Heute in den Feuilletons: "Am Ballermann der Verfremdungskunst"

Heute eröffnet die Biennale in Venedig, die Feuilletons nehmen sie sehr kontrovers auf: Die "FAZ" erkennt in ihr einen Tempel, in dem die Götter der Vergangenheit und Dilettanten ihren Platz haben. Die "NZZ" erkennt in ihr eine große Umarmung der Welt. Die "SZ" vermisst Zeitgenossenschaft. Der "taz" fehlen die Highlights.

Neue Zürcher Zeitung, 01.06.2013

Samuel Herzog hat die Biennale als große Enzyklopadie, als Weltumarmung erlebt, die auch den Dilettantismus und die Bricolage zu ihrem Recht kommen lässt. Gut gelaunt fasst er seine Eindrücke zusammen: "Diese 55. Biennale kam uns auf eine freundliche Art etwas altmodisch vor - dazu passen auch die vielen leicht esoterisch angehauchten Arbeiten. Die Schau nimmt das Thema Enzyklopädie nicht allzu ernst - im Gegenzug hat sie einen guten Rhythmus und dann und wann auch einen gewissen Witz."

Weiteres: Joachim Güntner vermutet, dass das Schweizer Urteil gegen Minderheitengesellschafter Hans Barlach die Verhandlungen mit dem Suhrkamp Verlag härter, aber aussichtsreicher machen dürfte: Dem Investor drohen schließlich die Felle davonzuschwimmen. Andreas Ernst blickt in die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Haager Kriegsverbrechertribunals. "Schlaflos" ist in dieser Woche der Musiker und Autor Dieter Meier.

Literatur und Kunst bringt einen sehr schönen Auszug aus Cees Nootebooms neuem Buch "Saigoku - Auf Japans Pilgerweg der 33 Tempel". Der Architekturtheoretiker Jörg Gleiter erlickt das "Überwältigende und Verstörende" im Computational Design und das Erhabene im Digitalen.

Besprochen werden unter anderem Oscar Peers Roman "Eva und Anton", Reinhard Jirgls Zukunftsroman "Nichts von euch auf Erden", Abbas Khiders "Brief in die Auberginenrepublik" sowie die beiden Irakkriegsromans "Gottes blutiger Himmel" von Fawwaz Haddad und "Die Sonne war der ganze Himmel" von Kevin Powers.

Die Tageszeitung, 01.06.2013

Etwas missmutig verlässt Brigitte Werneburg die große Biennale-Schau "Il Palazzo Enciclopedico": Die ist "eine große Materialschlacht. Eine Fleißarbeit im Gestus, 'und hier hab ich noch ein Ass im Ärmel'; noch einen Künstler oder Künstlerin, die ihr neu entdecken könnt. Schade nur, dass die Masse des Angebots mit dem Akzent auf einer gewöhnlich breiten Präsentation von Outsider Art, das Vergnügen zu schauen und zu staunen, die Lust auf den zweiten und dritten Blick peu à peu erstickt. ... Ein Highlight nach Art des Polnischen Pavillons bei der letzten Biennale ist nirgendwo in Sicht. Vor allem nicht im Polnischen Pavillon".

Weitere Artikel: Die Historikerin Kim Phillips-Fein erinnert an die New Yorker Haushaltskrise der 70er Jahre, auf die die heute "ökönomisch gespaltene Stadt" zurückgeht. Arno Frank sieht Suhrkamp-Minderheitengesellschafter Hans Barlach reichlich dialektisch zwar als "gemeinen Schimmelpilz, der das denkmalgeschützte Haus des Geistes befallen hat", der am Ende aber auch das Gute zum Widerstand dagegen treibt. Daniel Bouhs stellt Erfolge und Pleiten von crowdfinanziertem Journalismus zusammen. Julia Amberger stellt in einer Reportage Potenziale der Tauschkultur vor, wie sie Portale wie whyownit etablieren. Krank im Bett berauscht sich Ulrich Gutmair an Ulrich Peltzers Westberlin-Roman "Die Sünden der Faulheit" aus dem Jahr 1987.

Besprochen werden das Album "Eden" der Musikerin Mary Ocher, die Ausstellung von Bedrich Frittas Zeichnunge aus dem Ghetto Theresienstadt im Jüdischen Museum Berlin, die Ausstellung "G.I. Disco" im Alliertenmuseum Berlin und Bücher, darunter Knud von Harbous Biografie von SZ-Gründer Franz Josef Schöningh.

Und Tom.

Die Welt, 01.06.2013

Mara Delius lässt sich von Salman Rushdie von der Fatwa, von Scarlett Johansson und von den Nöten eines alternden Schriftstellers erzählen: "Ich habe furchtbare Angst, mich zu wiederholen. Das ist das Älterwerden! Neulich ruft mich ein Übersetzer an und sagt, es sei ja großartig, wie sich dieser Charakter auf Seite 315 auf den aus einem früheren Buch beziehe. Und ich muss so tun, als sei alles Absicht!"

Weitere Artikel: Der Historiker und Luther-Biograf Heinz Schilling schlägt zur 2017 anstehenden 500-Jahr-Feier der Reformation sieben Thesen an, zum Beispiel: "Angesichts der realen oder imaginierten Wirkungen der Reformation auf die kirchliche wie die weltliche Entwicklung ist Luther zu wichtig, als dass man ihn den Theologen überlassen dürfte." Ulf Poschardt mokiert sich über die Vorliebe der Mittelschicht für Funktionskleidung beziehungsweise "Action-Heldenkostüme im Nordic-Walking-Remix". Alice Walker hat Alicia Keys in einem Brief aufgefordert, ihr geplantes Israel-Konzert im Gaza-Streifen abzuhalten, meldet Hannes Stein (was Keys bereits abgelehnt hat, wie Haaretz weiß).

"René Pollesch ist auch nicht mehr das, was er mal war", stellt Reinhard Wengierek angesichts des Berliner Volksbühnen-Stücks "Der General" fest und wähnt sich "am Ballermann der Verfremdungskunst". Erhard Midding berichtet von einer Retrospektive der Filme Jacques Demys in der Pariser Cinémathèque. Waldemar Kesler stellt den Verleger Wandrille Leroy vor, der mit seinem Comicverlag Warum aus Paris nach Berlin umgezogen ist. Besprochen werden eine Punk-Ausstellung im New Yorker Metropolitan und Ulrich Gutmairs Buch "Die ersten Tage von Berlin".

Im Forum hofft Thomas Schmid, dass Suhrkamp seine interen Querelen bald überwunden hat und sich wieder der wahren Bedrohung, den E-Books, zuwenden kann. Jacques Schuster und Andrea Seibel erörtern Für und Wider von Rhetorik in der Demokratie. In der Literarischen Welt montiert Richard Kämmerlings aus verschiedenen Interviews ein Gespräch zwischen Hans Barlach und Ulla Unseld-Berkéwicz. Jan Küveler trifft Petér Esterházy in Budapest, Frank Kaspar besucht die Wortwerkstatt von Monika Rinck. Besprochen werden unter anderem "Cabo de Gata" von Eugen Ruge, Pyotr Nedovs Debütroman "Zuckerleben", John Ashberys Langgedicht "Flussbild", E. O. Wilsons Studie über "Die soziale Eroberung der Erde" und Jonathan Sperbers Marx-Biografie.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2013

Deutlich weniger Luxusyachten ankern in diesem Jahr vor den Giardini der Berlinale in Venedig, kann Julia Voss erfreut melden, mit einem gewagten Sprung in Esoterik und Vergangenheit scheint Kurator Massimiliano Gioni die Kunst vor den Großsammlern retten zu wollen. Eröffnet hat er die Kunstschau mit Zeichnungen von Rudolf Steiner, Buchillustrationen von Carl Gustav Jung und dem Architekturmodell von Marino Auriti: "Keiner von ihnen erhielt eine künstlerische Ausbildung, sie alle waren Autodidakten, nichts davon wurde für die Kunstwelt oder den Kunstmarkt produziert. Die diesjährige Biennale ist nicht das Schaufenster eines professionellen Kunstsystems, sondern ein synkretistischer Tempel, in dem alle Götter einen Platz gefunden haben."

Weiteres: Sandra Kegel versucht, sich aus den Buchmarkt-Fantasien des neuen Hanser-Verlegers Jo Lendle einen Reim zu machen. Björn Hayer findet es ganz richtig, die europäische Kultur vom Freihandelsabkommen mit den USA auszunehmen. Gina Thomas meldet, dass der Prospect-Gründer und Multikulti-Kritiker David Goodhart nicht zu einem Londoner Literaturfestival eingeladen wurde. Mark Siemons berichtet von einer Konferenz in Peking, auf der sich die Frankfurter Buchmesse als Vorreiterin des Liquid Content präsentierte. Morten Freidel sieht in dem Erfolg von Castingshows einen Ausdruck gesellschaftlichen Erfolgsdrucks, einer "permanenten Dauerevaluierung". Beatrix Schnippenkoetter befragt den Verleger Klaus Wagenbach und seine Tochter Helene zu ihrer Sicht auf die Welt.

Auf der Medienseite meldet Nina Rehfeld, dass Amazon jetzt auch Fernsehserien produzieren lässt. Online berichtet Andreas Platthaus, dass Hans Barlach in der Schweiz zu einer Millionenzahlung verurteilt wurde, die er dem früheren Anteilseigentümer Andreas Reinhart bisher offenbar vorenthalten hatte.

Besprochen werden Peter Schneiders Buch "Die Liebe meiner Mutter", "Lenas Tagebuch" von Lena Muchina und zwei neue Kinderbücher der Berliner Illustratorin Nadja Budde.

In der Frankfurter Anthologie stellt Ingrid Bachér Else Lasker-Schülers Gedicht "Abschied" vor:

Der Regen säuberte die steile Häuserwand.
Ich schreibe auf den weißen, steinernen Bogen
Und fühle sanft erstarken meine müde Hand
Von Liebesversen, die mich immer süß betrogen.

Süddeutsche Zeitung, 01.06.2013

Auf der Seite Drei widmet sich Gustav Seibt dem großen Suhrkamp-Roman unserer Tage und erkennt dabei, wie fatal es ist, wenn sich das Feuilleton mit kunstfernen Problemen beschäftigt, mit Wirtschaft oder Recht etwa: "Da erscheint in einer großen Zeitung ein Interview mit dem neuen Generalbevollmächtigten des Suhrkamp Verlages, und man holt sich dann als Leser des Interviews Verständnishilfe dazu bei einer bekannten Kanzlei, von der man nur lapidar erfährt: 'Bitte schreiben Sie das nicht ab! Was da über das Verfahren steht, muss zu einem Drittel Erfindung oder mindestens ein Missverständnis sein; wir glauben nicht, dass der Kollege Kebekus so etwas tatsächlich von sich gegeben hat.'"

Im Feuilleton deutet Kia Vahland die heute eröffnende Kunstbiennale in Venedig als ein Aufbäumen gegen die Bilderflut: "Es geht in Venedig gegen ein Übermaß an Fotografien, Filmen und virtuellem Design, gegen Bilder, die sich in ihrer maßlosen kommerziellen Vervielfältigung vom Individuum lösen und ihm so das eigene Spiegelbild entfremden. Sich gegen diesen gewalttätigen Mechanismus externer Bilder in unserer Zeit aufzubäumen, ist berechtigt. Und vielleicht hat die Biennale recht, vielleicht sind ja verknotete Schlangen, erledigte Drachen und blau sprießende Lebensbäume zwar nicht sehr erhellend, aber immer noch besser als die innere Leere, die sich einstellen würde, gäbe es nur noch allgemeingültige äußere Bilder auf der Welt."

Catrin Lorch bedauert unterdessen, "dass die 55. Biennale nicht über die Manipulation von Historie hinauskommt, dass sich nur selten ein Gefühl von Zeitgenossenschaft einstellt."

Außerdem: Joseph Hanimann berichtet von einer Lyoner Konferenz über den Gegenwartsroman. Peter Richter porträtiert Mike Muir von der Hardcoreband Suicidal Tendencies. Lars Weisbrod unterhält sich mit dem Fotograf Hannes Coudenys über hässliche Häuser in Belgien. Peter Münch begleitet die Dresdner Symphoniker zur "Symphony for Palestine" nach Ramallah. Außerdem gibt es eine Beilage zur Ruhrtriennale.

Besprochen werden Terrence Malicks neuer Film "To the Wonder" und Bücher, darunter Nico Bleutges Gedichtband "verdecktes gelände".

In der SZ am Wochenende erzählen John Goetz, Hans Leyendecker, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer in einer ausführlichen Reportage die Geschichte des Hamburger Dschihadisten Shahab, der im Oktober 2010 bei einem Drohnenangriff ums Leben kam. Ronen Steinke erinnert an Diskussionen beim Frankfurter Auschwitzprozess über Schuld und Mitschuld an den Morden in Auschwitz. Außerdem unterhält sich Antje Wewer mit dem Komiker Zach Galifanakis, dem sie es gar nicht verzeihen will, dass er keine Wampe mehr hat.

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