Beuys trotz mancher ungekappter Verbindungen kaum in einen Faschismusverdacht zu stellen ist. Müller sagt: "Beuys hat sich von seiner Kriegserfahrung nicht distanziert, er hat sie sich erzählt, bis sie künstlerisch erzählbar wurde und hat gerade so eine Werkidee entwickelt, die auf Ausgleich, Versöhnung der Gegensätze, auf beschwörenden Aufruf des Vergessenen, halb Erinnerten zielt." Und Wyss sekundiert: "Ich sehe in den Kunstaktionen von Beuys den unbewussten Versuch einer Selbstheilung vom Kriegstrauma in der wiederholenden Mimese. Der junge Bordfunker hat mitangesehen, wie Sewastopol unter dem Bombenhagel der deutschen Fliegerbomben in Flammen aufging, ohne je öffentlich darüber zu sprechen. Sein künstlerischer Aktivismus ist das kathartische re-enacting eines Hitlerjungen."

Außerdem in der Literarischen Welt: Die amerikanische Autorin Deborah Copaken Kogan beklagt anhaltenden Sexismus im Literaturbetrieb ("Es werden mehr Bücher von Autoren als von Autorinnen rezensiert; es gibt mehr Rezensenten als Rezensentinnen. Männer sind also nach wie vor die Torwächter der Kultur (oder zumindest die Empfänger des Quäntchens an Aufmerksamkeit, das Büchern noch zukommt.)" Der Dichter Michael Lentz und der Trainer Hans Meyer unterhalten sich aus aktuellem Anlass über Fußball. Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Grass und Brandt sowie eine Neuauflage von Marcel Aymés Politsatire "Der wunderbare Friseur".

Im Feuilleton mokiert sich Matthias Heine über die Versuche von Kulturfunktionären, den deutschen Theaterbetrieb ins immaterielle Kulturerbe der Unesco aufnehmen zu lassen. Marc Reichwein erinnert an den Gründer des Fußballmagazins Kicker, Walther Benseman, der 1934 im Exil starb. Sascha Lehnartz liest die Erinnerungen des Übervaters des Festivals von Cannes, Gilles Jacob. Hanns-Georg Rodek wirft zum Abschluss des Festivals einen Blick auf deutsche Filme und Themen in Cannes. Und Tilman Krause erinnert an das letzte Society-Ereignis des alten Europa vor hundert Jahren, die Hochzeit von Viktoria Luise, Prinzessin von Preußen, und Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Besprochen wird ein Auftritt der Popdiva Beyoncé in Berlin.

Die Tageszeitung, 25.05.2013

Andreas Fanizadeh besucht das vom Goethe-Institut organisierte "Ten Cities"-Clubprojekt in Kairo, bei dem er nicht nur peacige Elektro-Events rund um den Tahrir-Platz besucht, sondern sich auch über die Situation vor Ort informiert: "Im April wurde Comicautor Magdy El-Shafee vorübergehend verhaftet. Er soll aus einer Demonstration heraus versucht haben, gleich drei Polizisten umzubringen. Inzwischen soll es ein Verkehrsdelikt sein. El-Shafees Comic 'Metro' (dt. bei der Edition Moderne) bleibt verboten. Kein Rechtsstaat, nirgendwo, Korruption überall; der Zugang zu Chancen und Wohlstand ist weiterhin extrem ungleich."

Außerdem: Dorothea Hahn führt ein ausführliches Gespräch mit Daniel Ellsberg, der zu Zeiten des Vietnamkriegs ähnlich wie der Whistleblower Bradley Manning Geheimpapiere veröffentlicht hat, anders als dieser aber als Held gefeiert wird. Beim Festivalendspurt in Cannes findet Cristina Nord allenthalben Gründe zum Niederknien, sei es die darstellerische Leistung von Adèle Exarchopoulos in Abdellatif Kechiches "La vie d'Adèle - chapitre 1 & 2" (Pressespiegel) oder Lav Diaz' neuer, mit 250 Minuten im Gesamtwerk des Regisseurs vergleichweise kurzfilmartige "Norte, hangganan ng kasaysayan". Katja Kullmann berichtet von Katerstimmung im Kreativprekariat. Cristina Nord spricht mit Olivier Assayas über seinen neuen Film "Die wilde Zeit", der sich mit der Gegenkultur der siebziger Jahre zwischen Pop und Politik befasst. Beim Berliner Konzert von Beyoncé erlebt Fatma Aydemir unter Goldstaubregen einen "Augenfick vom härtesten". Peter Unfried hat seine liebe Mühe, beim heutigen deutschen Champions-League-Finale eine politische Dimension zu erkennen. Außerdem gibt es einen Themenspezial zu Weltmusik und eins zu Bayern München.

Besprochen werden eine Ausstellung über Virgile Novarina und Jean-Oliver Hucleux in Bremen und Bücher, darunter Torsten Schulz' Roman "Nilowsky".

Und Tom.

Weitere Medien, 25.05.2013

In großer Sorge wegen des im Zuge der EU-Krise um sich greifenden nationalistischen Populismus wendet sich Hans Christoph Buch mit einem offenen Brief in der Frankfurter Rundschau an den gerade mit anderen Themen belämmerten Daniel Cohn-Bendit, in dem der Schriftsteller eine Symbolfigur des "neuen Europas" nach dem Zweiten Weltkrieg sieht: "Ich habe keine Lösung der Krise anzubieten und erwarte dies auch nicht von Dir. Aber wir müssen die EU aus dem Dornröschenschlaf wecken, weil die Offensive des Populismus alles bedroht, was Europas Kultur verteidigenswert macht: Eine Kultur des Zweifels, die sich selbst infrage stellt."

So einfach war es damals gar nicht, die Pädophilen bei den Grünen zurückzudrängern, erinnert sich Eva Quistorp im European, die mit Petra Kelly zu den frühesten Kritikerinnen der ominösen "Stadtindianer" zählte: "Ich habe damals zusammen mit Eberhard Walde versucht, die Indianerkommune aus dem Saal zu treiben und den Bundesvorstand auf dem Podium bekniet, etwas gegen sie zu unternehmen. Schließlich hatte man auch Rechte vergrault. Doch bei der faulen Toleranz ging es immer schon um interne Linien und Postenkämpfe."

Joseph von Westphalen war neulich zur Verabschiedung eines Bekannten in den Ruhestand eingeladen. Und angesichts all der "braun gebrannten, vital federnden 80-Jährigen" öffnet sich ihm für seine Kolumne in der Abendzeitung ein Blick auf einen historischen Moment, der so sicher nicht lange anhalten wird wird: "Alles Leute, die noch einmal davon gekommen sind, denen das Generationenschicksal hold war, die noch satte Renten und Pensionen einstreichen. Persönliche Altersarmut ist ihnen so fern wie die Polschmelze."

SpOn-Kolumnist Georg Diez findet die Feuilleton-Reaktionen auf Hans-Peter Riegels Beuys-Biografie bisher doch etwas beschwichtigend: "Das kann doch nicht Sinn der Sache sein. Einerseits immer mal wieder diese Exzesse der Erkenntnislosigkeit: Wow, echt, die deutschen Soldaten an der Ostfront waren Mörder und Schweine? Und anderseits dieses Schulterzucken: Geh weider mit dem alten Nazi-Schmäh, wir haben das schon so oft gehört, der Beuys jetzt auch, ach was?"

Neue Zürcher Zeitung, 25.05.2013

Zum 90. Geburtstag von Henry Kissinger widmet Franziska Augstein dem ehemaligen US-Außenminister ein überwiegend wohlwollendes Porträt: "Parteilich gebunden ist Kissinger nicht. Gebunden ist er seit seiner Dissertation über die zwei großen antidemokratischen Politiker des 19. Jahrhunderts, Metternich und Castlereagh, an die Vorstellung, dass man Diplomatie besser unter Ausschluss der Öffentlichkeit betreibt. Immer noch - und teilweise ja zu Recht - ist Kissinger enerviert angesichts der Tatsache, dass demokratische Regierungen ihre Politik auch im Hinblick auf die Wünsche gestalten, die sie den Wählern unterstellen. Diplomatie, findet er, ist eine Sache für ganz wenige Leute, die sich international miteinander im Geheimen absprechen und erst dann an die Öffentlichkeit gehen, wenn die Verträge schon so gut wie ausformuliert sind."

Weitere Artikel: Philipp Meier berichtet von der jüngsten Tochterveranstaltung der Kunstmesse Art Basel in Hongkong. Martin Kusejs Dreifachinszenierung von Stücken Miroslav Krlezas bei den Wiener Festwochen wirft Martin Lhotzky vor, "einen unwiederbringlichen Teil unserer Lebenszeit vergeudet zu haben". Aldo Keel macht sich Gedanken über die Ursachen der Jugendkrawalle in Stockholm. In zwei Pariser Urteilen zu postumen Bronzegüssen, gegen die die Erben Alberto Giacomettis geklagt hatten, "ersetzt der Richterspruch den Willen des Künstlers, was bedenklich erscheint", urteilen die Anwälte Sibylle Loyrette und Andreas Ritter.

In Literatur und Kunst unterhält sich der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann mit Thomas David über sein Buch "Europe Central". Christoph Egger stößt auf "unvermutete Berührungspunkte" zwischen Gottfried Keller und Herman Melville. Peter Michalzik reagiert auf Sibylle Bergs Polemik gegen das deutsche Theater: junge Dramatikerinnen wie Anne Lepper, Katja Brunner, Marianna Salzmann und Azar Mortazawi schreiben durchaus spannende neue Stücke, aber "das Theater selbst scheint noch nicht richtig mitbekommen zu haben, welche neue Qualität hier am Entstehen ist." Der Musikwissenschafter Victor Ravizza erinnert zum hundersten Jubiläum an die Saalschlacht, die die Uraufführung von Igor Strawinskys "Sacre du printemps" in Paris auslöste.

Süddeutsche Zeitung, 25.05.2013

Matthias Drobinski will den Grünen und Daniel Cohn-Bendit die Debatte über die zu Frühzeiten bei ihnen grassierenden pädophilen Stadtindianer nicht ersparen und widmet ihnen in der SZ am Wochenende eine ganze Seite: "So wie die katholische Kirche dem eigenen katholischen Geschmack der sexuellen Gewalt gegen Abhängige auf die Spur kommen muss, so müssen die Linken dem eigenen Geschmack des Missbrauchs auf die Spur kommen: die Reformpädagogik und die Kinderladenbewegung, die Szene-Medien von einst, die Grünen, die damals pubertierten zwischen Linksradikalismus und Blut- und Boden-Ökologie. Das Pubertierende erklärt einiges, entschuldigt aber nichts. Die totale Tabuisierung der Sexualität, zum Beispiel in der katholischen Kirche, war der eine Nährboden der sexuellen Gewalt. Der andere aber war die totale Enttabuisierung der Sexualität."

Einst gescholtene Krähen und Füchse werden zu gern gesehenen Gästen in den Städten, beobachtet Burkhard Müller im Feuilleton. Peter Münch berichtet von den Problemen bei der Bewahrung der Bauhaus-Siedlungen in Tel Aviv. Laura Weissmüller wünscht sich in der Debatte um die Pläne Berlins, 2020 die Internationale Bauausstellung auszurichten, eine Thematisierung des Wohnbaus in der Stadt. In Cannes sieht Tobias Kniebe neue Filme unter anderem von James Gray und Arnaud Des Pallièrs (Pressespiegel hier und hier). Thomas Urban besucht eine Tagung über das deutsch-spanische Verhältnis nach der Finanzkrise. Christian Gampert gratuliert dem Psychologen Arno Gruen zum 90. Geburtstag. Dokumentiert wird M ichael Krügers Festrede zum 50. Geburtstag des Literarischen Colloquiums in Berlin, besprochen ein in Wien aufgeführter Theaterabend von Martin Kusej nach Miroslav Krleza.

In der Wochenendbeilage führt Alexander Menden durch das totalüberwachte London. In Stuttgart besucht Harald Hordych die Visual-Effects-Spezialisten Pixomondo, die unter anderem die Monster aus der HBO-Serie "Game of Thrones" animieren. Im Gespräch erklärt Fußballkommentator Béla Réthy, dass ihn kein Spiel mehr schrecken kann, seit er 1996 das EM-Finale mit Hilfe von Notizen auf einem Pizzakarton kommentiert hat.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2013

In der von ihm selbst losgetretenen Debatte um ein "Empire latin" als Gegengewicht zur deutschen Dominanz in Europa meldet sich Giorgio Agamben zu Wort und präzisiert im Interview mit Dirk Schümer seine Vorbehalte gegen die politische Führung der EU: "Das Ziel meiner Kritik war nicht Deutschland, sondern die Weise, in der die Europäische Union konstruiert wurde, nämlich auf ausschließlich ökonomischer Basis. So werden nicht nur unsere spirituellen und kulturellen Wurzeln ignoriert, sondern auch die politischen und rechtlichen. Wenn eine Kritik an Deutschland herauszuhören war, dann nur, weil Deutschland aus seiner dominierenden Position heraus und trotz seiner außergewöhnlichen philosophischen Tradition momentan unfähig erscheint, ein Europa zu denken, das nicht allein auf Euro und Wirtschaft beruht."

Weiteres: Ein Jahr dem verheerenden Erdbeben in Italien berichtet Rainer Meyer von den schleppenden Aufräumarbeiten: "Man flickt Löcher, man gewöhnt sich an Risse, und man hofft, dass es wirklich vorbei und für die nächsten vierhundert Jahre Ruhe ist." Joachim Müller-Jung ereifert sich über die Schlamperei in Shoukhrat Mitalipovs Anleitung zum Menschenklonen. Bevor heute Abend die Palmen vergeben werden, zieht Verena Lueken eine positive Bilanz des Filmfestivals von Cannes: "Wenn man am Ende eines dichten Festivals noch Lust auf einen mehr als vierstündigen Film von den Philippinen hat, heißt das: Es waren gute Tage."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung mit Werken von Peter Behrens in der Erfurter Kunsthalle, Martin Kušejs Inszenierung dreier Stücke Miroslav Krležas bei den Wiener Festwochen (bei der sich Gerhard Stadelmaier für sechseinhalb Stunden in einem "Stacheldrahtverhau agonalen Theaters" wähnt), ein Auftritt des Britpopsängers Tim Burgess in Köln (bei dem Eric Pfeil feststellt, "dass man auch in leeren Konzertsälen Fäuste recken und in enthemmtem Gesang die Bierflaschen emporreißen kann") und Bücher, darunter Kevin Powers' Irakkriegsroman "Die Sonne war der ganze Himmel".

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius das Gedicht "Lied und Gebilde" von Goethe vor:

"Mag der Grieche seinen Ton
Zu Gestalten drücken,
An der eignen Hände Sohn
Steigern sein Entzücken
..."

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